Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Tells

1. Einleitung

Das Verständnis und Beherrschen der strategischen Grundlagen sind wesentliche Voraussetzungen, um im Poker langfristig Gewinn zu
erzielen. Doch über diese Grundlagen hinaus wird ein fortgeschrittener
Spieler seinen Profit nicht mehr allein aus deren Anwendung und
kontinuierlichen Verbesserung ziehen, sondern aus dem Erlangen der
psychologischen Überlegenheit über seine Gegner. Er wird seinen Gewinn
dann maximieren können, wenn er in der Lage ist, sich in seine Gegner
hineinzuversetzen und seine Spielweise an diese anzupassen.

Besonders wertvoll wird diese Fähigkeit beim Live-Poker. Anders
als beim Online Poker versteckt sich der Gegner nicht hinter einer
virtuellen Maske, sondern sitzt dir in Fleisch und Blut gegenüber. Ein
guter Weg, mehr über die Motivation und Gedankenwelt seines Gegners zu
erfahren, sind „Tells".

Tells sind bewusste oder unbewusste Zeichen im Verhalten, in der Mimik, Gestik, Spielweise deines Gegners, die dir mehr über die Stärke seiner Hand oder seine wahren Absichten verraten können. Dieser Artikel verrät dir die wichtigsten Tells, die dir am Pokertisch begegnen können.

2. Definition und Arten von Tells

to tell (sth. about somebody) - etwas erzählen, berichten (über jemanden)

Jedes Verhalten eines Spielers, das Rückschlüsse über seine Hand zulässt, ist ein Tell.

Generell kann man Tells in zwei Kategorien einordnen:

  • Unbewusste Tells von Spielern, die sich unbeobachtet fühlen
  • Bewusste Tells von Spielern, die schauspielern

Um sie zu entdecken und für dich nutzen zu können, solltest du eine Regel verinnerlichen: Schau deine Gegner an, nicht deine Karten!

Besonders gilt das Gesagte in den Momenten, wenn die Startkarten
verteilt, sowie die Gemeinschaftskarten aufgedeckt werden. Deine Karten
ändern sich nicht, die Emotionen deiner Gegner in Bezug auf ihre Hand
schon.

3. Unbewusste Tells

3.1. Der erste Eindruck

Der erste Eindruck von einem Mitspieler kann schon der erste Tell
sein. Der Charakter eines Menschen spiegelt sich oft in seiner
Spielweise wieder. So agieren Leute, die ihre Chips ordentlich stapeln,
eher konservativ. Anders dagegen Spieler, die einen bunten,
unordentlichen und unübersichtlichen Haufen Chips vor sich liegen
haben. Sie spielen wahrscheinlich loose-aggressive.

3.2. Die Körperhaltung

Nicht wenige Spieler verraten durch ihre Körperhaltung ungewollt die Stärke ihres Blattes. So ist eine unbewusste Veränderung der Sitzposition, eine straffere und nach vorne gebeugte, ein Indiz für
eine starke Hand. Bei einer schwachen Hand zeigen sie häufig weniger Körperspannung, z.B. erkennbar an hängenden Schultern.

3.3. Nervosität

Es wird häufig angenommen, dass nervöses Verhalten einen Bluff widerspiegelt. Immerhin steht meist viel auf dem Spiel. Doch in den
meisten Fällen ist augenscheinliche innere Unruhe ein Zeichen von
Stärke. Zum einen ist wirkliche Nervosität sehr schwer schauspielerisch
darzustellen. Zum anderen soll der Kontrahent bei einem Bluff eher den
Eindruck eines souveränen, ruhigen Gegners erhalten. Spieler, die eine
schwere Entscheidung zu treffen haben, werden daher versuchen, ihre
Nervosität zu kontrollieren, beispielsweise durch das Festhalten der
einen mit der anderen Hand.

Erhält ein Spieler eine großartige Karte auf dem River und beginnt auf einmal zu zittern, dann ist das kein Anzeichen von Schwäche,
sondern oft eine Art Ventil, die aufgebaute Spannung zu lösen. Gerade
unerfahrene Spieler schieben erleichtert mit zittrigen, schwitzenden
Händen alle Chips in die Mitte. Tue ihnen nicht den Gefallen zu callen!

