Kolumne: Dauern die Final Tables zu lang fürs Fernsehen?
Nach dem längsten Final Table in der Geschichte des WSOP Main Events stellt sich Barry Carter die Frage, ob die Turniere zu deep sind und die Spieler zu lange nachdenken, um die Final Tables im TV übertragen zu können.
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| Greg Merson hat es geschafft |
Im Vergleich zu den vorigen Jahren wussten wir dieses Mal nicht sehr viel über die Spieler am Final Table der WSOP. Dennoch war es insgesamt ein spannendes Ereignis, nach dem vor allem über zwei Aspekte diskutiert wurde.
Der erste Punkt ist die offensichtliche Klasse des neuen Champions Greg Merson. Er zeigte hervorragendes Poker, schien immer zu wissen wo er stand und machte auf viele Beobachter den Eindruck eines erfahrenen Profis.
Das andere Gesprächsthema, das der Final Table in diesem Jahr lieferte, war seine fast unglaubliche Dauer. So wurden insgesamt 398 Hände am Final Table gespielt und das Spiel der letzten drei dauerte allein schon mehr als elf Stunden, bevor Merson schließlich als Sieger feststand.
Diese Zahlen sind Ausdruck für die gute Struktur des Main Events. Sogar der Spieler mit dem kleinsten Stack ging mit rund 75 Big Blinds in den letzten Tag, während die beiden größten Stacks den Großteil des Finales mit Stacks von 100 Big Blinds bestritten.
Dass der Final Table so lange dauerte, lag mit Sicherheit auch zum Teil an den langen Denkpausen der Spieler sowie den von ESPN geforderten Unterbrechungen, damit die Sendung auch perfekt produziert werden konnte.
Als Pokerjournalist ertappe ich mich in der letzten Zeit vor allem bei großen Events wie der WSOP oft dabei, von "Marathon-" Final Tables oder Heads-ups zu sprechen. Natürlich will niemand Crapshoots aus diesen Events machen, aber man sollte sich die Frage stellen, ob sie mittlerweile zu lange dauern, um noch richtig unterhaltsam zu sein.
Wie deep sollen die Turniere wirklich sein?
Das World Series of Poker Main Event 2012 zog 6.598 Spieler an und wurde über zwölf Tage ausgetragen (darunter drei Starttage).
Das Event begann mit einem Startstack von 30.000 Chips und zweistündigen Levels. Die Spieler am Final Table hatten vor dem eigentlichen Finale eine Pause von 103 Tagen. Der Final Table dauerte insgesamt 18 Stunden und 398 Hände. |
Es gab mal eine Zeit, in der ein Event mit einem Startstack von 10.000 Chips noch als unvorstellbar deep galt. Mit der Festigung des Pokermarktes stieg die Nachfrage nach gut strukturierten Turnieren aber enorm.
Diese Events mit Startstacks von 10.000 Chips sind heutzutage Standard und bei den meisten großen Turnierserien sind sogar weit größere Stacks üblich.
Hinter all dem steht natürlich die Tatsache, dass mit deeperen Stacks das Können der Spieler eine größere Rolle spielt. Die meisten Pokerspieler begrüßen diesen verringerten Glücksfaktor und halten eine deepe Struktur für eine gute Möglichkeit, Poker von den anderen Casinospielen abzugrenzen.
Ein anderer wichtiger Punkt ist gewissermaßen die Gegenleistung, die man für sein Buy-in erhält. Viele Freizeitspieler wollen so lange wie möglich spielen und durch eine deepe Struktur mehr Spielzeit für ihren Einsatz bekommen - egal ob sie es wirklich ins Geld schaffen oder nicht.
Nun scheint es aber so, als wären viele Poker-Events einen Schritt zu weit gegangen. Immer häufiger erleben wir, wie viele Pros erst spät in Turniere einsteigen, weil die ersten Level für das Große und Ganze kaum eine Rolle spielen. So werden tatsächlich Events mit Late Entries bis zu Tag 3 oder Turbo Side Events immer beliebter.
Aus der Sicht eines ambitionierten Spielers kann das sehr sinnvoll sein, da man so nicht mehr Zeit als nötig mit einem Event verschwendet, in dem man in den meisten Fällen sowieso nicht bis ins Geld kommt.
Es lässt sich aber auch die Perspektive eines Freizeitspielers mit dem Wunsch nach einer deepen Struktur gut nachvollziehen, schließlich bin ich selber einer und spiele sehr gerne deep. Das ist natürlich etwas widersprüchlich, da man mit einer deeperen Struktur den besseren Spielern eine größere Edge bietet.
Unterhaltung für die Massen
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| TV-Zuschauer wollen unterhalten werden |
Zurück zum Main Event. Aus der Sicht professioneller Spieler muss es der Himmel auf Erden sein, das Main Event 3-handed mit effektiven Stacks von rund 100 Big Blinds zu spielen.
Für die Zuschauer gilt das hingegen nicht.
