"Manchmal denke ich, 2003 war gestern" - Interview mit Chris Moneymaker
Zehn Jahre nach seinem alles verändernden Sieg beim WSOP Main Event sprach Chris Moneymaker mit uns über die Entwicklung des Spiels und über Online-Poker.
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| Chris Moneymakers historischer Sieg beim WSOP Main Event 2003 |
PokerStrategy.com: Hey Chris, danke, dass du dir die Zeit nimmst – kommst du gerade aus den USA?
Chris Moneymaker: Nein, aus Montreal.
PokerStrategy.com: Schlimmer Jetlag?
Chris Moneymaker: Ich habe letzte Nacht 18 Stunden geschlafen [lacht]. Ich bin davor absichtlich lange wach geblieben und habe mir Filme angesehen, so dass ich gut einschlafen konnte.
Durch meine Reise nach Macau habe ich gelernt, meinen Schlafrhythmus richtig strategisch zu planen. Ich werde nie vergessen, wie ich in Macau vor Facebook saß und das Turnier in drei Stunden losgehen sollte, ich aber zwei Tage lang nicht geschlafen hatte. Ich dachte nur "Bitte erschieß mich jemand", mit den sieben Stunden Turnierpoker vor der Nase.
Das bekomme ich nicht nochmal hin, ich plane jetzt immer voraus, wenn ich verreise – nach London kam ich bereits einen Tag, bevor das Turnier begann, damit ich ausschlafen konnte.
PokerStrategy.com: Du machst aber einen ziemlich munteren Eindruck. War so auch dein Leben seit 2003? Fühlt es sich wirklich so an, als wären bereits zehn Jahre vergangen seit deinem Sieg beim Main Event?
Chris Moneymaker: Manchmal ja, manchmal nein. Manchmal kommt es mir vor wie gestern, aber dann gibt es auch Tage, wo ich aufwache und merke, dass mein Körper zehn Jahre älter geworden ist.
PokerStrategy.com: Du hast wahrscheinlich mehr mit den Medien zu tun, als jeder Andere vom Team PokerStars, vielleicht abgesehen von Daniel [Negreanu] und Liv [Boeree], welche Frage wird dir am häufigsten gestellt (wir werden versuchen, diese zu vermeiden)?
Chris Moneymaker: Hm, das ist schwierig. Früher wegen meines Nachnamens, aber der Witz ist alt... keine Ahnung. Es werden so viele Fragen gestellt, ich weiß es einfach nicht. Viele reden gerade natürlich über die Zehn-Jahres-Sache.
"Die Medien haben immer zu meinem Spiel gehört... Für mich ist Poker mehr ein Geschäft als ein Hobby"
PokerStrategy.com: Geht dir der ständige Medienrummel auf die Nerven?
Chris Moneymaker: Nein, das war immer Teil des Spiels für mich. Ich habe 18 Monate vor dem Main Event-Sieg angefangen zu spielen und danach habe ich mich dran gewöhnt.
Heute zum Beispiel weiß ich, dass ich massig Interviews geben werde, also tu ich es einfach. Im Vergleich zu vor zwei Jahren habe ich mir mittlerweile angewöhnt, Live-Turniere als Geschäft zu sehen, nicht mehr als Hobby oder Spiel. Heute stehen also Interviews auf dem Plan, morgen spiele ich Poker, usw...
Früher hab ich mich auch mal betrunken und bin mit Kater aufgetaucht, oder so.
PokerStrategy.com: Ich glaube, das hätte ich auch getan, wenn ich das Main Event gewonnen hätte.
Chris Moneymaker: Ja, das ist schon cool und macht Spaß, aber wenn man 37 Jahre alt ist und drei Kinder zu Hause hat, muss man auch mal erwachsen werden.
PokerStrategy.com: Hast du zu diesem Thema das Buch von Dusty "
leatherass9" Schmidt gelesen?
Chris Moneymaker: Nein, aber das von JonathanLittle mit dem gleichen Schwerpunkt. Er spricht über vernünftige Herangehensweisen, Sport, Dinge, die sich im Spiel sehr verändert haben. Als ich gewonnen habe, war der Durchschnittsspieler 50 Jahre alt, übergewichtig und so was wie Gesundheitsbewusstsein gab es am Pokertisch nicht.
Wenn man sich jetzt umsieht, findet man all diese jungen Spieler, die top in Form sind, sich gut ernähren und ihre eigenen Trainer haben; das Spiel hat sich eben in vielen Bereichen entwickelt. Aber ich achte auf solche Veränderungen – es ergibt einfach Sinn, denn wenn man viele Tage am Stück spielt, muss man auch am Ende noch fit sein. Das war über eine lange Zeit meine größte Schwäche und ist es zuweilen immer noch.
PokerStrategy.com: Es gibt einen sicheren Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und geistiger Schärfe.
Chris Moneymaker: Klar, ich war oft müde am Ende eines Turniertages. Es ist schlecht, wenn man aus einem Turnier bustet und es bereits Nacht ist. Online kann ich 18 Stunden am Stück spielen, aber live geht alles so langsam und man muss sich die ganze Zeit konzentrieren.
Online mit HUD ist es nur "klick klick klick", aber live muss man sich auf alles konzentrieren und das fordert seinen Tribut, ebenso wie die Langeweile, die bei einer gespielten Hand in zehn Minuten aufkommt. Besonders heute, wo die Leute teilweise fünf Minuten für einen Fold brauchen.