Des Weiteren legen eine Menge Spieler nervöse Angewohnheiten an
den Tag. Sie trommeln beispielsweise mit den Fingern, wackeln mit einem
Bein unterm Tisch oder „klappern" mit ihren Chips. Wenn also jemand
etwas setzt und die ganze Zeit mit seinen Chips „klappert", aber damit
plötzlich aufhört, wenn ein Gegenüber zu seinen Chips greift, dann
deutet diese unbewusste Geste auf einen Bluff hin. Der Spieler fühlt
sich offensichtlich unwohl. Bei einer starken Hand schenken Spieler
ihren Gegner generell weniger Aufmerksamkeit, sie gehen ihren
Angewohnheiten weiter nach.

3.4. Innere Anspannung

Spieler, die eine Hand von für sie großer Wichtigkeit spielen, sind innerlich angespannt. Automatisch erhöht sich der
Adrenalinausstoß, spannen sich die Muskeln, erweitern sich die
Pupillen, erhöht sich die Herzschlagrate, die Kehle scheint
auszutrocknen und die Stimmlage verändert sich. Nicht umsonst tragen
viele Spieler Kapuzenpullover, um ihre Halsschlagader zu verdecken. Ob
diese Reaktionen nun Hinweise auf ein gutes oder schlechtes Blatt sind,
lässt sich nur schwer entscheiden. In der Regel versucht jemand mit
einer schlechten Hand seine Anspannung zu unterdrücken, bewirkt dadurch
aber oft genau das Gegenteil.

3.5. Die Atmung

Ein sehr aussagekräftiger Tell ist die Atmung eines Spielers. Eine Veränderung der Atmung ist keine Schauspielerei. Je näher du deinem Gegner bist, desto besser wirst du diesen Tell für dich nutzen
können. Eine flache Atmung oder der Versuch lautes Atmen zu vermeiden,
kann auf eine schwache Hand deuten.

3.6. Der Calling Reflex

Bluffer werden alles versuchen, um so normal wie möglich zu wirken. Der Grund für dieses Verhalten ist der Calling Reflex. Vor
allem unerfahrene Spieler zeigen dieses Verhaltensmuster. Sie lieben
den Showdown und suchen bei ihrem Kontrahenten nach Signalen, die ihnen
hinterher als Entschuldigung dienen können. Sie werden ihre
Entscheidung oft weniger von der Stärke ihrer Hand als von ihrem Ego
abhängig machen. Fast alle Bluffer verhalten sich deswegen instinktiv ruhig und möglichst unauffällig.

3.7. Mimik

Falls jemand seinen Mund mit seiner Hand verdeckt, so hält er häufig eine schwache Hand. Er möchte seine Emotionen verdecken. Im
übertragenen Sinn möchte er eine Lüge nicht preisgeben, die man im
seinem Gesicht lesen könnte. Ähnlich verhält es sich mit einem Spieler,
der einem Blick nicht standhalten kann. Er hat Angst, dass seine Augen
ihn verraten könnten.

3.8. Blick auf die Chips

Das ist wahrscheinlich der wertvollste unbewusste Tell. Wirft ein Spieler einen kurzen Blick auf seine Chips und schaut sofort wieder
weg, dann möchte er betten. Eine Abwandlung ist der schnelle Blick auf
die Chips seines Gegners, was jedoch dasselbe bedeutet. Wichtig ist,
dass er sich dabei unbeobachtet fühlt.

3.9. Nochmaliges Anschauen einer Hand

Gerade bei Anfängern ein zuverlässiger Tell. Die Rede ist hier von einem unbewussten, kurzen Blick in die eigenen Karten. Wenn beispielsweise der Flop drei Karten in Herz offenbart und sich dein
unerfahrener Gegner seine Hand nochmals anschaut, dann hat er mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Flush.

Gerade Anfänger merken sich bei ihrer Starthand (offsuit) nicht
die Farben. Nur bei einer gleichfarbigen Starthand (suited) merken sie
sich die exakten Karten. Von daher kannst du davon ausgehen, dass dein
Gegner in dem Beispiel höchstens ein Herz hält.

3.10. Austausch von Nettigkeiten

Ist ein Gegner nach einer Bet freundlich zu dir, dann spielt er wahrscheinlich einen Bluff. Er möchte dich nicht in eine persönliche Konfrontation verwickeln und du sollst dich auf deine Hand
konzentrieren. Anders ein freundlicher Spieler, der plötzlich unfreundlich wird. Hier gilt genau das Gegenteil, er möchte wahrscheinlich gecallt werden.

