Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Ist Poker Sport?

In der momentanen Phase, in der Regierungen gegen Glücksspiel ankämpfen oder sich mit der Gesetzgebung dazu beschäftigen, fehlt es dem Pokerspiel an einer Identität, einem Status. In dieser Kolumne untersuchen wir die spannende Frage, ob Poker als Sport betrachtet werden kann.

Vicky Coren
Victoria Coren: Poker ist kein Sport

Glücklicherweise ist der Kreuzzug der US-Regierung gegen das Pokerspiel kein Abbild vom Status quo des Spiels in allen anderen Ländern.

Dennoch ist es Fakt, dass Poker immer noch auf der Suche nach einer objektiven Definition oder einem international anerkannten "Status" ist. Wenn jeder darin übereinstimmte, dass Poker xyz ist, würde dies dem Wachstum des Spiels sehr helfen.

In manchen Bereichen wird Poker als Sport bezeichnet, in anderen dagegen wird es als Kopfspiel gesehen. Für viele Vertreter der älteren Generation ist es hingegen nichts anderes als eine niedere Form des Glücksspiels.

Während die britische Regierung Poker und Glücksspiel aktiv zu fördern scheint, indem sie zum Beispiel den Aufbau der Grosvenor Casinos und Card Rooms zuließ, ist gerade Online-Poker in den Augen der amerikanischen Regierung schlichtweg nicht legalisier- und regulierbar (oder, wenn man es zynisch betrachtet, sieht sie in einer Regulierung momentan nicht viel Sinn, da man damit nicht genug Geld verdienen kann).

In einem globalen Kontext kann man so sagen, dass Poker ein diffuses Image hat.

Wenn Poker aber auf globaler Ebene als Sport anerkannt werden könnte, wäre dies der Startschuss für eine neue, glorreiche Ära des Spiels. Schließlich liebt jeder Sport, oder etwa nicht?

Im letzten Jahr wurde Poker von der International Mind Sports Association (IMSA) offiziell als "Denksport" ("Mind Sport") anerkannt und wird nun neben Bridge, Schach und Dame bei den World Mind Sports Games 2012 gespielt.

Kann Poker also auch noch einen weiteren Schritt machen und bis in die Riege populärer Sportarten wie Fußball, Tennis oder Handball gelangen?

Sport – eine Definition

Sport zu definieren ist nicht so einfach, da es sich bei dem Wort um einen umgangssprachlichen, weltweit benutzten Begriff handelt. In der englischen Wikipedia ist eine Definition zu finden, die derjenigen des Oxford Dictionary ähnelt und die so als Ausgangspunkt für die Begriffsbestimmung dienen kann:

"Eine Sportart ist eine organisierte, wettkampforientierte, unterhaltsame und vom Können abhängige Aktivität, welche Hingabe, Strategie und Fair Play erfordert und in der Sieger und Verlierer durch objektive Maßstäbe ermittelt werden können. Generell beruht Sport auf physischer Athletik. Aktivitäten wie Brett-  oder Kartenspiele werden zwar manchmal als "Denksport" betrachtet, genau genommen ist für Sport an sich aber eine physische Aktivität erforderlich."

("A sport is an organized, competitive, entertaining, and skilful activity requiring commitment, strategy, and fair play, in which a winner and loser can be defined by objective means. Generally speaking, a sport is a game based in physical athleticism. Activities such as board games and card games are sometimes classified as "mind sports," but strictly speaking "sport" by itself refers to some physical activity")

Poker Sport
Poker = Sport?

Diese Definition ist eine genauere Betrachtung wert.

Poker beinhaltet zweifelsfrei mehrere Merkmale, die auch in einer Sportart wiederzufinden sind. Blind-Level in Turnieren und Payout-Strukturen sind ein Zeichen für Organisation. Um die kompetitive Komponente zu sehen, muss man lediglich eine der sehr unterhaltsamen Folgen von The Big Game mit Phil Hellmuth und Tony G anschauen.

Strategie und Etiquette sind wichtig im Spiel, auch wenn sie ignoriert werden können. Auf lange Sicht kann ein Gewinner oder Verlierer anhand von objektiven Maßstäben ermittelt werden, indem man seine Winrate in Cash Games (z.B. PTBB/100) oder den ROI (Return on Investment) in Turnieren betrachtet.

Das Fehlen von "physischer Aktivität" scheint der Grund zu sein, warum Poker nicht als Sport betrachtet werden kann. Die bekannte britische Poker-Journalistin Victoria Coren schrieb: "Es ist ein Kopfspiel, ein Kampf des Verstandes, ein Wettbewerb der Intelligenz und des Instinkts. Es sollte nicht neben (und sicherlich auch nicht hinter) Wettbewerben von purer Kraft und Schnelligkeit stehen."

