Poker-Tells-Experte Zach Elwood beantwortet eure Fragen
Der Autor von "Verbal Poker Tells" beantwortet eure Fragen rund um verbale und körperliche Tells beim Poker.
"Ich habe für dieses Buch 7 Monate lang recherchiert."
swish29: Wie hast du dieses Buch entworfen? Beruht es auf Erfahrungen von dir und anderen Live-Poker-Spezialisten am Pokertisch oder kanntest du das Thema aus anderen Bereichen und hast es auf Poker übertragen?
Zach Elwood: Ich habe mehr als 10 Jahre lang ernsthaft Poker gespielt, drei davon professionell. Mich hat schon immer der psychologische Aspekt beim Pokern fasziniert, obwohl ich wusste, dass der strategische wesentlich wichtiger ist.
Ich habe 7 Monate lang so gut wie hauptberuflich an diesem Buch gearbeitet. Einige Monate verbrachte ich damit, Poker im TV zu schauen und mir Notizen zu machen. Vor allem legte ich mein Augenmerk auf Poker-Shows und dort hauptsächlich auf Filmmaterial, das Freizeitspieler zeigte, da deren Muster besser nachvollziehbar sind als das Verhalten von erfahreneren Spielern. Viele der Handhistories, die ich im Buch genutzt habe, kommen aus Shows, die man wahrscheinlich schon mal gesehen hat: High Stakes Poker, Poker After Dark, Heartland Poker Tour, World Series of Poker und EPT, um ein paar zu nennen.
Ich habe mir auch Notizen gemacht, als ich gespielt habe, zum Beispiel während einer Menge Cash-Game-Partien von $1/$2 NLHE bis $5/$10 NLHE (überwiegend $2/$5 NLHE) und Fixed-Limit-Runden im Bereich um $20/$40. Außerdem habe ich von einigen vertrauenswürdigen Pokerspielern Handhistories bekommen.
Jede Handhistory in dem Buch zeigt eine Hand, die wirklich gespielt wurde, und jedes Muster, das ich beschreibe, umreißt die von mir wahrgenommenen Indikatoren bezüglich der Handstärke des entsprechenden Gegners, zumindest was den Pool der Freizeitspieler betrifft.
"Ich stelle gern Fragen, um Informationen herauszukitzeln."

Zach Elwood: Meistens können wir aus verbalem Verhalten wenig Informationen gewinnen, egal ob wir Antworten entlocken oder unsere Gegner von sich aus reden. Im Buch sage ich, dass die besten Spieler [im Hinblick auf Reads] nicht versuchen, ihre Gegner kontinuierlich zu lesen, Hand für Hand; es geht vielmehr darum, die Verhaltensmuster "einfach geschehen" zu lassen, so viel wie möglich aus ihnen zu absorbieren und sie wiederzuerkennen, um einen Zusammenhang der Informationen herstellen zu können.
Gleichwohl hat die Arbeit an dem Buch dazu geführt, dass ich Gegner jetzt öfter auf die Probe stelle und versuche, an Informationen zu kommen. Früher habe ich mich nicht darum geschert, Informationen aus meinen Gegnern herauszulocken, heute tue ich es hin und wieder. Ich empfehle nicht viel Zeit mit Konversation zu verschwenden, doch wenn man in einem schwierigen Spot wie einer "Call oder Fold"-Entscheidung unentschlossen ist, kann eine kleine Frage oder ein kleiner Test dabei helfen, eine bessere Entscheidung zu treffen.
Einige der etwas raffinierteren Fragen, die ich Leuten heutzutage stelle, sind:
"Was denkst du habe ich?" Spieler mit starken Händen werden wahrscheinlicher antreibende Dinge sagen und ihren Gegnern eine schwache oder unbekannte Range geben. Bluffer geben ihren Gegnern dagegen manchmal eine starke Range, fast so als würden sie sagen: "Ich weiß, dass du eine starke Hand hast und sie kann mir keine Angst machen."
