Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Wie spielst du starke Draws?

Einleitung

In diesem Artikel

  • Die Grundlagen des Drawspiels

  • Equityverschiebung und Semibluffs

  • Unterschiede im Spiel out of Position und in Position

In diesem Artikel lernst du, wie du deine starken Draws am besten spielst. Dazu zählen in der Regel alle Hände, die mehr als 8 Outs zu einer sehr starken Hand haben und bisher noch keinen Showdownvalue besitzen.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf der mathematischen Betrachtung im Spiel mit starken Draws. Diese ist nicht immer ganz einfach, denn es ist nie so, dass man die korrekten Odds zum Drawen bekommt, dafür aber sind die implied Odds in der Regel sehr viel größer.

Des Weiteren können Semibluffs aufgrund der variablen Betsize um einiges effektiver sein. Daraus resultierend ergibt sich oft eine sehr hohe Foldequity, die das Spiel mit Semibluffs sehr profitabel gestalten kann.

Die folgenden Kapitel werden dir systematisch die Grundlagen des Spiels mit starken Draws und konkrete Spielweisen in verschiedenen Situationen näher bringen. Den Anfang machen die Grundlagen des Drawspiels.

Grundlagen

Implied Odds

Die implied Odds sind beim No-Limit Hold'em natürlich um einiges höher als beim Fixed Limit Hold'em. Oft kannst du damit rechnen, in der nächsten Setzrunde noch mindestens eine Potsizebet (PSB) oder zumindest eine halbe Potsizebet (HPSB) zu bekommen.

Zu beachten ist hier allerdings auf jeden Fall die Größe des Stacks. Sollten dein Stack oder der des Gegners sehr klein sein, so verschwinden natürlich die implied Odds, da du immer auf die effektiven Stacksizes achten musst. Du kannst schließlich nicht mehr gewinnen als vorhanden ist.

BEISPIEL

Nimm an, der Pot ist am Flop 12 BB groß und du hast einen Nutflushdraw mit 9 Outs (Das Board ist nicht paired). Dein Gegner bettet 8BB. Du bekommst somit Pot Odds von 1:2,5 auf den Call, bräuchtest für einen korrekten Call mit deinem 9-Outer allerdings 1:4,22 (Berechnet sich aus: [1-(9/47)]/(9/47))

Kannst du nun davon ausgehen, im Mittel noch eine Bet von halber Potsize von deinem Gegner auf einer der nächsten Straßen zu bekommen, sind deine implied Odds auf den Call natürlich um einiges größer.

Berechnung der implied Odds:
Potgröße am Flop: 12 BB
gegnerische Betsize: 8 BB
Pot am Turn nach einem Call: 28 BB (12 BB+8 BB+8 BB)

Implied Odds bei einem Call am Flop: 1 : [("Potgröße am Flop" + "gegnerische Bet" + "Erwarteter Gewinn an einer folgenden Strasse bei Hit") / ("gegnerische Bet")


Implied Odds = 1 : [12+8+28/2)/8] = 1 : 4,25


Du bekommst also auf den Call implied Odds von 1:4,25, bräuchtest für einen korrekten Call allerdings nur 1:4,22. Aufgrund der implied Odds ist ein Call also gerechtfertigt.

Jedoch bekommst du mit einem Draw nicht immer nur sehr gute implied Odds. Oftmals wirst du auch kaum implied Odds bei einem Treffer haben. Dies ist der Fall, wenn das Eintreffen deines Draws für den Gegner aufgrund deiner Action offensichtlich ist und er somit nicht weiter gewillt ist, mehr Geld in den Pot zu investieren.

Je offensichtlicher also dein eigener Draw ist (Flushdraws und One-Card-Straightdraws), desto eher musst du dich mit dieser Tatsache auseinander setzen und bei der Berechnung deiner implied Odds etwas pessimistischer werden. Deine implied Odds hängen dabei also auch immer von der Einschätzung der Floptextur deines Gegners ab.

Equityverschiebung mit einer starken drawing Hand

Um das Spiel mit starken Draws grundlegend zu verstehen, ist es wichtig, dass du weißt wie sich deine Equity am Turn verändert, wenn du deinen Draw nicht triffst. Dir wird schon jetzt klar sein, dass du am Flop immer eine höhere Potequity halten wirst, als am Turn, da du zu diesem Zeitpunkt immer zwei Möglichkeiten (Turnkarte und Riverkarte) hast um deinen Draw noch zu treffen.

