Vor dem Flop - Grundlagen
Einleitung
In diesem Artikel
- Wie du in eine Hand einsteigst
- Wie du deine Hand preflop bewertest
- Was dich nach dem Flop erwartet
Zu Beginn jeder No-Limit Spielrunde erhältst du deine zwei Startkarten. Nur anhand dieser beiden Karten und unter Berücksichtigung deiner Position, deiner Gegner und der eventuell bislang gespielten Hände, musst du entscheiden, ob und wie du in die Hand einsteigen willst. Welche Faktoren hier hineinspielen und wie du deine Hand preflop zu bewerten hast, ist Thema dieses Artikels.
Der Unterschied zwischen Fullring und Shorthanded
Es gibt einen recht großen Unterschied, solltest du die Spielarten Fullring und Shorthanded zusammen betrachten. Dieser liegt dabei sicherlich im Preflopplay, wo sich u.a. die relativen Handstärken deutlich unterscheiden.
Im FR-Game spielst du gegen acht bzw. neun gegnerische Hände, beim SH-Game nur gegen fünf. Dementsprechend ist eine gute Hand beim SH-Game wesentlich höher einzustufen, da du im Verhältnis häufiger vorne liegst und eine bessere Equity besitzt.
Zudem findet man beim FR-Game meistens passivere und tightere Spieler. Das SH-Game ist wesentlich dynamischer und viele der Spieler passen sich dem an. Du musst also davon ausgehen, dass beim SH-Game viel mehr schwächere bzw. spekulative Hände geraist werden als beim FR-Game.
Gerade wenn es um Geschichten wie 3-Bets und Preflop-All-Ins geht, so ist ein recht großer Unterschied zu bemerken. Während eine 3-Bet im Full Ring von einem als regulär wirkenden Spieler meistens eine recht gute Hand ist, so hat dies beim SH-Game nicht sonderlich viel zu bedeuten.
Wie steigst du in eine Hand ein?
Solltest du die Möglichkeit besitzen, als erster in die Hand einsteigen zu können, so solltest du raisen. Natürlich kennt man beim FR-Game auch ein Limp/Call, was vermehrt mit kleinen Pocketpairs gespielt wird in der Hoffnung, am Flop sein Set zu treffen. Jedoch ist dies gerade gegen thinking Player nicht dauerhaft profitabel, da du lesbar wirst (welche anderen Hände limp/callst du denn sonst noch?) und natürlich meistens out of Position spielen musst, was es dir deutlich erschwert, Value zu extrahieren.
Alternativ dazu ist also eine gute Option, jede Hand, die du spielen möchtest, mit einem Openraise zu eröffnen. Die grundsätzlichen Vorteile eines Openraises liegen auf der Hand: Du hast die Initiative und kannst den Pot preflop oder am Flop durch eine Continuationbet einsacken, unabhängig davon ob du das Board triffst oder es verfehlst.
Zudem bleibst du unlesbar und bekommst später vielleicht vermehrt Action, wenn du mit Premiumhands in die Hand einsteigst.
Beim SH-Game ist das natürlich Pflicht. Hier ist ein Openlimp absolut nicht möglich. Im Gegensatz zum FR-Game hast du ohnehin selten ausreichend implied Odds, um theoretisch limp/call mit einem Pocketpair zu spielen. Das liegt einfach daran, dass häufig auch schwächere Hände geraist / ge-3-bettet werden, die sich nicht ohne weiteres postflop stacken lassen. Ein Raise im SH-Game bedeutet nicht automatisch eine starke Hand. Befinden sich mehrere spekulative Hände am Flop, ist es demnach immer besser, selbst der Preflop-Aggressor zu sein und die Initiative zu haben.
Wo stehst du preflop?
Diese Frage muss dich zuerst beschäftigen. Wie ist deine relative Handstärke preflop einzuordnen? Um das herauszufinden, musst du ein paar grundsätzliche Aspekte bedenken.
Was für eine Hand hältst du? Hältst du eine Premiumhand wie Aces, mit der du sofort den maximalen Value herausholen willst? Hältst du eine mittelstarke Hand, die aber Postfloppotenzial hat? Hältst du eine spekulative Hand, die sich zwar postflop entwickeln kann, aber meistens keinen Showdownvalue vorweisen kann, sollte sie unimproved bleiben?