"Zeigst du mir deine Karten, wenn ich folde?" Auch wenn viele Antworten darauf inhaltlich nicht sonderlich hilfreich sind, einfach weil so viele Spieler daran gewöhnt sind, diese Frage zu hören, kann die Grundstimmung einer Antwort manchmal Informationen preisgeben. Ein Spieler, der sich beispielsweise genervt oder aggressiv verhält, fühlt sich oft sicher; Spieler die bluffen bemühen sich meist darum, den Gegner nicht zu reizen und der Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Wenn ein Spieler also etwas sagt, wie "Vergiss es, du zeigst dein Blatt nie", kann man davon ausgehen, dass er nicht blufft.
"Du bist echt still; langsam glaube ich, dass du bluffst." Diese Art von Test kann Bluffer in eine unangenehme Situation bringen, in der sie vielleicht eine Kleinigkeit sagen, um innere Ruhe vorzutäuschen. Hat ein Spieler dagegen eine starke Hand, wird er sich freuen, dass man ihn für schwach hält und sich noch ruhiger oder unsicherer verhalten.
Alle diese Tests können auch nonverbale Reaktionen wie den Augenkontakt triggern, der Auskunft darüber geben kann, wie ausgeglichen ein Gegner ist. Die meisten dieser entlockten Reads hängen allerdings stark vom eigenen Skill ab und werden eher gegen schwächere Gegner eine verlässliche Informationsquelle sein. Gute Spieler sind einfach stoisch und unlesbar oder können im Gegensatz zu den normalen Spielern ihre Facetten bewusst mischen. Ich finde diese Art der Informationsgewinnung unterhaltsam, nutze sie allerdings eher selten, da man bei übermäßiger Konversation immer Gefahr läuft, das Spiel zu verlangsamen und andere Spieler zu verärgern.
"Vorgetäuschte Tells sind ungewöhnlich."

Zach Elwood: Vorgetäuschte Tells sind eher ungewöhnlich. Die meisten guten Spieler verschwenden ihre mentale Energie nicht, um - verbal oder nonverbal - komplexe Täuschungsmanöver durchzuführen, da diese ihnen wirklich nur minimalste Vorteile bringen.
Dennoch kommt es zu falschem und irreführendem Verhalten. Einige Leute verhalten sich genau gegensätzlich zu dem, was man von ihnen erwarten würde; vielleicht weil sie versuchen raffiniert zu sein, oder weil es einfach in ihrer Persönlichkeit verankert ist.
Alles deutet darauf hin, dass man optimalerweise zuerst spielerbezogene Reads erlangen sollte bevor man beginnt, seine Handlungen vom Verhalten seiner Gegner abhängig zu machen. Man sollte alles über das Skill-Level und Mindset eines Gegners in Erfahrung bringen und erkennen, wann er ein bestimmtes Verhaltensmuster an den Tag legt, bevor man darauf basierend eine Entscheidung fällt. Dies ist vor allem bei verbalen Tells schwierig, weil es einfach so viele verschiedene Arten des Ausdrucks gibt. Zumindest kann man aber ein Gefühl entwickeln, wie: "Dieser Spieler ist nicht sonderlich gut und hat höchstwahrscheinlich die gleichen Kommunikationsmuster wie viele Freizeitspieler." Solange man irgendeine Art von Information über den Gegner hat, die Basis für einen Read sein kann, ist das schon eine Hilfe.
Und was die cleveren Spieler angeht, ist es nicht schwer herauszufinden, dass sie raffiniert sind oder sich widersprüchlich verhalten. Eine unerwartete Handlung genügt und man wird sich daran erinnern. Ein netter Aspekt meines neuen Buches ist die Möglichkeit eine "Baseline" im Hinblick auf "normales" Verhalten der meisten Spieler zu ziehen. Wenn jemand von diesem Muster abweicht, kann man sich entsprechende Gedanken machen, wie: "Oh, er ändert sein Verhalten jetzt womöglich in die entgegengesetzte Richtung." Oder: "Er ist tricky unterwegs, ich sollte mich nicht auf meine Reads verlassen." Ich denke, dass es von großem Wert ist, eine generelle Baseline bezüglich des Verhaltens zu ziehen. Sie gibt uns unter anderem die Möglichkeit, die Handlungen von jemandem zu beschreiben und zu diskutieren.
