Barry Carter: Talentschmieden und Poker-Communitys
In dieser Woche macht sich Barry darüber Gedanken, wie wichtig der Community-Faktor auf dem Weg zum Erfolg eines Pokerspielers ist.
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| Ist Deutschland die nächste Talentschmiede? |
Es gibt aktuell ein hervorragendes Buch auf dem Markt, The Talent Code von Daniel Coyle. Es beschäftigt sich mit Überfliegern in jedem denkbaren Lebensbereich, lässt dabei aber komplett den Faktor von natürlichem Talent außer Acht und konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen intensivem Üben und Erfolg.
Einer der interessantesten, immer wieder aufgegriffenen Punkte im Buch sind die sogenannten 'Talentschmieden' ('Talent Hotbeds'). Tatsächlich ist es häufig so, dass die erfolgreichsten Menschen eines bestimmten Bereichs aus derselben Schule oder derselben Trainingsgruppe kommen.
Bekannte Talentschmieden: Brasilien, Spartak Tennis Camp, Punahou
Coyle nennt als Beispiele unter anderem die brasilianischen Fußballer, das Spartak Tennis Camp in Russland, die Kunstbewegung der Renaissance in Italien, Skateboarder in Santa Monica oder die Punahou Golfschule.
Auch uns kommen wahrscheinlich zahllose Beispiele in der Popkultur in den Kopf, wie zum Beispiel die Grunge-Szene in Seattle, Motown oder sogar der Disney Club in den USA, der viele der heutigen Pop-Ikonen hervorbrachte.
Die Nähe all dieser Meister ihres Handwerks wird entweder dem Zufall zugeschrieben oder den Genen. Coyle argumentiert hier aber auf brillante Weise, dass die Entstehung dieser Talentschmieden tatsächlich unvermeidbar ist. Was wir Talent nennen, ist eigentlich das direkte Ergebnis des Trainings-Levels, auf dem sie sich bewegen.
Der Grund, warum brasilianische Fußballer so elegant spielen, hat nichts mit ihren Genen zu tun. Es liegt daran, dass die meisten Brasilianer mit einer Hallenvariante des Fußballs aufwachsen, dem Futbol de Salao (kurz: Futsal). Der Ball hier ist kleiner und schwerer, hierdurch wird eine viel bessere Kontrolle des Balles entwickelt.
Der Grund, warum in der Renaissance im 14. Jahrhundert so viele Kunst-Talente hervorkamen, ist im Nachhinein ebenso vorhersehbar, denn Künstler wie Da Vinci und Michelangelo verbrachten alle eine fünf Jahre lange Ausbildung bei ähnlich revolutionären Künstlern.
Der Spartak Tennis Club, der im letzten Jahrzehnt die meisten der weiblichen Tennis-Stars in den Top10 der Welt hervorbrachte, war so erfolgreich, weil dort buchstäblich jeden Tag Stunden lang jedes noch so kleine Detail der Technik trainiert und verbessert wurde. Es wurde quasi in Slow Motion gearbeitet, um ein bestimmtes Niveau zu erreichen.
Die Talentschmieden der Pokerwelt
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| Die Briten haben für ein kleines Volk eine Menge Erfolg |
Natürliches Talent ist ein enorm überbewertetes Konzept - diese Talentschmieden beweisen, dass das Wie im Training der Schlüssel zum Erfolg ist.
Das Konzept von Talentschmieden existiert eindeutig auch in der Pokerwelt. Es beweist, was viele von uns immer schon über das Spiel dachten. Die erfolgreichsten Spieler haben in der Regel eine Entourage ähnlich denkender Freunde, die schnell ihren Erfolg wiederholen.
Zu Beginn des großen Pokerbooms waren es zweifelsfrei die Skandinavier, die der weltweiten Pokerszene ihren Stempel aufdrückten.
Aktuell sind es die jungen britischen Spieler, bei denen sich die größte Gruppe an Talenten des Spiels befindet. Sie gewannen eine für solch ein kleines Land überproportional große Anzahl an Bracelets, EPT-Titeln und Triple Crowns.
