Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Anschlusskolumne: Wieso nennen wir Fische Fische?

Nach Barry Carters Kolumne rund um die Bezeichnung von unerfahrenen Freizeitspielern beschäftigt sich PokerStrategy.com-Redakteur Matt Perry mit der Frage, wieso wir unterlegene Spieler weiterhin beschimpfen, wenn es schlecht für das Spiel ist.

Shark und Fisch: Etymologie
Das Wort "Shark" findet seinen Ursprung im deutschen Wort Schork/Schurke.

Daraus hat sich der Begriff "sharp", wie in "cardsharp", entwickelt. Erst seit Kurzem bevorzugt man im Englischen "cardshark" über "cardsharp". Letzteres hat im Original noch eine negative Assoziation mit Betrug und Gaunerei.

Der Begriff "Fisch" für schlechte Spieler leitet sich wohl hiervon ab - ursprünglich waren sie das Ziel und die Opfer des schwindelnden "cardsharps" oder "cardsharks".

*eine hypokritische Aussage, aber sehr amüsant zu schreiben.

Letzte Woche fragte sich barrycarter, ob wir Fische Fische nennen sollten

Laut seiner Schlussfolgerung stellt die Einteilung in Shark und Fisch zwar eine treffende Analogie für das Ökosystem der Pokerwelt dar; Pokerspieler sollten dennoch lernen, sensibler und respektvoller mit neuen Spielern umzugehen.

Seitdem haben bereits über 50 PokerStrategen ihre Meinung in den Kommentaren kundgetan. Meistens wurden die folgenden Punkte zur Sprache gebracht:

• Es ist nicht gut für das Spiel, Spieler zu beschimpfen
• Es ist allgemein eine schlechte Idee, andere auf ihr schlechtes Spiel hinzuweisen
• Spieler, die andere als Fische bezeichnen, sind meist selbst Fische*

Die Schlussfolgerung sollte offensichtlich sein - schlechte Spieler sind für die guten Spieler überlebensnotwendig. Wenn Letztere sich klug verhalten, sehen sie also ein, dass man schlechtes Spielen nicht mit Tadel und Erniedrigung bestrafen sollte.

Leider ist dies in der Realität oft nicht der Fall. Die meisten guten Spieler wissen, dass sie eine 3-Bet nicht mit Suited Connectors callen sollten und dass sie ab und zu auch mal eine starke Hand folden müssen. Dementsprechend könnte man annehmen, dass die meisten auch einfach wissen, dass man schlechte Spieler nicht beschimpfen sollte.

Trotzdem kommt dies auch bei bekannten Spielern immer wieder vor:

Wie zu erwarten ist Hellmuth mit von der Partie. Sogar Ivey kann ab und zu Emotionen zeigen.
Laut Negreanu sind seine Gegner schlecht. Tony ist kein großer Fan der Russen.
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Ziigmunds Online-Ausraster sind legendär.

Bestätigung und Ego beim Pokern

Johnny Bravo
Pokerspieler? Selbstverliebt? Niemals.

Habt ihr jemals einen Online-Spieler kennengelernt, der nicht überzeugt war, Winning-Player zu sein?

Genau, ich auch nicht.

Man muss sich nur kurz diverse Staking-Foren durchlesen, um zu sehen, dass jeder Spieler eines jeden Turnieres denkt, dass er +EV spielt. Es fällt vielen Leuten schwer, sich aus einem Heads-up Match zurückzuziehen. Die negativen Resultate werden dann meist auf die Varianz zurückgeführt. Dabei nehmen sie oft gar nicht wahr (oder verstecken sich vielleicht sogar unbewusst vor dem Fakt), dass sie einfach ausgespielt wurden.

