Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Kolumne: Die Entdeckung der Langsamkeit - Über Tanking und Timer im Turnierpoker

Unlängst haben viele Pokerspieler ihren Unmut über den Trend geäußert, sich bei Live-Pokerturnieren etliche Minuten in den "Think Tank" zurückzuziehen und über jede noch so trivial anmutende Entscheidung nachzudenken. PokerStrategy.com-Redakteur Matt Perry hat sich Gedanken gemacht, ob neue Maßnahmen der Veranstalter erforderlich sind, um dem Problem zu begegnen.

The ThinkerJeder hat schon mal gegen diesen Typen gespielt. Er wartet bis alle Aktionen vor ihm beendet sind, schaut noch mal vom einen zum anderen und greift dann behutsam nach seinen Karten.

Er biegt die erste Karte an einer Ecke ganz leicht nach oben und senkt den Kopf, um sie anzusehen. Ecke runter, langsam unter die andere Karte schieben und das gleiche Spiel von vorn.

Er spielt mit seinen Chips herum, starrt den Preflopraiser etwa 40 Sekunden lang an und seufzt. Er greift nach ein paar mehr Chips aus seinem Stack, genug für eine 3-Bet, und starrt auf die Blinds.

Wieder ein Seufzer und weitere zwanzig Sekunden später foldet er dann schließlich.

Dieses Verhalten des Tankings (vom Englischen "going into the (think) tank"- sehr intensiv und lange über etwas nachdenken) ist absolut akzeptabel und sogar wünschenswert, wenn man sich zum Beispiel mit einem Riverraise konfrontiert sieht oder in einer anderen Situation steckt, in der ein gewisses Maß an reiflicher Überlegung notwendig ist.

Aber dennoch sollten nur die schwierigste Entscheidungen überhaupt dazu führen, dass man mehr als ein oder zwei Minuten darüber nachdenkt.

In Live-Turnieren ist aber immer häufiger das Gegenteil der Fall. Viele Spieler aus der Welt des Onlinepoker nehmen sich eine Menge Zeit, wann immer sie die Chance bekommen.

Negreanu setzt der Pokerwelt ein Zeitlimit

Er war einer der ersten, der die Praxis des Tankings in diesem Maße genutzt hat: Tom 'durrrr' Dwan (siehe unten) ist natürlich nicht der einzige Online-Grinder gewesen, der zum Livepoker übergegangen ist, besonders nach dem Black Friday.

Inzwischen gilt es übrigens als völlig normal, dass das Ausspielen einer entscheidenden Hand in Live-Turnieren mehrere Minuten, mitunter sogar eine Viertelstunde dauert.

Aber sollte das so sein? Es gab immer schon Gemurre über die Länge der Bedenkzeit, ganz besonders bei Onlinespielern. Einer, der sich nicht scheut offen seine Meinung zu sagen, hat dieses Thema kürzlich mit einer Twittermeldung wieder in die Schlagzeilen der Pokerwelt gebracht: Daniel Negreanu fordert eine "Shot Clock" - und Dawn stimmt ihm zu.

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Der Ursprung des Think Tank

Tom Dwan thinking on High Stakes Poker
Tom Dwan übernimmt Verantwortung
für ausuferndes Think-Tanking

Mit Tom 'durrrr' Dwans Debüt in der Sendung "High Stakes Poker" im Jahr 2009 trafen die Welt des Online- und des Livepoker in einer denkwürdigen Auseinandersetzung aufeinander. Er dominierte den Tisch die ganze Folge über und tat das auch bei seinen weiteren Auftritten in der Staffel.

Es dauerte nicht lange, bis Großmeister Doyle Brunson selbst darauf hinwies, wie lange Dwan für seine Entscheidungen brauche, wenn er an der Reihe sei.

Trotz seiner Fähigkeit, online mehr als ein Dutzend High Stakes Tische, mit einer neuen Hand alle paar Sekunden, gegen einige der besten Spieler der Welt zu spielen, nahm sich Dwan bei seinen Live-Auftritten mehrere Minuten Zeit, um über seine Entscheidungen nachzudenken.

