Offener Brief an Howard Lederer von PokerStrategy.com-Redakteur Matt Kaufman
PokerStrategy.com-Redakteur Matt Kaufman hat in Bezug auf die PokerNews-Interviewreihe mit Howard Lederer einen offenen Brief an den ehemaligen Full Tilt-Anteilseigner verfasst.
Hallo Howard,
zunächst einmal möchte ich dir mein Lob dafür aussprechen, dass du bereit warst, dich in einem solch langen Interview den Fragen von PokerNews-Mitarbeiter Matt Parvis zu stellen. Die Pokercommunity hat es verdient, zu erfahren, was genau bei Full Tilt Poker passiert ist - und natürlich ist deine Sicht der Dinge hierbei sehr hilfreich.
Es gibt offenkundig ein breites Spektrum an unterschiedlichen Meinungen zu deiner Person, aber eine Eigenschaft kann man dir sicherlich nicht absprechen - Intelligenz. Ob man nun deine Unterstützer oder deine größten Kritiker fragen würde, alle dürften in dem Punkt übereinstimmen, dass du über außergewöhnliche Intelligenz verfügst.
Grundsätzlich ist Intelligenz natürlich eine positive Eigenschaft. Ich glaube jedoch, dass sie sich in deiner aktuellen Lage nicht vorteilhaft für dich auswirkt. Speziell macht es mir dein IQ unmöglich, gewisse Aspekte deiner Aussagen im Interview zu glauben.
Im November 2010 begann Full Tilt, Spielerkonten Gelder gutzuschreiben, ohne zu berücksichtigen, ob diese Einzahlungen tatsächlich erhalten wurden oder nicht. Zum Zeitpunkt, als das Unternehmen diese Handhabe wählte, befand man sich vor allem aufgrund der exzessiven Ausschüttungen an Anteilseigner finanziell wahrscheinlich schon in arger Bedrängnis.
Dass die Möglichkeit bestand, dass das Kapital des Unternehmens zu gewissen Zeitpunkten nicht die Gelder der Spielerkonten abdecken könnte, war dir sicherlich schon bewusst, bevor es zum Rückstand im Hinblick auf tatsächlich erhaltene Einzahlungen kam.
So hast du als Reaktion auf eine E-Mail eines besorgten Spielers im Frühjahr 2008 veranlasst, dass die Buchhaltung regelmäßig ein Dokument anfertigt, aus dem ersichtlich wird, dass das Kapital des Unternehmens die Verpflichtungen gegenüber Spielern übersteigt.
Was genau ist also mit diesen Berichten passiert? Verschwanden sie einfach plötzlich, als sich das Unternehmen auf den Weg Richtung Insolvenz machte?
Es wäre grotesk, davon auszugehen, dass Mitarbeiter der unteren Ebenen sich mit Ray und Gil verschworen haben, um dir absichtlich falsche Informationen in diesen Berichten zukommen zu lassen. Diese Berichte mussten dir also zur Verfügung gestanden haben, zumindest auf Nachfrage. Wann also genau hast du tatsächlich von den Problemen des Unternehmens erfahren?
Bezüglich des Einzahlungsrückstands hast du ausgesagt, dass eine kleine Gruppe von Personen dir irgendwann mitgeteilt habe, dass veranlasste Einzahlungen zwar gutgeschrieben, aber nicht von ihren Konten abgebucht wurden. Diese Fälle hast du als Ausnahme von der Regel abgetan. Es fällt mir äußerst schwer zu glauben, dass du tatsächlich so darauf reagiert hast.
Ich denke, dass jeder Unternehmer mit deinem Maß an Intelligenz solchen Berichten umgehend auf den Grund gegangen wäre, um sicherzustellen, dass kein grundlegender Abwicklungsvorgang im Argen liegt und es in der Folge nicht zu einer Flut von weiteren Vorfällen kommt. Schließlich hast du doch schon zu einem früheren Zeitpunkt im Interview geschildert, dass eine einzelne Kundenanfrage dich in der Tat dazu bewegen konnte, über das Unternehmen im größeren Maßstab nachzudenken.
Kommen wir zur ersten Stellungnahme Full Tilts gegenüber der Öffentlichkeit nach dem Black Friday: In einem Statement wurde den Spielern versichert, dass deren Gelder sicher seien. Nun behauptest du, dass dir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen ist, dass diese Aussage nicht korrekt war. Zugleich hast du allerdings geschildert, dass du bereits am 7. April 2011 Kenntnis über die Einzahlungsrückstände erlangt hast.
Wie konntest du unter diesen Umständen davon ausgehen, dass die Gelder aller Spieler sicher seien? Mit dem dir vorliegenden Wissen über die Rückstände musstest du zwangsläufig die Sicherheit der Spielergelder infrage stellen. Oder sollen wir etwa glauben, dass du zeitweise die Existenz eines Rückstands im neunstelligen Bereich einfach vergessen hast?
Es spielt hierbei auch nicht wirklich eine Rolle, dass du nach eigener Aussage die Auswirkungen der Rückstände auf die Kapitalabsicherung von Full Tilt Poker nicht vollends einschätzen konntest. Es muss nach wie vor eine signifikante Summe gewesen sein. Nach deiner eigenen Schätzung hätten Rückstände in Höhe von $60 Millionen Auswirkungen gehabt. Selbst wenn es also nur $60 Millionen gewesen wären, hätte das also ausgereicht, um die Sicherheit der Spielergelder zu bedrohen.
Zu deinen Aussagen zu den Geschehnissen nach dem Black Friday habe ich nicht viel zu sagen. Es fällt mir nicht sonderlich schwer zu glauben, dass du hart daran gearbeitet hast, die Probleme zu lösen, in denen sich das Unternehmen befand. Wer sollte auch härter an einer Lösung arbeiten, als die Personen, die am meisten zu verlieren haben, wenn man die Sache nicht wieder in Ordnung bringen würde? Vielen Dank dafür übrigens.
Ich glaube allerdings nicht, dass der Zustand des Unternehmens im April 2011 für dich eine Überraschung war. Du konntest regelmäßig einen Blick auf die Bilanzen werfen, du hast die Geschichten von Kunden über nicht abgebuchte Einzahlungen gehört, dir waren die enormen Summen bewusst, die an die Anteilseigner ausgeschüttet wurden, und du wusstest, dass die finanziellen Funktionsweisen eines gewaltigen Unternehmens ein Geheimnis waren, das selbst vor den Eigentümern geheim gehalten wurde.
Howard, ich denke einfach, dass du zu schlau bist, um in der damaligen Situation nicht eins und eins zusammenzuzählen.
Mit besten Grüßen
Matt Kaufman
PokerStrategy.com