Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Glück verstehen: Vertrauen in die eigene Intuition

Studien haben gezeigt, dass das Hinterfragen der eigenen Intuition eine Eigenschaft ist, die viele glücklose Menschen teilen. Kann man dieses Wissen aber nutzen, um sein eigenes Glück zu schmieden?

Im letzten Artikel haben wir die von Professor Richard Wiseman identifizierten vier Persönlichkeitsmerkmale vorgestellt, die von vom Glück begünstigte Menschen von glücklosen unterscheiden sollen. Statt dass die beiden Gruppen schlichtweg durch puren Zufall eine unterschiedliche Menge an blindem Glück in ihren Leben erfahren haben, ist Wiseman zu dem Schluss gekommen, dass sich "glückliche" Menschen häufiger Situationen aussetzen, die neue Chancen bieten können, da sie besser im Etablieren von Netzwerken sind und nicht vor neuen Dingen scheuen. Es handelt sich also um eine steuerbare Charaktereigenschaft, die dazu führen soll, dass man mehr Glück erfahren kann als glücklose Menschen, die häufig ein deutlich introvertierteres Leben führen.

Abgesehen von diesen Persönlichkeitsmerkmalen hat Wiseman einen weiteren Aspekt in den Fokus seiner Studie gesetzt: das Vertrauen in die eigene Intuition, was mögliches Glück betrifft. Menschen, die sich selbst als vom Glück begünstigt eingeschätzt haben, sollen sich laut Wiseman mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen und dadurch bessere Entscheidungen treffen. Glücklose Menschen würden hingegen zurückhaltender agieren und ihre Entscheidungen immer wieder hinterfragen. Wer die Sitcom Seinfeld gesehen hat, erinnert sich vielleicht an eine Folge, bei der genau das zum Thema gemacht wurde mit Blick auf den stets glücklos agierenden George Costanza:

Gefühlsspieler

Dem einen oder anderen fällt sicherlich ein Spieler ein, der sich auch am Pokertisch vermehrt auf seine Intuition verlässt. Wer schon lange in der Pokerszene aktiv ist, dürfte einen solchen Ansatz mit einer gewissen Skepsis betrachten. Vor allem Live-Pokerspieler charakterisieren sich häufig als "Gefühlsspieler", die ihrem Instinkt folgen, während Online-Grinder die Nase rümpfen bei dem Gedanken daran, ohne mathematische Grundlage am Tisch zu agieren. Keine Sorge, Wisemans Studie driftet nicht ab ins Land der Fabelwesen, in dem glückliche Menschen über irgendeine Art von sechsten Sinn verfügen, der dem gemeinen Mann verborgen bleibt. Wenn man sich als Pokerspieler die Grundfähigkeiten bereits angeeignet und sie gemeistert hat, kann eine gute Intuition am Tisch durchaus hilfreich sein.

Der Zeitungsartikel-Test, dem die Probanden von Wiseman unterzogen wurden, hat diesen Aspekt bereits angeschnitten. Glücklose Menschen tendieren dazu, mehr Ängste und Sorgen zu verspüren, wodurch sie häufig den Fokus nach innen richten und entsprechend weniger von außen wahrnehmen. In weiteren Persönlichkeitstests kamen bei den glücklosen Probanden zudem hohe Werte im Bereich Neurotizismus zustande, das heißt eine Tendenz zu einer Gesamtverfassung, die durch emotionale Labilität, Schüchternheit und Gehemmtheit charakterisiert ist. Die vom Glück begünstigten Probanden, die getestet wurden, erzielten in diesem Bereich hingegen deutlich niedrigere Werte. Laut Wiseman sollen von Neurotizismus geplagte Menschen, ihre Intuition hinterfragen, wenn sich ihnen eine Chance auf mögliches Glück bietet.

Glückliche Menschen sollen hingegen häufig ihrer Intuition folgen und daraus vermehrt vorteilhafte Ergebnisse erzielen. Auch Maßnahmen, um die eigene Intuition zu fördern, steht bei diesem Personenkreis auf der Tagesordnung. So praktizieren viele vom Glück begünstigte Menschen eine Form von Meditation oder Achtsamkeit, wodurch sie präsenter im aktuellen Moment sind und mehr Dinge in ihrem Umfeld wahrnehmen. Wer sich selbst der Meditation verschrieben hat, wird wissen, dass sich ein solcher Effekt tatsächlich nach und nach einstellt.