Am Turn hast du dann nur noch eine Chance, eines deiner Outs zu treffen und somit sinkt deine Equity teilweise erheblich. Anhand einer kleinen Tabelle sollte dir diese Tatsache sofort klar werden:

Equityverschiebung vom Flop zum Turn

Deine Hand
Gegnerische Hand
Flop
Equities am Flop
Turn
Equities am Turn
Relativer Equityverlust
A7 T9 T92 36.46:63.54 3 20.45:79.55 43.9%
KQ JT JT2 32.83:67.17 3 18.18:81.82 44.6%
KQ JT JT2 53.32:46.68 3 34.1:65.9 36.1%

Diese drei Situationen beschreiben sehr gut den Equityverlust eines guten Draws vom Flop zu Turn, da du hier immer auf deinen offensichtlichen Straight- bzw. Flushdraw angewiesen bist, um die Hand zu gewinnen. Triffst du deinen Draw nicht, so würde dir am Flop nur noch ein Runner-Runner-Twopair weiterhelfen, um die gegnerische Hand noch in einem Showdown schlagen zu können.

Du siehst also, dass du bei einer Blank als Turnkarte immer einen relativen Equityverlust von 36.1% bis 43.9% auf deinen Draw hinnehmen musst. Daraus lässt sich auch der einfache Rückschluss ziehen, dass du mit Draws eher dazu gewillt bist, am Flop broke zu gehen, als am Turn, da du dort immer eine bessere Equity halten wirst, falls du hinten bist und auf deinen Draw angewiesen bist.

Den gegenteiligen Schluss zieht man daher auch mit made Hands, mit welchen man eher am Turn auf eine Blankkarte gegen einen Draw broke gehen möchte, da dieser durch die Blankkarte am Turn einen herben Equityverlust einstecken musste.

Bet/Raise, Call oder Fold?

Die Frage, ob du deinen Draw aggressiv spielen solltest oder nicht bzw. sogar folden solltest, ist leider nicht so leicht zu beantworten. Bisher weißt du nur, dass wenn du dich dazu entschließen solltest, mit einer drawing Hand broke zu gehen, du dieses wenn möglichst direkt am Flop durchführen solltest, um deine Equity gegen die gegnerischen made Hands zu maximieren.

Die mathematische Betrachtung im Spiel mit starken Draws ist recht komplex und liefert aufgrund der vielen unbekannten Variablen auch kein genaues Ergebnis. Oft wird sich dein Spiel mit starken Draws dem gegnerischen Spielstil anpassen müssen, so dass du kaum eine Standardline für das Spiel mit starken Draws festlegen kannst. Hier bietet es sich zunächst an, ein paar allgemeine Richtlinien aufzustellen um dann anhand von Beispielsituationen deren Anwendung darzulegen.

Was spricht für einen Fold?

Folden solltest du, wenn ...

  • ... die implied Odds nicht ausreichend für einen Call sind und ein Semibluff ebenfalls nicht in Frage kommt.
  • ... die Wahrscheinlichkeit, drawing dead zu sein, zu hoch ist. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn du einen Flush- oder Straightdraw hast und auf dem Board ein Paar liegt und somit die Wahrscheinlichkeit eines Full House steigt.
  • ... du zwar einen starken Draw hast, dieser aber sehr oft dominiert sein kann. Non-Nutflushdraws mit recht kleinen Karten sowie OESDs zum unteren Ende der Straße sind hierbei am meisten zu beachten.
Was spricht für einen Call?

Callen solltest du, wenn ...

  • ... du mit einem Semibluff nicht genügend Foldequity erzeugen kannst, dir bei einem Call jedoch genügend implied Odds zusprechen kannst. Dies ist oft der Fall, wenn du gegen einen passiven Gegner spielst, der plötzlich den Flop bettet.
  • ... die Chance zu hoch ist, dass du bei einem Semibluff direkt gereraist wirst und dann aufgrund deiner schlechten Odds nicht mehr callen kannst bzw. zu oft als zu schlechter Underdog callen musst. Dies ist oft der Fall, wenn du gegen aggressive Gegner auf einem drawheavy Board spielst und diese durch ihre Spielweise versuchen, ihre made Hand direkt zu schützen.
Was spricht für eine Bet oder ein Raise (Semibluff)?

