Sollte Online-Poker anonym sein?
Haben wir wie im Casino ein Recht darauf zu wissen, wer vor dem anderen Bildschirm sitzt?

Vor Kurzem wurde der echte Name eines bekannten Highstakes-Spielers öffentlich (oder zumindest wen man hinter dem Nick vermutet). Ich werde diesen hier nicht nennen, aus Respekt vor der Privatsphäre und weil es sich bisher noch um unbestätigte Spekulationen handelt.
Anonymität ist nicht nur im Online-Poker ein empfindliches Thema, sondern es handelt sich um eine Diskussion, die das gesamte Internet betrifft. Während einige völlige Anonymität im Internet verfechten, sind andere der Meinung, dass das Web ein zivilisierterer Ort wäre, wenn jeder Gesicht zeigen müsste. Gedeckt durch unseren Screenname fällt es uns allen leichter, direkt und pöbelnd aufzutreten. Auf sozialen Portalen sind wir da schon vorsichtiger mit unseren Informationen (und Bildern).
Im Poker gibt es unzählige Debatten über Anonymität. Das Tracking und die Veröffentlichung von Resultaten ist nur ein Beispiel. Nun hat auch PokerStars dem Data-Mining den Kampf angesagt und wir können davon ausgehen, dass uns das Thema in diesem Jahr noch einige Male begegnet. Außerdem wird immer über änderbare Screennames oder sogar anonyme Tische gesprochen, um dem 'räuberischen' Verhalten einiger Spieler online ein Ende zu bereiten.
Die Debatte über die Privatsphäre

Enthüllt man die wahre Identität eines Pokerspielers, ist das aber ein völlig anderes Thema. Hier treffen ‘pokerrelevante’ und persönliche Informationen aufeinander. Diese Daten sind eigentlich nicht nur irrelevant, sondern für die meisten von uns auch sehr sensibel. Das Verbreiten von persönlichen Informationen anderer online nennt man ‘doxxing’ und viele sehen es als Eingriff in die Privatsphäre.
In den Weiten des Internets geht doxxing oft mit dem Belästigen sowie Schikanieren von Menschen einher, auch wenn der PC ausgeschaltet wird. Im Online-Poker können die Folgen aber noch viel verheerender sein. Die Enthüllung eines Highstakes-Spielers macht ihn verwundbarer für Hacker, schließlich ist jemand mit einer großen Bankroll ein attraktives Ziel. Kennt man erst den Namen, so kann man nach weiteren Informationen graben und so ungewollt Scammer unterstützen.
Für viele Spieler spielen natürlich auch Steuern eine Rolle. Ich billige das Vermeiden von Steuern nicht, es ist aber auch nicht der Job der Pokerrailbirds solche Spieler zu finden. Andere bleiben wiederum einfach nur aus persönlichen oder Imagegründen gerne im Schatten.
Hilft es dem Spiel?

Ich finde nicht, dass man die Enthüllung einer Identität damit rechtfertigen kann, dass Pokerspieler es dem Spiel schuldig sind und es so unterhaltsamer wird. Meiner Meinung nach wäre es besser für Poker, aber als Kunde ist es jedem selbst überlassen, was er andere über sich wissen lassen will.
Vor einigen Jahren war es eine große Story, als Viktor ‘Isildur1’ Blom entlarvt wurde. Das hatte er so sicher nicht geplant, es gab aber jede Menge Aufmerksamkeit und noch mehr Geld zu verdienen, sodass die Community und Industrie ihn im Kollektiv ‘geoutet’ hat. Das Interesse war damals so groß, dass seine persönlichen Rechte für viele nur noch eine Randnotiz waren.
Das beste Pro-Argument für 'durchsichtige' Spieler ist wohl die Integrität des Spiels. Wenn ich um viel Geld spiele, würde ich gerne wissen, ob Phil Ivey mit mir am Tisch sitzt. Live ist das kein Problem, online kann das aber anders aussehen. Die Umsetzung wäre nicht einfach, man würde aber direkt auch gegen Cheater, geteilte Accounts und Multi-Accounting vorgehen.
In meiner Utopie von Poker spielen alle transparent, in der Form, wie man sich z. B. auch auf Facebook darstellt. Es wäre schön, wenn alle eine Attitüde an den Tag legen würden, die für das Spiel produktiv ist. Ich verstehe aber, wenn nicht jeder das so sieht und solange Pokerräume Anonymität gewähren, sollte man diese auch respektieren.
Sollten Namen im Poker Privatsache bleiben oder sollte jeder wissen können, gegen wen er wirklich spielt?