Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Wie man einen ICM-Spot gehörig vermasselt

Während der Bubblephase trifft Barry Carter auf jeder Straße die falsche Entscheidung, um die Leser seines kommenden Buches vor genau diesem Fehler zu bewahren.





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In meiner Artikelreihe "Selbstversuch" versuche ich, knifflige Spots eigenständig zu lösen und im Anschluss einen Solver zurate zu ziehen, um den tatsächlich korrekten Lösungsweg zu finden – zumindest wenn es um das spieltheoretische Optimum geht.

Zurzeit arbeite ich gemeinsam mit Dara O'Kearney an einem neuen Buch, bei dem sich alles um das Thema Postflop-ICM dreht. Heute möchte ich eine kürzlich gespielte Hand mithilfe von GTO Wizard analysieren, die ich zugegebenermaßen alles andere als optimal gespielt habe. 

Wir waren kurz vor der Bubble, als ich aus dem Big Blind das Raise vom Button callte. Während meine Stacksize von 20 BBs etwa im Mittelfeld lag, gehörte der Button mit 40 BBs zu den Chipleadern.

Nach meinem Call mit A♦6♦ erschien auf dem Flop 6♣2♥2♠.

Der Gegner entschied sich für eine 33%-Pot-C-Bet, die ich mitging.

Der Turn brachte die 4♥ und es ging Check-Check.

Am River erschien die 5♠, woraufhin mein Gegner nach meinem Check eine 75%-Pot-Bet spielte. Nach meinem Call zeigte er mir Q♠T♠ und ich konnte den Pot gewinnen.

Natürlich spiele ich mit A♦6♦ preflop weiter, doch ist hier nicht eher ein Reraise angebracht? Hände wie A♦2♦ bis A♦5♦ sind typischerweise hervorragende Kandidaten für ein Reraise, da sie neben den regulären Outs auch die Chance haben, ein Wheel zu treffen. 

Ich hatte mit GTO Wizard bereits einen ähnlichen Spot analysiert, und tatsächlich wäre ein Shove hier optimal:

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Es scheint, als hätte ich den typischen Fehler gemacht, meine stärksten Draws für die besten Bluffkandidaten zu halten – was jedoch gegen weite Ranges nicht immer zutrifft. 

Da für meine Hand in einigen Fällen auch ein Call vorgeschlagen wird, möchte ich dieses Szenario mithilfe von GTO Wizards Ruse AI genauer unter die Lupe nehmen. 

Hier stellt sich die Frage, ob ich leaden sollte. Ein Flop wie dieser begünstigt eher den Preflop-Caller, sodass ein Lead in meinen Augen sinnvoll erscheint. Immerhin halte ich deutlich mehr 6x-Kombinationen als der Button. Letztlich entschied ich mich jedoch, vor allem aufgrund des großen Stacks des Gegners, für den Check, was GTO Wizard auch bestätigt. 

Der Button hingegen setzt zu 100% eine Range-Bet. Obwohl meine Range mehr 6x-Hände enthält, verfehlen wir dieses Board beide recht häufig, sodass die stärkere Preflop-Range des Buttons die Nase vorn behält. Zudem kann der Button sämtliche Overpairs, Full Houses und Quads auf diesem Board halten, während ich viele dieser Kombinationen schon vor dem Flop geraist hätte. 

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Die große Frage lautet nun, ob ich check-raisen sollte oder nicht. Während der Bubblephase bevorzugt der Solver die aggressive Line für den Shortstack, um die Chance zu erhöhen, den Pot direkt mitzunehmen.

Meine Hand als Bluffcatcher einzusetzen, war vermutlich nicht die cleverste Idee. Der Solver bestätigt meinen Fehltritt und schlägt stattdessen folgende Strategie vor:

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Während der Hand war mir mein Fehler nicht bewusst. Im Gegensatz zu Cashgames ist man bei Turnieren häufig besser beraten, den Pot mit der besten Hand mitzunehmen, um weiterhin im Rennen zu bleiben. Tatsächlich wird für A♦6♦ in dieser Situation zu 100% ein All-in vorgeschlagen, da alle schlechteren 6x-Kombinationen callen würden.

Daraufhin habe ich mithilfe der Node-Lock-Funktion eine gemischte Strategie für A♦6♦ festgelegt, um die Reaktion des Solvers zu erfahren.

Der Turn bringt die 4♥, was meiner Range sehr zugutekommt. In einem Chip-EV-Szenario würde ich hier eine Donkbet in Erwägung ziehen, aber durch den ICM-Druck habe ich mich für einen Check entschieden, was auch der Solver bestätigt.

Für den Button wird daraufhin folgende Strategie vorgeschlagen:

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Da sich meine wahrgenommene Range verstärkt hat, sollte der Button nun von einer weiteren Range-Bet absehen. Stattdessen hält er den Druck mit Top Pairs und Overpairs aufrecht und mischt mit Bluffs und Semibluffs. Die Checking-Range enthält jetzt hauptsächlich Ax und Broadways. 

Am River erscheint die 5♠, wieder eine gute Karte für meine Range, da ich sämtliche niedrigen Karten halten kann. Also erschien es mir am besten, einen Bluff zu induzieren, immerhin sollte der Button den River in den meisten Fällen verfehlen.

Der Solver stimmt meiner Einschätzung zwar zu, allerdings wird für die meisten 6x-Kombinationen eine Bet vorgeschlagen:

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Der Button sollte nach einem Check folgende Strategie verfolgen:

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Obwohl der Button den River vermutlich selten blufft, bin ich davon ausgegangen, dass mein Check der beste Spielzug ist. Hätte ich mich jedoch für einen Lead entschieden, würde der Solver wie folgt reagieren:

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Vermutlich würde ein Gegner in der Praxis nur selten mit 4x oder 5x callen, deshalb habe ich mich entschieden, meine Hand als Bluffcatcher zu spielen. Sollte der Gegner 4x und 5x tatsächlich immer folden, schlägt der Solver folgende Strategie vor:

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Interessanterweise wird mit A♦6♦ nun häufiger geleadet, obwohl viele Hände, die uns ausbezahlen könnten, folden. Indem wir selber setzen, nehmen wir dem Gegner die Möglichkeit zu bluffen. 

Wie man sieht, habe ich trotz falscher Entscheidungen auf jeder einzelnen Straße das beste Ergebnis für meine Hand erzielt. Eine Hand, die zu stark zum Folden ist, profitiert davon, selbst zu setzen, um den Pot frühzeitig einzusacken. 

    Wie und an welchen Themen arbeitet ihr abseits der Pokertische? Wir freuen uns auf eure Kommentare!