Wann man auf seinen Bauch hören sollte

Wir alle verspüren bei Entscheidungen ein Bauchgefühl und es scheint, dass sich glückliche Menschen vermehrt darauf verlassen, während glücklose Menschen es vermehrt hinterfragen. Warum aber ist es wichtig, dass man sich auf seine Intuition verlässt? Im Buch The Mental Game of Poker 2 wurde diese Frage anhand einer bekannten Studie genannt Iowa Gambling Task beantwortet.

Dabei wurden die Probanden an ein Messgerät angeschlossen, das galvanische Reaktionen der Haut gemessen hat, während man ein simples mit Wetten versehenes Kartenspiel gespielt hat. Im Kern mussten die Probanden dabei ein mögliches Muster in vier verschiedenen Kartendecks erkennen und darauf basierend Wetteinsätze tätigen. Zwei der Kartendecks haben einen profitablen Spielausgang ermöglicht, die anderen beiden nicht.

Nach rund 80 Versuchsdurchläufen hatten die meisten Probanden die Muster erkannt. Eine der bis dahin weniger bekannten Beobachtungen bei der Studie war das Auftreten einer Stressreaktion, die vom Testgerät nach bereits zehn Durchläufen gemessen wurde. Lange bevor sie es also tatsächlich gedanklich wahrgenommen haben, hat der eigene Körper den Probanden bereits signalisiert, dass zwei der Kartendecks mit Blick auf mögliche Wetteinsätze unprofitabel waren.

Mentalcoach Jarend Tendler sieht darin die Basis unserer Intuition und warum es uns gelingt, derart mühelos zu agieren, wenn wir uns im Tunnelmodus befinden. Unsere Intuition signalisiert uns Dinge, die wir eigentlich wissen, nur noch nicht gedanklich richtig artikulieren können. Jeder von uns hat in seinem Leben schon Momente erlebt, in denen wir schlichtweg wussten, dass etwas nicht stimmt, eine Erklärung sich dafür aber erst im Nachhinein gezeigt hat. Vielleicht war es ein Mensch, dem wir vertraut haben, der sich jedoch als nicht vertrauenswürdig erwiesen hat – oder mit mehr Bezug zu Poker: ein Spieler am Tisch, bei dem wir wussten, dass er bluffen würde. Hin und wieder können wir mit unserer Intuition falsch liegen, häufig hat sie jedoch ihren Ursprung in einem ausgeprägten Fundament an Erfahrung. Wer das Buch Blink von Malcolm Gladwell liest, wird darin jede Menge Beispiele finden für Momente, in denen Experten auf das eigene Bauchgefühl gehört haben, weil sie aufgrund ihrer Erfahrung in der Lage waren, relevante Informationen vollends wahrzunehmen und eine günstige Entscheidung zu treffen, noch bevor sie diese gedanklich artikulieren konnten.

Sachkundige vs. blinde Intuition

blink
Blink demonstriert den Unterschied zwischen sachkundiger Intuition und unfundierten Ahnungen

Es ist wichtig, dass man sich bewusst macht, dass ein Verlassen auf das eigene Bauchgefühl nur sinnvoll ist, wenn man auch über einen gewissen Grad an Erfahrung oder Expertise verfügt im entsprechenden Bereich. Wenn ein Arzt einen Blick auf einen Patienten wirft und ihm sein Bauchgefühl sagt, dass sich derjenige an einen Spezialisten wenden sollte, dann hat diese Intuition ihr Fundament in jahrelanger Berufserfahrung. Wenn man jedoch selbst eine zweite ärztliche Meinung einholen will, weil sich irgendetwas irgendwie nicht richtig anfühlt, ist das eine andere Sache.

Verlässt man sich in Bereichen auf das eigene Bauchgefühl, in denen man eigentlich keine Erfahrung hat, legt man sein Schicksal in die Hände von blindem Glück. Das ist mit ein Grund, warum Pferden bei Pferderennen zum Teil skurrile Namen verpasst werden. Ziel dabei ist, dass Menschen, die wenig über die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Pferde wissen, spontan ihr Geld auf das Pferd setzen, dessen Name eine gewisse Verbindung zum eigenen Leben hat.

Die Forschung hat also gezeigt, dass glücklose Menschen dazu tendieren, aktiv ihre eigene Intuition zu hinterfragen. Das kann zumindest dazu führen, dass man sich glücklos fühlt, wenn man im Nachhinein realisiert, dass man lieber anders hätte agieren sollen. Man wird das eigene Glück nicht erzwingen können, indem man schlichtweg auf seinen Bauch hört, allerdings kann man sich mit ausreichend Erfahrung und Expertise auf diese Weise durchaus neue Türen im Leben öffnen oder zumindest Unglück vermeiden.