Ragen: "Gamble it up"
Bereits über eine Million Dollar an Turniergewinnen in diesem Jahr und neuer Full Tilt Poker Red Pro: Ragen scheint einen Lauf zu haben. Hier rekapituliert er das SCOOP-Main Event.
Das Interview führte konti23
PokerStrategy: Hallo Ragen. Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu deiner grandiosen Leistung! Du fühlst dich jetzt bestimmt großartig. Wie ging es dir, als du in den Tag gestartet bist?
ragen: Hallo zusammen! Eigentlich lief der Tag nicht gut an. Ich hatte seit acht Uhr diverse Turniere gestartet, und diese liefen alle nicht so wie gewünscht. Ich bin beispielweise bei einem Satellite für die EPT Monte Carlo knapp vorm Seat ausgeschieden...
Die Erfolge nehmen kein Ende: Erst das $2,5 Mio GTD Turnier auf Titan Poker, dann Full Tilt Poker Red Pro und nun das SCOOP Highstakes Main Event von PokerStars: Hier findet ihr weitere Informationen zu ragens Lauf:
News: SCOOP: Main Event Gewinner & $715k für Ragen & $65k für infinity1000
PokerStrategy: ... was dich anscheinend trotzdem nicht aus der Bahn werfen konnte. Wie startete das Main Event der SCOOP für dich?
ragen: Ich spielte die drei SCOOP Main Events, und die liefen alle ganz gut. Im Highroller SCOOP hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Tisch sonderlich tough war.
Ich hab mich erstmal zurückgelehnt, weil ich im Gefühl hatte, dass die Leute wohl ein bisschen nervös spielen werden, obwohl es an sich ja ein Deepstack-Turnier ist, bei dem man ja ruhig tight spielen kann. Krass war hier allerdings, dass man schnell Antes zahlen musste.
Zu dem Zeitpunkt habe ich allerdings einen ganz guten Lauf gehabt und konnte so oft openraisen und einige Pötte einstreichen. Mir kam es so vor, als ob die anderen Spieler an meinem Tisch Respekt vor mir und meinen Raises hatten. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass ich so recht schnell einen guten Stack hatte.
Bis zur frühen Endphase bin ich so jedenfalls gut durchgekommen. Einige wichtige Pötte waren sicherlich dabei. So konnte ich einmal einen wichtigen Flip mit QQ gegen AKo gewinnen. Insgesamt war ich zu diesem Zeitpunkt zufrieden, das alles relativ glatt lief.
PokerStrategy: So wie bei einigen anderen Spielern aus der Community glücklicherweise ebenfalls. Hast du deren Spiel verfolgt?
ragen: In der Endphase selbst empfand ich es als sehr angenehm, dass einige Deutsche noch im Rennen waren. Das fühlt sich immer familiärer an, und man kann nebenbei mit allen mitfiebern.
Interessant war dabei sicherlich eine Konfrontation mit allanon85 Es war AK vs AT, und wir haben den Pot gesplittet. Außerdem war ich ungefähr bis Platz 24 die ganze Zeit mit fa_morgoth in Chips gleichauf, sodass wir uns gewissermaßen ein kleines internes Rennen liefern konnten. Das hat richtig Spaß gemacht, wobei wir gegenseitig nie in irgendwelche Pötte verwickelt waren.
Generell lässt sich einfach festhalten, dass es krass ist zu sehen, wie stark sich ein Feld zur Elite hin polarisiert.
PokerStrategy: Das fällt tatsächlich auf. So waren einige weitere Topspieler unterwegs. Warst du eventuell auch mit diesen in 'Keyhands' verwickelt?
ragen: Eine weitere interessante Hand hatte ich gegen pokerjamers. Ich hielt 44 und saß am Button. Meine effektive Stacksize müsste da so zwischen 25 und 30 Big Blinds groß gewesen sein.
