Können Streamer überhaupt noch mithalten?
Laut Kevin Martin haben es Pokerstreamer sehr schwer, auf den höchsten Stakes noch mitzuhalten. Wir wollen erörtern, warum dennoch viele diesen Nachteil in Kauf nehmen.
Die beliebtesten Streamer sind auch immer die authentischsten. Wer sich vor laufender Kamera so verhält, wie er sich auch abseits der Kamera geben würde, kann die größte Zuschauerschaft begeistern, weil man sich mit der Person vor der Kamera identifizieren kann.
Aus diesem Grund sind für mich Pokerstreamer wie Lex Veldhuis, Fintan Hand und Spraggy derart beliebt. Wir sehen nahezu den echten Menschen vor der Kamera, vor allem wenn es mal so gar nicht läuft an den Tischen.
Auch Kevin Martin ist einer dieser authentischen Streamer. Zuletzt hat er nun einiges an Dampf abgelassen darüber, welchem Druck er ausgesetzt ist, wenn er versucht, Highstakes-Turniere zu streamen, während er auch mit der Produktion von Content und der Planung einer Hochzeit beschäftigt ist.
part 2 here: pic.twitter.com/OU1zpyFjm9
— KMart - 🤠(@KevinRobMartin) September 14, 2022
Im Kern ist seine Aussage, dass es sehr schwierig ist für Streamer auf den Nosebleeds noch mitzuhalten, weil sie es mit Gegnern zu tun haben, die sich ausschließlich auf Poker konzentrieren. Dabei hat Martin explizit David Peters genannt, über den gemunkelt wird, dass er auch gerne mal 16 Stunden am Tag für sechs oder sieben Tage in der Woche PIOSolver-Simulationen studiert, um sein Spiel voranzubringen. Wie soll man da noch mithalten können?
Schadet oder hilft Twitch dem Spiel?

Ich habe in der Vergangenheit häufig darüber geschrieben, dass das Streamen der eigenen Partien das eigene Spiel voranbringt. Viele heute bekannte Gesichter wie Jaime Staples, Fintan Hand, Spraggy und Lex Veldhuis habe ich schon verfolgt, bevor ihre Popularität in die Höhe geschossen ist, und ich kann mit Überzeugung sagen, dass sie mittlerweile zehnmal so gut pokern wie früher.
Die Sponsorendeals, die sie bekommen haben, helfen dabei natürlich erheblich, dennoch sorgt vor allem das aktive Erläutern von gespielten Händen während des Streams dafür, dass sich das eigene Wissen immer mehr verfestigt und man zudem von direktem Feedback der Zuschauer profitiert, das immer auch mit Introspektion verbunden ist.
Kevin Martin hat jedoch darauf hingewiesen, dass es eine Obergrenze gibt, wie man auf diese Weise das eigene Spiel voranbringen kann. Ich habe schon viele Interviews mit den bekanntesten Pokerstreamern geführt und stelle diese Frage eigentlich immer. Die Antwort ist meistens dieselbe: Entweder feilen sie abseits der Streams gar nicht am eigenen Spiel, weil die Zeit für die Content-Produktion benötigt wird, oder sie streamen nur mit 60% ihrer Leistungsfähigkeit, weil das Übertragen samt Interaktion mit den Zuschauern dafür sorgt, dass man praktisch von vier weiteren Tischen abgelenkt wird. Im Kern sind sie sich alle einig, dass sie bessere Pokerspieler wären, wenn sie nicht streamen würden.
In deutlich kleinerem Ausmaß kann ich das auch bei mir selbst feststellen. Im Grunde schreibe ich jedes Jahr ein neues Buch und jedes Mal, wenn der Schreibprozess sich dem Ende neigt, steigt der Stresspegel bei mir und mein Spiel an den Tischen wird deutlich schlechter. Aktuell spiele ich daher gar nicht, bis mein nächstes Buch tatsächlich abgeschlossen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man bei noch größerer Auslastung, die stundenlange Streamsessions mit sich bringen würden, überhaupt ansatzweise auf den Highstakes mithalten kann.
Goldenes Zeitalter für Pokercontent

Wir leben in einer merkwürdigen Zeit, bei der unzählige Menschen versuchen, berühmt zu werden – und das gilt auch für Pokerspieler. Häufig erreichen die besten Spieler irgendwann einen Punkt, ab dem sie sich vermehrt auch auf die Pflege des eigenen Images und die Produktion von Content konzentrieren.
Für Fans von Poker und ambitionierte Spieler ist das natürlich optimal, weil der beste Pokercontent auch von den besten Spielern produziert wird. Menschen wie David Peter, die ausschließlich Poker spielen und am eigenen Spiel arbeiten, sind dieser Tage die Ausnahme.
Wir leben im goldenen Zeitalter für Pokercontent. Diejenigen, die aber in die höchsten Sphären und Limits an den Tischen aufsteigen und sich dort etablieren wollen, müssen sich offenbar irgendwann zwischen Content-Produktion und absolutem Fokus auf Poker entscheiden. Aber auch wenn es irgendwann nicht weiter nach oben geht, bleiben viele Streamer dem Spiel treu, weil sie an erster Stelle auch enormen Spaß daran haben, Pokercontent zu produzieren – und natürlich wird auch diese Arbeit ab einer gewissen Bekanntheit fürstlich entlohnt.
Wer ist für euch der beste Pokerspieler, der auch regelmäßig Content produziert? Wir freuen uns auf eure Meinung!