Ein weiterer Tell ist das Grinsen. Jemand, der versucht ernst zu
bleiben und dann unfreiwillig ein Lächeln entblößt, hält mit einiger
Sicherheit eine Monsterhand. Ein Spieler mit einem natürlichen Lächeln
hat eher eine gute Hand, im Gegensatz zu jemandem, der ein aufgesetztes
Lächeln erzwingt.

3.11. Hand beschützen

So wie man einen Goldschatz bewachen würde, tun dies viele Spieler unbewusst mit einer guten Starthand. Sie schauen kurz,
verdecken ihre Karten schnell und halten ihre Hände schützend darüber.

3.12. Hände Außenstehenden zeigen

Unerfahrene Spieler werden häufig Freunden oder Partnern während einer Hand ihre Karten zeigen. In diesen Fällen halten sie mit großer Zuverlässigkeit eine starke Hand. Dafür sprechen vor allem zwei Gründe: Erstens möchte der Betreffende zeigen, dass er ein guter Spieler ist. Das kann er nur mit einer legitimen Hand, wahrscheinlich einer Made Hand, die auch der vermeintliche Laie als solche erkennen könnte. Zweitens könnte derjenige, der sich die Karten anschaut, einen Bluff verraten.

3.13. Instant-Bet

Wenn jemand seine Hand anschaut und direkt setzt, dann ist das besonders bei unerfahrenen Spielern ein Hinweis für ehrliches Spiel.
Die meisten Menschen werden sich vor einem Bluff etwas Zeit nehmen, schließlich soll die Aktion überlegt wirken. Außerdem vermeiden sie jede auffällige Handlung, um kein Misstrauen zu erwecken.

3.14. Der Griff zum Glas

Oft werden Gegner, die einen Bluff spielen, danach zum (Bier-)Glas greifen. Es soll normal wirken, doch gerade das sollte dir auffallen.

3.15. Zigarette

Auch an der Art und Weise, wie manche Leute ihre Zigarette
rauchen, kann man Rückschlüsse auf die Stärke einer Hand ziehen. So
deutet das unbewusste Ausstoßen einer großen Rauchwolke eher auf eine
starke Hand hin und dein Call ist dem Gegner ziemlich egal. Wenn er
jedoch möglichst unauffällig ausatmet, so spielt er häufiger einen
Bluff. Dieser Tell ist sehr vage und sollte nach Möglichkeit nur in
Kombination mit anderen verwendet werden.

3.16. Wie jemand setzt

Wie jemand seine Chips in die Mitte bewegt, kann ebenfalls einiges über seine Hand verraten. Hält er ein starkes Blatt und will
seinen Gegner zum Callen ermutigen, so wird er kein großes Spektakel
machen. Er möchte niemanden verschrecken und wird entweder gar nichts
sagen oder den Wert seiner Chips beiläufig verkünden.

Anders verhält sich ein Spieler mit einer schwachen Hand. Er wird
seine Bet meist optimistisch oder autoritär laut verkünden. Ist dieses
Verhalten nicht unlogisch, denn eigentlich versuchen Bluffer doch, um
keinen Preis aufzufallen? Trotzdem ist das Verhalten verständlich, denn
solange er die vorübergehende Kontrolle innehat, versucht er seinen
Gegner aus der Hand zu verjagen, indem er ihn einschüchtert. Erst
danach wird er versuchen, unauffällig zu erscheinen.

Ein weiteres Signal ist das übertriebene Setzen der Chips. Jemand,
der seine Chips mit Betonung in Richtung seines Gegners bewegt,
vielleicht wirft, möchte ihn wahrscheinlich einschüchtern. Gute
Indizien sind ein ausgestreckter Unterarm sowie ein übertriebenes
Strecken der Fingerspitzen.

4. Bewusste Tells

Doyle Brunsons legendäres Buch Super System enthält eine sehr aufschlussreiche, von Mike Caro verfasste Passage, die frei übersetzt
wie folgt lautet:

Die meisten Menschen können nicht leben, wie sie möchten. Als Kinder mussten sie Hausarbeiten machen, die sie hassten, [...] Als Erwachsene müssen sie mit Leuten auskommen, die sie nicht mögen, vortäuschen, sich gut zu fühlen, wenn sie sich miserabel fühlen, handeln, als hätten sie alles unter Kontrolle, obwohl sie verunsichert und ängstlich sind.