Hierunter ist der Triple Crown-Sieger Jake Cody ein tolles Beispiel. Er hat ein Bracelet in diesem Jahr gewonnen, am nächsten Tag gewann sein bester Freund aus Schulzeiten, Matt Perrins, ein Bracelet in Triple Draw. Die meisten würden dies einem unwahrscheinlichen Zufall zuschreiben, aber es scheint eher eine logische Entwicklung, wenn man das vorher Geschehene in Betracht zieht.
'Deep Practice' statt reines Talent
Alle diese Talentschmieden haben eins gemeinsam: Die Menschen, die ihnen angehören, trainieren auf eine andere, effektivere Art und Weise, etwas das Coyle 'Deep Practice' nennt. Übersetzt in die Pokerszene ist dies denke ich ganz einfach die Diskussion über Hände mit anderen Spielern.
Meines Wissens nach haben Cody und Perrins beide in der Schule mit dem Kartenspielen begonnen und zweifelsfrei haben sie seitdem jede Minute zusammen verbracht, um über das Spiel zu reden. Es ist kein Wunder, dass sie beide so erfolgreich wurden.
Fragt man irgendeinen erfolgreichen Pokerspieler nach dem Schlüssel zu seinem Erfolg und dem Weg dahin, so wird er irgendwann erwähnen, dass die Diskussion mit Freunden über Hände eine wichtige Rolle spielte.
Ob es nun ein Eins-zu-Eins-Coaching ist, Handanalysen in Foren oder die Diskussion mit einer Person während einer Turnierpause - es scheint, dass das effektivste Werkzeug, das uns zur Verfügung steht, Community heißt.
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| Freunde im Geiste |
Ein grundlegender Bestandteil von tiefgründigem Training ist, sich selbst so weit herauszufordern, bis man tatsächlich scheitert.
Genau wie ein Gewichtheber Gewichte auflegen lässt, mit denen er Probleme bekommt, so erfordert es der Prozess der Verbesserung einer Fähigkeit, dass man die Grenzen des Möglichen verschiebt und sich in diesem Prozess auch mal übernimmt.
Die Community als Schlüssel für Pokerspieler
Das ist der Punkt, bei dem es ungemein von Vorteil ist, Freunde zu haben, die so denken wie man selbst. Anders als bei jeder anderen Form des Pokerstudiums, hat die Diskussion mit anderen Spielern über Hände einen einzigartigen 'Bullshit-Detektor' integriert.
Aufgrund der Varianz ist es sehr einfach für uns, ein bestimmtes Play zu rechtfertigen. Wenn wir die Hand gewinnen, machen wir uns vor, dass wir eine Hand korrekt gespielt haben, wenn wir verlieren, hatten wir halt Pech.
Wenn man sein Spiel aber von mindestens ebenbürtigen Gleichgesinnten kritisch begutachten lässt, bringt einen das an Punkte, zu denen man selbst wohl nicht gekommen wäre. Es bringt einen aus seiner Komfortzone und zwingt einen dazu, auf eine andere Weise über das eigene Spiel nachzudenken.
Wir müssen gar nicht so weit schauen, bis wir eine Talentschmiede entdecken. Wenn ihr diese Kolumne lest, seid ihr bereits über eine gestolpert. Pius Heinz war bekannterweise ein Spieler, der das $50-Startkapital auf PokerStrategy.com genutzt hat, nun wurde er Weltmeister. Zweifelsfrei haben ihm die Videos, Coachings, Foren und die Community auf seinem Weg geholfen. Sie hatten eine große Auswirkung.
Und so würde es mich überhaupt nicht überraschen, wenn wir in naher Zukunft weitere Spieler sehen, die ihr Können auf PokerStrategy.com entwickelt haben und seinem Weg folgen, indem sie Major-Turniere gewinnen.
Poker kann ein einsames und isolierendes Spiel sein, wenn man nicht aufpasst. Es ist sehr einfach, dass man sich vom Rest der Welt abschottet. Lasst euch also von den Talentschmieden der Pokerwelt inspirieren und öffnet euch, sprecht mit Menschen und nehmt die zahlreichen Möglichkeiten wahr, die eine Pokercommunity anbietet.
von Barry Carter


