Interview mit SpinLegends-Headcoach 'coffeeyay'
KTU spricht mit Adam 'coffeeyay' Sobolewski über Mathematik, HU-SNGs und SpinLegends, die neue Coaching- und Stakingseite für Spin & Gos.

Durch wen bist du auf Poker gestoßen und wie lange hast du gebraucht, um die ersten $10.000 Gewinn zu erreichen?
coffeeyay: Ich bin während meiner Schulzeit auf Poker gestoßen, als es im Fernsehen lief. Es gab also niemanden im Speziellen, der mir das Spiel gezeigt hat. Während meines Studiums habe ich es dann hobbymäßig nebenbei gespielt. Die ersten $10.000 kamen innerhalb des ersten Jahres zusammen, als ich mich entschlossen hatte, Vollzeit zu spielen.
Du bist aktuell einer der besten HU-SNG-Spieler. Warum hast du dich für diese Variante entschieden und nicht für "normale" HU-Cashgames?
coffeeyay: Ich finde das bei HU-SNGs entscheidende Spiel mit shorten Stacks interessanter, weil es sich "lösbarer" anfühlt. Außerdem gefällt mir die durch variierende Stackgrößen bedingte Komplexität, da es einen zwingt, sich immer wieder der aktuellen Spielsituation neu anzupassen.
"Der größte Downswing erwartet einen stets in der Zukunft"
Wie sah dein bisher größter Downswing aus? Hast du jemals überlegt, Poker an den Nagel zu hängen?
coffeeyay: Eine der wertvollsten Lektionen, die ich irgendwann gelernt habe, ist, dass der größte Downswing einen stets in der Zukunft erwartet. Ich kann es also nicht wirklich sagen, da es ja noch nicht passiert ist. Vor Kurzem habe ich aber rund $15K bei $100-Spins innerhalb von weniger als 1.000 Partien verloren. Ich bin mir sicher, dass ich in der Vergangenheit schon größere Downswings erlebt habe, ich achte jedoch nicht wirklich darauf. Als Pokerprofi ist es Teil des Geschäfts solche Rückschläge mitzumachen und zu überstehen. Sie sind ein Teil des Spiels. Ich habe nie ernsthaft ans Aufhören gedacht. Seit der ersten Hand Hold'em, die ich gespielt habe, wollte ich immer weiterspielen.
Was war für dich der bisher größte Triumph in deiner Pokerkarriere?
coffeeyay: Meine größten Erfolge gehen allesamt auf die Kappe meiner Schüler. Ich verbringe so viel Zeit damit, zu lernen und anderen zu helfen, dass es am schönsten für mich ist, wenn es anderen gelingt erfolgreich zu sein. Ich hatte schon einige Langzeitschüler, die es von den Lowstakes auf die Highstakes schafften und mittlerweile zu den besten Spielern der Welt zählen. Ich sehe jeden dieser Schüler als zentralen Erfolg in meiner Karriere.
Du hast einen Master in Mathematik. Nutzt du fortgeschrittene mathematische Konzepte auch beim Poker?
coffeeyay: Ich denke, dass die meisten Leute eine falsche Vorstellung von Mathematik haben. Sie denken an Zahlen, Gleichungen und jede Menge Berechnungen. Fortgeschrittene Mathematik dreht sich im Kern um die Manipulation abstrakter Konzepte und die Fähigkeit, rigorose Logik zu nutzen, um unterschiedlichste Annahmen zu beweisen. In dieser Hinsicht nutze ich solche Konzepte die ganze Zeit, allerdings in der Form, dass ich die Art zu denken, die ich in der Mathematik gelernt habe, auf Poker anwende.
Meine Abschlussarbeit in Mathematik drehte sich um die Klassifizierung verschiedener Arten von Knoten (vergleichbar mit einem Faden, mit dem man häufig spielt und dann an den Enden zusammenklebt) mithilfe der Kohomologie. Nichts davon kann man (leider) auf Poker anwenden. Ich habe jedoch auch einen Abschluss in Physik und hin und wieder stolpere ich auch beim Poker über Probleme, bei denen ich ein paar Tricks anwenden kann, die ich in der Physik gelernt habe, um sie zu lösen oder neu zu definieren. Ich denke im Kern ist der Vorteil, den mir meine Ausbildung verschafft hat, aber eine präzisierte Intuition dafür, Situationen so genau wie möglich zu lösen.

"Am wichtigsten ist es, an den eigenen Schwächen zu arbeiten"

