Kolumne: Sind die Ergebnisse von Live-Turnieren verlässlich? (Teil 2)
Barry Carter setzt seine Kolumne über die Aussagekraft von Turnierergebnissen über das Können einzelner Spieler fort.
Im ersten Teil seiner Kolumne über die Aussagekraft von Live-Turnieren geht Barry Carter Staking-Deals, Skandalen und den Turnierdatenbanken auf den Grund. Heute sieht er sich an dieser Stelle die Rolle der Varianz im Live-Poker genauer an.
Sample Size
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| Hat Doyle mittlerweile eine ausreichende Sample Size? |
Ein Vorteil des Online-Poker im Vergleich zum Live-Poker ist die unglaubliche Anzahl an Händen, die man dort in kurzer Zeit spielen kann.
So kann man in wenigen Monaten online mehr Hände spielen als Doyle Brunson in seinem ganzen Leben, während man gleichzeitig ziemlich genau sagen kann, ob man profitabel Poker spielt oder nicht.
Für Live-Turniere gilt genau das nicht. Man müsste wohl die Karrieren von zwei Doyle Brunson aneinanderreihen, um auch nur annähernd abschätzen zu können, ob man Winning Player ist oder nicht.
Es gibt schlicht und einfach zu wenige Events und das Jahr hat nicht genug Tage, um die Ergebnisse von Live-Pokerturnieren zu verlässlichen Quellen über die wahre Qualität eines Spielers werden zu lassen.
In diesem interessanten Blogeintrag von NoahSD wird gezeigt, wie auch gute und profitabel spielende Turnierspieler auch nach Tausenden von Turnieren noch im Minus sein können, bevor sich Glück und Pech irgendwann ausgleichen.
Im Gegensatz dazu kann man bei den Live-Cashgames relativ einfach eine Sample Size erspielen, die große Aussagekraft bezüglich der Frage nach Winning oder Losing Player vorweist. Das liegt zum einen daran, dass die Sample Size in diesem Fall auf der Anzahl der gespielten Hände basiert und zum anderen, weil man jederzeit ein Live-Cashgame vorfindet, in das man einsteigen kann.
Turnierspieler haben diese Möglichkeit nicht, da die Sample Size dort auf der Anzahl der gespielten Turniere basiert. Darüber hinaus ist die Varianz bei Turnieren natürlich viel viel größer, sodass man allein deswegen schon eine wesentlich größere Sample Size als bei Cashgames benötigen würde.
Am wichtigsten ist aber, dass es niemals genug Turniere geben wird, um eine ausreichende Sample Size zu erlangen. Man benötigt immer ein paar Tage für die Anreise zu einem Event, bei dem dann nur eine kleine Anzahl an Turnieren angeboten wird, in denen man auch noch jeweils in der ersten Hand ausscheiden könnte - und schon muss man sich wieder ein paar Tage auf den Weg zu einem anderen Turnier machen.
Der "Survivor Bias"
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| Gehört Jerry Yang zu den besten der Welt? |
Daraus folgt, dass ein hervorragender Turnierspieler den Rest seiner Karriere weiterspielen könnte, ohne jemals ein wirklich gutes Ergebnis zu erzielen.
Der für unsere Diskussion wichtigste Aspekt könnte sein, dass somit ein Großteil der bekanntesten Namen der Pokerwelt einfach nur einen Upswing gehabt haben dürfte.
Wir wissen, dass Jamie Gold und Jerry Yang ihre Karrieren als zwei der größten Gewinner überhaupt beenden werden, obwohl sie beide sehr wahrscheinlich nicht einmal annähernd zu den besten Spielern gehören. Aber vielleicht hatten ja viele unserer Turnierhelden einfach nur genauso großes Glück.
Nassim Taleb hat mit Narren des Zufalls ein sehr spannendes Buch geschrieben, in dem er am Beispiel erfolgreicher Unternehmer und Börsenhändler der Frage nachgeht: "Was, wenn sie einfach nur Glück hatten?"
Diese Frage lässt sich auch für Poker stellen, denn schließlich könnten wir alle dem sogenannten "Survivorship Bias" (dt. etwa: Ungleichgewicht zugunsten der Überlebenden) erlegen sein. Dabei versuchen wir fälschlicherweise von Leuten zu lernen, die nur aufgrund glücklicher Umstände etwas erreicht haben.
Auf Poker bezogen kann man dies an einem Beispiel erläutern, in dem alle Teilnehmer des WSOP Main Events komplette Anfänger sind.
Obwohl alle die gleich geringen Chancen haben, das Turnier zu gewinnen, wird schlussendlich einer von ihnen als Sieger feststehen. Und wir könnten im Anschluss daran zu Unrecht annehmen, dass es sich hierbei um einen sehr versierten Spieler handelt, da er ja gerade $8 Millionen und den Weltmeistertitel gewonnen hat.
In meiner persönlichen Theorie ist jeder Leser dieser Kolumne (oder jeder mit einem ernsthaften Interesse an Poker) bereits auf der richtigen Seite des "Survivor Bias" gelandet. Niemand verliert gerne und so kann ich mir nichts anderes vorstellen, als dass alle die nach ihrem ersten Jahr noch Poker spielen, in diesem ersten Jahr zumindest kein großes Pech hatten. Andernfalls hätten wir alle nicht die nötige Motivation gehabt, um weiter zu spielen und das Spiel von Grund auf zu erlernen.
Respekt & Anerkennung
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| Merson gewinnt Geld und Anerkennung |
Zurück zur WSOP und dem aktuellen Champion Greg Merson, der zur Zeit von allen als unglaubliches Talent gefeiert wird. Bemerkenswert dabei ist, dass er nicht nur wegen seines Gewinns des Main Events und des Titels als Player of the Year gelobt wird, sondern vor allem für die Art und Weise, in der er dies bewerktstelligt hat.
Im Live Stream konnten sich alle Zuschauer von seinen Fähigkeiten überzeugen und so war es nicht das Ergebnis an sich, sondern eher seine Spielweise und sein Verhalten am Final Table, das die größere Anerkennung als das Preisgeld und der Titel nach sich zog.
Gleiches gilt für all die Spieler, die den universellen Respekt der Pokercommunity genießen. Phil Ivey gilt beispielsweise vielen als bester Spieler der Welt. Zwar sind seine Resultate bei Live-Turnieren ohne Zweifel außergewöhnlich, aber es sind doch vor allem seine Aktionen am Tisch und der Respekt, der ihm von anderen hoch angesehenen Spielern entgegen gebracht wird, der ihn auf so viele dieser beliebten Bestenlisten bringt.
Live-Turniere sind für mich, als Spieler und als Journalist, das schönste am Pokern. Sie sind meiner Meinung nach die beste Werbung für unser Spiel.
Daher möchte ich sie nicht schlechtreden oder das Image eines unserer Helden ruinieren. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es weit bessere Möglichkeiten gibt, um den Erfolg, das Können oder gar die Integrität von Pokerspielern messen zu können, als einfach nur die Anzahl der Flaggen auf seinem Profil bei Hendon Mob zu zählen.


