Betrugsvorwürfe: Wie gut sollten die Beweise sein?
Nachdem Fedor Holz über die Feiertage zwei Spielern Collusion in einer einzelnen Hand vorgeworfen hat, erörtern wir, wie belastbar ein Beweis sein sollte, wenn man einen derartigen Vorwurf äußert.
Am 1. Weihnachtsfeiertag hat Fedor Holz via Twitter zwei brasilianischen Pokerspielern Collusion in einer sehr fragwürdigen Hand vorgeworfen. Rodrigo Seiji und Rodrigo Selouan sind Teil desselben Highstakes-Stables und hielten bei einem Turnier mit $1.000 Buy-in von 888poker auch gegenseitige Anteil an der eigenen Action.
Seiji raiste bei besagter Hand UTG mit AJo, Selouan shovte daraufhin seine verbliebenen 7 Big Blinds mit A9s. Obwohl er auf einen Call äußerst günstige Odds bekam, entschied sich Seiji seine Hand in dem Spot abzulegen.
Für Fedor war es eine ziemlich eindeutige Collusion und die meisten Spieler der Highstakes-Community waren sich einig, dass es ein sehr klarer und einfacher Call war. Auch die Solveranalysen (siehe unten) lieferten dasselbe Ergebnis.
A pretty obvious collusion spot including Seijistar on a big 1K FT vs his friend Selouan. They are part of a Brazilian HS group that work together called “9Tales”. Cheating sucks. I think every HS reg that doesn’t cheat should work together to bring up similar situations. pic.twitter.com/TZLT8BoHC7
— Fedor Holz 🧠(@CrownUpGuy) December 25, 2021
Das Turnier mit dem Spot wurde dabei per Stream übertragen, entsprechend gibt es auch eine Aufnahme von besagter Hand:
The event was streamed and the video of the hand is below:
Heres the video! pic.twitter.com/WK9KScS7II
— MundoPoker (@MundoPokerBr) December 26, 2021
Nicht alle waren jedoch der Meinung, dass es Collusion gewesen sein muss. Manch anderer sieht in dem Fold auch schlicht ein Misplay, das wohl jedem schon einmal in einem Spot mit hohem Druck passiert ist. Die beiden Beschuldigten verteidigten sich ebenfalls vehement und Seiji veröffentlichte in der Folge einen Screenshot einer Unterhaltung der Beiden nach dem Turnier, der inhaltlich andeutet, dass Seiji bewusst war, dass er in dem Spot einen Fehler gemacht hatte. Dabei setzte er Selouan auch auf eine deutlich tightere Range, als es ein Solver in solch einer Situation machen würde.
Genau wegen derartigem Interpretationspielraum ist Collusion auch ein sehr schwer zu beweisender Vorwurf beim Poker, denn wenn die möglichen Preisgelder hoch genug ausfallen, kann niemand mit absoluter Sicherheit sagen, ob ein Spieler tatsächlich böse Absichten hatte oder der Druck schlichtweg zu groß ausfiel und einen Fehler begünstigte.
Daher stellt sich auch die Frage, wie schnell man als Pokerspieler anderen Spielern derartigen Betrug vorwerfen sollte. Es hatte sich immerhin auch um lediglich eine einzelne Hand gehandelt und man muss an dieser Stelle auch festhalten, dass die nachfolgende Untersuchung von 888poker keine weiteren verdächtigen Hände zwischen den beiden Spielern zutage befördert hat.
Kein Vorwurf nur wegen einer Hand
Historisch gesehen hat die Pokerwelt bei der Aufspürung und konsequenten Bestrafung von Betrug nicht immer ein gutes Bild hinterlassen, insbesondere wenn auch noch Schulden unter den Beteiligten mit im Spiel waren. Daher ist es per se nichts Schlechtes, dass man in den letzten Jahren vermehrt in die andere Richtung ausgeschlagen ist und Missstände und Betrugsskandale mit Nachdruck aufgearbeitet werden.
Als die Story rund um Mike Postle die Runde machte, hatte ich für einen Moment die Sorge, dass sich in der Pokerwelt eine Kultur entwickeln könnte, bei der Betrugsvorwürfe die Tagesordnung werden, sobald ein noch so kleiner Verdacht im Raum steht. Die detaillierte Untersuchung der gespielten Hände samt Aufnahmen von Mike Postle war angebracht, aber auch derart fesselnd, dass das Potenzial durchaus da war, dass die Community einen großen Gefallen an derartigen Ermittlungen der Massen finden würde und sie zur Regel werden. Zum Glück war die Sorge unbegründet.
Der konkrete Betrugsvorwurf wegen einer einzelnen Hand ist meiner Meinung nach aber nicht fair. Es gibt derart viele Nuancen beim Poker, dass man praktisch nie vollkommen einstimmig über eine einzelne Hand urteilen kann. Selbst die besten Spieler der Welt vermasseln manchmal Hände derart schrecklich in Drucksituationen, das es tatsächlich jedem passieren kann. Die zuletzt in die Schlagzeilen geratene Hand zwischen Jungleman und Ryan Leng bei der WSOP ist dabei ein gutes Beispiel. Es sollte schon ein eindeutiges, etabliertes Muster an zwielichtigen Aktionen vorliegen, bevor man jemanden an den Pranger stellt und Betrug vorwirft. Das kann unmöglich eine einzelne Hand liefern.
Aus diesem Grund sollte man Bedenken auch zunächst einmal im Privaten gegenüber dem Ausrichter äußern. Nur dort ist vollständiger Zugriff auf alle Handverläufe und Umstände möglich und es werden Ermittlerteams beschäftigt, die sich nur darauf konzentrieren, ungewöhnliches Spiel und möglichen Betrug zu entdecken. Da Fedor kein Unbekannter in der Pokerszene ist, wird sein Vorwurf die Runde machen und für die beiden Beschuldigten ist die Büchse der Pandora im Grunde geöffnet. Wenn keine böse Absicht bei der Hand vorlag, dann wird der Ruf beider Beteiligten dennoch nie derselbe sein, als wäre der Vorwurf gar nicht erst in den Raum gestellt worden.
Damit will ich nicht sagen, dass Fedor falsch liegt. Manch ein Spieler hat bereits zu Protokoll gegeben, dass er derartiges Verhalten von den beiden Beschuldigten schon an anderer Stelle beobachtet habe. Es ist gut, dass die Pokercommunity sich durchweg selbst überwacht und Missstände aufgedeckt werden, denn sobald Geld im Spiel ist, gehen manche Leute schlicht über Leichen. Derart schwerwiegende Vorwürfe bringen aber auch erhebliche Verantwortung mit sich und es obliegt demjenigen, der einen solchen Vorwurf erhebt, dass er auch starke Beweise dafür liefert. Das Mindeste wären im konkreten Fall mehrere fragwürdige Spots, die eine ungewöhnliche Zusammenarbeit der beiden Beschuldigten belegen. Eine einzelne Hand reicht aber nicht aus.
Was haltet ihr von Fedors Collusionvorwurf gegenüber den beiden Brasilianern? Wir freuen uns auf eure Meinung!