Betten bzw. raisen solltest du, wenn...

  • ... du dir eine sehr hohe Foldequity ausrechnen kannst und der Pot schon etwas größer ist.
  • ... du eine sehr große Anzahl an Outs hast und dadurch eine sehr große Equity gegen made Hands hältst.
  • ... du in Position spielst und dir dein Gegner sehr oft die Möglichkeit gibt, eine Freecard am Turn zu nehmen.
  • ... du gegen einen Gegner spielst, der One-Pair-Hände prinzipiell overplayt und zu oft zum Shodown geht. Gegen diesen Gegner kannst du durch einen Semibluff sehr gut Potbuilding betreiben und dadurch auf den weiteren Straßen größere Valuebets ansetzen.
Wie groß sollte ein Semibluff sein?

Diese Frage kann man aufgrund einiger empirischer Grundregeln beantworten, die auf die meisten Situationen zutreffen.

  • Mit einem Minimumraise hast du in der Regel nur eine recht geringe Foldequity. Dieses eignet sich also meistens nicht für einen Semibluff.
  • Mit einem Raise in Höhe des Pots erhältst du in Relation zur erzeugten Foldequity ein sehr gutes Preis-Leistung-Verhältnis. Die Foldequity ist um einiges höher als bei einem Minimumraise.
  • Eine Overbet generiert oftmals eine etwas höhere Foldequity gegenüber der Potsizebet, allerdings wird das Preis-Leistung-Verhältnis mit steigendem Betrag immer schlechter.
  • Die erzeugte Foldequity steigt in der Regel nicht linear mit der Betsize an. Gegen stärkere Gegner, die sich Gedanken über deine Handrange machen, nimmt die erzeugte Foldequity bei zu hohen Betsizes sogar etwas ab, da diese Gegner sich immer fragen, ob du auch ein Set so hoch betten/raisen würdest. Kommen sie zum Schluss, dass du eine drawing Hand hältst, so werden dich diese Gegner auch mit etwas marginaleren made Hands callen.

Du siehst also, dass du deine Betsize auch deinem Gegner anpassen musst. Weiterhin solltest aber wissen, dass du nur sehr, sehr selten mit einem Minimumraise die benötigte Foldequity erzeugen kannst, die ein Semibluff braucht, um +EV zu sein.

Wie wichtig ist die eigene Betsequenz bei einem Semibluff?

Ein Semibluff wird meist erst dann zu einem +EV-Spielzug, wenn du eine ausreichend hohe Foldequity erzeugen kannst. Daher musst du schauen, dass du auch die dafür passende Betsequenz wählst.

In der Regel, willst du derjenige sein, der das All-In-Raise ansetzt, um schlussendlich die meiste Foldequity zu erzeugen. Dabei musst du immer darauf achten, dass sich dein Gegner nicht schon zuvor durch eine Bet potcommited hat, so dass du mit einem All-In keine ausreichende Foldequity mehr erzeugen kannst.

Diesen Gedanken kannst du jedoch auch gegen deinen Gegner verwenden. Hältst du einen Nutflushdraw auf einem ansonsten recht trockenem Board, so kannst du dich dazu entschließen, eine Betsequenz zu wählen, bei der dein Gegner das schlussendliche All-In-Raise ansetzen kann, um so deinen Gegner selbst zu einem Semibluff mit einem schlechteren Flushdraw zu animieren.

Durch diese Spielweise gestaltest du für dich eine sehr profitable Spielsituation, in der dein Gegner sehr oft am Flop hinten liegt. Wichtig ist hier, dass du auch gegen einen entsprechenden Gegnertypen spielst, der auch schwächere Flushdraws am Flop semiblufft.

Wie sehr musst du deine Handrange balancen?

Gerade auf den Micros und Small Stakes wird das Balancing der eigenen Line von vielen Spielern überbewertet. Gegen Gegner, die sich keine Gedanken über deine Handrange machen, musst du dir auch selbst keine Gedanken über die eigene Handrange machen.

Du kannst daher deine Flushdraws wie Flushdraws spielen und deine Sets auch wie Sets aussehen lassen. Auf diesen Limits stellt sich dein Gegner nicht die Frage, wie sich deine Handrange insgesamt zusammensetzt. Er will nur seine eigene Handstärke einschätzen, um dann zu sehen, ob er noch vorne ist.

