Kolumne: Poker ist kein Sport - warum Events nur für Profis nicht funktionieren
Angesichts des Insolvenzantrags der Epic Poker League stellt Barry Carter die Frage, ob ein Turnier-Modell wie bei den Profigolfern auch in der Poker-Branche funktionieren kann.
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| Die EPL meldete Insolvenz an. |
In dieser Woche meldete das Unternehmen hinter der Epic Poker League nach nur drei ausgetragenen Events Insolvenz an. Via Twitter und in Pokerforen waren seitdem immer wieder Aussagen wie "Das habe ich von Anfang an gesagt" zu lesen.
Auch ich habe stets erklärt, warum ich der Meinung war, dass solche eine Tour nicht funktionieren würde. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht weiter auf diejenigen einschlagen, die ohnehin schon am Boden liegen - vor allem, weil hinter der Eventserie Menschen stehen, deren Jobs in Gefahr sind. Vielmehr möchte ich über ein bestimmtes Element der Liga sprechen, welches wir von Zeit zu Zeit immer wieder beobachten können, das aber nur selten funktioniert.
Seit Poker zur Mainstream-Bewegung wurde, gab es immer wieder Diskussionen um die Frage, ob das Spiel ein Sport sei. Wenn man mal die Tatsache beiseitelässt, dass einige unserer größten "Athleten" als adipös bezeichnet werden müssen oder die, dass man auch betrunken große Titel gewinnen kann (danke noch einmal an dieser Stelle Scotty), dann dient die Parallele zum Sport eigentlich einem guten Zweck.
Und zwar hauptsächlich, um das Image des Pokerspiels "aufzupolieren". Bis zum großen Boom war Poker ein Spiel der Hinterzimmer, die Spieler selbst wurden eher als Bürger zweiter Klasse wahrgenommen. All die Cowboys, Gangster und heruntergekommenen Glücksspieler etwas aus dem Rampenlicht zu nehmen war sehr wichtig für die Poker-Branche. Das Spiel wie eine Sportart zu behandeln, war der perfekte Weg, dies zu erreichen.
Poker wird meistens auf Sportsendern übertragen, viele ehemalige Profisportler (und Prominente) unterstützen das Spiel und die besten Spieler werden wie Stars behandelt und wie Formel 1-Fahrer mit Werbung vollgeklebt. Poker ist heutzutage in der Öffentlichkeit weitaus akzeptierter. Ich denke, die Sportvergleiche haben hierbei enorm geholfen.
Wir müssen uns also beim Sport bedanken, dass wir solange in dessen Windschatten von seinem seinem guten Ruf profitieren konnten. Leider sind wir zu lange eben dort geblieben.
Das PGA-Modell
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| Macht das PGA-Modell für Poker Sinn? |
Jahrelang haben die Besten des Spiels versucht, auch im Poker eine Tour nach dem PGA-Modell (die Liga der besten Golfer) einzuführen. Dabei handelt es sich um eine Serie bestehend ausschließlich aus Einladungsturnieren, in der nur die Besten der Besten eingeladen werden, um dort den Besten der Besten der Besten zu ermitteln.
Für dieses Format ist die Epic Poker League das beste Beispiel, aber es gab andere Versuche, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Der Onyx Cup (welcher jedoch nie stattfand) und die Professional Poker Tour, ein Spin-off der WPT, sind Beispiele. Ebenso wurden zahlreiche Ranking-Systeme eingeführt - z.B. Bluff, Cardplayer, Global Poker Index - die ebenfalls das Ziel hatten, den besten Pokerspieler zu ermitteln.
Zyniker haben hiergegen stets eingewendet, dass die Versuche, eine PGA-artige Tour zu etablieren auch gleichzeitig solche waren, um zu verhindern, dass unbekannte Spieler ein großes Event gewinnen. Gleichzeitig sollten die im TV am besten zu vermarktenden Spieler an die Final Tables dieser Events gelangen. Dabei ist richtig, dass die meisten Zuschauer Phil Ivey, Daniel Negreanu und Phil Hellmuth am selben Tisch sehen wollen und dies ist entsprechend das größte Argument für eine Tour im PGA-Stil: Ein optimal zu vermarktender Final Table.
Das alles können wir aber auch haben, ohne eine neue Liga gründen zu müssen. Genau hierfür sind Shows wie Poker After Dark, die NBC Heads-up Championships, High Stakes Poker und Super Highroller Events nämlich gemacht. Außerdem: Wollen die Zuschauer wirklich eine Poker-Liga sehen? Ich denke eher, dass der normale Zuschauer an großen Summen und der Dramatik des entscheidenden Moments interessiert ist - und nicht daran, den Lieblingsspieler um Punkte in einer Liga kämpfen zu sehen.
