Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Barry Carter: Deal or No Deal?

In dieser Woche diskutiert Barry Carter, wie viele Pokerturniere mit einem Deal enden und ob man die Form der Auszahlungsstrukturen überdenken sollte.

cash
"Teilen wir durch 9, Jungs?"

Beim Poker gibt es ein großes Tabu. Jeder macht es, aber niemand spricht darüber.

Deals.

Ich habe mich gestern über das WSOP Main Event und die Möglichkeit eines Deals unter den letzten drei Spielern unterhalten.

Meinem Gesprächspartner kam es dabei so vor, als hätten die drei schon einen Deal vereinbart (z.B. wegen der vielen Action am Anfang), obwohl er davon ausging, dass das beim Main Event nicht erlaubt wäre.

Ich habe von der Übertragung nicht viel gesehen und konnte daher nicht darüber spekulieren, sagte aber, dass solche Deals bei WPT-, WSOP- und EPT-Events oft vorkommen. Berichtet wird darüber aber nie.

Er war davon sehr überrascht, was sich noch steigerte, als ich schätzte, dass ein Großteil der 'Big 3' Main Events mit einem Deal enden, von dem man nichts erfährt.

Danach wollte ich auch beweisen, was ich schon zu wissen glaubte. In den vergangenen Jahren habe ich von Hunderten von Events berichtet und weiß, dass es oft zu Deals kommt. Wie oft genau das passiert, war mir aber nicht klar. Also habe ich einige Freunde kontaktiert, vor allem Turnierorganisatoren und diejenigen, die live von den Events berichten, und sie nach ihren Schätzungen gefragt.

Meine Vermutung war, dass mindestens 60% der Live-Turniere in einem Deal enden und die Zahl eher Richtung 70-75% gehen würde. Fast jeder, den ich vertraulich danach fragte, sagte mir aber, dass die Zahl viel höher sei. Die Schätzungen von 80-85% schockierten mich aber auch nicht mehr.

Es wird nie darüber berichtet, obwohl es ständig passiert. Wenn ihr die Live-Updates von Turnieren verfolgt und urplötzlich eine nicht geplante 10-minütige Pause angesetzt wird, ist das meist ein Hinweis darauf, dass ein Deal diskutiert wird (ganz besonders, wenn die Spieler selber die Pause untereinander ausgemacht hatten).

Warum wird über Deals nie gesprochen?

Es scheint, als hätten alle Beteiligten ein Interesse daran, die Deals zu verschweigen. Die Spieler reden üblicherweise nicht gerne darüber, da es so aussehen würde, als gäben sie nicht "alles für den Sieg" und die Deals außerdem von der Pokercommunity oft als -EV kritisiert werden.

Der Gruppenzwang ist im Poker sehr ausgeprägt. Es kommt nur selten vor, dass ein Deal öffentlich gemacht wird, ohne dass er gleichzeitig von einem Teil der Pokercommunity in der Luft zerrissen wird. Ein Deal ist in den meisten Fällen für mindestens einen Spieler sehr vorteilhaft, aber auf der anderen Seite muss es immer jemanden geben, der augenscheinlich einen Fehler begangen hat.

Auch die Turnierorganisatoren sehen nur ungern Veröffentlichungen von Deals, da sie sich gerne mit den großen Summen der Hauptgewinne schmücken. Wenn ein Spieler einen siebenstelligen Gewinn mit nach Hause nehmen kann, ist das bessere Werbung für den Veranstalter, als wenn drei Spieler ähnlich große sechsstellige Preisgelder kassieren.

Das größte Interesse an Verschwiegenheit haben die TV-Sender, da sie die Geschichten der Spieler erzählen und Spannung erzeugen müssen. Ein Heads-up-Duell wird entschieden weniger spannend, wenn man schon weiß, dass beide Spieler je $500.000 gewinnen werden und nur noch um $20.000 und die Trophäe spielen.

Mit einem so großen Anteil von Spielern, die am Ende von Live-Events Deals vereinbaren wollen, ist es wohl offensichtlich, dass die offiziellen Auszahlungsstrukturen meist nicht der ganzen Wahrheit entsprechen.

Niemand gibt zu, am Anfang eines Turniers eine flachere Auszahlungsstruktur zu wollen. Wenn es dann aber kurz vor dem Finale um die Wurst geht, melden sich bei den meisten von uns die natürlichen Instinkte.