Aber ist die Antwort wirklich so schwarz-weiß? Der Begriff der "physischen Aktivität" wurde wohl erstmals mit dem Erscheinen wettkampforientertem Gamings, kurz eSports, zum Zankapfel. Counter-Strike in einer professionellen Organisation wie fnatic oder SK Gaming in der Cyberathletique Professional League (CPL) zu spielen, benötigte ausgewöhnliches Können und Eifer. Die Preisgelder, die große Konkurrenz, der von den Spielern zu erbringende Aufwand und sogar die taktischen Elemente – all das spiegelt in vielfältiger Weise einen Sport wider.

Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen eSports und Poker: Nur bei Ersterem werden Fingerfertigkeit und Auge-Hand-Koordination benötigt. Diese Fertigkeiten sind vor allem in First Person Shootern verbreitet, in denen "Aiming" erforderlich ist.

Dart und Snooker sind von der traditionellen Betrachtung des Wortes her keine "physischen" Sportarten – sie erfordern keine hohen Mengen an Kraft und Ausdauer.

Aber sie erfordern eher subtile physische Fertigkeiten (wie Fingerfertigkeit) und technisches Können. Ein erfolgreicher Snookerspieler benötigt eine gute Körperhaltung, Auge-Hand-Koordination und eine kleine Menge an Kraft, wenn er mit seinem Queue die Energie für einen Back-Spin erzeugt. Die Kinetik ist ein Faktor wenn es darum geht, ob ein Stoß gut und erfolgreich ist. Die Art, wie ein Pokerspieler seine Chips stapelt, hat dagegen nichts mit seinem spielerischen Können zu tun und beeinflusst nicht das Ergebnis seines Spiels.

Der Glücksfaktor

Monkey Poker
Beim Heads-up können auch Profis
ins Schwitzen kommen

Ein Gerücht, welches widerlegt werden muss, ist dass Poker aufgrund des Glücksfaktors nicht als Sport betrachtet werden kann. Poker ist einzigartig darin, dass auch ein absoluter Anfänger einen gestandenen Profi in einem Heads-up Sit and Go besiegen kann. Dass ein Beginner Roger Federer in einem einzelnen Satz im Tennis bezwingt, ist hingegen undenkbar.

Auf lange Sicht wird sich aber der bessere Pokerspieler durchsetzen. Wenn mehrere hunderttausend Hände gespielt werden, reduziert sich die Varianz auf ein Minimum. Erst vor Kurzem urteilte ein französisches Gericht aufgrund der Einschätzungen eines Mathematikprofessors und von Schach- und Bridge-Experten, dass Poker ein vom Können abhängiges Spiel ist.

Zur Poker Players Alliance (PPA), welche in den USA eine gesetzliche Regulierung von Online-Poker vorantreibt, gehören auch Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Harvard-Absolventen, die alle diese These vertreten.

Hinzu kommt, dass auch im Sport kleine Elemente des Glücks nicht fehlen. Chelsea war 2008 kurz davor, Manchester United im Finale der Champions League zu bezwingen, als John Terry in der Verlängerung nur den Pfosten traf. 2008 besagte eine PPA-Untersuchung, dass der Glücksfaktor im Golf dem im Poker in nichts nachsteht.

Abschließende Gedanken

Geld ist im Poker fundamental. Aber obwohl es im professionellen Sport um riesige Summen geht, berührt Geld das Spiel selbst nicht (es sei denn, Schiebung und Korruption sind involviert).

Weil es im Poker aber auf allen Ebenen um Geld geht, widerspricht es dem Grundgedanken des Sports und seinen liberalisierenden Eigenschaften. Sport ist für alle da – er kann soziale Hürden überwinden, verarmte Kinder von der Straße holen und sogar Wut und Aggression kanalisieren.

Finanzen sind nicht ausschlaggebend, wenn es darum geht, ob ein Kind in den brasilianischen Favelas Fußball spielen kann, oder Cricket in den Slums von Mumbai, oder Basketball auf einem Platz in der Bronx.

Auch aus diesem Grund kann Poker nicht als Sport angesehen werden.

Poker ist sehr schwierig zu definieren. Wenn man es auf seine Grundprinzipien herunterbricht, ist es ein Denkspiel, aber es beinhaltet einen Glamour-Faktor im Gegensatz zu Schach und Bridge. Es birgt außerdem immer wieder Potenzial für Skandale und Diskussionen.

Die Debatte um die Einführung der "No Talk"-Regel bei der WSOP oder um ein Turnier mit einem Buy-in von $1 Million ähnelt der um die Einführung einer Torkamera im Fußball. Poker bringt aktuelle, von den Medien aufgegriffene Themen mit sich, ebenfalls wie im Fußball.

Dennoch ist Poker kein Sport - oder wie seht ihr das?