Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Wie bewältigt man eigentlich einen Upswing?

Wie verhindert man, dass man in Phasen abhebt, in denen es die Varianz gut mit einem meint? Zusammen mit Jared Tendler gehen wir der seltenen Frage auf den Grund...

Polk
Doug Polk im Duell mit Daniel Negreanu im Upswing?

Jeder Spieler kennt sie: Durststrecken, in denen man über einen längeren Zeitraum einfach keine Gewinne einfahren kann.

Betroffene Spieler wenden sich dann meistens an Freunde oder Coaches und das Thema "Überstehen von  Downswings" rückt in den Fokus. Das Resultat ist, dass man wieder härter an dem Faktor arbeitet, den man in solch einer Phase tatsächlich beeinflussen kann: das eigene Spiel. Im Gegensatz dazu steht das Verhalten von Spielern, wenn sie einen guten Lauf erwischen. Runnt man einmal wie ein junger Gott, dürften sich nur die Wenigsten weiterhin nach Möglichkeiten umsehen, um mit derselben Intensität an den eigenen Skills zu feilen.

Viele Spieler nutzen einen großen Erfolg als Fundament, um eine Bankroll aufzubauen und durch ständige Arbeit am eigenen Spiel die Limits zu erklimmen. Andere Spieler nutzen große Gewinne hingegen, um direkt höhere Limits zu spielen. Diese Glücksritter hören dann auf an ihrem Spiel zu arbeiten, weil sie denken, dass sie es "geschafft haben". Ein großer Gewinn kann also mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen. Jared Tendler erläutert diesen Zusammenhang wie folgt:

"Menschen sind schlecht beim Prognostizieren der Zukunft. Wenn es gerade gut läuft und man es leicht hat, nimmt man unterbewusst an, dass sich das Leben von nun an durchgehend so gestalten wird."

Die Lotto-Mentalität

jerry yang
Jerry Yang

Überproportionaler Erfolg kann für einige Menschen tatsächlich das finanziell Gefährlichste darstellen, was ihnen widerfahren kann. Wie Lotto-Gewinner sind viele der Spieler, die bei großen Turnieren abräumen, überhaupt nicht darauf vorbereitet, was als nächstes folgt. Spieler wie Jerry Yang, der mit seinem WSOP-Triumph 2007 eigentlich für immer ausgesorgt haben sollte, enden dann letztendlich doch in finanziellen Schwierigkeiten, wie Tendler bestätigen kann:

"In den USA gibt es durchaus Anhaltspunkte, die das untermauern. 80% aller Lotto-Gewinner gehen innerhalb von fünf Jahren pleite oder fallen zurück auf ihren ursprünglichen Vermögensstand. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Hinblick auf Profisportler: 67% aller NFL-Spieler und 78% aller NBA-Spieler sind innerhalb von drei Jahren nach ihrem Rücktritt schon wieder pleite."

"Beim Verlieren von plötzlichen Gewinnen spielt falsches Geldmanagement natürlich eine große Rolle. Der Geldbeutel sitzt auf einmal sehr locker und man spielt Partien, die man eigentlich nicht schlagen kann, ohne dass man sich darüber Gedanken macht, dass das Geld auch schnell wieder weg sein kann."

"Menschen, die sich hingegen schrittweise zur Million arbeiten, lernen auf dem Weg dorthin auch, wie man mit Geld umgehen sollte. Letzten Endes ist das eine Fähigkeit, die man entweder gelernt hat oder nicht. Weiß man das nicht und gewinnt eine siebenstellige Summe, wird man ziemlich viel Geld verlieren, bevor man realisiert, wie wichtig eigentlich vernünftiges Geldmanagement ist."

Anspruchsdenken

phil hellmuth
Phil Hellmuth

Die Wahrheit ist, dass wir von unseren Erfolgen nicht einmal ansatzweise so viel lernen wie von Fehlschlägen.

Wenn es gut läuft, reitet man die Erfolgswelle einfach weiter, ohne wirklich zu analysieren, welche reproduzierbaren Faktoren dabei eine Rolle gespielt haben. Wenn es dann zum Downswing kommt, führt das zwangsläufig dazu, dass wir genau analysieren müssen und wollen, wie wir derartigen Misserfolg in Zukunft vermeiden können – selbst wenn es gar nicht unsere Schuld ist.

