Konzepte: Overcalls
Einleitung
In diesem Artikel
- 3-Bet vs. Overcall
- Wann du auf einen Overcall spekulieren solltest
- Wann du lieber darauf verzichten solltest
Das Wort Overcall lässt sich kaum wörtlich übersetzen oder in kurze prägnante Worte fassen. Unter einem Overcall versteht man einen Call, nachdem bereits vorher eine Bet und ein Call stattgefunden haben.
Bist du zum Beispiel mit zwei anderen Spielern in einer Hand, der erste Gegner bettet, du callst und der zweite Gegner callt ebenfalls, dann hat dieser nun einen Overcall gemacht.
Overcalls kommen besonders häufig in Small Stake und Micro Stake Games vor. Eigentlich brauchst du für einen Overcall eine recht gute Hand, weil du es immerhin mit zwei Spielern zu tun hast, die du schlagen musst. Aber besonders bei kleinen Stakes neigen viele Spieler dazu, für eine Bet auch mit marginalen Händen Overcalls zu machen, gegen ein Raise aber zu folden.
Overcall oder Raise?
Es geht direkt hinein in die Materie mit einigen Beispielen.
Angenommen du bist 3-handed am River, dann sind folgende Betsequenzen sehr wahrscheinlich:
- a) Villain 1 bettet, Hero callt, Villain 2 callt
- b) Villain 1 bettet, Hero raist, Villain 2 foldet, Villain 1 callt
Wenn Hero hier die beste Hand hat, welchen Unterschied machen in diesem Fall die beiden Betsequenzen? Keinen.
Selbst wenn Hero in diesem Szenario die Nuts hat, ist hier sein Gewinn am River in beiden Beispielen der gleiche, nämlich 2BB.
Nun ein wenig komplizierter:
Du bist am River, der Pot 6BB groß und 3-handed mit den Protagonisten von oben, Hero sitzt in der Mitte.
Villain 1 bettet, Hero???
Folgende Annahmen:
- Wenn Hero callt, dann callt Villain 2 in 80% der Fälle.
- Wenn Hero raist und vorne liegt, dann foldet Villain 2 und Villain 1 callt.
- Wenn Hero raist und hinten liegt, dann foldet Villain 2, Villain 1 3-bettet, Hero callt und verliert.
Nimm nun an, dass Hero in 55% der Fälle die beste Hand hat und berechne den Erwartungswert der verschiedenen Betsequenzen:
EV (Hero callt) = p(Win) * (p(Heiko callt) * Pot1 + p(Heiko foldet) * Pot2) - p(Loss) * Kosten
= 0,55 * (0,8 * 8 + 0,2 * 7) - 0,45 * 1 = 3,84 BB
Die Potgrößen (Pot 1 und Pot 2) unterscheiden sich um +-1, je nachdem, ob Villain 2 callt oder foldet. Die Kosten sind 1, weil Hero eine BB zahlt. Heros Bets werden dabei nicht in den Pot eingerechnet, da durch das Einbeziehen von p(loss) auf die Kosten in dieser Berechnung der Nettogewinn von Hero berechnet wird.
Wenn Hero raist, dann sieht der EV folgendermaßen aus:
EV (Hero raist) = p(Win) * Pot - p(loss) * Kosten = 0,55 * 8 - 0,45 * 3 = 3,05 BB
In diesem Fall gewinnt Hero den 10BB Pot, davon 8BB netto, wenn er vorne liegt, verliert aber 3BB, wenn er hinten liegt.
Diese Rechnung unterliegt natürlich der Willkür und ist darüber hinaus artifiziell, weil nicht alle Aspekte berücksichtigt werden. Zu Ungunsten von Hero wurde angenommen, dass er immer verliert, wenn er die 3-Bet kassiert. Zu Gunsten von Hero fällt aus, dass Villain 1 das Raise immer callt, wenn Hero gewinnt, und dass Villain 2 mit 80% sehr oft overcallt und selbst nie die beste Hand hat.
Was du daraus lernst:
Es können Bedingungen existieren, bei denen Hero, selbst wenn er in der Mehrzahl der Fälle am Showdown gewinnt, mit einem Call in so einer Situation genauso gut oder gar besser bedient sein kann, als mit einem Raise.
Im Folgenden siehst du nun, wann die oben genannten Bedingungen erfüllt sein könnten.
Wann du einen Overcall möchtest
Die Frage die du dir also stellst lautet: Wann verzichtest du selbst auf ein Raise und hoffst stattdessen auf einen Overcall?
Dazu ein paar Eckpunkte, die die Entscheidung erleichtern:
- Du bist dir nicht sicher, ob du den Better überhaupt oft genug schlägst.
Eine Bet in mehrere Gegner am River deutet bei manchen Spielertypen auf viel Stärke hin. Wenn du also nicht sicher bist, ob ein Raise for Value ist, dann callst du lieber nur. Auf diesem Weg gehst du auch dem Risiko einer 3-Bet aus dem Weg. - Der Better könnte sehr gut bluffen.
Wenn du den Better auf einen Bluff setzt, holst du mit einem Raise aus ihm nicht viel mehr heraus, weil er darauf wahrscheinlich folden wird. Somit hoffst du lieber auf Calls marginaler Hände hinter dir. - Slowplay
Du hast Angst, dass bei einem Raise alle (vielleicht sogar der Better) folden könnten, und hoffst lieber, dass hinter dir für eine Bet möglichst viele Leute noch callen möchten.
Wann du keinen Overcall möchtest
Auch der umgekehrte Fall bedarf genauerer Betrachtung. In folgenden Situationen solltest du nicht auf Overcalls spekulieren:
- Du könntest durch ein Raise eine bessere Hand zum Folden bringen
Es gibt Situationen, in denen du es ausnutzen kannst, am River jemanden mit 2 Bets zu konfrontieren. Wenn du also glaubst, den Better schlagen zu können, aber mit einem Raise bessere Hände hinter dir zum Folden bringen zu können, dann solltest du logischerweise nicht auf Overcalls spielen. - - Du hast eine sehr starke Hand und der Pot ist sehr groß.
Wenn deine Hand so stark ist, dass du eine 3-Bet sogar begrüßen würdest, dann solltest du den Gegnern diese Chance auch geben. Des weiteren kannst du ab einer bestimmten Potgröße auch davon ausgehen, dass der ein oder andere Gegner sogar zwei Bets coldcallen könnte.
Overcalls in der Praxis
Von der Theorie in die Praxis: Ein paar Beispiele, die teilweise aus dem echten Leben stammen.
Aus SSH
Preflop: Hero is Button with A