Zusätzlich gibt es natürlich auch noch den Faktor Glück: Wie kann jemand ein Ligaformat ernst nehmen, wenn Glück eine so große Rolle spielt? Klar, je mehr Events man spielt, desto weniger stark spielt das Glück eine Rolle. Aber es würde hunderte, vielleicht tausende Turniere brauchen, um realistisch einschätzen zu können, wer die wirklich besten Spieler sind. Eine Liga, die eine Hand voll Events umfasst, wird wohl eher von dem gewonnen, der am besten runnt.
Ich habe besondere Schwierigkeiten damit, ein Format ernst zu nehmen, wenn die Teilnehmer gar nicht die Topspieler sind, die ihre Einladung vermuten lässt. Wenn viele der Teilnehmer hohe Schulden haben, sich Geld für ihr Buy-in leihen müssen oder schlicht und ergreifend Pleite sind, dann erscheint es mir lächerlich, sie einzuladen. Dafür ist Geld ein viel zu wichtiger Faktor bei der Einschätzung, wer ein guter Spieler ist und wer nicht. Der erste Sieger bei der Epic Poker League hieß Chino Rheem und er war hierfür ein perfektes Beispiel. Die Geschichten über seine Schulden überschatteten seinen Sieg im letzten Jahr.
Der Kampf gegen das Glückselement
Es gab weitere Formate neben dem PGA-Tour-Konzept, die Poker einer Sportart angleichen sollten. Mit zahlreichen, aber wenig erfolgreiche Ideen wurde versucht, den Skill-Faktor zu stärken oder den Glücks-Faktor sogar komplett aus dem Spiel zu verbannen. Ich habe viele Versuche gesehen, mit neuen Poker-Varianten Bad Beats abzuschaffen, indem die Varianz irgendwie umgangen wird (normalerweise indem keine Karten mehr ausgeteilt werden, wenn das Geld in die Mitte wandert, oder Preise nach Equity anstelle am Showdown auszuzahlen). Andere versuchten die Varianz zu verringern, wie etwa Duplicate Poker.
Ihr habt von diesen Formaten noch nie gehört? Das liegt daran, dass sie nie funktionieren und nur selten lange genug existieren, um überhaupt ihr Scheitern mitzubekommen.
Poker ist für alle da
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| Poker lebt von Aschenputtel-Geschichten |
Das größte Problem mit dem PGA-Modell ist, dass es das gewisse Etwas dem Pokerspiel nehmen soll, weshalb Poker so gut zu vermarkten, profitabel und unterhaltsam ist.
Poker ist besonders, weil es eine Brücke baut zwischen den Spielern auf PGA-Tour-Level und dem Amateur, welcher zu Hause vor dem Fernseher sitzt. Das Beste, was dem Pokerspiel je passiert ist, war der Sieg des Amateurs Chris Moneymaker beim Main Event, als er alle Profis hinter sich ließ und damit Millionen von Spielern dazu ermutigte, es ihm nachzumachen.
Die Tatsache, dass ein blutiger Anfänger den besten Spieler der Welt schlagen kann, macht Poker so gut zu vermarkten. Weil die Varianz einem schlechten Spieler den Glauben vermittelt, Spiele schlagen zu können, in denen sie eigentlich der totale Underdog sind, ist Poker profitabel. Der Umstand, dass sich jeder Mensch mit dem entsprechenden Kleingeld in ein WSOP/WPT/EPT-Event einkaufen und neben Phil Hellmuth oder Daniel Negreanu gesetzt werden kann, unterscheidet Poker von jedem anderen "Sport". Genau das ist der Vorteil von Poker.
Und doch versuchen Event-Veranstalter und Spieler seitdem Moneymaker uns diese Dinge 2003 vor Augen geführt hat, die Hand zu beißen, die sie füttert. Indem sie nämlich 99,9% der Spieler ausschließen wollen, die sie finanzieren.
Die einzigen Menschen, die vom PGA-Modell wirklich profitieren, sind die Spieler, welche dazu eingeladen werden. Ich finde, wir sollten aufhören, diese Minderheit derart zu verwöhnen, indem wir ihnen unglaubliche Sponsorenverträge oder Pokerturniere mit zusätzlichem Preisgeld anbieten. Stattdessen sollten wir uns um die große Mehrheit kümmern, welche das Poker-Ökosystem am Laufen hält.
Natürlich wollen wir die besten Spieler der Welt im TV sehen, aber noch viel mehr wollen wir mit ihnen spielen. Darum ist Poker so erfolgreich, darum funktionieren die WSOP, EPT und WPT, darum ist ein Online-Partner wichtig für den Erfolg eines großen Events oder TV-Show. Nur so bringt man neue Spieler zum Träumen. Der Umstand, dass man sehr schnell an die Spitze gelangen kann, und sei es nur für einen Moment, macht Poker so verführerisch.
In dem Moment, in welchem man der breiten Masse die Tür verschließt, schließt man auch alles aus, was das Spiel so besonders macht.
von Barry Carter