Je besser jedoch deine Gegner werden, desto mehr musst du dir dann auch Gedanken über dein Balancing machen. Du wirst dann in die Situation kommen, in denen du dein Set untypischerweise sehr hoch raist, um es als Flushdraw zu verkaufen oder das entgegengesetzte mit deinem Flushdraw machst.

Ähnliches gilt für deine Betsequenz. Gegen starke Spieler kannst du versuchen, diese so auszubalancieren, dass dein Gegner dich nicht direkt auf einen Handtypen setzen kann und gegen deine Monster bzw. starken drawing Hands weiterhin Fehler machen wird.

Das Balancing der eigenen Handrange wird jedoch erst mit besser werdenden und aufmerksamen Gegner wichtig. Überschätze diesen Aspekt also nicht zu früh, sondern versuche, auf den Micros und Small Stakes den größten Value aus deiner Hand herauszuholen.

Zum Abschluss der Grundlagen gibt es nur noch einige wichtige Grundregeln, die du beim Einschätzen deiner implied Odds beherzigen solltest:

  • Je nach Draw sind die implied Odds unterschiedlich groß. Ein Flushdraw hat zum Beispiel in der Regel niedrigere implied Odds als ein OESD. Das liegt daran, dass eine mögliche Straight, die auf dem Board liegt, viel ungefährlicher erscheint als ein Flush, da für diesen natürlich ein 3-suited Board nötig ist.
  • Die implied Odds variieren je nach Gegner. Hat dein Gegner einen sehr hohen WTSD-Wert, kannst du viel eher davon ausgehen, dass er dich ausbezahlt, wenn du deinen Draw komplettierst.
  • Die implied Odds sind vom Board abhängig. Im Falle eines Straightdraws, bei dem das Board zusätzlich aber noch 3-suited ist, sieht es für den Gegner natürlich nochmal um einiges gefährlicher aus, wodurch deine implied Odds sinken werden.
  • Die implied Odds hängen immer von den effektiven Stacksizes ab. Du kannst niemals mehr gewinnen, als dein Gegner bzw. du vor sich liegen hat.

Spielweisen

Du bist out of Position

OOP treten zwei Probleme auf:

  • Triffst du deinen Draw, ist es schwierig, aus dem Gegner Value rauszuholen, da es oft recht offensichtlich für den Gegner ist, dass du getroffen hast, wenn du direkt in ihn hinein bettest. Der Versuch eines Checkraise hat den sehr großen Nachteil, dass speziell bei No-Limit Hold'em sehr oft check behind gespielt wird, wenn Draws eingetroffen sein könnten.
  • Es ist oft sehr teuer, sich die nächste Street anzuschauen. Freecards bekommst du recht selten.

Diese beiden Probleme können oft umgangen werden, indem du direkt am Flop eine Betsequenz wählst, mit der es auf ein All-In hinausläuft. Durch diese Spielweise versuchst du, sowohl der Equityverschiebung bei einer Blank als Turnkarte, als auch deinem Positionsnachteil entgegenzuwirken.

Natürlich sollte die Betsequenz hier aus bereits genannten Gründen meistens so gewählt werden, dass du selbst derjenige bist, der den letztendlichen All-In-Push macht. Diese Spielweise ist vor allem mit sehr starken Draws (12 Outs oder mehr) sehr rentabel. Hier wird nur eine recht geringe Foldequity gebraucht, damit das Spiel langfristig profitabel wird.

Du spielst OOP in einem raised Pot
DU HAST DIE INITIATIVE

NL 2/4 Dollar

Villain1 (Button) ($400)
SB ($350)
BB ($420)
Hero ($600)
MP ($500)
Villain2 (CO) ($350)

Preflop: Hero is MP3 with K, Q
1 fold, Hero raises to $12, CO calls $12, Button calls $12, 2 folds.

Flop: ($42) T, J, 3 (3 players)
Hero bets $35

Hier hast du in MP3 KQs und machst preflop ein Standardraise auf 3 BB. Du bekommst zwei Caller. Am Flop hast du einen OESD mit zwei Overcards. Du entscheidest dich aus folgenden Gründen für eine Semibluffbet:

  • Du hast preflop Stärke gezeigt. Wenn niemand den Flop getroffen hat, kannst du den Pot in der Regel direkt mitnehmen.
  • Solltest du gecallt werden, hast du 8 sichere Outs auf die Nuts.

