Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Lebenslektionen durch Poker: Expected Value

Wie können wir Pokerwissen für das Leben nutzen? Das schauen wir uns in diesem Artikel anhand von EV-Überlegungen im Alltag an.

plus ev comics

Im Poker wird man nicht weit kommen, wenn man Expected Value nicht verstanden hat. Es ist der Erwartungswert, den man ausgehend von einer konkreten Spielsituation, den möglichen Spielverläufen und den zu erwartenden Gewinnen bzw. Verlusten für die einzelnen Spielverläufe insgesamt erwarten kann.

Geht man am Tisch in einem bestimmten Spot All-in, gewinnt man manchmal $100 und manchmal geht man broke. Der Erwartungswert liegt vielleicht aber bei $60. Man kann eine Hand also verlieren und dennoch alles richtig gemacht haben.

Dies ist eine sehr wichtige Lektion im Poker und es kann einen emotional sehr belasten, wenn man es nicht versteht: Man kann alles richtig machen und verlieren, ebenso kann man alles falsch machen und gewinnen. Was wir tun können, ist diejenigen Entscheidungen zu treffen, die uns über eine große Sample den meisten Profit versprechen.

Mathematik ist aber nicht mein Hauptargument (was ihr am folgenden Beispiel noch sehen werdet). Ich habe EV für mich immer auf die Frage heruntergebrochen: “Ist es für mich profitabel, wenn ich das nun 100x mache?” 100x ist natürlich keine verlässliche Sample, es ist in anderen Lebensbereichen jedoch eine nützliche heuristische Methode, um Entscheidungen zu treffen.

Der EV einer Autoversicherung

Robin Williams car salesman
Ist der Deal mit einem Autoverkäufer +EV?

Letzten Monat habe ich ein neues Auto gekauft und der Verkäufer wollte mir eine zusätzliche Premiumversicherung namens Gap Insurance verkaufen. Fährt man das eigene Auto zu Schrott, gibt einem die Versicherung nur das Geld, um es mit einer Secondhand-Version zu ersetzen. Wenn das brandneue Auto also hin ist, verliert man die Differenz zwischen Neu- und Gebrauchtwagen.

Dieser Versicherungsschein hätte mich £500 gekostet und hätte ca. £2.000 des potenziellen Wertverlusts kompensiert. Ich sagte dem Verkäufer also, dass ich das Auto in einem von vier Fällen crashen müsste, um break even zu sein (noch eine Lebenslektion: Pot Odds bei Verhandlungen nutzen). Ich wusste also, dass der Deal schrecklich ist. Er argumentierte jedoch ziemlich verzweifelt, dass ich mich später ärgern würde, sollte ich das Auto schrotten.

Sollte ich das Auto wirklich gegen den Baum setzen, hätte ich natürlich £2.000 an Wert verloren. Ich würde aber lediglich mit den Schultern zucken und es einen Bad Beat nennen. Ich bin mir sicher, dass ich die meiste Zeit £500 besser dastehe. Ich habe keine Ahnung, wie wahrscheinlich es ist, einen Neuwagen direkt zu schrotten. Meinen genauen EV kann ich hier also nicht berechnen. Ich habe aber noch nie ein Auto zu Schrott gefahren und würde ich mich 100x in diesem Spot befinden, stünde ich ohne die Versicherung massiv besser da.

Den 'Life-EV' berechnen

Bill Murray in Groundhog Day
Wir werden nicht ständig wieder und wieder in derselben Situation sein

Vor einigen Jahren hat meine Frau ein perfektes Jobangebot angenommen. Die Branche war ideal, sie fand es interessant, es war gut bezahlt, sie war ihr eigener Chef, bekam Vergünstigungen und musste nicht weit fahren. Leider war der Konzernleiter gewalttätig, ein Betrüger und wahrscheinlich auch drogensüchtig. Zum Glück hatte sie die Zeichen früh genug erkannt, um den Konzern vorm Niedergang zu verlassen.

Für uns war die nachfolgende Jobsuche nicht leicht, dennoch waren wir froh, dass sie das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen konnte.

Diese Erfahrung hat sie natürlich aufgewühlt, schließlich musste sie den perfekten Job aufgeben. Sie gab sich selbst die Schuld, den Job überhaupt genommen zu haben, dabei hatte sie keine Kontrolle über die negativen Machenschaften. Also nutzte ich das Konzept des EV, um ihr zu zeigen, dass sie mit dem Job damals eine gute Entscheidung getroffen hatte und diese in Zukunft wieder genau so fällen sollte. Auch hier wäre sie bei 100 Fällen am Ende besser dran, wenn sie den Job nimmt. Sie ist bei diesem Mal lediglich in den Ein-Outer gerannt.

Logischerweise werden wir uns im echten Leben nicht 100x in derselben Situation befinden. Irgendetwas wird immer anders sein. Spielen wir im Kopf jedoch bei den wichtigen Entscheidungen dieses Szenario durch, so können wir oft richtig abwägen, ob eine Entscheidung uns in die bestmögliche Position bringt.

Solltet ihr einen Teil verpasst haben, findet ihr hier die weiteren Artikel der Serie: Der Umgang mit Glück & die Bedeutsamkeit der Samplesize.

Wie habt ihr EV-Überlegungen für eure tägliche Entscheidungsfindung bereits genutzt? Schreibt uns eure Story in die Kommentare.

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