UTG+1 (loose passive fish) calls, UTG+2 (loose passive fish) call, CO (loose tricky) calls, Hero raises, Blinds fold, all Limpers call
Flop: (9,5 SB) Q


UTG+1 checks, UTG+2 checks,CO bets, Hero raises, UTG+1 coldcalls, UTG+2 coldcalls, CO calls
Turn: (8.50 BB) 7
UTG+1 checks, UTG+2 checks, CO checks, Hero bets, all 3 players call
River: (12.50 BB) 4
UTG+1 check, UTG+2 checks CO bets, Hero???
Hero calls .
Ein klassisches Beispiel, bei dem Hero lieber auf Overcalls hoffen sollte, anstatt selbst zu raisen. Hero hat eine sehr starke Hand und viel Stärke gezeigt. Dennoch bettet der trickreiche Spieler in Hero hinein. Hat er wirklich die 4? Dann wäre ein Raise grässlich, und es würde oft genug die 3-Bet kommen. Ist es ein reiner Bluff? Auch dann ergibt ein Raise keinen Sinn, denn eine bessere Hand wird nicht folden, und du vertreibst gegebenenfalls nur schlechtere, teils marginale Hände, die für eine Bet, bei dem nun immerhin schon 13,5 BB (nach Heros Call 14,5 BB) großen Pot gecallt hätten. Darum gilt in diesem Fall Call > Raise.
Preflop: Hero is CO with A

6 folds, Hero raises, Button (fish) coldcalls, BB calls
Flop: (6,5 SB) 9


BB checks, Hero bets, Button calls, BB calls
Turn: (4,75 BB) Q
BB checks, Hero bets, Button calls, BB calls
River: (7,75 BB) 3
BB bets, Hero???
Dieses Beispiel stammt ebenfalls aus SSH und dort wird ein Raise am River empfohlen. Es folgt eine EV-Berechnung (wer nachlesen möchte, kann Seite 211-216 aus SSH aufschlagen), die aber so artifiziell ist, dass sie hier nicht den Tatsachen entspricht.
Du musst dich hier folgenden Fragen widmen:
- Schlägst du den Better überhaupt in der Mehrzahl der Fälle?
- Könnte hinter dir eine bessere Hand folden?
Ersteres ist wirklich schwierig zu beantworten, aber auch hier kannst du eigentlich im Mittel davon ausgehen, dass du gar nicht erst vorne liegst. Hier sind die schlechteren Hände, die am River in dich reinbetten und dein Raise callen, doch nicht wirklich zahlreich.
Auch die zweite Frage kann man in der Regel mit „Nein" beantworten. Es ist in typischen small Stakes Games eher unwahrscheinlich, dass ein Fish hier Toppair oder besser foldet. Folden möchte Hero in dem 8,75BB Pot natürlich nicht. Somit lautet die korrekte Spielweise in dieser Situation:
Hero calls
Preflop: Hero is Button with T

CO (unpredictable aggro mit 68/32/1,8) openlimps, Hero raises , BB (passiv und rocklike) calls, CO calls
Flop: (6,5 SB) J