Szenario 1:

Hero bets $35, Villain2 (CO) raises to $105, Villain1 (Button) calls $105, Hero calls $70.

In diesem Szenario wirst du von Villain2 auf $105 geraist. Du callst und zwar aus folgenden Gründen:

  • Du hast preflop Stärke gezeigt, wurdest geraist und bekommst vor dir noch einen Coldcaller. Mindestens einer von beiden wird sicherlich eine starke Hand haben, was wiederum bedeutet, dass du nur eine sehr geringe Foldequity hättest, würdest du raisen oder gleich pushen.
  • Du bekommst sehr gute Pot Odds auf den Call, und zwar 1:4,1. Das reicht natürlich nicht aus, um einen OESD (8 Outs, benötigte Pot Odds von ca. 1:4,875) zu callen. Da du allerdings davon ausgehst, dass zumindest ein Gegner eine starke Hand hat, hast du ziemlich hohe implied Odds, die einen Call auf jeden Fall rechtfertigen

Das Spiel am Turn wird aufgrund des großen Pots recht einfach. Triffst du nicht, musst du auf jeden Fall checken, da du auch hier nur eine geringe Foldequity hast.

Der Pot ist am Turn $357 groß. Bettet ein Gegner (halbe Potsize reicht schon), bekommst du viel zu schlechte Odds auf den Call und hast aufgrund der kleinen Stacks in Relation zur Potgröße auch kaum noch zusätzliche implied Odds. Also ein klarer Fold. Triffst du am Turn, kannst du je nach Gegner checkraisen oder selbst direkt reinbetten.

Szenario 2:

Hero bets $35, Villain2 (CO) calls $35, Villain1 (Button) calls $35.

Turn: ($147) 4 (3 players)
Hero checks, Villain2 (CO) checks, Villain1 (Button) bets $110, Hero folds

Hier kommt eine Blank am Turn. Du checkst. Du hast zwei Caller am Flop bekommen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass beide Gegner auf einer sehr schwachen Hand oder einem Draw sitzen. Deine Foldequity bei einer erneuten Semibluffbet ist also recht gering.

Villain2 hinter dir checkt ebenfalls und Villain1 bettet $110 in eine $147 Pot. Gehen wir nun davon aus, dass Villain2 folden wird, bekommst du Odds von 1:2,3. Diese reichen natürlich nicht für einen korrekten Call mit deinem 8-Outer (du bräuchtest ca. 1:4,875)

Das entscheidende Kriterium für einen Call müssen also die implied Odds sein.
Gehst du nun davon aus, dass du noch den gesamten restlichen Stack($193) von Villain1 am River bekommen würdest, wenn du triffst, hättest du implied Odds von 1:4,1. Selbst das würde einen Call nicht rechtfertigen, also foldest du die Hand.

DU HAST NICHT DIE INITIATIVE

NL 2/4 Dollar

Button ($250)
SB ($200)
Hero ($240)
UTG ($180)
MP ($140)
Villain (CO) ($300)

Preflop: Hero is BB with T, A
2 folds, Villain (CO) raises to $12, 2 folds, Hero (BB) calls $8.

Flop: ($25) 6, 9, 7 (2 players)

Hier hast du ATs im Big Blind und am Flop den Nutflushdraw plus Gutshot (12 Outs).Manchmal sind sogar noch einige Outs deiner Overcards gut. Das ist eine Hand, mit der du am liebsten direkt am Flop All-In pushen würdest.

Du liegst hier gegen die Range von Villain, der ein Stealraise vom CO gemacht hat, deutlich vorne. Du musst also gegen einen normalen Gegner eine Betsequenz wählen, bei der du derjenige bist, der letztendlich den All-In-Push macht. Spielst du gegen einen Gegner, der sehr gerne selbst am Flop schwächere Draws semiblufft, so hat die Betsequenz aus folgendem Szenario ebenfalls seine Vorteile.

Szenario 1:

Hero checks, Villain bets $20, Hero raises to $60, Villain raises to $180

In diesem Szenario ist deutlich zu erkennen, dass diese Betsequenz gegen einen normalen Gegner suboptimal ist. Du gibst Villain die Möglichkeit, selbst das entscheidende Raise zu machen. Pushst du nun All-In, hast du kaum noch Foldequity, da Villain Pot Odds von 1:2,9 erhält.