Einige Spieler, die einen großen Gewinn eingefahren haben, betrachten die Realität eines Upswings allerdings nicht auf dieselbe Weise:

"Falsches Anspruchsdenken ist ein großes Problem vieler Pokerspieler. Wir alle sind mit einem bestimmten Gerechtigkeitsempfinden aufgewachsen und übertragen es fälschlicherweise mitunter auch auf Poker. Das Spiel ist jedoch nicht fair. Hat man aber Erfolg, könnte man irrigerweise annehmen, dass man nur seinen "verdienten Lohn" bekäme. Diese Einstellung birgt Gefahr, denn sie kann dazu führen, dass man verfrüht höhere Stakes in Angriff nimmt oder unnötige Risiken eingeht, da man der Meinung ist, noch immer Anspruch auf etwas mehr Glück und Erfolg zu haben."

"Eine derartige Haltung kann tatsächlich zukünftige Downswings bedingen. Bei vielen meiner Kunden ist mir aufgefallen, dass sie während eines Upswings nicht an taktischen Fehlern arbeiten. Sobald die Varianz nicht mehr auf ihrer Seite ist, werden sie dann für ihre Untätigkeit hinsichtlich der Mängel im eigenen Spiel hart bestraft. Diese Spieler mussten also auf sehr schmerzhafte Weise erfahren, dass ein Teil ihres Spiels von großen Leaks durchzogen war." 

Darüber hinaus empfiehlt es sich, Erfolg auch ausreichend zu genießen. Häufig empfindet man Dinge, die man unbedingt erreichen will, im tatsächlichen Erfolgsfall als gar nicht so erfüllend, wie man eigentlich erwartet hätte.

Wenn man Erfolg beim Pokern hat, sollte man den Erfolg also vielleicht auch mit einer kleinen Party zelebrieren und sich etwas vom Gewinn gönnen – natürlich nur in vernünftigem Ausmaß. Dadurch kann man eine Erinnerung kreieren, die einem zeigt, dass man etwas Bestimmtes mit Poker erreichen konnte und dass der Erfolg ein besonderes Ereignis war, das nicht ständig zu erwarten ist.

Skill oder Varianz?

Jared Tendler ist der führende Mental-Game-Experte in Sachen Poker und coacht einige der besten Spieler der Welt.

 

Er ist zudem Autor der Bücher The Mental Game of Poker 1 & 2, die er zusammen mit  PokerStrategy.com-Redakteur Barry Carter verfasst hat.

Wie also übersteht man einen Upswing? Jared Tendler empfiehlt folgendes Verhalten, das auch zum Überstehen eines Downswings und zum Verbessern des eigenen Lernverhaltens dient und grundsätzlich zu einer professionellen Einstellung dem Spiel gegenüber führt:

"Sämtliche pokerspezifischen Probleme, die in Bezug zu Selbstvertrauen stehen, egal ob übersteigert oder fehlend, haben ihren Ursprung stets in der Frage, ob man Skill von Varianz unterscheiden kann. Wenn man denkt, dass sämtliche Gewinne aufgrund des eigenen Skills zustande kamen, hat man zu viel Selbstvertrauen. Wenn man der Meinung ist, dass man bei jedem verlorenen Pot ausgespielt wurde, liegt ein Mangel an Selbstvertrauen vor."

"Eine Übung, die ich allen Pokerspielern nahelege: Fragt euch einfach nach jeder Session, welche Anteile des Resultats ihr eurem Skill und welche ihr Varianz zu verdanken habt. In Bezug auf die Skillfrage solltet ihr natürlich eure eigenen und die Fähigkeiten eurer Gegner einbeziehen."

"Es wird zwar immer etwas Subjektivität in eurem Urteil vorliegen, wenn ihr euch diese Frage jedoch regelmäßig stellt, wird sich eure Fähigkeit Skill von Varianz zu unterscheiden deutlich verbessern. Dann werdet ihr auch zu dem Punkt kommen, an dem ihr selbst beim Crushen der Partien immer noch Bereiche in eurem Spiel findet, in denen Verbesserungspotenzial vorhanden ist. Zudem habt ihr dann ein solides Fundament, an das ihr euch halten könnt, wenn es mal wieder nicht so gut läuft."