In der Tat ist es so, dass die meisten Pokerspieler, die sich ernsthaft mit dem Spiel befassen, denken, zu gewinnen, sogar wenn dies nicht der Fall ist. Sie glauben, die Tische zu dominieren, selbst wenn sie sich nur knapp über Wasser halten. Das macht natürlich Sinn: Wenn sie nicht gewinnen würden und nicht die Tische dominieren würden, wären sie ja schließlich keine ernst zu nehmenden Pokerspieler.

Ihr werdet euch jetzt vielleicht wundern, was das alles mit Freizeitspielern und Fischen zu tun hat. Im Endeffekt führt es uns zurück zum Titel dieses Abschnitts: Bestätigung und Ego.

Alle Pokerspieler haben ein Ego - wenn man das Wort pauschal vereinfacht, ist es im Grunde genommen eine Umschreibung von Selbstvertrauen und Identität. Das ist sowohl beim Pokerspiel als auch im Leben wichtig: Man braucht einen einzigartigen, persönlichen Spielstil und muss auf seine Fertigkeiten vertrauen. Das Ego kann allerdings sehr zerbrechlich sein und wird demzufolge oft von der Varianz, die mit einem sprunghaften Spiel wie Poker verbunden ist, auf die Probe gestellt.

In The Mental Game of Poker schließt jaredtendler wie folgt ab: "Die Varianz beim Pokern kann das Selbstvertrauen in eine Achterbahnfahrt verwandeln. Es steigt und fällt dann mit den Karten: Wenn du gewinnst, befindet es sich auf einem Höhepunkt, wenn du verlierst, bist du am Boden zerstört und musst für ein paar Fahrten aussetzen."

Schütze und diene deinem Ego

jaredtendler
jared tendlerJared Tendler ist einer der führenden Mental-Coaches der Pokerszene.

Er hat bereits über 200 der weltweit besten Pokerspieler gecoacht und ist der Autor von The Mental Game of Poker.

Bei vielen Spielern hängt das Selbstvertrauen von ihren Resultaten ab. Dies kann sogar bei sehr guten Spielern der Fall sein. Ich kenne persönlich viele professionelle Pokerspieler, welche die Spielvariante ihrer Wahl sehr gut beherrschen. Wenn ich mit ihnen rede, fühlt es sich an manchen Tagen fast so an, als würde ich mit einem Spielsüchtigen reden, der gerade sein Haus verloren hat.

Natürlich haben sie ihr Haus nicht verloren. Sie haben lediglich die vorherige Nacht einige Buy-ins während einer schlechten Session verloren. Trotz eines fünfstelligen Monatseinkommens beeinflussen diese kurzfristigen Resultate ihre Stimmung so stark.

Genau deswegen fühlen sich viele Spieler so, als müssten sie ihr Ego schützen. Wenn ein anderer Regular einen überrascht, indem er plötzlich eine Hand zeigt, die man nie in seiner Range gesehen hätte, kann man sehr leicht defensiv reagieren: "Was für ein grausamer Preflop-Call!", oder: "Wie kann man damit am Turn All-in gehen?"

Nachdem ich mit Jared über seine Kolumne geredet habe, wies er mich darauf hin, dass es fast das Gleiche ist, einen Regular als schlecht und einen schlechten Spieler als Fisch zu bezeichnen. Es handelt sich quasi um einen automatischen Abwehrmechanismus, um das Ego vor Verletzung zu schützen - wie der Fuchs und die Trauben in Äsops gleichnamiger Fabel, oder der kleine Junge, der das Mädchen, das er mag, schikaniert. Sie wollen die Wahrheit nicht wahrhaben.

Wenn es um den Mann im nächsten Bild geht, haben wir whol alle schon mal diesem Schauspiel beigewohnt. Phil Hellmuth schloss in der Ära nach Moneymaker bis vor Kurzem nur mit mäßigen Resultaten ab. Es ist kein Zufall, dass er für sein enormes Ego bekannt war, welches er ununterbrochen verteidigte, indem er sowohl schlechtere als auch bessere Spieler beleidigte.