Diese Leute sind Schauspieler. Sie geben vor eine Person zu sein,
die sie gar nicht sind. Am Pokertisch handeln sie unbewusst nach dem
Motto: „Wenn ich mich hier nicht verstelle, können die anderen mein
wahres Ich erkennen.

Deshalb werden diese Leute bei einer starken Hand Schwäche vortäuschen und bei einer schwachen Hand Stärke. Das Prinzip von strong means weak and weak means strong wird auf die große Mehrheit deiner Mitspieler zutreffen.

Euer Ziel muss es immer sein, herauszufinden, ob ein Gegner
schauspielert oder nicht. Schauspielert er, dann entscheidet, was er
bezwecken möchte und macht genau das Gegenteil.

Das festzustellen ist nicht einfach, doch es gibt zwei zuverlässige Indikatoren:

  • Dein Gegner muss sich von dir beobachtet fühlen.
  • Deine Entscheidung muss für ihn von Bedeutung sein.

Beide Indikatoren müssen in der Regel zutreffen.

4.1. Gespielte Schwäche

Vorgetäuschte Schwäche kann sich z.B. als Seufzen darstellen, als Schulterzucken, langes Grübeln, als alle möglichen Anzeichen von gespieltem Desinteresse. Spieler, die Schwäche vorgeben, haben eine
starke Hand. Sie möchten ihre Gegner durch ihr Täuschungsmanöver zu
einem Call oder sogar zu einem Raise ermutigen.

Jemand, der während einer Hand bewusst wegschaut, ist in der Regel
gefährlich. Er handelt so, als sei ihm die Hand egal, um eine
gegnerische Aktion zu provozieren. Besonders häufig passiert das, wenn
der Flop gedealt wird. Ein kurzer Blick auf den Flop und der folgende
Blick zur Seite sind das Indiz für Stärke.

Dieser Tell wird Euch in verschiedenen Formen begegnen, wobei
unerfahrene Spieler eher zur Übertreibung neigen. Ähnlich verhält es
sich mit Leuten, die nicht am Zug sind und so tun, als ob sie die Hand
wegwerfen möchten.

Die meisten Spieler treffen ihre Entscheidung innerhalb von
wenigen Sekunden. Grübelt hingegen jemand sehr lange, um schließlich
kräftig zu erhöhen, so will er eher vortäuschen, dass ihm die
Entscheidung unglaublich schwer gefallen sei. Normalerweise kannst du
von einer sehr starken Hand oder gar einer Monsterhand ausgehen.

4.2. Gespielte Stärke

Wenn du die Tells der gespielten Schwäche richtig nutzt, so kannst du vermeiden, eine Menge Geld zu verlieren. Wesentlich profitabler, jedoch auch riskanter, ist das Entlarven von gespielter
Stärke. Durch einen richtigen Tell und einen mutigen Call kannst du
manchmal Hände für dich entscheiden, deren Gewinn du sonst gar nicht
in Betracht gezogen hättest.

Anders als Spieler mit starken Händen, die dich ermutigen wollen, Chips in
die Mitte zu schieben, versuchen Spieler mit schwachen Händen genau das
zu vermeiden. Hier die besten Anzeichen:

  • 4.2.1. Mit den Chips drohen

    Greift jemand in seine Chips, während sein Gegner am Zug ist, dann ist das meist ein Einschüchterungsversuch. Wenn jedoch ein Spieler
    ständig mit seinen Chips spielt und plötzlich die Hände von den Chips
    lässt, während du am Zug bist, dann ist das ein Zeichen wahrer Stärke.

  • 4.2.2. Anstarren

    Spieler, die mit durchbohrenden Blicken ihre Gegner regelrecht niederstarren, sind meist nicht sehr gefährlich. Das Signal „Ich
    beobachte dich genau, also überleg Dir was Du tust" ist oft als
    Schwäche zu werten.

  • 4.2.3. Karten anschauen

    Sieht ein Gegner besonders lange in seine Startkarten oder auf das Board, hält er in der Mehrzahl der Fälle eine schwache Hand. Schaut er lange und setzt, so spielt er wahrscheinlich einen Bluff.

    Ein starker Tell ist das nochmalige Ansehen der Starthand, nachdem dein Gegner gesetzt hat und du in deinen Chipstapel greifst. Man kann
    hier von einem Bluff ausgehen.