Natürlich ist es entscheidend, an welcher Position du sitzt. Neben der absoluten und fest zugewiesenen Position der jeweiligen Runde ist auch die zu erwartende relative Position nach dem Flop entscheidend. Raist du z.B. aus early Position, musst du beachten, dass noch sehr viele Spieler nach dir agieren können und du postflop meist out of Position spielen musst. 3-bettest du hingegen einen UTG-Raiser aus mittlerer Position, so spielst du postflop recht häufig in Position.
Was ist vor dir bereits passiert? Gab es Limper? Gab es Raiser? Musst du deine Hand nun relativ anders einstufen, da sie nach dieser Action schon an Wert verloren hat? Oder lohnt es sich jetzt erst recht, mit einer spekulativen Hand im Pot zu bleiben, da du dir ausreichend implied Odds geben kannst?
Gegen welche Gegner spielst du? Was darfst du von ihnen erwarten, wenn du raist? Werden sie häufig folden oder zu häufig callen? Oder werden sie sogar noch häufig einen drauf setzen? Die Action vor dir kannst du sehen, die Action nach dir musst du erahnen.
Willst du deine Hand in einem Multiwaypot spielen oder lieber im Heads-up? Wie viele Caller musst du erwarten. Hast du überhaupt Foldequity? Es ist wichtig zu überlegen, ob man eher als „Steal“ raist, das heißt meistens nur in Erwartung einer ausreichenden Foldequity, oder ob man sich Value verspricht und deswegen raist. Hier sollte man auch schon das mögliche Postflopplay in Erwägung ziehen, da du beim No-Limit Holdem von den implied Odds lebst. Du musst also davon ausgehen, mit einer eventuell preflop nicht ganz so starken Hand postflop entsprechend ausbezahlt zu werden, wenn du gut triffst. Andererseits muss dir auch klar sein, dass du in jeder Runde deinen gesamten Stack verlieren kannst.
Deception heißt, dass du unlesbar bleiben willst. Deswegen solltest du mit deinen verschiedenen Handkategorien gleich verfahren. Du raist also nicht nur Premiumhands, sondern auch mittelstarke Hände oder spekulative Hände. In gewissen Situationen bluffst du natürlich auch.
Mit einem Raise zeigst du den anderen Spielern am Tisch, dass du eine spielbare Hand hast, mit der du Value extrahieren willst. Natürlich ist das nicht immer korrekt.
Mit starken Händen wie AA-QQ und AK ist das sicherlich der Fall. Du liegst mit dieser Range sehr häufig vorne und willst, dass deine Gegner mit schwächeren Händen bereits preflop Geld investieren. Aber du raist auch andere Hände, wie bspw. kleine Pocketpairs oder suited Connectors. Gerade equitytechnisch kannst du nicht davon ausgehen, mit diesen Händen tatsächlich vorne zu liegen.
Dein Ziel mit diesen Händen ist zunächst, Foldequity zu erreichen, das heißt den Pot häufig unimproved mitnehmen zu können. Man könnte hier auch von einem Bluff sprechen. Jedoch suchst du dir dafür Hände aus, die durchaus den Flop passabel treffen können, sei es einen guten Draw mit suited Connectors oder gar ein Set mit einem kleinen Pocketpair. Solltest du solche Hände treffen, kannst du postflop sehr gut Value extrahieren, da man dir häufig solche Hände gar nicht zutraut.
Deine Ziele vor dem Flop lauten:
- Du willst Value von schwächeren Händen extrahieren.
- Du willst Foldequity erzeugen. Zu der Preflop-Foldequity rechnest du dir auch noch ein gewisses Maß an Postflop-Foldequity hinzu, solltest du am Flop eine Continuationbet setzen.
- Du willst mit einer eher spekulativen Hand postflop gut treffen und wenn möglich deinen Gegner stacken.
- Du willst dabei unlesbar bleiben. Deine Gegner sollen nicht erkennen können, welche Hand du gerade hältst und welche Absicht du verfolgst.
Beim FR-Game kann man hier von AA/KK sprechen. Mit diesen Händen solltest du jederzeit bereit sein, preflop All-In zu gehen. Du liegst nahezu immer vorne und hast das Ziel, dass eine schlechtere Hand dich ausbezahlt.
Beim SH-Game kommen hier sicherlich AK/QQ hinzu. Natürlich gilt es immer, deine Gegner zu betrachten und dir zu überlegen, gegen wen du spielst und wie die Range deines Gegners aussehen könnte. Jedoch kann man beim SH-Game in den seltensten Fällen von einem Fehler sprechen, wenn man für normale Stackgrößen mit AK/QQ preflop All-In geht.
