Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Wann man KEIN Pokerpro werden sollte

Welche Fehler begehen aufstrebende Pokerspieler bei dem Versuch, ihr Hobby zum Beruf zu machen?

south park bank
Sichert eure Guthaben

Letzten Monat haben wir euch von der unglücklichen Geschichte eines Spielers aus Deutschland berichtet, der $60.000 bei einem Turnier der MicroMillions gewann und dann sofort seinen Job kündigte, um herauszufinden, dass seine Bank ihm den Gewinn nicht auszahlen würde.

Natürlich empfindet man erst einmal Mitleid, es erinnert einen aber auch alarmartig daran, dass professionelles Pokern eine einschneidende Entscheidung ist, welche nicht aus einer Laune heraus getroffen werden sollte.

In den letzten zehn Jahren im Pokergeschäft habe ich leider zu viele solcher Storys miterleben müssen. Jemand entscheidet sich für den Sprung zum Profi, obwohl er das wohl lieber lassen sollte. Obwohl ich selbst nie Pro war, bin ich ebenfalls ein Risiko eingegangen, als ich meinen Job in der Finanzbranche hinter mir ließ, um freiberuflich über das Spiel zu schreiben. Ich kann also nicht nachvollziehen wie es sich anfühlt allein vom Pokern zu leben, dennoch bewege ich mich ebenfalls auf einem unorthodoxen Karrierepfad.

Viele versuchen verzweifelt Pokerpro zu werden und geben ihre Jobs zu früh auf. Die Folgenden sollten jedoch keine Gründe für die Einreichung eurer Kündigung sein:

Weil man groß gewonnen hat

Ryan Riess
"Ich bin der Beste der Welt"

Schon alleine bei der Überschrift sollte für euch offensichtlich sein, warum man in diesem Fall nicht direkt zum Pro werden sollte. Kurzfristige Resultate, auch gute, sind absolut kein Indikator für eigentliches Können.

Obwohl sich Poker und Lotto vom Können her eklatant unterscheiden, sollte man im Kopf behalten, dass ein Großteil der Lottogewinner nach dem großen Los wieder pleitegeht.

Der Grund ist ganz einfach: Sie haben nie gelernt, so viel Geld vernünftig zu verwalten. Erarbeitet man sich seinen Reichtum jedoch auf eine konservativere Art und Weise, so muss man diese Fähigkeit auf diesem Weg zwangsläufig erlernen.

Wenn ihr es schafft, eine Million an den Cashgame-Tischen zu machen und dabei ein solides Bankroll-Management führt, ist es auch wahrscheinlich, dass ihr das Geld nicht wieder komplett verliert, da ihr die nötigen Fähigkeiten erlernt habt und respektiert. Dasselbe kann man aber nicht nach einem siebenstelligen Gewinn in einem Spin & Go für $5 behaupten.

Wenn man die Bankroll nicht hat

Broke Living
Nicht jeder ist für's 'broke living' gemacht

Ein weiterer Grund, der allen klar sein sollte, dennoch von vielen nicht befolgt wird. Als Profi braucht man beides: Eine ausreichende Bankroll und Geld, welches euch für die täglichen Ausgaben zur Verfügung steht. Viele sagen dieser Betrag sollte zwischen drei und sechs Monatsausgaben liegen, zusätzlich zu eurer Roll.

Wenn nur ein schlechter Monat an den Tischen euch bereits in die roten Zahlen stürzen würde, seid ihr nicht annährend dafür bereit Poker als Profession anzugehen. Es wäre nicht nur gefährlich, auch der entstehende Druck würde sich negativ auf eure Psyche und Performance an den Tischen auswirken.

Weil ihr euren Job hasst

Jerry Maguire
Der Abgang mit Stil

Jeder träumt sicher mal davon die klassische ‘Jerry Maguire’-Szene in die Tat umzusetzen und den Job vor allen hinzuschmeißen. Dem Chef einfach alles stecken und in Würde abtreten.

Einen Job aufzugeben, nur weil man ihn hasst, ist per se keine gute Idee. Aus Erfahrung kann ich sagen: Egal wie schlecht ein Job seien mag, Arbeitslosigkeit ist noch viel schlimmer. Poker erscheint also als verlockende Alternative zu beidem.

Trotzdem: Poker kann ein grausames Spiel sein und die meisten sind diesem Druck nicht gewachsen, den das Dasein als Profi mit sich bringt. Egal wie stressig euer Job ist, ohne Sicherheitsnetz in eine Pechsträhne zu geraten, wäre schlimmer.

Weil ihr die 40-Stunden-Woche hasst

Sleepy poker
Kündigt nicht einfach, weil euch der Wecker nervt

Vielleicht hasst ihr aber gar nicht euren Job, sondern das frühe Aufstehen am Morgen und die Überstunden sind das Problem. Wenn ihr einen dieser Berufe habt, bei dem ihr nur für das Wochenende lebt, kann der Montagmorgen zum Erzfeind werden.

Die Flexibilität ist sicher eines der anziehendsten Argumente für Poker. Eine Laufbahn als Pokerspieler zu wählen, nur um seinem eigenen Zeitplan folgen zu können, ist kein Grund die eigene Karriere wegzuwerfen. Man muss die Arbeit auch genießen.

