Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Rüpel oder ein echter Boss?

Ist der Unmut der anderen Spieler im WSOP Main Event William Kassouf gegenüber gerechtfertigt?

William Kassoufs Verhalten war in diesem Jahr das Gesprächsthema bei der WSOP (und wahrscheinlich auch des bisherigen Pokerjahres). Kaum einer der Spieler am Tisch blieb dabei unberührt. Kassouf spielte regelmäßig auf Zeit und redete seine Gegner zusätzlich an die Frustrationsgrenze. Viele wurden ihm gegenüber ausfällig, Kassouf selbst war zwar eine Nervensäge, wurde jedoch nie beleidigend (zumindest sieht es in den Aufnahmen so aus).

Natürlich war sein Zeitspiel (Stalling) nervig und kurzsichtig. Es zerstört das Spiel und macht es für viele unattraktiv, das gilt besonders für Amateure. Ich selbst verhalte mich am Tisch eher ruhig, doch auch mich hat es immer frustriert, wenn ein Spieler an meinem Tisch das Spiel ohne sichtbaren Grund aufgehalten hat. Ich fand Kassoufs Auftritt unterhaltsam, bin aber dennoch froh, dass er es nicht an den Final Table geschafft hat. Das ständige Stalling hätte den Live-Broadcast für millionen von potenziellen Zuschauern wohl ruiniert. 

Dasselbe gilt für Beleidigungen am Tisch. Eine spaßige, freundliche und soziale Runde wird die looseste Partie sein, die man findet und Hobbyspieler kommen gerne zurück.

Verschmähen der Gegner? 

2016 WSOP November Nine
Kassouf ist raus und die Stalling-Gefahr minimiert

Hier muss genau unterschieden werden. Obwohl man Kassouf regelwidriges Verhalten unterstellte, kann man es ihm kaum nachweisen. Er selbst wurde oft unangebracht angesprochen, aus seinem Mund kamen jedoch nur Fragen und Aussagen über sich selbst. Das alle ist extrem nervig, aber kein Regelverstoß. Wäre er ausfällig geworden, hätte ESPN uns das bestimmt gezeigt, schließlich hat man ihn bereits als Villain dargestellt und noch mehr aufsehen im TV erregen können.

Kassoufs Stalling war falsch, aber die kollektiven Reaktionen gegen ihn waren schlimmer. Er wurde als ‘Tyrann’ bezeichnet, ironischerweise verschwor sich aber der ganze Tisch gegen ihn. Laut Definition wäre es also eher er, der gemobbt wurde. Bei seinem Auftritt muss er sich nicht wundern, dass er Gegenwind bekommt. Die Art und Weise, wie seine Gegenspieler diesen äußerten, war jedoch hässlich.

Einige Spieler, die an den letzten Tischen des Main Events saßen, waren alte Hasen bei der WSOP. Es ist überraschend, wie unvorbereitet diese auf einen nervigen Spieler waren. Es schien so, als seien es gerade die Profis gewesen, die sich über Kassouf aufgeregt haben. Dabei sollten sie ein solches Verhalten durch Tony G, Mike Matusow, The Devilfish und Phil Hellmuth in den letzten Jahren doch bestens kennengelernt haben. All jene waren verbal weitaus aggressiver als Kassouf.

Eine abweisende Umgebung

William Kassouf like a boss
Like a Boss oder schlecht fürs Spiel?

Ich möchte niemanden persönlich anprangern, denn der Druck in diesem Event ist enorm und wir wissen nicht, was nach dem Schnitt von ESPN übrig blieb und wie authentisch die einzelnen Situationen sich ins Gesamtbild einfügen. Anstatt mit dem Finger auf Einzelpersonen zu zeigen, schauen wir uns die Kollektivreaktion bei der diesjährigen Coverage zum Main Event an. Diese scheint symptomatisch für den Anspruchsgedanken, der immer mehr Einzug in unsere moderne Kultur erhält.

Wir leben heute mit viel Komfort und Luxus, besonders, wenn man Millionen durch ein Kartenspiel verdient. Wir haben es so leicht, dass wir kleine Unannehmlichkeiten sofort als Belästigung wahrnehmen. Wir müssen uns nur die US-Wahlen und den Brexit ansehen, diese zeigen, wie intolerant wir anderen Meinungen gegenüber geworden sind. In einem Spiel, in dem man jemanden innerhlb von einer Hand finanziell mittellos machen könnte, sollte man doch etwas dickhäutiger sein und triviale Dinge anders bewerten. Das gilt auch für Menschen am Tisch, die uns auf die Nerven gehen. 

In dieser Geschichte gibt es keine Gewinner, auch wenn die WSOP hierdurch viel Aufsehen erregen konnte. Kassoufs Stalling ist schlecht für das Spiel und vielleicht entscheidet man sich beim Main Event bald auch für eine Shot Clock. Trotzdem wirkt es ziemlich befremdlich, wenn ein Mob von professionellen Spielern auf der größten Bühne des Spiels die Fassung verliert. Es vermittelt einem potenziellen neuen Publikum auf ESPN ein schlechtes Bild und bewegt zum Abschalten.

Wie seht ihr das Problem? Schreibt es uns in die Kommentare.

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