Neben den Premiumhands spielen auch die strong Hands eine entscheidende Rolle. Hierzu gehören Hände wie beispielsweise AQ, KQ, JJ-99. Equitytechnisch liegst du mit diesen Händen meistens sehr gut im Rennen. Jedoch können sie postflop einige Probleme bereiten, da ihre Playability nicht ideal ist.
Es ist schwierig, mit solchen Händen postflop Value zu extrahieren, da sie häufig dominiert sind. Mit einer Hand wie z.B. AJ ist ein Ace-high-Flop sicherlich nett anzuschauen, jedoch musst du dich fragen, welche schlechtere Hand dich ausbezahlt. Auf der anderen Seite brauchst du schon einen guten Grund, um diese Hand aufzugeben.
Solltest du beim FR-Game solche Hände also in recht früher Position halten, so kannst du einen Teil davon einfach folden. Ebenso solltest du dir überlegen, wie du auf ein Raise vor dir reagierst. Mit einer 3-Bet isolierst du dich häufig gegen Hände, die dich dominieren.
Beim SH-Game ist die relative Handstärke anders einzustufen, da du statt gegen 9 nur gegen 5 andere Hände spielst. Du liegst hier im Schnitt einfach wesentlich häufiger vorne und musst demnach auch mit diesen Händen grundsätzlich raisen. Jedoch ist auch hier Vorsicht geboten, sollte es vor dir bereits aggressives Verhalten gegeben haben.
Die spekulativen Hände haben genau die umgekehrte Eigenschaften der strong Hands. Ihre Equity ist preflop nicht sonderlich groß, jedoch haben sie meist eine hervorragende Playability. Hierzu gehören bspw. Hände wie kleine Pocketpairs oder suited Connectors.
Am Flop kommst du selten in enge Situationen, da du deine Hand wesentlich besser definieren kannst. Hast du stark getroffen, kannst du Value extrahieren. Hast du den Flop verfehlt, bleibt dir eine eventuelle Continuationbet. Auf weitere Action nach dir kannst du diese Hände meistens aufgeben.
Es ist auch möglich, in gewissen Situationen seine Range sehr loose zu erweitern. Sitzt du beispielsweise am Button, vor dir wird gefoldet und du weißt zudem, dass die beiden Blinds sehr tight sind und ihre Blinds nahezu nie defenden, so kannst du theoretisch mit any two stehlen. Hierbei interessiert dich in erster Linie nicht die Equity deiner Hand, sondern hauptsächlich die Foldequity, die du damit beim Gegner bewirkst.
Idealerweise hast du hier natürlich auch noch ein gewisses Potenzial am Flop zu erwarten, so dass es sich mit einer Hand wie K7s leichter stealen lässt als beispielsweise mit J4o.
Solltest du die Möglichkeit haben, first in agieren zu dürfen, was bedeutet, dass alle Spieler vor dir bereits gefoldet haben, so kannst du eine meist recht einfache Entscheidung finden. Du schaust deine Position und deine Hand an und kannst relativ frei entscheiden, ob du mit raisen solltest oder lieber nicht.
Wenn jedoch schon Spieler vor dir in die Hand eingestiegen sind, ist es wichtig darauf zu achten, welcher Gegnertyp das ist und wie er in die Hand eingestiegen ist. Gibt es einige Limper vor dir, so sinkt natürlich die Foldequity. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Spieler auf dein Raise hin folden. Wird vor dir geraist, musst du versuchen, dem Gegner eine Range zu geben. Liegst du gegen diese Range vorne? Wird er mit schwächeren Händen als deine eine 3-Bet callen?
Die Optionen nach einem Raise sind klar:
- Du foldest, weil du deine Hand nicht mehr als gut genug betrachtest und auch postflop nicht sonderlich viel zu erwarten hast.
- Du callst, da du dich entweder hinten siehst und hoffst einen optimalen Flop zu erwischen (dabei musst du dir gute implied Odds geben), oder aber weil du dich nicht gegen eine bessere Hand isolieren willst.
- Du 3-bettest, da du dich klar vorne siehst und davon ausgehst, dass dich dein Gegner mit einer schlechteren Hand ausbezahlt.
Zudem gilt es natürlich zu beachten, welche Spieler hinter dir noch agieren.
Was vor dir in der Hand passiert, kann man selbstverständlich leicht verfolgen. Aber welche Gegner(-typen) haben nach dir noch ein Wörtchen mitzureden?
