Leben Pokerspieler in einer Blase?
Oft hört man, dass professionelle Pokerspieler völlig weltfremd sind. Die Frage ist, stimmt das wirklich?

Wenn ihr diese Woche auf Twitter herumgeschwirrt seid, habt ihr sicherlich auch die Posts über eine der hitzigsten moralischen Debatten innerhalb der Poker-Community gesehen: Trinkgeld für Dealer, wenn man eine Hand gewonnen hat. Die Diskussion selbst ist natürlich interessant, hier war aber besonders, wie schmutzig die Diskussion nach einer Zeit wurde. Obwohl Poker nur ein Spiel ist, kann es doch für einige Emotionsausbrüche sorgen.
Als ich das Thema in meinem privaten Umfeld besprochen habe, konnte ich oft hören, dass ‘Pokerspieler in einer Blase leben’. Die giftigen Diskussionen innerhalb der Community über triviale Dinge seien da schon Beweis genug dafür, dass die Spieler oder zumindest die Profis vom Rest der Welt isoliert sind.
Außerdem kennt jeder das Klischee vom Pokerspieler, der schon an den simpelsten Herausforderungen des normalen Lebens scheitert. Wir reden oft darüber, wie gut Pokerspieler sich ‘in der echten Welt’ anstellen würden. Ein weiterer Indikator dafür, dass Poker doch etwas neben der Gesellschaft steht.
Leben Pokerspieler also in einer Blase?
Kein 'echter' Job?
Die Kurzantwort lautet wohl ja, aber bleibt noch einen Moment bei mir Mitblasenbewohner.
Professionelle Pokerspieler haben - anders als viele andere Menschen - durch das Spiel die Möglichkeit alltäglichen Ereignissen aus dem Weg zu gehen.
Angefangen bei der Arbeitszeit: Es gibt wohl kaum einen Spieler, der sich an das klassische 9-to-5-Konstrukt der Arbeitswelt hält. Zudem muss man auch nicht früh ins Bett, weil der Wecker morgen wieder pünktlich um 7 Uhr klingelt. Das Geld, um das es in einer einzelnen Hand gehen kann, könnte das Leben eines ‘echten Arbeiters’ nachhaltig verändern, weshalb Pokerspieler wohl auch einen anderen Bezug zu Geld haben. Pokerspieler verbringen oft sehr viel Zeit an den Tischen und in ihrer Freizeit surfen sie durch verschiedene Foren. Da bleibt kaum Zeit die Nachrichten zu verfolgen. Die Meisten müssen sich nach ihren Kunden oder ihrem Chef richten und ihr Verhalten anpassen, um mehr Geld verdienen zu können. Als Pokerspieler ist man sein eigener Boss und Kunden gibt es auch nicht.
Nicht jeder Pokerspieler lebt in einer Blase. Es gibt Spieler, die politisch engagiert sind, das Geld zu schätzen wissen und fantastische Charity-Aktionen ins Leben rufen oder unterstützen. Sie schauen also sehr wohl über den Tellerrand.
Die Filterblase
Ich glaube zwar, dass diese Pokerblase existiert, wir alle leben aber in zahlreichen Blasen. Es liegt in der menschlichen Natur Gruppen zu bilden, doch besonders das Internet, welches die Welt eigentlich näher zusammenbringen sollte, ermutigt uns dazu uns weiter abzuschotten. Anstatt unseren Horizont zu erweitern, suchen wir im Internet lieber nach Leuten, die unsere Meinung teilen.
Das Internet zeigt uns durch optimierte (Werbe)-Inhalte außerdem immer das, was wir sehen wollen, diesen Umstand nennt man Filterblase (ich empfehle wärmstens das gleichnamige Buch). Facebook, Google, Twitter und YouTube nutzen Algorithmen, welche unsere Historie verwenden, um auf uns zugeschnittene Inhalte präsentieren zu können. Die Ergebnisse einer Suche nach ‘Donald Trump’ in einem dieser Portale können erheblich abweichen, es kommt z. B. darauf an, ob der Account einem vermeintlichen Demokraten oder Republikaner gehört. Wir sehen nur Dinge, die unsere Meinung bestätigen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir aggressiver reagieren, wenn jemand uns widerspricht.
Das beste Verteidigungsargument für Poker ist wohl, dass es ein weltweites Phänomen ist. Ohne Poker wären viele der Spieler wohl nie so viel herumgekommen und hätten so viele verschiedene Menschen kennengelernt. Bei den meisten normalen Jobs wäre das auch gar nicht möglich. Dank Poker habe ich Freunde auf der ganzen Welt, habe in New York geheiratet, mein Trauzeuge war Amerikaner (ich bin Brite) und habe die Welt bereisen und sehen können. Das Spiel erweitert euren Horizont, wenn ihr es nur lasst.
Poker ist eine Blase und wahrscheinlich die blasigste von allen, denn viele der Skills, die man als guter Spieler benötigt, sind genau das Gegenteil von dem, was man in einem ‘normalen Job’ braucht. Will man aus dieser Blase ausbrechen, sollte man sich erst einmal mit der eigenen Internetnutzung auseinandersetzen (und wohl weniger Zeit dort verbringen), anstatt seine Pokergewohnheiten verändern zu wollen.
Denkt ihr, dass Profispieler in einer Blase leben? Teilt eure Meinung mit uns in den Kommentaren.