BB checks, CO Bets, Hero raises, BB coldcalls, CO calls
Der Rock callt 2 cold am Flop. Das heißt nichts Gutes für uns. Wir setzen ihn entweder auf Top Pair oder einen Flushdraw.
Turn: (6,25 BB) 6
BB checks, CO checks, Hero bets, both call
River: (9.25 BB) A
BB checks, CO bets, Hero ???
Hero raist
Du kaufst dem CO das Ass nicht ab. Der Semi-Maniac hat 32% PFR und würde vom CO wohl sehr wahrscheinlich jedes Ass Preflop raisen. Aber Achtung: Selbst wenn du hier davon ausgehst, dass CO blufft (was oben als Kriterium für „going for Overcalls" genannt wird) überwiegt diesmal (im Gegensatz zu Beispielhand 2) das Argument, dass das Raise bessere Hände zum Folden bringen könnte. Es ist hier sehr gut möglich, dass der tighte BB eine Hand wie KJ, QJ, J9s foldet, weil du als Preflopraiser sehr gut das Ass getroffen haben kannst, so dass er nicht zwei BBs coldcallen möchte.
Ein typisch loose passives small Stakes Game.
Preflop: Hero is BB with J

3 player call, SB completes, Hero.
Flop: (5 SB) T


Checked around
Turn: (2,5 BB) 9
SB bets, Hero ???
Hero calls.
Der Pot ist klein, Hero bedankt sich für die Freecard, die ihm die Nuts beschert hat, das Board ist rainbow und noch drei Leute hinter Hero. Hier kann Hero slowplayen und auf Overcalls hoffen. Die Pot Odds stimmen in keinem Fall für die Gegner. Ein Raise hingegen könnte viele Hände vertreiben, die eine Bet gecallt hätten.
Du spielst die Hand weiter:
Turn: (2,5 BB) 9
SB bets, Hero calls, 2 Calls, ein Fold dahinter
River: (6.5 BB) A
SB bets, Hero ???
Hero raist.
Der Pot ist nun wesentlich größer, desweiteren könnte jemand das Ass getroffen haben. Du kannst nun hoffen, dass jemand mit einem Ass gar zwei Bets cold callen könnte. Darüber hinaus willst du mit den Nuts auch dem SB oder einem anderen Spieler nicht die Chance auf eine 3-Bet nehmen.
Preflop: Hero is MP3 with A

4 folds, Hero raises, CO calls, Button calls, SB calls, BB calls
Flop: (10 SB) 9


SB checks, BB checks, Hero bets , all 4 players call
Das sieht nicht so gut aus und du musst am Turn folden, sofern du dich nicht verbesserst.
Turn: (6,25 BB) 3
Checked around
River: (6,25 BB) T
SB Checks, BB bets, Hero ???
Hero callt .
Die Freecard hat doch gut getan. Dennoch wäre ein Raise in dieser Situation nicht sehr sinnvoll. Wenn der BB hier gegen vier Leute am River reinbettet, dann hat er wohl sehr oft den Jack. Vielleicht auch ein Kamikazebluff, ergo bringt ein Raise nichts und möglicherweise in seltenen Fällen eine 6. Insgesamt kannst du dir also hier nicht sicher sein, den Better zu schlagen und bekommst gegen jeden Jack einen Split-Pot. Also ist es am sinnvollsten, lieber die anderen Kunden für eine Bet ihre marginalen Hände callen zu lassen, damit du im Falle des Split-Pots wenigstens noch die Hälfte davon abgreifen kannst.
Es ist generell sinnvoll, mit One-Card-Straights in Multiwaypots am River auf Overcalls zu gehen.
Preflop: Hero is CO with K

1 fold, MP3 (LPA)calls, Hero raises, Button (TAG) 3 bets, BB calls, MP3 calls, Hero calls
Flop: (12,5 SB) A


BB checks, MP3 checks, Hero checks, Button bets, BB folds, MP3 and Hero calls
Für 14,5 zu 1 kann Hero trotz 2 suited Board locker auf seinen Gutshot + backdoorflushdraw drawen.
Turn: (7,75 BB) 2
MP3 checks, Hero checks, Button bets, MP3 and Hero call
River: (10,75 BB) 6
MP3 Bets, Hero ???
Hero calls.
Der Backdoorflush ist angekommen, es ist aber nur der dritte Nutflush und der K 

Eine Hand, die im Forum gepostet wurde:
Preflop: Hero is Button with J

UTG (poster) checks, Hero raises, SB 3-bets, 1 fold, UTG calls, Hero calls.
Flop: (10 SB) 3


SB bets, UTG calls, Hero calls.
Turn: (6.50 BB) 9
SB checks, UTG bets, Hero raises, SB calls, UTG calls.
River: (12.50 BB) 8
SB checks, UTG bets, Hero???
Die erste Antwort zu der Hand lautete:
“call river for overcall! Paradespot.“
Obwohl Hero seine Straight am Turn getroffen hat, ist das Board nicht wirklich schön. 3-suited und am River auch noch paired. Der SB callt zwei BB cold am Turn (slowplayt er vielleicht?), er könnte natürlich auch auf einem hohen 
Zusammenfassung
Du hast also gesehen, dass es zahlreiche Fälle gibt, in denen „Going for Overcalls" einem Raise vorzuziehen ist.
Dennoch solltest du die Augen offen halten und aufmerksam sein, um auch die teilweise hier aufgeführten Spots zu bemerken, in denen du nicht auf Overcalls spielen solltest.