Durch das Raise von Villain kann seine Handrange in der Regel auf folgende Hände eingeschränkt werden:

  • Er hat ein Overpair, das er gegen Draws protecten will.
  • Er hat Twopair, das er gegen Draws protecten will.
  • Er hat ein Set, das er gegen Draws protecten will.
  • Er hat eine fertige Straight.
  • Er hat einen starken Draw und macht einen Semibluff.

Deine Equity gegen diese Hände sieht folgendermaßen aus:

  • Overpair (ohne AA): 53%
  • Straight: 40%
  • Twopair: 40%
  • Set: 33%

Gegen einen anderen Draw liegst du mit dem A-high-Draw natürlich vorne. Aufgrund der doch recht hohen Equity, die du hast, musst du hier natürlich pushen oder callen. Du siehst also, je öfter dein Gegner selbst einen Draw so spielt, desto größer wird deine Overall-Equity gegen seine gesamte Handrange.

Diese Spielweise ist daher gegen einen normal aggressiven Gegner nicht optimal, da du hier All-In gehen musst, die Foldequity aber auf der Seite des Gegners ist. Aus diesem Grund zeigt das nächste Szenario eine andere Betsequenz.

Szenario 2:

Hero bets $20, Villain raises to $65, Hero raises All-In [$228]

In diesem Szenario raist dich Villain auf 60 Dollar. Das kann mehrere Gründe haben:

  • Er hat eine starke made Hand getroffen (Twopair oder besser) und will protecten.
  • Er hat eine schwache bis mittlere made Hand (TP oder Overpair) und will protecten.
  • Er hat ebenfalls einen Draw und macht einen Semibluff.
  • Er macht ein Bluffraise.

Hierzu zunächst noch einige Überlegungen zur Equity. Gegen die folgenden Hände von Villain hast du folgende Equity:

  • Set: 33%
  • Straight: 40%
  • Twopair: 40%
  • Overpair (ohne AA) oder TP (mit A Kicker): 53%
  • Pair (ohne A Kicker): 60%

Im Mittel hast du also eine Equity von ca. 42% (schon pessimistisch gerechnet, es kommen schließlich noch die Semibluffs und die Bluffs dazu). Für einen Call würdest du Odds von 1:2,45 bekommen. Bei einer Equity von 42% reicht das natürlich aus. Die Frage hier ist aber, ob ein Raise nicht vielleicht besser wäre.

Die Probleme bei einem möglichen Call deinerseits sind folgende:

  • Du bist OOP. Solltest du treffen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass du noch Value von deinem Gegner bekommst. Trifft einer deiner Draws ein, so wird es sehr offensichtlich für Villain sein, da entweder ein 3-suited Board vorliegt oder eine mögliche Straight, für die nur eine Karte fehlt (jede 5 und jede T). Bettest du, wird Villain oft folden. Checkst du, wird er oft die Freecard nehmen.
  • Triffst du am Turn nicht und checkst, so wird dein Gegner sehr oft erneut betten. Meistens musst du dann folden, da du nicht die Odds für einen erneuten Call bekommst, und du verlierst einen doch schon recht großen Pot.

Betrachte nun also das Raise: Entscheidest du dich für ein Raise, ist zunächst natürlich die Betsize zu bestimmen. Würdest du in diesem Beispiel ein Potsizeraise machen und Villain würde danach All-in pushen, müsstest du aufgrund der korrekten Odds natürlich callen. Aus diesem Grund pusht du lieber selbst All-In.

Wie eingangs schon beschrieben, sollte natürlich immer die Betsize gewählt werden, bei der man die höchste Foldequity hat. Auf den niedrigen Limits, auf denen die Gegner noch nicht allzu viel nachdenken, hat man mit einem All-In meistens die größte Foldequity. Ein Push in dieser Situation ist sehr oft +EV.

Diese Tatsache ergibt sich aus der hohen Equity, die du aufgrund des starken Draws hast und dem bereits doch recht großen Pot. Die folgende Rechnung zeigt dir den Erwartungswert deines Pushes an und verdeutlicht dies.

