Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Kolumne: Was ist am Slowrolling so schlimm?

Barry Carter diskutiert, warum Slowrolling unter Pokerspielern so missbilligt wird und zeigt einige der bekanntesten Beispiele dieses Phänomens.

In der vergangenen Woche habe ich einen Ausschnitt aus der neuen Show Poker Night in America gesehen, in dem Shaun Deeb gegen Mike Matusow slowrollt. Während es für Deeb offensichtlich nur ein harmloser Scherz war, konnte sich Mike nur sehr wenig darüber freuen.

"Ihr könnt Witze über mich machen, ihr könnt machen was ihr wollt, ich komme nur nicht damit zurecht, geslowrollt zu werden."

Nach dieser Aktion war Mike nicht nur wütend, sondern regelrecht niedergeschlagen und fast schon den Tränen nahe. Seine Reaktion erinnerte mich an die von Kindern, die nach einem misslungenen Streich zu weinen anfangen. Darüber hinaus wollte er zunächst das Spiel verlassen und bedrohte anschließend auch noch Shaun Deeb. Die Stimmung am Tisch war im Anschluss dementsprechend angespannt (bis auf Gavin Smith, der Mike dazu bringen wollte, Shaun für das Fernsehen zu verprügeln).

Aber warum war Mike eigentlich so sauer?

Slowrolling vs. "Nitrolling"

Nur um es gleich klarzustellen, es gibt einen Unterschied zwischen Slowrolling und "Nitrolling". Im letzteren Fall braucht ein sehr tighter Spieler ewig, um mit einer sehr starken Hand einen scheinbar offensichtlichen Call zu finden.

Auf den ersten Blick scheint der Unterschied zwar nicht sehr groß zu sein, Nitrolling ist aber dennoch einfach ein Ausdruck der Risikoscheu mancher Spieler. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die vielleicht beste Hand in der Geschichte des TV-Poker (die ich jedes Mal wieder gerne zeige):

In der Hand wird Hellmuth des Slowrolling beschuldigt, weil der Rest des Tisches den Call für den einfachsten der Welt hielt. Phil überlegte jedoch allerdings ernsthaft, ob sein Gegner eine der beiden Hände halten könnte, die ihn schlagen. Am Ende bekommt er natürlich die sehr unterhaltsame Rechnung für sein langes Überlegen.

Beim Slowrolling hat man im Gegensatz dazu die beste Hand (entweder weil es die Nuts sind, man einen guten Read hat oder der Gegner bereits seine Karten gezeigt hat) und die Action endet mit dem eigenen Call - und trotzdem lässt man sich absichtlich viel Zeit.

Wer slowrollt und warum?

Die meisten Slowroller sind wohl unter den unerfahrenen Spielern zu finden. Sie haben keine Ahnung davon, dass sich so etwas am Pokertisch nicht gehört und glauben, sich ganz besonders cool verhalten zu müssen, um ihre Gegner zu verwirren.

Andererseits erkennen sie wohl oft auch nicht, dass sie eine extrem starke Hand halten, mit der man eigentlich snap-callen muss. Bestes Beispiel dafür ist Anthony Anderson beim Promi-Poker:

Dann gibt es aber auch Situationen, die ich mir nicht wirklich erklären kann. In dieser Hand des World Cup of Poker 2010 muss der Spieler entweder sehr ahnungslos oder ein ziemlicher Idiot sein - ich hoffe er war ersteres:

Manchmal kann man einem Slowroller aber auch nicht böse sein, wie der 96-jährige Jack Uri im WSOP Main Event bewies. Vielleicht lag es einfach daran, dass er nicht in der Lage war, seine Karten schnell genug umzudrehen. In jedem Fall war er so ein liebenswürdiger Underdog, dass sein Slowroll kaum für schlechte Stimmung sorgte.

Was ist am Slowrolling so schlimm?

https://www.pokerstrategy.com/wp-content/uploads/cdn-origin/2013/09/23/Matusow.jpgSlowrolling ist vor allem aus zwei Gründen so verkehrt.

Zunächst einmal will man dadurch einzig und allein seinen Gegner ärgern und ist ein Zeichen fehlenden Respekts.

Der andere Grund ist, dass man mit einem Slowroll den einzig ehrlichen Moment beim Pokern kaputt macht. Wenn alle Chips in der Mitte liegen und man nur noch mit den Nuts callen muss, gibt es einfach keinen Grund dafür, die ganze Sache in die Länge zu ziehen. Es ist der einzige Moment beim Pokern, indem man seine Hand face up spielt und seinen Gegner nicht länger in die Irre zu führen versucht.

Wenn man slowrollt, verzichtet man auf die äußerst selten eingeforderte Etikette, diesen Ehrenkodex unter Glücksspielern, der Poker zu einem sozialen Spiel macht.

Obwohl ich felsenfest davon überzeugt bin, dass Shaun Deeb keine bösen Absichten hatte und in einer Homegame-Athmosphäre mit Kumpels etwas Blödsinn machen wollte, verstehe ich doch warum Mike so sauer wurde. Seine emotionale Reaktion zeigte deutlich, warum Slowrolling so schlechter Stil ist: wer geslowrollt wird erfährt die Geringschätzung seines Gegners überdeutlich.

Zum eigentlichen Opfer eines Slowrolls wird allerdings der Slowroller selbst, der zwar seine Respektlosigkeit dem Gegner gegenüber deutlich zum Ausdruck bringt, sich im selben Moment aber alle anderen Spieler am Tisch zum Feind macht.

von Barry Carter l Folgt Barry Carter bei Twitter