Nicht zu vergessen sind auch die negativen Aspekte, die der Lebensstil als Freiberufler mit sich bringt und die man schnell außer Acht lässt. Die meisten eurer Freunde werden einem normalen Job nachgehen und man kann sich nicht einfach dienstags um 11 Uhr zum Rumhängen treffen. Außerdem braucht man ein ungeheures Maß an Eigenmotivation.

Versteht das nicht falsch, dieser Lebensstil kann großartig sein, aber es gibt viele Dinge, die in einem strukturierten Arbeitsumfeld leichter fallen.

Weil ihr Poker so liebt

Love poker

Wir haben also festgestellt, dass ihr euch nicht auf Poker stürzen solltet, außer ihr seid euch wirklich sicher. Aber ihr liebt das Spiel so sehr, das sollte doch ausreichen, oder? Nein.

‘Folge deiner Leidenschaft’ ist ein klischeehafter und falscher Rat. Es muss auch einen wirtschaftlich sinnvollen Grund dahinter geben. Man könnte also sagen, dass ihr das Spiel ausreichend beherrschen solltet.

Eine weitere Sache ist, dass Poker vielleicht auch nur so viel Spaß macht, da es ein Hobby ist. Der Spaß kann schnell weichen, wenn es zum Job wird, besonders in schweren Zeiten.

Mental-Game-Experte Jared Tendler hat schon oft gesagt, dass die meisten Spieler ihren (in mentaler Hinsicht) schlimmsten Downswing immer dann durchleben, nachdem sie gerade Profis wurden. Der zusätzliche Druck vom Pokern abhängig zu sein, um die Rechnungen bezahlen zu können macht es viel schwerer mit einer Durststrecke umzugehen. Vorher konnte man sich während eines Downswings noch auf die Liebe zum Spiel beziehen und hatte den sicheren Job in der Hinterhand. Ohne diesen kann Poker jedoch ein sehr einsamer Ort sein. 

Wann man Pro werden sollte

McDonalds
Ok, vielleicht könnt ihr euren Job an den Nagel hängen

Es gibt aber diesen einen Grund, warum ihr euren Job aufgeben und durch Poker ersetzen solltet. Und zwar dann, wenn die Perspektive als Pokerpro um ein Vielfaches besser aussieht als die bei eurem Job.

Zuerst solltet ihr also beim Pokern einen signifikant höheren Stundenlohn erreichen, als bei eurer Arbeit. Natürlich müssen diese Werte auf einer großen Sample über viele Hände beruhen und nicht aus einem Monat, in dem es gut lief und ihr gerunnt seid wie Götter

Der Verdienst ist aber nicht das Einzige, was berücksichtigt werden will. Wie sieht die Zukunft aus? Der derzeitige Job macht euch vielleicht krank, ist aber vielleicht nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu einem rentablen und erfüllenden Posten. Wenn ihr grade bei McDonalds arbeitet, macht es vielleicht Sinn auf Poker zu setzen. Seid ihr Praktikant bei Google oder studiert Medizin, könnte das Ganze jedoch völlig anders aussehen und eure Zukunft dort könnte in jeder Hinsicht besser aussehen.

Ihr müsst euer Potenzial als Pokerspieler also sehr ehrlich einschätzen. Ihr crusht vielleicht NL100, aber seht ihr euch auch erfolgreich auf Stakes wie $25/$50? Oder könnt ihr das Spiel überhaupt noch schlagen, wenn es viel tougher wird? Das sind schwierige Fragen, bei deren Beantwortung ihr euch auch die Meinung von außenstehenden einholen solltet, die bereits die höheren Limits schlagen.

Es geht nicht um alles oder nichts

Vanessa Selbst
Vanessa stemmte die Pro-Karriere und den Abschluss in Jura

Verwunderlich ist die Auffassung vieler Menschen bei Karriereentscheidungen muss es immer um alles oder nichts gehen. Warum nicht einfach die Stunden bei eurem eigentlichen Job reduzieren oder eine unbezahlte Auszeit nehmen, bevor ihr euch dem Druck des Spiels professionell aussetzen wollt? Heutzutage ermöglichen viele Arbeitgeber solche Vorhaben, anstatt direkt alle Damme brechen zu lassen. Auf diese Weise könnt ihr testen, ob ihr auch unter finanziellem Druck gutes Poker spielt und ob dieser Lebensstil etwas für euch ist.

Die zufriedensten Spieler, die ich kenne, sind keine Profis, sondern Menschen, die Poker als ernsthaftes Hobby wahrnehmen. Für sie ist Poker ein zweites Standbein und sie arbeiten hart an ihrem Spiel. Sie haben aber ein Sicherheitsnetz in Form eines Jobs für schlechte Zeiten. So bleibt ihre Begeisterung und Leidenschaft für Poker immer erhalten. 

Ich sage nicht, dass ich euch vom Profidasein abrate. Es gibt einige unfassbar talentierte Spieler in der PokerStrategy-Community, die es auf jeden Fall tun sollten. Besonders wenn sie jung sind und keine Verpflichtungen haben. Poker ist eine gewaltige Option Spaß zu haben, Geld zu verdienen und die Welt zu sehen.

Die Probleme kommen, wenn Poker zur Flucht vor etwas wird, was sich als eigentlich richtige Karriereentscheidung darstellt und ihr nicht erst alle anderen Optionen ausgereizt habt.

Spielt ihr selbst professionell? Auf welche Faktoren habt ihr vor dieser Entscheidung geachtet? Was würdet ihr anderen raten, die diesen Weg einschlagen wollen? Schreibt es uns in die Kommentare.

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