Der moralische Kompass beim Umgang mit Betrügern
Das Entlarven von Betrügern beim Poker ist richtig und wichtig, allerdings mahnt Barry Carter auch zu einem bedächtigen Umgang, denn einige der Übeltäter dürften unter Spielsucht leiden.
William Kassouf macht erneut Schlagzeilen, allerdings nicht durch seinen lautstarken Table-Talk. Bei den Irish Open wurde er gleich von mehreren Spielern bezichtigt, Chips von einem PLO-Cashgame-Tisch entwendet zu haben. Nach einer miserablen Session beim PLO soll er mit den erbeuteten Chips aus dem Casino geflohen sein.
Es ist nicht das erste Mal, dass gegen Kassouf ähnliche Anschuldigungen erhoben wurden. Bereits im Jahr 2018 beendete sein Sponsor Grosvenor Poker die Zusammenarbeit mit ihm, nachdem er dabei erwischt wurde, wie er mehrere $100-Chips an einem Roulette-Tisch verschwinden ließ. Nun wurden erneut schwere Vorwürfe gegen Kassouf laut. So soll er bei den Irish Masters im Rahmen einer Spendenaktion Gelder für wohltätige Zwecke unterschlagen haben.
In den sozialen Medien wurden daraufhin etliche Stimmen laut, die Ähnliches über Kassoufs Verhalten berichten konnten. Darunter war auch ein Tweet von Max Silver, der mir aus der Seele sprach:
Usually not one to pass up the chance to slag off Kassouf but to have taken his actions is clearly someone in the height of gambling addiction, hope his friends and/or loved ones can check in on him and help him get the help he needs
— Max Silver (@max_silver) April 11, 2023
Max ist ein sehr besonnener Spieler, der schon seit vielen Jahren einen ausgezeichneten Ruf in der Pokerszene genießt. Ich stimme seiner Aussage zu, denn so verwerflich Kassoufs Verhalten auch sein mag, so signalisiert es auch ein bedenkliches Maß einer ausgeprägten Spielsucht.
Der Schutz der Opfer hat Priorität

Die verhältnismäßig minderschweren Vergehen Kassoufs, deuten auf Verzweiflungstaten hin. Obwohl Kassouf häufig bei High-Stakes-Turnieren wie der EPT gesichtet wird, handelt es sich bei den Betrugsvorwürfen gegen ihn eher um geringfügige Beträge.
Einen $100-Chip in der Hand verschwinden zu lassen oder €300 vom PLO-Tisch zu stibitzen ist zwar ein absolut verwerfliches Verhalten, deutet jedoch auch auf ein hohes Maß an Verzweiflung hin. Wahrscheinlich reichten die mutmaßlich gestohlenen €300 gerade einmal für das Zugticket nach Hause.
Wo zieht man nun die Grenze zwischen dem Entlarven eines Betrügers und dem sensiblen Umgang mit einem Glücksspielsüchtigen? Ich maße mir nicht an, darüber zu entscheiden, doch der Schutz der Opfer sollte eindeutig im Vordergrund stehen. Es ist unsere Verantwortung als Pokercommunity, solche Vorwürfe in die Öffentlichkeit zu tragen, wodurch potenzielle Opfer in Zukunft gewarnt werden können.
Schutz von Opfer und Täter

Meiner Meinung nach schließen sich der Schutz der Geschädigten und ein sensibler Umgang mit den Glücksspielsüchtigen nicht aus. Kassoufs Verhalten gleicht einem Hilfeschrei, wahrscheinlich ist das Beste, was ihm passieren kann, eine globale Sperre für Pokerturniere.
Es kursieren zahlreiche Geschichten in der Pokerwelt, bei der die Geschädigten stillschweigen bewahrt haben, häufig in der Hoffnung, den Ausgleich ihrer Schulden nicht zu gefährden. Diese Verschwiegenheit ermutigt die Betrüger zu weiteren Vergehen. Wenn die Pokercommunity solche Vergehen öffentlich anprangert, können Spieler effektiver vor potenziellen Betrügereien bewahrt werden.
Wahrscheinlich steckt hinter vielen Betrugsvorwürfen ein trauriges Schicksal, bei dem Glücksspielsucht eine ganz wesentliche Rolle spielt. Ein globaler Ausschluss für Casinos könnte in beidseitigem Interesse zu einem höheren Maß an Spielintegrität führen.
Sollten für William Kassouf sämtliche Casinotüren verschlossen bleiben? Wir freuen uns auf eure Kommentare!