Viele unserer Mitglieder haben Schwierigkeiten, eine gute Balance zwischen Theorie und Praxis zu finden. Wie gehst du dieses Problem an?
coffeeyay: Ich denke, es ist sehr wichtig, ein bestimmtes Verhältnis zwischen Spielen und Lernen zu pflegen. Wenn man die investierten Stunden in Theorie und Praxis aufzeichnet, kann man das Ganze sehr einfach optimieren. Für Anfänger dürfte ein Verhältnis von 3:1 zugunsten des Lernens am sinnvollsten sein. Je mehr man sich im Anschluss spielerisch weiterentwickelt, desto mehr Zeit kann man nach und nach in die Praxis stecken.
Welche Art von Theoriearbeit ist am wichtigsten und am leichtesten anzuwenden, um regelmäßig Fortschritte zu machen?
coffeeyay: Am wichtigsten ist es, an den eigenen Schwächen zu arbeiten. Wenn man nach und nach die Schwachstellen in seinem Spiel beseitigt, wächst man am schnellsten als Spieler. Jede Schwachstelle kann zwar anders aussehen und eine andere Herangehensweise erfordern, um beseitigt zu werden, aber mit der Zeit wird das Ganze immer einfacher und zur Routine. Man könnte daher meinen, dass man irgendwann mit dem Lernen fertig sei. Das stimmt jedoch nicht, denn mit steigendem Fortschritt erkennt man, dass Dinge, die man zuvor als Stärke angesehen hat, plötzlich Schwachstellen sind. Also nimmt man Aspekte in den Fokus, von denen man eigentlich dachte, dass man sie gemeistert habe, und es folgt die Erkenntnis, dass es noch viel mehr zu lernen gibt. Poker ist so komplex, dass die Lernkurve stets weiter nach oben gehen kann.
Wie würdest du dich selbst einordnen auf einer Skala von 1 bis 10, wenn 1 bedeutet "Ich spiele nur exploitive und read-basiert" und 10 "Ich spiele nicht viele Exploits, sondern versuche, so nah am GTO zu bleiben wie möglich"?
coffeeyay: Ich glaube diese Frage verhüllt eines der wichtigsten Elemente von GTO-Poker. Beim GTO wird versucht, den Erwartungswert zu maximieren (d. h. den Gegner maximal zu exploiten) unter der Einschränkung, dass der Gegner selbiges versucht. Tatsächlich überlappen sich also beide Enden der Skala. In vielen Situationen ist ein Spiel, das so nah wie möglich am GTO liegen soll, dasselbe wie ein Spiel, das sich auf Exploit und Reads konzentriert. Am Ende sollten wir immer versuchen unseren Erwartungswert zu maximieren. GTO ist einfach eines der Werkzeuge in unserem Arsenal, um genau das zu erreichen. Da viele Spieler ziemlich weit weg vom GTO agieren, würde ich mich wohl auf der 1 oder 2 (vielleicht auch 3) einordnen. Die Realität ist jedoch, dass man wissen muss, wie man die 10 an den Tisch bringen kann, um den Ansatz 1 auf der Skala perfekt zu beherrschen. Und in manchen Situationen spielen sich 10 und 1 genau gleich.
"Kleine Edges können viel wert sein
Einige Cashgame-Spieler überrascht es, dass man sich gegen andere Regulars auf $60- und $100-Spins eine Edge erarbeiten kann. Man hört immer wieder: "Es ist Poker mit 25BB. Wie schwer kann das schon sein?" Was spricht gegen dieses Argument?
coffeeyay: Eine Reihe von Dingen sind daran falsch. 25BB-Poker unterscheidet sich deutlich von 15BB-Poker, was sich wiederum deutlich von 10BB-Poker unterscheidet, was sich wiederum deutlich von 5BB-Poker unterscheidet. Auf der anderen Seite sind sich 70BB-, 100BB und 150BB-Poker sehr ähnlich. Man könnte also auch fragen: "Du spielst lediglich 100BB-Poker und keine andere Variante. Wie schwer kann es schon sein, eine Sache zu lernen?" Poker ist äußerst komplex, egal wie groß die Stacks ausfallen, da es nach wie vor zahlreiche Entscheidungsknoten gibt. Es gibt viele verschiedene Lines, die man wählen kann, und die Ranges sind vor allem im Heads-up sehr weit. Selbst mit Shortstacks muss man also sehr, sehr viele Entscheidungen treffen. Zudem gibt es noch jede Menge Postflop-Play. Im Normalfall beginnt Push or Fold erst bei 5BB.
Eine weitere Sache, die viele Spieler übersehen: Edges gemessen in BB/100 können beim Spiel mit 25BB zwar kleiner ausfallen, allerdings übertragen auf Chips oder Dollar mehr bringen. Was ich damit meine ist: Wenn man ein $100-HU-SNG mit einem Startstack von 25BB spielt (50BB sind also insgesamt im Spiel), dann ist ein Big Blind rund $4 wert. Eine kleine Edge kann also viel Geld bedeuten. Steigt man hingegen mit $100 bei einem Cashgame ein und bekommt dafür 100BB, dann benötigt man einen viermal so hohen BB/100 im Vergleich zum HU-SNG mit 25BB, um pro Hand genau so viel Geld zu machen. Unsere Edges wirken auf den ersten Blick kleiner, allerdings bedeutet jede noch so kleine Edge auch deutlich mehr Geld.
Alte Gewohnheiten lassen sich schwer überwinden. Wie gehst du beim Training der SpinLegends-Spieler vor, um Strategie- oder Mindset-Probleme zu beseitigen, die sie am Gewinnen hindern?
coffeeyay: Am Ende sollten wir als professionelle Spieler immer versuchen, unseren Erwartungswert so hoch wie möglich zu gestalten. Es gibt keine andere Scorekarte beim Poker. Wenn eine Strategie mehr Geld einbringt, sollte man sie verfolgen. Ich kann nachvollziehen, wenn die Leute Schwierigkeiten damit haben, sich neuen Konzepten zu öffnen. Am Ende dürfte Gier jedoch eine ziemlich starke Antriebskraft sein. Viel mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen, denn die klassische Pokerantwort "Kommt drauf an..." passt hier ziemlich gut. Jeder Mensch ist anders und hat andere Probleme. Ich versuche also jede Einzelsituation so gezielt anzugehen, wie es mir möglich ist.
Vielen Dank, coffeeyay! Wir freuen uns darauf, in Zukunft noch mehr von dir und dem Projekt SpinLegends zu hören!
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