Nachdem alle vor mir gefoldet hatten, eröffnete ich, und pokerjamas callte nur im Small Blind. Der Big Blind foldete daraufhin. Der Flop kam 993, und er donkt den halben Pot in mich rein. Dies war nun ein sehr, sehr tougher Spot. Nicht unbedingt, weil ich hier oft hinten liege, sondern weil ich mich entscheiden muss, wie meine Line auf wirklich allen Streets ausschaut. Ich muss hier abwägen, wie oft ich schon beat bin, welche 9 er beispielsweise halten könnte, oder ob er sowas wie 55-88 hat. Eine weitere Überlegung ist hier sicherlich auch, wie oft er über einen Raise nochmal drübergehen, bluffjammen, würde.
Ich habe mich jedenfalls am Ende dafür entschieden, meine Hand fastplayen zu müssen und gegen eine 3bet all-in auch zu callen. Ich raise also klein, er geht drüber, ich denke nochmal kurz nach, um nichts zu überstürzen, calle letztendlich und liege damit richtig, da er nur KQo vorweisen kann.
Er suckt nicht aus, wie das auch immer passieren konnte, und ist enorm down. Trotzdem hat er sich wieder zurückgekämpft. So konnte er einmal auch gegen mich verdoppeln und einmal gegen einen anderen Spieler.
PokerStrategy: ... und hat Position auf dich.
ragen: Ja genau. Ich musste auch ein bis zweimal auf Grund seiner Aggression folden. Das Problem an ihm ist, dass er sehr loose backplayed und ein Spieler ist, den man nicht neben sich sitzen haben will, wenn das eigene Image lose ist. Mein Image war jedenfalls recht lose, was nur teils verdient war.
PokerStrategy: Nach dem ersten Tag hattest du letztendlich 173.000
Chips und den damit verbundenen zehnten Platz inne. War das eine ordentliche
Ausgangslage für den zweiten Tag?
ragen: Es war okay. Bei der Struktur war einiges drin. Bei anderen Turnieren wäre man mit 14 verbleibenden Spielern und Platz 10 stark unter Zugzwang, was hier nicht der Fall war. Mein Gameplan war recht klar, und ich war einigermaßen ausgeglichen und entspannt, einigermaßen halt :).
Mir war aber klar, was ich zu tun hatte. Da konnte es mich auch nur bedingt stören, dass PearlJammer Position auf mich hatte. Das versprach zwar Ärger und war wohl der tougheste Spot, nichtsdestotrotz wusste ich, wie ich zu adapten hatte.
PokerStrategy: Es schien dich wirklich nicht zu stören, dass er Position auf dich hatte. Zu Beginn des zweiten Tages
hast du jedenfalls ordentlich Gas gegeben. Bis zum Final Table wuchs dein Chipstand auf
800.000 Chips an. Bist du sehr aggressiv in den Tag gestartet, oder
hast du einfach gute Spots gefunden?
ragen: Ich habe mir nicht vorgenommen "Heute starte ich mal besonders aggro". Man muss sich sehr flexibel der Situation anpassen, und es kommt natürlich stark darauf an, was man für Hände hält. Man wartet nicht auf KQs, aber J2o opened man deswegen auch nicht. Ich habe insgesamt semilose geopened, aber ich denke das war okay.
PokerStrategy: Und dank zweier semiloser Openraises konntest du deinen Stack relativ schnell vervierfachen. Wie kam es dazu?
ragen: Zum einen hatte ich im BB QJo. Der aggressive Button, j.thaddeus, opened, und ich calle und treffe Top Pair auf einem Q high Flop. Ich donke in ihn rein, er raist stark, ich pushe all-in und er snapcallt mit T2 in Kreuz, womit er nur den Flushdraw hält. Der kommt jedoch nicht an, und ich kann verdoppeln.