  • 4.2.4. Pot vorschnell abgreifen

    Spieler mit einer sehr starken Hand hoffen und warten bis zum letzten Moment, dass ihr Gegner mitgeht. Möchte er die Action
    vorschnell beenden z.B. durch Aussagen wie: „Ich zeig auch", oder indem
    er den Topf in der Mitte beansprucht, so ist das deutlich als Schwäche
    zu interpretieren.

5. Kombination von Tells

Tells sind leider nicht immer so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So wirst du oft nicht nur einen, sondern gleich mehrere bei deinem Gegner beobachten. Stimmen sie überein, so sollte dir deine
Entscheidung leichter fallen.

Falls jemand z.B. seine Starthand nur kurz anschaut, diese dann
schnell verdeckt und mit seinen Händen beschützt, einen kurzen Blick
auf seine Chips wirft und dann scheinbar gelangweilt sein Glas
betrachtet, so kannst du von einer starken bis sehr starken Hand
ausgehen.

Kompliziert wird es, wenn Tells sich widersprechen. Doch auch für
dieses Problem gibt es eine Lösung. Oft sind sich Spieler nur einem
Teil ihrer Aktionen bewusst. Finde heraus, welcher Tell gespielt wird
und mach genau das Gegenteil von dem, was der Spieler mit ihm
bezwecken möchte!

5.1. Beispiel 1

Ein Mann nimmt seine Karten in die rechte Hand und ist im Begriff
sie wegzuwerfen. Die linke Hand wandert unmerklich zu seinen Chips.
Welcher Tell ist bewusst, welcher unbewusst? Gibt er vor, eine starke
oder eine schwache Hand zu halten?

Der Mann versucht durch das Wegwerfen der Karten Schwäche
vorzutäuschen. Das ist der bewusste Tell. Du sollst seine Schwäche
wahrnehmen. Der Griff in die Chips hingegen ist eine unbewusste
Handlung, die seine wahre Motivation verrät.

5.2. Beispiel 2

Du beobachtest einen Spieler, der nicht am Zug ist. Er wendet sich
merkbar von seinem Gegner ab, doch seine Augen wandern zwischen dem
Gegner und dessen Chipstapel.

Letzterer soll diese Körpersprache als Schwäche interpretieren.
Die Augen, welche Kontrahenten wahrscheinlich nicht auffallen, verraten
jedoch die wahre Motivation des Spielers.

6. Tells als Täuschung

In den obigen Beispielen gehen wir davon aus, dass unsere Gegner zu der Mehrheit gehören, die bei Stärke Schwäche vortäuscht und umgekehrt. Kompliziert wird es jedoch bei erfahrenen Spielern, die
genau wissen, was welcher Tell bedeutet. Sie werden versuchen diese gegen dich zu benutzen. Ein gutes Beispiel dafür ist Eli Elezra, der bei einem gleichfarbigen Flop seine Hand nochmals anschaute, obwohl er genau wusste, dass er seinen Flush bereits getroffen hatte.

Reverse
Wenn jemand bei einer schwachen Hand bewusst Schwäche zeigt, um dich zu irritieren, handelt er genau umgekehrt, sprich „reverse".
Erfahrene Spieler denken sogar „reverse reverse" und „reverse reverse
reverse". Hierbei dreht sich alles um die Frage „Was denkt er, was ich
denke (was er denkt, was ich denke etc.)?"

7. Beispielhände

Im Folgenden sind drei populäre Hände, in denen Tells eine wichtige Rolle gespielt haben, dokumentiert. In der
ersten Hand wird gespielte Schwäche enttarnt. Die zweite Hand zeigt
nicht nur den Unterschied zwischen Live und Online Poker, sondern auch
wie profitabel es sein kann, gespielte Stärke zu entlarven. Die dritte
Hand zeigt, dass ein richtiger Tell auch zu einer falschen Entscheidung
führen kann.

7.1. Hand 1

Bei einem NL-Turnier der WSOP 2004 bekam Anni Duke TT und erhöhte kräftig. Greg Raymer setzte sie All In. Sie beobachtete Greg Raymer
sehr lange und entdeckte einen starken Tell, der ihr verriet, dass er
ein starkes Blatt hielt und sie zu einem Call verleiten wollte.