Doch zurück zu deiner Frage: Generell sollte man nicht versuchen [derartige] Reads auf erfahrene, gute Spieler zu bekommen. Es ist nicht nur schwer, da sie sehr stoisch sind, sondern sie wissen wahrscheinlich auch, wie sie einen hinters Licht führen können. Wenn man sich also einem besseren Gegner gegenübersieht, sollte man wichtige Entscheidungen eher nicht von dessen Verhalten abhängig machen, es sei denn, man hat bereits einen wirklich guten Grund dafür.
"Verhaltensmuster sind besonders wichtig in Cash-Games."

Zach Elwood: Also erst einmal sollte ich sagen, dass ich mich nicht für den "besten Reader von Poker-Tells" halte. Durch das Schreiben des Buches habe ich eine Menge gelernt, was cool war.
Allerdings habe ich mich schon immer für Psychologie und verbales Verhalten interessiert. Als ich jünger war, habe ich viele Bücher von Freud gelesen, darunter "The Psychopathology of Everyday Life". In diesem Buch geht es um Versprecher und Aussprachefehler im alltäglichen Leben und was diese bedeuten können. Freud übertreibt manchmal ein wenig, aber viele seiner Beobachtungen zur versteckten Tiefe zwischenmenschlicher Interaktionen sind wirklich sehr interessant und logisch.
Ich denke also, dass ich mich schon immer für das Untersuchen von Verhaltensweisen, Gestik und Wortwahl begeistern konnte. Grundsätzlich schalte ich es allerdings nicht "an", wenn ich nicht gerade Poker spiele oder jemand schlechte Stimmung verbreitet. In letzter Zeit sind mir allerdings viele Dinge zum verbalen Verhalten erst abseits des Pokertisches klar geworden.
Später denke ich mir dann: "Oh Mann, das war so offensichtlich, wenn man dieses und jenes bedenkt." Am Tisch ist es zugegebenermaßen wirklich schwer, genau zu wissen, in welchem Moment man worauf achten sollte. Aber ich denke, dass eine bewusste, tiefere Auseinandersetzung mit der Problematik [später] zu immer besseren Entscheidungen am Tisch führen kann. Mein Verständnis vom verbalen Verhalten beim Pokern hat sich allein durch das Schreiben des Buches verbessert.
mkjmkjmkj: Oft siehst du die Hand deines Gegners nicht. Wie kannst du dir also bezüglich eines Tells sicher sein?
Zach Elwood: Stimmt, in Anbetracht der wenigen Showdowns, die man manchmal sieht, kann es wirklich schwer sein, einen Read auf jemanden zu festigen. Aber bezüglich Spielern der Freizeit-Fraktion kann man sich in vielen Situationen sicher sein, dass sie eine starke Hand hatten, da sie so wenig bluffen. Die meisten "Big Bets" von Freizeitspielern sind starke Hände; dies ist eine Verallgemeinerung, aber eine nützliche.
Turniere haben noch viel weniger Showdowns als Cash-Games. Das ist ein Grund, warum Verhaltensmuster in Cash-Games eine wichtigere Rolle spielen.
Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass Turnierspieler ernsthafter, stoischer und ruhiger sind als Cash-Game-Spieler. Diese sind generell viel lockerer und entspannter, also wird in Cash-Game-Runden auch viel mehr gequatscht. Deswegen weise ich in meinem Buch "Verbal Poker Tells" auch darauf hin, dass es vor allem für Cash-Game-Spieler nützlich ist. (Nichtsdestotrotz gibt es auch Verhaltensmuster, die man oft in Turnieren sehen kann.)