Wichtig ist hierbei für dich, dass du mit starken Händen bereits preflop protecten musst, um keinen spekulativen Händen die Möglichkeit zu geben, dir einen Suckout zu verpassen. Andererseits wärst du bereit drawing Hands in Multiwaypötten zu spielen.
Hinter dir gibt es demnach drei Hauptszenarien, die für dich eine Rolle spielen:
- Alle anderen Spieler nach dir folden.
- Hinter dir werden noch einige Limper / Coldcaller mit einsteigen.
- Hinter dir sitzen noch aggressive Spieler, von denen du ein Raise / eine 3-Bet erwarten musst.
Schaust du dir daraufhin die Punkte Protection sowie die implied Odds (mit spekulativen Händen) an, musst du diese zu erwartende Action nach dir einbeziehen.
Die Frage, die du dir stellen musst, lautet: Was für einen Flop willst du treffen und welches Ziel willst du gegen die entsprechenden Gegner erreichen?
Natürlich ist es vordergründig dein Ziel, am Flop deiner Meinung nach die stärkste Hand zu halten und zu betten, um Value von schwächeren Händen zu erhalten. Andererseits weißt du, dass du häufig genug eine eher mittelstarke Hand bis hin zu einer Hand ohne jeglichen Showdownvalue halten wirst.
Grob kann man hier drei Situationen einteilen.
Du hast am Flop eine sehr starke Hand und siehst dich häufig vorne. Du bettest, um Value von schwächeren Händen zu erhalten. Preflop kannst du dies schon mit starken Händen wie bspw. AA-QQ erwarten, da du häufig genug am Flop ein Overpair halten wirst und dafür ausbezahlt werden willst.
Genauso gut möglich ist das mit spekulativen Händen. Zum Beispiel triffst du mit deinem kleinen Pocketpair ein Set. Auch damit willst du möglichst viel Value extrahieren und idealerweise deinen Gegner All-In bekommen.
Häufig hältst du eher mittelstarke Hände. Das mag ein Toppair ohne guten Kicker sein oder ein Middlepair. Wo du damit genau stehst, weißt du nicht. Hier solltest du genau auf den Gegner achten und dir überlegen, ob er dich mit einer schlechteren Hand ausbezahlt.
Preflop müssen diese Überlegungen schon einbezogen werden. Wenn du weißt, dass dein Gegner recht tight spielt, muss du ihn nicht mit AJ 3-betten. Er wird keine schlechtere (dominierte) Hand callen und dich auf einem A-high-Flop selten ausbezahlen. Dafür kommst du in eine dumme Situation, da du gegen AK und AQ nur sehr schwer aus der Hand kommst.
Möglich ist auch, dass du das Board komplett verfehlst. Gerade mit kleinen Pocketpairs (du triffst nur jedes 7,5. Mal) ist dies recht häufig der Fall. Du musst also bluffen, das heißt, dir durch die Continuationbet eine recht große Foldequity geben. Ist der Gegner jedoch sehr loose und callt sehr häufig am Flop, solltest du diese Option nicht automatisch ansetzen, sondern auch recht häufig check/folden.
Wie bereits erwähnt, spielt die Deception eine wichtige Rolle. Deine Gegner dürfen nicht wissen, welche Karten du hast. Deshalb solltest du jede spielbare Hand openraisen und das idealerweise auch immer mit der gleichen Betsize.
Neben dem Vorteil, durch deine Unlesbarkeit deine Gegner zu Fehlern zu zwingen, hast du auch häufig die Initiative und kannst durch deine Preflop-Aggression häufig den Pot am Flop mitnehmen.
Es ist schwer einzuschätzen, ob du bettest, um mit einer starken Hand Value zu extrahieren, ob du semibluffst, da du einen guten Draw getroffen hast, oder ob du komplett bluffst. Dies wäre nicht möglich, solltest du nur starke Hände spielen oder die eher schwachen bzw. spekulativen Hände preflop nur limp/callen.
Zusammenfassung
Preflop sollte es dein Ziel sein, mit starken Händen bereits zu protecten und mit schwächeren bis spekulativen Händen aggressiv zu spielen.
Häufig genug kannst du den Pot unimproved gewinnen oder ein gutes Board treffen, auf dem du ausgezahlt wirst. Beim Fullring-Game kann man in dieser Hinsicht eher einen Gang zurückschalten, da du aufgrund der höheren Spieleranzahl deine relative Handstärke herabsetzen musst und auch ein geringeres Maß an Foldequity besitzt. Wie du das nun in der Praxis umsetzt, zeigen die folgenden Artikel.
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