Die Tragödie um das Poker-Gemeingut
Wir betrachten eine Theorie aus der Sozialwissenschaft, die erklärt, warum es Pokerspielern mitunter schwer fällt im Gesamtinteresse des Spiels zu handeln.
Häufig wird darüber gesprochen, dass es wichtig ist Dinge zu tun, die "gut für das Spiel" sind. Die meisten von uns verstehen, dass es einen positiven Effekt für alle hat, wenn darauf geachtet wird, dass Poker unterhaltsam bleibt und dass auch Hobbyspieler mal Gewinne einfahren können. Worüber aber selten gesprochen wird, ist, warum es den meisten von uns trotzdem schwer fällt, in einer Weise zu handeln, von der alle profitieren können.
Man könnte meinen, dass das beim Poker ja eigentlich gar kein Problem darstellt. Immerhin ist die korrekte Strategie für jede Entscheidung in einer Hand immer diejenige, die langfristig am meisten Profit einbringt, wenn es immer und immer wieder zur entsprechenden Situation käme. Wenn wir jedoch wollen, dass das Spiel in seiner Gesamtheit wächst und unterhaltsamer wird, ist das nicht der Fall. Häufig ist das, was langfristig im Interesse des Spiels wäre, nicht das Beste für den einzelnen Spieler.
Dieser Zusammenhang ist auch bekannt als "Tragödie des Allgemeinguts", eine sozialwissenschaftliche Theorie laut der Menschen, die eine Ressource teilen, diese letztendlich zerstören können, auch wenn sie stets im eigenen Interesse handeln. Ein typisches Beispiel wäre der Umweltschutz. Es ist deutlich einfacher, Abfall direkt auf den Boden zu werfen, statt ihn zu einem öffentlichen Mülleimer zu bringen. Es ist zudem einfacher, den Abfall im normalen Müll zu entsorgen, statt eine Recyclingtonne ausfindig zu machen. Wenn jedoch jeder so handeln würde, würden wir alle wohl bald im Dreck ersticken.
Gut für das Spiel kontra gut für einen selbst

Es gibt viele Beispiele, wo wir denselben Effekt auch in Pokerszene beobachten können, zum Beispiel wenn jemand nicht seine Schulden begleicht. Die einhellige Meinung ist, dass man diese Leute beim Namen nennen und das Verhalten anprangern sollte, damit die Community insgesamt davon profitieren kann und es keine weiteren Betroffenen gibt. Die Menschen, denen Geld geschuldet wird, handeln jedoch nur selten so oder warten sehr lange, bis sie jemanden tatsächlich anprangern, weil sie verständlicherweise fürchten, dass dieser Schritt auch die letzte Hoffnung auf ein Zurückzahlen der Schulden zunichtemacht.
Dann gibt es das so gebrandmarkte "raubtierhafte" Spielverhalten, bei dem professionelle Spieler völlig schonungslose Methoden anwenden, um das Maximum aus einem Hobbyspieler herauszuholen. Software für optimale Tableselection, Bumhunting, Sitout sobald der schlechte Spieler den Tisch verlässt, Heads-up-Herausforderungen an offensichtlich unterlegene Spieler und das absichtliche Provozieren von Tilt gehören dazu. Die meisten von uns werden wohl übereinstimmen, dass diese Methoden Poker für den Gelegenheitsspieler weniger unterhaltsam machen und zukünftige Einzahlungen dadurch verhindern. Der Spieler, der diese Methoden anwendet, profitiert jedoch zumindest kurzfristig davon.
Aber nicht nur für Spieler ist diese Problematik relevant. Diejenigen von uns, die in der Pokerindustrie arbeiten, müssen sich ähnlichen Herausforderungen stellen. Viele Jahre lang war die dominierende Marketingstrategie beim Poker vereinfacht ausgedrückt das Schelten von schlechtem Spiel. Pokerschulen haben sich auf Content à la "So schlägt man die Fische" konzentriert, während die Pokerräume für sich selbst mit einer hohen "Fischdichte" geworben haben. Statt auch die Freizeitspieler mit ins Boot zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie viel Spaß man beim Spielen haben kann, hat sich der Großteil der Industrie darauf konzentriert, Spieler mit hohem Spielvolumen von anderen Räumen abzuwerben und Gelegenheitsspieler mehr oder weniger zu ignorieren.
Das eigene Interesse zurückstellen

Glücklicherweise hat sich der Ton in der Industrie jedoch mittlerweile geändert. Scammer werden immer häufiger öffentlich an den Pranger gestellt, professionelle Spieler versuchen aktiv das Spiel unterhaltsamer zu machen und die Räume versuchen dafür zu sorgen, dass die Einzahlung eines Hobbyspielers länger vorhält, als es in der Vergangenheit der Fall war. Einige der oben genannten Methoden sind dafür gänzlich unmöglich gemacht worden. Effektives Bumhunting ist nach Änderungen an den Online-Lobbys der Räume, die Seat- und Softwareselection überflüssig gemacht haben, nur noch sehr schwer realisierbar.
Es ist dennoch ein sehr natürlicher menschlicher Impuls im eigenen Interesse zu handeln, auch wenn das auf Kosten des Gemeininteresses geht. Aus diesem Grund ist es wichtig, diesen Sachverhalt in den Fokus zu rücken. Was für einen selbst kurzfristig Sinn macht, kann auch langfristig für einen Sinn machen, aber nur wenn man der Einzige wäre, der so handelt. Manchmal müssen wir aber das Gemeininteresse dem eigenen Interesse vorziehen und genau das tun, was wir uns eigentlich von anderen erhofft haben.
Stellt ihr das eigene Interesse auch mal für das Gemeininteresse an den Tischen zurück? Wenn ja, in welcher Form? Wir freuen uns auf eure Kommentare!