Denkanstoß: The Delay Theory
Einleitung
In diesem Artikel
- Der Hintergrund der Theorie
- Wie du eine fixed betting sequence des Gegners ausnutzt
- Die praktische Anwendung
Ursprünglich bezieht sich diese Strategie nur auf heads-up Situationen, in denen der Button bei der SB liegt und man selbst in der BB ist. Zudem muss der SB post-flop aggressiv sein. Gegen einen Raise von der SB macht man mit vielen Händen, die die nötige Equity für eine 3-bet haben, trotzdem nur einen Call.
Der Grund dafür ist folgender: Da der SB aggressiv ist, wird er, wenn wir seinen pre-flop Raise nur callen und den Flop checken in 99,9% der Fälle betten. Je nach Flop können wir nun unsere starken Hände check-raisen und unsere schwachen Hände folden. Mit schwachen Händen kommen wir so am Flop sehr günstig und elegant davon, mit starken Händen bekommen wir mindestens den gleichen Value wie bei 3-bet pre-flop, bet Flop.
Der Nachteil der Strategie
Es kann nicht mehr zu einem pre-flop Cap kommen. Aber genau dies wollt ihr ja, wenn ihr sehr starke Hände haltet. Habt ihr z.B. QQ in der BB gegen einen Button Raise, so wäre der Traumfall natürlich, dass ihr pre-flop 3-bettet und der Gegner cappt. Denn selbst gegen die Cap Range des Gegners habt ihr noch einen Edge.
Deshalb solltet ihr eure sehr starken Hände, die selbst wenn der Gegner cappt immer noch einen Edge haben, pre-flop auf jeden Fall 3-betten.
Basierend auf dieser Grundlage eine erweiterte Theorie entwickelt, die ich die sog. Delay Theory nenne.
Der Grundgedanke: Viele Gegner spielen in heads-up Situationen mechanisch, wenn sie die Initiative haben. Waren sie z.B. der pre-flop Raiser und man checkt zu ihnen am Flop, betten sie immer. Diese Mechanik können wir uns zu Nutze machen: Ein Gegner, der immer den Flop bettet, kann die Information, die ihm der Flop bietet, nicht für sich verwerten. Es ist so, als ob er "blind" spielen würde, d.h. betten würde, ohne sich den Flop anzusehen. Er spielt eine sogenannte fixed betting sequence oder FBS.
Wenn wir wissen, dass der Gegner in einer bestimmten Situationen eine FBS spielt, können wir mit spielbaren Händen häufig exakt bis zum Ende der FBS warten um unsere Entscheidung, wie wir nun weiterspielen, zu treffen. Dies ist für uns ein gewaltiger Informationsvorteil - wir wissen nämlich im voraus, wie der Gegner einen Großteil seiner Hand spielen wird - nämlich nach seiner FBS. Dieser Effekt ist mindestens so wertvoll, wie Position auf den Gegner zu haben.
Es gibt mindestens zwei Ausnahmen:
- Sehr starke Hände, mit denen wir uns wünschen, dass der Gegner seine FBS abbricht und uns exzessive Action gibt.
- Semi-Bluff Sequenzen entsprechend dem Weak Spots Artikel
Mit normal-guten Händen möchten wir nach der Delay Theory die FBSs des Gegners maximal möglich ausnutzen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ihr am Flop mit dem Gegner heads-up seid.
Die zwei Maximen der Delay Theory lauten:
- 1. So spielen (vor allem pre-flop), dass der Gegner in seine FBS Muster fällt
- 2. Bis zum Ende der FBS warten, um einen Move zu machen.
Folgendes Beispiel kennt ihr alle: Ihr seid am Button und raist mit K3s. Die BB 3-bettet. Der Flop ist KT2. Der Gegner ist ein typischer SH LAG. Er bettet den Flop. Ihr seid euch fast sicher, dass er den Turn bettet falls ihr nur callt. Somit hat der Gegner hier eine FBS: 3-bet pre-flop, bet flop, bet turn. Ihr wartet bis zum Ende der FBS, nämlich bis zum Turn, um ihn zu raisen.
Folgende Idee ist aber neu für mich: In der selben Situation könnt ihr mit einer Killerhand wie AA genauso spielen. Ihr callt seine pre-flop 3-bet nur, callt seine Flop bet und raist den Turn. Ihr bringt ihn damit dazu, mindestens 6 SB in die Hand zu investieren.
Nach der Delay Theory würdet ihr jede spielbare Hand in so einer Situation bis zum Turn identisch spielen. Denn nach der Delay Theory möchten wir beim Gegner eine FBS induzieren und diese maximal ausnutzen.
Praktische Anwendung
Voraussetzungen:
- Der Pot ist sicher ab dem Flop heads-up
- Eure Hand ist nicht so stark, dass ihr euch einen pre-flop Cap wünscht.
- Nach einem pre-flop Raise bettet der Gegner stets den Flop
Dann solltet ihr:
- Raises und 3-bets des Gegners pre-flop nur callen.
- OOP am Flop entweder check/fold oder check/raise Flop, bet Turn
- IP fold Flop oder call Flop, raise Turn. (bei ganz schlimmen Turn Karten auch fold Turn)
Weitere Überlegungen
Die Delay Theory lässt sich noch stark verallgemeinern, nennen wir die Verallgemeinerung die FBS Theory. Hier geht es darum, allgemeine feste FBSs beim Gegner zu erkennen und maximal auszunutzen. Die Delay Theory ist ein Sonderfall davon, weil sie im Grundsatz passiv ist und den Gegner bis zu einem bestimmten Punkt die Initiative lässt. Es gibt aber auch Gegner, die auf Aggression mit einer bestimmten Sequenz reagieren, die zu unseren Vorteil sein kann. Viele Leute spielen im heads-up am Flop z.B. gerne cap or fold, d.h. entweder sie folden direkt oder sie sind bereit am Flop zu cappen. Erst am Turn werden sie passiv. Gegen solche Leute sollte man dann natürlich seine starken Hände schon am Flop aggressiv spielen um 2 BBs aus dem Gegner zu ziehen.