Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Der All-in Cashout und das Spiel im Kopf

Mentalgame-Coach Jared Tendler diskutiert die Gefahren und Vorteile beim neuen varianzreduzierenden Feature von PokerStars.

Poker coach Jared Tendler
Jared Tendler

Gäbe ist die Varianz nicht, würde Poker, so wie wir es kennen, nicht existieren.

Viele neue Kunden von mir, insbesondere Spieler mit wenig Erfahrung, wenden sich an mich mit Problemen, die von einem mangelnden Verständnis von Varianz herrühren. Sie verstehen die Mathematik hinter der Varianz in der Theorie durchaus gut, in der Praxis haben sie jedoch Schwierigkeiten zu akzeptieren, was tatsächlich alles möglich ist. Sie wissen zwar, dass es zu einer ewig langen Durststrecke an den Tischen kommen kann, in der einfach gar nichts für einen läuft. Aber tritt solch ein Downswing dann tatsächlich mal auf, ist es sehr wahrscheinlich, dass es dennoch zum Tilt kommt.

Mein Ratschlag an alle Pokerspieler mit mentalen Defiziten ist stets, zunächst einmal so viel Arbeit wie möglich in das Verständnis der fundamentalen Mathematik und Strategie zu stecken, bevor man sich dem Mentalgame widmet. Je besser man beim Poker ist, desto weniger mentale Probleme werden sich überhaupt entwickeln.

Das neue Cashout-Feature von PokerStars, bei dem man sich gegen eine kleine Gebühr seinen EV beim All-in auszahlen lassen kann, hat durch meine Arbeit und ihrem Schwerpunkt natürlich auch mein Interesse geweckt.

Die bestmögliche Entscheidung

Poker coach Jared Tendler
All-in Cashout

Wenn man sich in den Pokerforen umschaut, scheint der Konsens zu sein, dass die Gebühr von 1% den All-in Cashout vollständig unprofitabel macht. Das mag der Fall sein, aber dennoch garantiere ich, dass es viele Grinder geben wird, die den Cashout trotzdem in Anspruch nehmen, obwohl sie es eigentlich besser wissen.

Die Brutalität, mit der ein richtiger Downswing daherkommt, fällt häufig so heftig aus, dass eigentlich talentierte Spieler auch gegen ihr eigenes Interesse handeln, um ihn zu vermeiden. Jeder Spieler der Welt hat eine Belastungsgrenze und PokerStars hat schlichtweg einen Weg gefunden, um aus dem Moment Geld zu schöpfen, wenn genau dieser Punkt bei einem Spieler erreicht ist.

Als Pokerspieler muss aber immer das Ziel sein, die bestmögliche Entscheidung zu treffen, egal wie es um die mentale Verfassung bestellt ist. In jeder einzelnen Situation. Mein Rat ist also den All-in Cashout nicht zu nutzen. Solltet ihr euch irgendwann an dem Punkt wähnen, wo ihr ihn doch nutzen wollt, obwohl ihr eigentlich wisst, dass das Opfern von 1% jedes Pots das Ganze langfristig zu kostspielig machen würde, dann lautet meine eindeutige Empfehlung, sich stattdessen noch mehr mit der möglichen Varianz beim Poker auseinanderzusetzen.

Eine kurzfristige Stütze

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Eine kurzfristige Lösung, um Tilt besser zu bewältigen

Es gibt jedoch ein Szenario, bei dem die Nutzung des Cashouts zumindest kurzfristig einen Vorteil bieten kann. Wenn euer Mentalgame von starken Problemen geprägt ist, dann könnt ihr das neue Feature als Teil einer Gesamtstrategie nutzen, um die Probleme in den Griff zu kriegen. Allerdings klar mit dem Ziel, die noch fehlende Belastbarkeit in Sachen Varianz zu überwinden und den Cashout nicht mehr zu benötigen.

In diesem Sinne wird der All-in Cashout schlichtweg als Eindämmungsstrategie verwendet, ähnlich wie zum Beispiel die Verringerung der Tischanzahl, das Beenden einer Session bevor man dem Tilt verfällt oder der Abstieg in den Limits, wenn man sich im Downswing befindet. All diese Lösungen gehen mit Opportunitätskosten einher, die sich negativ auf die Winrate auswirken.

Wer sich nach einer Reihe von aufeinanderfolgenden Bad Beats noch nicht gegen den allzu verständlichen Tilt wehren kann, der kann den All-in Cashout als eine Art Stütze behandeln, während er sich darauf konzentriert, die bestmöglichen Entscheidungen am Tisch zu treffen und abseits davon an seinem Mentalgame zu arbeiten. Sobald man das Gefühl hat, dass man sein Tiltproblem in den Griff kriegt, kann man sich wieder allmählich von der temporären Begleithilfe trennen.

Den All-in Cashout blind zu nutzen, nur um Frust zu vermeiden, ist ein Fehler, der einen nicht nur 1% jeder Hand kosten wird, sondern auch die langfristige spielerische Entwicklung ausbremsen würde. Je länger man der Behebung der eigentlichen Ursachen für die Probleme im Mentalgame aus dem Weg geht, desto stärker werden sie sich letztendlich auch äußern. Als Fazit gilt also: Wer vom All-in Cashout Gebrauch machen will, sollte das immer nur mit dem Ziel tun, irgendwann mental stark genug zu sein, um ihn nicht mehr zu benötigen.

Nutzt ihr den All-in Cashout bei PokerStars? Wie hat sich euer Mindset seitdem verändert? Wir freuen uns auf eure Berichte!