Etwas später halte ich dann JTs am Button. Ich open und pokerjamers, der nun auf Position 2 links von mir gesetzt wurde, reraist aus dem BB. Da er weiß, dass ich vom Button first in relativ lose spiele - oder er das zumindest denken wird - setzt er mich höchstwahrscheinlich auf eine noch viel losere Range, als ich sie tatsächlich habe.
Außerdem hab ich ihn bereits mit Händen wie KQo flatcallen sehen. Also denke ich generell, dass meine Hand hier gut ist und calle. Der Flop kommt J high und ich treffe wieder Top Pair. pokerjamers contibettet, und da ich das Gefühl habe, er würde permanent auf einen Move warten, entscheide ich mich zu raisen. ich repräsentiere nicht viel und daher wird gerade ein Spieler wie er mich oft auf einen Bluff setzen.
Dies tut er tatsächlich und pusht sofort all-in. Nach meinem Raise ist das ein Snapcall, was nicht bedeutet, dass ich immer ahead sein muss. Er zeigt mir allerdings K5, also Second Pair mit King Kicker, und mein Top Pair hält wieder. Schon war ich neuer Chipleader.
PokerStrategy: Du hast bereits j.thaddeus angesprochen, der von Anfang an unheimlichen Druck auf die verschiedenen Spieler ausgeübt hat und letztlich eine deutliche Führung inne hatte. Wie hast du dessen Werdegang am zweiten Tag beobachtet - wolltest du ihn eher aufhalten, oder hast du Konfrontationen mit ihm weitestgehend vermieden?
ragen: Ich fand die Situation sehr angenehm. Bei den riesigen Stacksizes - in BB bzw. Antes gesprochen - kann man sehr gut backplayen. Aufgrund der Tatsache, dass PearlJammer und ich auf seine Raises teilweise Position hatten, war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis er dafür die Quittung bekommen würde.
Allerdings war das Ganze dann in gewisser Weise ein kleiner Levelwar. Ich bin davon ausgegangen, dass er backplayen würde, wenn man seine Raises schnell durch 3bets attackiert, und aus dem Grund habe ich etwas abgewartet.
Die Situation war auch nur von kurzer Dauer. Nach den ersten Orbits hat er seine Aggression wieder stark zurückgeschraubt. Ich konnte davon also nicht wirklich profitieren, aber Pearljammer war in einige Spots gegen ihn verwickelt.
Nichtsdestotrotz war die Situation, wie gesagt, angenehm. Ich hab in seiner losen Spielweise einen +EV Spot gesehen, und er setzte die Spieler mit weniger Blinds unter Druck, was okay ist, und so den Fokus auf ihn lenkt, während man gewissermaßen in seinem Schatten seinerseits Aggression ausüben kann.
PokerStrategy: Was du wohl optimal genutzt hast. Deine erste nennenswerte Aktion am
Final Table war, das All-In von actionDJ zu callen. Welche Ziele
hattest du, nachdem du seine restlichen Chips aufnehmen konntest?
Wolltest du spätestens von da an um den Sieg spielen, oder war ein
möglichst langes Überleben dein Plan?
ragen: Der Call hat an meiner Spielweise nicht viel geändert. Ich hatte einfach ein paar Big Blinds mehr. Man muss einfach schauen, wie sich die Situation verändert. Da j.thaddeus seinen Lead so radikal ausbauen konnte, war es erstmal klar, dass Platz 2 in Angriff genommen werden muss, auch wenn dadurch vielleicht die Chance, Erster zu werden, etwas leidet. Es ist aber einfach viel profitabeler, und bei den Gelddimensionen sollten man meines Erachtens nicht aufgrund von Prestige unbedingt auf den ersten Platz spielen.