Ob seine Auftritte andere Onlinespieler nun dazu ermutigt haben, sich live mehr Zeit zu nehmen oder nicht (Dwan selbst glaubt das), war es doch das erste Mal, dass das Thema einer begrenzten Bedenkzeit im TV-Poker zur Sprache kam - aber keinesfalls das lezte Mal.

Im folgenden Video geraten Daniel Negreanu und Tony G mit Andrew Robl aneinander, der sich viel Zeit bei seiner Entscheidung lässt. Ein bekanntes Beispiel dafür, wie Tanking auch Tilt verursachen kann:

Y U NO ACT QUICKER?

Bevor wir uns darüber Gedanken machen, wie man dem Problem extrem langen Nachdenkens begegnen kann, sollten wir uns Folgendes fragen: Was ist überhaupt der Grund dafür?

Zunächst erscheint es unlogisch, dass es ausgerechnet die Onlinespieler sind, die das Spiel verlangsamen. Denn gerade diese Spieler beklagen ironischerweise häufig das langsame Livepoker gegenüber ihren eigenen 16-Tabling Sessions.

Spielt man online 12 Tische gleichzeitig, sind das etwa 15 Hände pro Minute oder alle vier Sekunden eine neue Hand. In diesem Fall hat man durchschnittlich weniger als eine Sekunde Zeit, seine Entscheidung in einer Hand zu treffen. Wie also können Onlinespieler ihre lange Bedenkzeit von oft einer Minute oder mehr rechtfertigen?

Taking too long to think?Es gibt mehr Informationen: Ein häufiges Argument sind die vielen zusätzlichen Informationen, die man neben Betsizing, Spieler-History und der Dynamik am Tisch beim Livepoker erhält.

Außerdem sind diese Informationen nicht mit einem kurzen Blick auf ein HUD zu erfassen und erfordern daher mehr Zeit, um analysiert zu werden.

Balancing von Tells: Als der Milliardär Andy Beal Heads-up gegen einen der besten Spieler der Welt antrat, hatte er einen kleinen elektronischen Buzzer in seinem Schuh, der alle 16 Sekunden vibrierte.

Ganz egal wie lange er für eine eigentliche Entscheidung brauchte, er agierte immer erst beim nächsten Vibrieren des Buzzers. Dieses Balancing von Timingtells kann also zu scheinbar längerem Nachdenken führen.

Weil sie es können: Es gibt keine Timebank und keine Software, die eine Hand nach zehn Sekunden automatisch muckt und den Spieler auf Sit-Out setzt. Warum sich also nicht den Luxus gönnen, für eine Entscheidung mehrere Minuten Zeit zu haben?

Ich glaube, dass bedauerlicherweise genau dieser letzte Grund der Hauptaspekt von extrem langem Nachdenken ist. Aber gibt es einen Weg, dem entgegenzutreten?

Lässt sich ein Zeitlimit durchsetzen?

Das Konzept einer Shot Clock kommt aus dem Basketball. Die Teams haben bei Ballbesitz 24 Sekunden Zeit, einen Korb zu erzielen. Tun sie dies nicht, verlieren sie den Ball.

Der allgemeine Konsens ist, dass es einen 60-Sekunden-Timer geben sollte, den man auf verschiedene Weise verlängern kann, um für wirklich schwierige Entscheidungen ein paar Minuten zusätzlich zu bekommen.

Live-Turniere mit einer Turbo-Struktur und begrenzter Zeit zur Entscheidungsfindung stellen sich in der Praxis als immer populärer heraus.

WPT Tournament Director Matt Savage
Matt Savage: "Ich sehe das seit Jahren als großes Problem für Turnierpoker"

Das $250.000 Super High Roller Event der Aussie Millions hatte trotz des hohen Buy-ins eine Turbo-Struktur, über die sich keiner der Spieler beschwert hat. 