Zunächst einige Abkürzungen:

Pfold = Die Wahrscheinlichkeit, dass Villain foldet
Pot = Der Pot vor deinem All-In-Push
Stack = Der kleinere Stack (von dir oder Villain)
Deadmoney = Geld, das durch Gegner, die bereits gefoldet haben, im Pot ist
Kosten = Kosten des Semibluff

Dein Gesamtgewinn, wenn du pusht, berechnet sich folgendermaßen:

Gewinn = Pfold * Pot + (Stack + DeadMoney + Stack - Kosten) * Equity * (1 - Pfold)
Verlust = Kosten * (1-Equity) * (1 - Pfold)
Gesamtgewinn = Gewinn - Verlust


Beispiel 1: Foldequity = 0%

Kosten = 208$
Pot = 110$
DeadMoney = 1$ (Nur der Small Blind)
Stack = 240$
Equity = 0,4


Hinweis: Die Equity unterscheidet sich ein wenig von der Equity, die du oben hast. Das liegt daran, dass dein Gegner natürlich deinen All-In-Push nicht mit allen oben aufgelisteten Händen callt. Callen wird er auf jeden Fall mit einem Set, einer Straight und öfter mit Twopair und Overpair. Aus diesem Grund verringert sich die Equity.


Gesamtgewinn = $109.2 - $124.8 = - $15.6


Beispiel 2: Foldequity = 25%

Gesamtgewinn = $109.4 - $93.6 = $15.8


Beispiel 3: Foldequity = 50%

Gesamtgewinn = $109.6 - $62.4 = $47.2

Beispiel 4: Foldequity = 100%

Gesamtgewinn = $110 - $0 = $110


Deutlich zu erkennen an diesen Beispielen ist, dass der Gesamtgewinn mit steigender Foldequity steigt. Bei einer Foldequity von nur 25% (Villain muss in 1 von 4 Fällen folden) machst du longterm Gewinn.

Abschließend zu dieser Beispielhand ist zu sagen, dass diese Situation (ein profitabler Push bei entsprechender Foldequity) nahezu immer gegeben ist, sobald ein Draw vorhanden ist, der sichere 12 Outs oder mehr hat und bereits eine gewisse Menge Geld im Pot ist.

Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, ab wann so ein Push +EV ist, kannst du durch einfaches Ausprobieren (Durchrechnen) des Beispiels mit unterschiedlichen Voraussetzungen ein besseres Gefühl dafür entwickeln. Einfach die verschiedenen Parameter ...

  • Kosten
  • Pot
  • Foldequity
  • Dead Money
  • Stack
  • Equity (abhängig von Anzahl der Outs)

... variieren und die gleiche Rechnung wiederholen, bis der Gewinn gegen Null geht. Alternativ die wichtigen Relationen mit einem Programm deiner Wahl plotten (Beispiel: Foldequity in Relation zur Equity).

Du spielst OOP in einem unraised Pot

NL 2/4 Dollar

Button ($550)
SB ($300)
BB ($420)
Hero ($430)
Villain (MP) ($800)
CO ($290)

Preflop: Hero is BB with 8, A
1 fold, Villain (MP) calls $4, 1 fold, Button calls $4, 1 fold, Hero checks.

Flop: ($14) 3, 6, 4 (3 players)
Hero bets $12

In dieser Beispielhand hast du A8s im Big Blind und am Flop den Nutflushdraw (9 Outs). Hier entscheidest du dich direkt für eine Bet von ungefähr Potsize, da in einem unraised Pot meistens niemand eine starke Hand hat (niemand hat preflop Stärke gezeigt), und dementsprechend die Foldequity recht hoch ist.

Szenario 1:

Hero bets $12, Villain (MP) calls $12, Button folds

In diesem Szenario callt Villain und der Button foldet. Der Call von Villain kann nun folgende Gründe haben:

  • Er hat eine starke made Hand (Set, Straight) und möchte slowplayen, ohne dabei auf Protection zu achten.
  • Er hat eine schwache bis mittlere made Hand (Pair, Overpair) und will abwarten, wie du am Turn weiterspielst.
  • Er ist ebenfalls auf einem Draw.

Turn: ($40) J (2 players)
Hero bets $30

Am Turn kommt eine Karte, die deinem Gegner wahrscheinlich nicht geholfen hat. Da sie eine Overcard zum Board ist, verschlechtern sich alle schwachen made Hands des Gegners, falls er selbst nun kein Twopair getroffen hat.