Ihre Pot Odds waren 3:1, nur gegen ein höheres Paar lag sie mit
1:4 hinten. Nach langer Denkpause warf sie die Hand weg. Als Raymer
kurze Zeit später ausschied, verriet er ihr, dass er KK gehalten und
sie eine großartige Entscheidung getroffen hatte. Anni Duke sollte
später das Turnier sowie ein stolzes Preisgeld in Höhe von 2,4
Millionen $ gewinnen.

7.2. Hand 2

Während der WSOP 2005 hatte Mike „The Mouth" Matusow einen sehr starken Tell von Dustin Woolf . Obwohl dieser wenig Erfahrung im Live
Poker besitzt, ist Letzterer eine Legende des Onlinepokers mit Gewinnen
im sechstelligen Bereich.

Anders als beim Live Poker wird man beim Online Poker von niemandem beobachtet. Genau dies sollte Woolf zum Verhängnis werden.

So konnte Matusow beobachten, dass Woolf bei einer starken Hand
die Chips schwungvoll in die Tischmitte warf, bei einer schwachen Hand
platzierte er die Chips vorsichtig in die Mitte und sagte: „Ich raise".
Diesen Tell konnte Matusow in folgender Hand ausnutzen:

Nachdem ein Spieler sowie Matusow mit Qh-Jh 10,000$ gecallt haben,
erhöht Woolf auf 80,000$. Er schiebt seine Chips behutsam in die Mitte
und sagt: „Ich erhöhe".

Anstatt mit einem Reraise die 100.000$ direkt zu gewinnen,
beschloss Matusow seinem Gegner die Möglichkeit zu geben, ein weiteres
Mal zu bluffen. Der Flop K-10-4 gab Matusow einen OESD
(Open-Ended-Straight-Draw). Woolf setze vorsichtig 250.000$ und sagte:
„Ich bette". Matusow wollte Woolf erneut einen Bluff ermöglichen und
callte. Der Turn war eine 6, Woolf checkte und Matusow ging „all-in".

Blitzartig trennte sich Woolf von seiner Hand und Matusow konnte
seinen Stack erheblich vergrößern, weil er den optimalen Nutzen aus dem
Tell seines Gegners gezogen hatte.

7.3. Hand 3

Eine Hand, die viele von Euch kennen werden, hat sich bei den
Party Poker German Open im Heads Up zwischen unserem geschätzten
Pokerstrategy-Member Morgoth und Soraya Homam ergeben:

Soraya Homam erhöhte mit AQ fast All In. Morgoth hielt QQ und
äußerte, dass er bei einem Call „All In" wäre. Sie verstand jedoch nur
"All In" und callte sehr schnell die vermeintliche Erhöhung. Der Irrtum
klärte sich auf, doch Morgoth war verunsichert. Er überlegt sehr lange
und foldete schließlich seine Queens.

Da Homam ein All In von Morgoth ohne zu zögern gecallt hätte,
musste sie überzeugt gewesen sein, eine sehr starke Hand zu halten. Die
Frage, die sich Morgoth gestellt hatte, war folgende: Von welchen
Händen glaubt Homam, dass sie in dieser Situation stark seien?

Für den Zuschauer mag Morgoths Entscheidung unverständlich
erscheinen, doch setzte er Homam wahrscheinlich auf AA, KK oder AK.
Gegen diese Range wäre seine Hand bestenfalls ein Coinflip gewesen.
Daher foldete er und versuchte, sie mit seinen restlichen Chips zu
besiegen, was ihm schließlich auch gelang. Man sieht jedoch, dass ein
Tell auch zu einer objektiv falschen Entscheidung führen kann.

8. Fazit

Vor allem im ersten und im letzten Beispiel ist nicht der Tell der entscheidende Faktor, sondern die Frage: Von welchen Händen denkt mein Gegner, dass sie gut seien?

Die Gegenfrage dazu lautet: Von welchen Händen denkt mein Gegner dass sie schwach seien?

Obwohl Tells ein probates Mittel sind, um Informationen zu
sammeln, sollte man sein Spiel nie allein auf ihnen begründen. Sie
können eine große Hilfe sein, sich in seine Gegner hineinzuversetzen,
doch sind sie nur ein Teil des Puzzles, das ein guter Pokerspieler bei
jeder Entscheidung gedanklich zusammensetzt.

Daher liegt der Schlüssel zu gutem, erfolgreichem Live-Poker im
Beherrschen der strategischen Grundlagen, dem richtigen Deuten von
Tells und der Fähigkeit, sich in seine Gegner hineinzuversetzen.