Sollten gestakte Spieler ihre Backer preisgeben?
Gehört es zur guten Etikette am Pokertisch, dass man seine Mitspieler über geteilte Action informiert, sobald ein Interessenskonflikt möglich wird?

Erneut konnte Igor Kurganov jüngst ein siebenstelliges Preisgeld bei einem Super High Roller einstreichen. So gesehen nichts Neues. Ein Novum gab es jedoch: In seinem Siegerinterview verriet er, dass er zu Beginn des Finales bekannt gegeben hatte, an wen er einen Teil seiner Action beim Turnier verkauft hatte. Ein Spieler davon war Daniel Colman, der es in die Preisränge geschafft hatte, bevor er von Kurganov selbst gebustet wurde. Zu Beginn des Finales beim WSOP Main Event hatte Ben Lamb ebenfalls verraten, wer Anteile an seiner Action beim Turnier hielt.
Nur wenige weitere Spieler verfahren jedoch so wie Igor Kurganov oder Ben Lamb, sodass derartige Transparenz eher die Ausnahme statt die Regel ist.
Bei den meisten Major-Turnieren ist das wohl auch kein Problem, da die Teilnehmerfelder so groß sind, dass es ohnehin Seltenheitswert hat, wenn zwei Spieler, die untereinander einen Stakingdeal vereinbart haben, am selben Tisch landen. Bei Nosebleed-Turnieren wie den Super High Rollern ist solch ein Umstand jedoch deutlich wahrscheinlicher.
Kleiner Spielerpool, große Bedenken

Die Turniere mit den höchsten Buy-ins sind auf dermaßen kleine Spielerpools beschränkt, dass es fast garantiert ist, dass Spieler mit geteilter Action regelmäßig aufeinandertreffen. Und mit Blick auf die Zuschauer ist die Katze mittlerweile auch aus dem Sack. Fast jedem ist bewusst, dass die Mehrheit der Profis bei einem Super High Roller einen großen Teil der eigenen Action an andere Spieler verkaufen. Es ist sogar gängige Praxis nur zu einem Bruchteil für sich selbst zu spielen, da bereits ein Mincash einen großen Payday bedeuten würde.
Es ist also wenig verwunderlich, dass es mittlerweile große Bedenken in Bezug auf Collusion bei diesen Events gibt. Selbst wenn man es nicht absichtlich macht, kann man als gebackter Spieler durchaus Schwierigkeiten bekommen sein A-Game zu spielen, wenn man gegen jemanden antritt, bei dem es eigentlich im eigenen Interesse ist, dass er das Geld erreicht. Es ist sogar möglich, dass man es ohne zu realisieren, eine varianzärmere Line gegen einen solchen Gegner fährt und es im Anschluss vor sich selbst rechtfertigt.
Ein cleverer Spieler dürfte geneigt sein, keinerlei Informationen darüber preiszugeben, an wen er Teile seiner Action verkauft hat. Im Endeffekt ist Wissen beim Poker Macht und die Edges sind vor allem auf den Nosebleeds winzig. Es ist sogar vorstellbar, dass ein gewiefter Spieler, der eigentlich zu 100% für sich selbst spielt oder mit keinem seiner Backer direkt am Tisch konfrontiert wird, dennoch in den Köpfen seiner Gegner Zweifel darüber säen könnte, um davon zu profitieren.
Ein solches Verhalten würde aus meiner Sicht jedoch nur einen kurzfristigen Nutzen auf Kosten eines deutlich wichtigeren langfristigen Vorteils bringen. Es ist von größerer Bedeutung, dass die Integrität des Spiels gewahrt wird und dass ein (im Falle der Super High Roller) wohlhabender Hobbyspieler nicht das Gefühl hat, dass ihm gegenüber in welcher Weise auch immer unfair agiert wird.
Transparenz ist nie ein Fehler

Ich habe in all meinen Jahren innerhalb der Pokerindustrie unzählige umstrittene Stakingvereinbarungen erlebt und ohne Ausnahme sorgten diejenigen, bei denen es an Transparenz bezüglich des Deals mangelte, immer für die größten Kontroversen. Normalerweise geht es dabei stets um die Frage, wer genau jetzt wem wie viel Geld schuldet, aber aus meiner Sicht sollte die notwendige Transparenz auch direkt auf die Tische übertragen werden.
Ich bin der Meinung, dass man die Verantwortung dafür nicht bei den Turnierorganisatoren abladen sollte. Es wäre eine für sie schier unmöglich zu lösende Aufgabe und am Ende auch nicht ihr Job. Es obliegt vielmehr den Spielern selbst, dass sie Informationen darüber preisgeben, an wen sie Action verkauft haben, sobald es wahrscheinlich wird, dass man mit eben diesen Spielern denselben Tisch teilen könnte.
Ich ziehe meinen Hut vor Igor Kurganov, Ben Lamb und jedem weiteren Spieler, der das bereits tut, und würde es begrüßen, wenn sich jeder daran halten würde.
Sollten gestakte Spieler in relevanten Fällen ihren Mitspielern verraten, wer einen Anteil an ihrer Action hält? Wir freuen uns auf eure Kommentare!
Jetzt diesen Artikel teilen