"Ich habe meinen Misserfolg auf Pech geschoben, war aber, ehrlich gesagt, nicht auf dem neuesten Stand des Spiels"
| Chris über US-Online-Poker |
| Die Rückkehr des Online-Pokers hängt davon ab, wie viel Geld in den ersten paar Staaten verdient wird.
Es wurde schon immer gesagt, dass da zu viel Geld drin steckt, als das man es nicht legalisieren könne, aber seht euch Sportwetten an - da gibt es noch mehr zu holen, als im Poker und sie sind trotzdem nicht legal. Ich fürchte, da es noch immer keinen Beschluss gibt, wird es auch keinen geben, zumindest nicht, solange Obama im Amt ist. Und ich dachte, er wäre der Präsident, der's macht. Man braucht jemanden wie Barton, der Poker wirklich liebt und dem etwas an einem Beschluss liegt, aber kurzfristig wird wohl nichts passieren, die können ja nichtmal ihre eigenen Sachen regeln, wir haben gerade einen Shut-Down! Online-Poker ist leider gerade nicht Priorität. Die Menschen verstehen auch nicht, dass, selbst wenn es irgendwann erlaubt wird, es noch Jahre dauern wird, bis die Regulierungen durch sind. In New Jersey gibt es Online-Poker seit einem Jahr und vor November wird keine einzige Hand ausgeteilt. Regierungen arbeiten langsam. |
PokerStrategy.com: Findest du es manchmal anstrengend, Poker-Botschafter zu sein und setzt dich das unter Druck? Würdest du nicht gern mal einfach nur spielen?
Chris Moneymaker: Nein, ich mag den Druck, das stört mich nie.
Ich setze mich auch selber unter Druck. Den größten Druck habe ich in den Jahren verspürt, als sich das Spiel so stark verändert hat. Ich war selbstgefällig und habe nicht an meinem Spiel gearbeitet. Eigentlich habe ich erst 2006/07 angefangen, das Spiel wirklich zu studieren und war deswegen weit zurück.
Ich habe damals meine Misserfolge auf Pech geschoben, ehrlich gesagt war ich mit meinem Spiel einfach nicht auf dem neuesten Stand. Wenn man dieses Spiel spielen will, muss man immer am Ball bleiben. Nachdem Online-Poker aus den USA verschwand, wurde das noch schwieriger.
PokerStrategy.com: Vor zehn Jahren warst du noch der Online-Spieler – damals wurde man als Online-Spieler noch geschmäht, jetzt ist es umgekehrt. Wo siehst du dich? Bist du immer noch mit ganzem Herzen Online-Spieler?
Chris Moneymaker: Nein, ich bin beides, ich spiel beide Arten gern. Von den Grundlagen und der Mentalität bin ich eher Online-Spieler, habe aber auch Skills, die man live benötigt.
Ich glaube, wenn man Turniere für £5.000 spielt, ist der Unterschied recht gering, da kann man beide spielen.
PokerStrategy.com: Spielst du immer noch online, wenn du nicht in den USA bist?
Chris Moneymaker: Zu Hause kann ich ja leider nicht, aber wenn ich unterwegs bin, spiele ich viel online. Heute habe ich ein paar TLB-Matches und ich will die Sunday Million spielen.
"Wenn ich nichts hatte, habe ich gefoldet, wenn ich was hatte, weitergespielt. So habe ich das Main Event gewonnen."
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| Die Sieger-Hand des Main Events 2003 |
PokerStrategy.com: Welche anderen Veränderungen sind dir seit 2003 aufgefallen? Natürlich hat sich das Geschäft verändert (auch durch deinen Sieg), aber wie beeinflusst das das Spiel deiner Meinung nach?
Chris Moneymaker: Was das Spiel betrifft, so ist die Aggressivität und die Varianz in Turnieren explodiert. Früher gab es so etwas wie 3-Betten oder 4-Betten ohne Nuts nicht. Wenn dich jemand ge-4-bettet hat, hatte er Asse oder Könige, zu 100%.
Der große Unterschied ist, dass man damals Dollar-für-Dollar-Stacks hatte, also im $10.000 Main Event 10.000 Chips, weswegen es nicht viel Raum für 3-Bets und 4-Bets gab. Auch war ein Raise auf 3x Standard, weswegen eine 3-Bet direkt 9x bedeutet hätte, Minraisen war völlig unüblich. Es gab früher einfach niemals eine 6-Bet, das konnte einfach nicht gehen.
Teufel, damals war es in einigen Casinos sogar verboten, zu check-raisen. 2003 war meine Strategie, dass ich einfach gefoldet habe, wenn Spieler in mich reingebettet haben und ich schwach war. Wenn ich was hatte, habe ich weitergespielt, wenn der Andere checkt, habe ich gebettet - wurde ich dann check-raised, hatte der Andere ein Monster.
Es war unglaublich einfach und so habe ich auch das Main Event gewonnen. Das würde heute natürlich nicht mehr funktionieren [lacht].
PokerStrategy.com: Manche sagen, das sei deine Schuld.
Chris Moneymaker: Haha, sorry!
PokerStrategy.com: Viel Glück bei der EPT - werden wir dich bei der WSOPE sehen?
Chris Moneymaker: Eher nicht, ich war lange unterwegs und seit einem Monat nicht zu Hause, also möchte ich mal wieder zurück.
Interview von mjperry | MJPerry bei Twitter