PokerStrategy: Als Chowdahhead4 als Sechster feststand, ging es schneller zur Sache. Ehe man sich versah,
waren nur noch du, j.thaddeus und PearlJammer im Rennen. Du hattest
dich wohl schon aufs Heads-Up eingestellt, als PearlJammer Quads
floppte. Nun warst du Shorty. Grund zur Panik oder hoch motiviert,
doch noch ins Heads-Up zu kommen?
ragen: Zu dem Zeitpunkt war ich schon ganz happy. Unter die Top 3 zu kommen, war eine Sache, die man so sicherlich nicht erwarten konnte. Panisch war ich aber nicht. Ich wusste wie ich zu shoven hatte. Der Rest ist dann Glück und liegt nicht mehr in der eigenen Hand.
PokerStrategy: Könntest du uns einen Fehler verraten?
ragen: Er hat beispielsweise teilweise zu große Openraises gegen mich gemacht.
PokerStrategy: Denen du dich auch im Heads-up gegenüber sahst. Nach der Pflicht,
die Kür – Wie liefen die letzten Hände aus deiner Perspektive?
ragen: Ich glaube j.thaddeus hatte über das gesamte Turnier einen unglaublichen Cardrun. Jedenfalls war das, was ich von him gesehenen habe, teilweise echt krass. Nichtsdestotrotz muss man natürlich sagen, dass er recht gut gespielt hat. Auch im Heads-up hat er entweder gut geblufft oder auch sehr gut getroffen. Einfach hat er es mir jedenfalls nicht gemacht, und ich konnte ihn nicht durch simple Strategie in die Knie zwingen.
In der Retroperspektive gefällt mir mein Move in der letzten Hand jedenfalls immernoch ganz gut. Da ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen All-in-Bluff gemacht habe und seine Range hier so einzuschätzen ist, dass er oft foldet, ist es im Endeffekt wohl +EV gewesen.
Viel schlimmer war für mich, dass ich keine Timebank mehr hatte. Das war am gesamten Final Table ein enormes Problem. Ich bin ein "Slowthinker", ich brauche immer meine Zeit, und ohne Timebank und ohne ein Script, das einem die letzten 14 Sekunden visualisiert, hatte ich schon einen harten Nachteil im Heads-up.
PokerStrategy: Sowas ist natürlich ärgerlich. Nichtsdestotrotz wirst du wohl eher zufrieden und glücklich, als erschöpft ins Bett gefallen sein?
ragen: Ja, klar.
PokerStrategy: Du hast somit bereits über eine Million Dollar an Turniergewinnen einfahren können. Gab dir diese Aussicht zusätzliche Motivation?
ragen: Eigentlicht nicht. Mein inneres Gleichgewicht habe ich ohnehin gehabt und war mit meinen Tourneyergebnissen schon vollkommen zufrieden. Ich habe nach dem $500.000-Cash nicht erwartet, in so naher Zukunft noch so was Großes zu reißen und wäre zum Beispiel über ein früheres Ausscheiden nicht enttäuscht gewesen.
PokerStrategy: Das freut uns zu hören, und dir ist nur nochmal zu deinen Leistungen zu gratulieren. Auch andere Communitymitglieder, die dieses Interview lesen, werden hoffen, ihr "inneres Gleichgewicht" zu finden. Hast du vielleicht ein paar abschließende Worte für diese?
ragen: Anerkennung und Aufmerksamkeit gibts immer durch
solch dicke Cashes.
Fakt
ist, solche plötzlichen Resultate spiegeln nie genau den Input
wieder. Ob man so dick absahnt oder nicht, hängt enorm viel vom Glück ab. Ich
weiß, das mich das nicht zum besseren Spieler gemacht hat.
Im
Kehrschluss darf man sich, wenn man zufrieden mit dem Input ist, auch
die harten Phasen nicht so sehr zu Herzen nehmen. Ich kenne den
ganzen Kram doch auch. Arbeitet an eurem Spiel, bleibt selbstkritisch,
no matter what, und wartet ab! Es stimmt zwar nicht, dass die guten Resultate IMMER nachkommen, aber doch meistens. Und wem dieses EV-Beispiel
etwas zu viel Angst macht, der sollte nicht pokern. Gamble it up!