Dass man bei Pokerübertragungen versucht, die richtige Balance zwischen den Wünschen von Profispielern und Mainstream-Zuschauern zu finden, habe ich schon oft beschrieben.
So war das Main Event für die Kenner dieses Spiels wahrscheinlich ein großes Spektakel, welches von ESPN für die Unterhaltung der großen Masse noch heftig zusammengeschnitten werden muss.
Beiläufige Pokerfans und Zuschauer, die zum ersten Mal dabei sind, wollen nicht überfordert werden - das ist die goldene Regel aller Pokershows im TV. Aus diesem Grund werden auch fast ausschließlich actionreiche Final Table-Formate mit vielen Coinflip-Situationen gezeigt.
Der durchschnittliche Zuschauer versteht die komplexen Zusammenhänge gebalancter Ranges, des Metagames und von Reverse Implied Odds nicht. Was er aber versteht, ist dass das Paar Achter gewinnt, falls der Dealer nicht doch noch einen König oder eine Dame aus dem Deck zieht.
Ich bin sicher, dass der Final Table sehr ansprechend verpackt und in wenigen, dafür sehr spannenden, Stunden zusammengefasst werden wird. So werden die einzigen, die sich das elfstündige 3-handed Finale über die volle Länge angesehen haben, die Poker-Insider im Rio oder vor dem Live Stream gewesen sein.
Wenn sich ESPN aber dazu entschließen sollte, den Final Table wieder einmal live im TV zu zeigen, muss der Ablauf ein ganz anderer sein als der in der vergangenen Woche.
Wenn Poker zu einem Mainstream-Zuschauersport werden soll, vergrault kaum etwas mehr Zuschauer als 8-minütiges Nachdenken und super-deepe Strukturen.
Einführung der Shot Clock
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| Die World Speed Poker Open |
Es gibt eine mögliche Lösung dieses Problems, mit der zumindest einmal experimentiert werden sollte.
So äußerten in den letzten Monaten zahlreiche Spieler und Veranstalter den Wunsch nach Einführung eines "Shot Clock"-Systems, das die Spieler dazu zwingen soll, ihre Entscheidungen wesentlich schneller zu treffen.
Erst im vergangenen Monat hat mein Kollege von PokerStrategy.com, Matthew J. Perry, dazu eine hervorragende Kolumne geschrieben.
Eben weil Matt schon alles dazu gesagt hat, will ich auf diese Shot Clocks nicht weiter eingehen. Der Zeitpunkt für deren Einführung - zumindest probeweise - ist jedoch aktuell besser denn je.
Spieler wie Daniel Negreanu und Doyle Brunson haben sie bereits gefordert und nach dem längsten Final Table der Geschichte des WSOP Main Events scheint die Akzeptanz enorm zu sein - selbst wenn es nur an einem gestreamten Final Table sein sollte.
Eine Tortur für Spieler und Zuschauer
Dies war zwar der längste Final Table der WSOP, aber keineswegs der längste aller Zeiten.
Dieser Rekord gehört dem WSOPE Main Event 2008. John Juanda benötigte 21,5 Stunden, inklusive einem 7-stündigen Heads-up, und 484 Hände bis er den Titel und £866.800 gewann. |
Als Vertreter der Pokermedien bin ich in der Frage nach kürzeren Final Tables möglicherweise etwas voreingenommen.
Ich habe selber schon von zahlreichen Live-Events berichtet und erlebt, dass einem der Enthusiasmus für das Spiel recht schnell abhanden kommt, wenn das Verlangen nach dem eigenen Bett zu groß wird.
Oft gehören die Blogger zu den lautesten "Fans" hinter den Rails - sie wollen, dass der Spieler endlich gewinnt und sie nach Hause gehen können.
Sehr offenbarend war in dieser Hinsicht beim diesjährigen Main Event auch eine Besonderheit, die sich nach dessen Ende zeigte. So waren sowohl der Drittplatzierte Jacob Balsiger als auch der Zweitplatzierte Jesse Slyvia in ihren Exit-Interviews mit uns keineswegs zerknirscht sondern regelrecht erleichtert.
Zwar sind beide gerade erst zu Millionären geworden, aber trotzdem zeigen sich die Verlierer des Finales meist etwas enttäuschter. Ich bin überzeugt, dass beide ziemlich glücklich darüber waren, dass das Marathon-Finale endlich zu Ende war.
Das Main Event ist immer noch das Main Event und es liegt nahe, dass das wichtigste Turnier des Jahres auch die beste Struktur haben sollte, damit der beste Spieler die größten Chancen hat, als Sieger aus dem Event hervorzugehen. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass es den Spielern sehr weh tun würde, wenn wir das Ganze wieder etwas einschränken und dadurch die Show für breitere Zuschauerschichten interessanter machen würden.

Das World Series of Poker Main Event 2012 zog 6.598 Spieler an und wurde über zwölf Tage ausgetragen (darunter drei Starttage).


Dies war zwar der längste Final Table der WSOP, aber keineswegs der längste aller Zeiten.