Die menschliche Natur

pius heinz
Gab es bei Pius einen Deal?
Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren.

Es gibt zahllose Studien, die beweisen, dass es mehr in der menschlichen Natur liegt, das zu schützen was wir bereits besitzen oder auch nur glauben zu besitzen, als Risiken für einen größeren Gewinn einzugehen.

Um diese Theorie in der Praxis zu sehen, müsst ihr euch nur die TV-Show Deal or No Deal anschauen. Die meisten der Deals, die in der Schlussphase eines Turniers gemacht werden, sind definitiv -EV, wenn dabei noch ein Großteil des Preisgeldes zu verteilen ist. Das liegt daran, dass die Spieler ihr virtuell besessenes Preisgeld schützen wollen.

Dabei haben sie innerlich einen Betrag festgelegt, den sie unbedingt wollen oder brauchen und lassen große Chancen liegen, um diesen Betrag zu schützen.

Auf der anderen Seite reagieren die Spieler, die in einem entscheidenden Moment einen Rückschlag hinnehmen müssen, genau gegensätzlich. Sie versuchen ohne Rücksicht auf weitere Verluste, sich das zurückzuholen, was sie für den ihnen rechtmäßig zustehenden Gewinn halten.

Zu Beginn eines Turniers, wenn das Finale noch weit weg ist, spielen alle "auf Sieg". Wenn es dann aber um das große Geld geht, fangen viele von uns an, Beträge festzulegen, die wir auf jeden Fall mit nach Hause nehmen wollen.

Die Varianz beim Turnierpoker ist extrem hoch. Wir alle wollen jede Entscheidung entsprechend ihrer langfristigen Profitabilität treffen, aber realistischerweise werden die meisten von uns nie eine ausreichende Anzahl an Live-Turnieren spielen, denn es gibt einfach nicht genug davon.

Daher ist es verständlich, dass es zu all diesen Deals kommt. Die Situation ist eine andere als online, wo man einen Deal ablehnen kann und ohne weiter daran zu denken in derselben Woche einfach 100 andere MTTs spielt. Bei Live-Turnieren hingegen muss man viel Zeit investieren, oft reisen, hat andere Ausgaben und viele Negativerlebnisse.

Jetzt werden viele Turniergrinder und Pros einwenden, dass sie nie auf Deals eingehen, dass Deals -EV sind, dass sie immer auf Sieg spielen und nur Fische Deals vereinbaren.

Natürlich gibt es viele Spieler, darunter auch sehr gute, die Deals stets ablehnen. Aber mit einem so großen Anteil an Turnieren, die in einem Chop enden, sind es ganz sicher nicht nur die Fische, die sich darauf einlassen.

Glücklicherweise lassen die meisten Events Deals zu, obwohl sie offiziell verboten sind oder ein möglicher Deal einen gewissen Betrag übrig lassen muss, um den noch gespielt wird. Die Spieler haben schließlich das Buy-in und den Rake bezahlt, also sollten sie auch das Recht haben, bei der Verteilung des Preisgeldes mitzureden.

Es ist offensichtlich, dass die Auszahlungsstrukturen bei Live-Turnieren nicht flach genug sind, aber muss man das wirklich ändern und sollten alle Deals veröffentlicht werden?

Der einzige Grund, warum mit Deals ein klein wenig transparenter umgegangen werden sollte, sind die Interessen der an einem Gewinn beteiligten Akteure - in anderen Worten die des Steuerberaters und des Stakers.

Natürlich liegt dies in der Verantwortung der Spieler und ein Versuch, die anderen Beteiligten zu hintergehen und nicht über einen Deal zu informieren, könnte nach hinten losgehen, wenn der jeweilige Spieler tatsächlich das Turnier gewinnt und nicht das komplette Preisgeld erhält.

Abgesehen von den Stakern glaube ich aber, dass der Großteil der Pokercommunity glücklicher wäre, wenn alles beim Alten bliebe.

In anderen Worten wäre wahrscheinlich vielen geholfen, wenn die Preispools so blieben, wie sie sind und Deals hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden würden. Die Turnierveranstalter können mit großen Gewinnen werben, die TV-Produzenten können die Spannung der großen Preisgeldsprünge nutzen und die Spieler gewinnen Preisgelder, über die sie sich freuen können - ohne von Forentrollen mit Hohn und Spott überschüttet zu werden.

von Barry Carter