Die European Poker Tour hat ebenfalls einige Turbo-Events mit Buy-ins zwischen 300€ und 10.000€ im Angebot, die regelmäßig gut besucht sind.

Darüber hinaus haben sich mehrere andere "Speed Poker" Live-Turniere als erfolgreich herausgestellt und die PokerStars Turbo Championship of Online Poker hat die Erwartungen sogar noch übertroffen.

Die Pokerwelt hat also eindeutig kein Problem mit einem schnellen Spiel. Dennoch ist es für die meisten großen Pokerturniere keine praktikable Lösung, alle Events in diesem Format auszutragen:

"Vor einigen Monaten während des Final Tables der WPT habe ich die Idee einer Shot Clock zur Sprache gebracht" sagte WPT Turnierdirektor Matt Savage. "Die Reaktionen waren unterschiedlich. Die meisten waren sich aber einig, dass es eine solche Shot Clock nicht nur am Final Table geben sollte, sondern von Beginn an für das ganze Turnier."

Matt erklärt weiter, welche Probleme das mit sich bringt: "Das Problem einer Shot Clock zu Beginn eines Turnieres ist, dass man es richtig machen muss. Man benötigt zusätzliches Personal, das die Uhr überwacht. Es wäre unfair, wenn der Dealer sowohl das Spiel selbst als auch die Uhr überwachen müsste."

"Ich denke, dass wir mit dem gegenwärtigen System bereits in der Lage sind, fortwährende Verzögerungen zu unterbinden und die Spieler zur Eigeninitiative zu ermutigen, auf die Zeit hinzuweisen. Wobei ich auch weiß, dass dies wiederum zu Problemen der Spieler untereinander führt. Die Teilnehmer bezahlen eine Menge Geld und haben das Recht, sich Zeit für ihre Entscheidungen zu nehmen. Auf der anderen Seite führt ein langsames Spiel natürlich zu einer Verschlechterung der Struktur."

"Ich bin durchaus gewillt, ein Turnier mit Shot Clock auszuprobieren und wahrscheinlich wird es bei den nächsten LA Poker Classics so weit sein"

Stoppt das Tanking - Rettet TV-Poker

Zwar sollte die Zufriedenheit der Spieler für die Organisatoren von Pokerturnieren an oberster Stelle stehen, doch gibt es aufgrund des Trends zu 13-minütigen Turnraises auch noch eine ganz andere Besorgnis.

Wenn Live-Übertragungen die Zukunft der Berichterstattung über Turnierpoker sind, was allem Anschein nach der Fall ist, können wir es uns schlichtweg nicht leisten, dass Spieler auf jeder Straße eine Ewigkeit überlegen können und so nur noch ein paar wenige Hände in der Stunde gespielt werden.

Für die Verbreitung des Spiels war die Übertragung von Poker im Fernsehen sehr hilfreich. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass dies auch weiterhin einen Einfluss auf das Wachstum haben wird. Der Erfolg von live übertragenen Pokerturnieren ist größer, als viele Vertreter der Pokerindustrie, mich selbst eingeschlossen, jemals erwartet hätten.

Wenn aber 75% einer Übertragung aus Bildern von Anfang 20-jährigen College-Abgängern mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzenpullovern bestehen, die mit gerunzelter Stirn auf den Tisch starren und mit ihren Chips herumspielen, kann man kaum erwarten, dass irgendwer das Geschehen verfolgt und sich vom Spiel begeistern lässt.

Vor Jahren haben wir uns darüber beschwert, dass Poker im Fernsehen nichts weiter sei, als ein zusammengeschnittener All-in-Marathon, bei dem die Gedankengänge, die Komplexität des Spiels und Anzeichen von tiefergehenden Strategien völlig außen vor bleiben. 

Wie es scheint, haben wir es nun auf der anderen Seite zu weit getrieben. Wir spielen immerhin nicht Schach. Und selbst wenn, würden wir Blitzschach spielen und Daniel Negreanu hätte keinen Grund zur Beschwerde. 

By Matt 'mjperry' Perry | MJPerry auf Twitter

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