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Früher ein Paradebeispiel des fragilen Egos,
neuerdings bescheiden und erfolgreich.

Wann werden Freizeitspieler also als Fische bezeichnet, und wann nennt ein Regular einen anderen Regular einen schlechten Spieler? In der Regel passiert dies nicht, nachdem man einen Pot verliert. Es ist meist dann der Fall, wenn man - zurecht oder nicht - einen Pot gegen den anderen Spieler gewinnt.

Dies benutzen wir, um unser Ego zu schützen, indem wir es als Bestätigung unserer Annahmen über das Gegenüber werten: Er ist ein Fisch, ein schlechter Reg. Wir brausen auf, um unsere gefühlte Überlegenheit zu bewahren.

"Der Begriff Bestätigungsfehler bezieht sich darauf, dass man versucht, die Informationen zu erlangen, die eine bereits existierende Annahme bestätigen. Man erkennt nur, was man gerne glauben will. Informationen, die dem entgegengesetzt sind, werden abgelehnt", erklärt Jared. 

"Dies tritt bei Pokerspielern am Häufigsten ein, wenn es um ihr Können geht. Immer wenn sie gewinnen, liegt es daran, dass sie überlegen sind. Verlieren sie jedoch, ist es immer auf ihr Pech zurückzuführen."

"Dies bringt Spieler oft dazu, zu glauben, dass sie mehr Pech haben, als ihre Gegner. Sie ignorieren die Zeiträume der positiven Varianz und regen sich pausenlos über Bad Beats auf."

Wie immer hat jaredtendler auch dieses Mal einen einfachen Weg, euch zum Nachdenken anzuregen. Wenn ihr darüber reflektieren wollt, ob ihr andere Spieler nur abwertet, um das eigene Ego aufzupolieren, stellt euch einfach folgende Frage:

"Ist es mein Ziel, zu denken, dass ich besser bin? Oder tatsächlich besser zu sein?"

Der schmale Grat zwischen Shark und Fish

Beim Pokern ist es oft besonders schwierig, sein Ego zu schützen. Bei der Wahrnehmung von Strategien ist die Unterscheidung zwischen Genie und Dummheit oft eine Gratwanderung. Falls ihr mit dieser Aussage nicht einverstanden seid, stellt euch einfach ein Video auf YouTube vor, in dem ein bekannter Profi auf einem gefährlichen Board einen sehr mutigen Call-Down mit Ace-high hinlegt.

Stell dir jetzt vor vor, dass es sich in dem Szenario um Phil Ivey handelt: Alle Pokerforen preisen sein gottgleiches Pokerkönnen an. In einem anderen Szenario handelt es sich um Phil Hellmuth und umgehend wundern sich zahlreiche Spieler, wie dieser Fisch in den heutigen Spielen noch bestehen kann. Sicher ist dieses Beispiel leicht übertrieben, aber man kann es auch auf den Laien übertragen. Wie oft postet man zum Beispiel einen Handverlauf und hofft insgeheim, dass jeder die geniale Line bewundern wird? In der Realität findet man sich oft unter starkem Beschuss und überlegene Spieler erklären einem, dass es keine gute Idee war, so zu spielen.

Diese Sachen passieren andauernd und machen den Unterschied zwischen guten und großartigen Spielern. Während die erste Gruppe negativ auf Kritik reagiert und versucht, ihr bedrohtes Ego zu schützen, lernen die anderen aus ihren Fehlern und sehen ein, dass sie vielleicht an ihrem Ego arbeiten müssen.

von Matt 'mjperry' Perry | MJPerry auf Twitter

Dieser Artikel von PokerStrategy.com-Redakteur barrycarter wurde in Zusammenarbeit mit jaredtendler, dem Autor von The Mental Game of Poker, verfasst. Sein Buch kann über die The Mental Game of Poker-Website erworben werden.

Das Hörbuch zu The Mental Game of Poker ist außerdem zurzeit kostenlos unter diesem Link verfügbar.