In diesem Fall entscheidest du dich, erneut eine Semibluffbet zu machen. Hat dein Gegner eine schwache bis mittelstarke Hand oder einen Draw, wird er hier sehr oft folden. Callt Villain, hast du immer noch jede Menge Outs.

Sollte Villain callen, ist es ratsam, zunächst am River recht konservativ zu spielen. Triffst du, bettest du nochmal halbe bis volle Potsizen. Kommt dein Draw nicht an, spielst du check/fold.

Szenario 2:

Hero bets $12, Villain (MP) raises to $35, Button folds

In diesem Szenario raist Villain auf 35 Dollar. Das kann mehrere Gründe haben:

  • Er hat eine starke made Hand getroffen (Twopair oder besser) und will protecten.
  • Er hat eine schwache bis mittelstarke made Hand (TP oder Overpair) und will protecten.
  • Er hat ebenfalls einen Draw und macht einen Semibluff.

In diesem Fall bietet sich kein direkter All-In-Push an. Dein Stack ist effektiv noch 414 Dollar groß, der Pot ist gerade mal 61 Dollar groß. Auf so eine Overbet wird Villain in der Regel nur Hände callen, die deine rein von der Equity her deutlich schlagen.

Hier die Equity gegen verschiedene Hände von Villain:

  • Set: 26%
  • Straight: 34%
  • Twopair: 36%
  • Overpair: 45%
  • Pair (ohne A Kicker): 52%

Gehen wir nun davon aus, dass dein Gegner im Mittel mit Händen callt, gegen die du eine Equity von ca. 35% hast. Im folgenden Schritt wird ausgerechnet, wie groß Pfold sein muss, damit der Gesamtgewinn positiv ist:


Bedingung: Gewinn > Verlust

Gewinn = Pfold * Pot + (Stack + Deadmoney + Stack - Kosten) * Equity * (1 - Pfold)
Verlust = Kosten * (1-Equity) * (1 - Pfold)
Pfold > [-Equity * (2 * Stack +Deadmoney) + Kosten] / [-Equity * (2 * Stack +Deadmoney) + Kosten + Pot ]
mit A = -Equity * (2 * Stack +Deadmoney) + Kosten


Pfold > A / (A + Pot)


Mit:
Pot = $61
Stack = $430
Deadmoney = $6 (SB + Limp von Button)
Equity = 0,35
Kosten = $414

folgt nun:
Pfold > 0,6451%


Beispiel für Pfold = 70%


Gesamtgewinn = $9.43


Sobald dein Gegner in mehr als 65% der Fälle foldet, ist ein direkter Push also +EV. Ob du diese Foldequity hast, liegt natürlich stark am Gegner. Aber selbst wenn du davon ausgehst, dass er foldet, ist die Frage zu klären, ob ein Call nicht eventuell besser ist. Die recht große Overbet, die du am Flop machst, und der verhältnismäßig kleine Pot legen die Vermutung nahe, dass der direkte Push nicht ideal ist.

Die mathematische Betrachtung für einen Call ist allerdings nicht ganz einfach. Das liegt an der Tatsache, dass noch zwei weitere Streets kommen, die implied Odds schwer abzuschätzen sind, du mögliche Freecards bekommen könntest, etc. Die folgende Analyse beschränkt sich daher auf eine sehr einfache Situation, in der davon ausgegangen wird, dass du deinen Draw am Turn foldest, sollte er sich nicht materialisieren.

Auf einen Call am Flop bekommst du Odds von 1:2,65. Aufgrund der Stärke, die Villain gezeigt hat, kannst du im Mittel sicherlich davon ausgehen, noch eine Potsizebet an einer späteren Street zu bekommen, wenn du triffst. Dementsprechend hast du implied Odds von 1:6,3. Diese reichen natürlich aus, um mit einen Flushdraw auf die Nuts (9 Outer, benötigte Odds von 1:422) zu callen.

Du machst also folgenden Gesamtgewinn:

Gesamtgewinn = Gewinn - Verlust
(Von 47 Karten die übrig sind, helfen dir 9 Stück, 38 nicht)
Teilgewinn = 9/47 * $61 + 9/47 * $84 (geschätzte implied Odds, PSB = $84) = $27.76
Teilverlust = 38/47 * $23 =18.59
Gesamtgewinn = $9.17


Diese Rechnungen sind natürlich alle sehr hypothetisch. Hier wird beim Push von einer Foldequity von 70% ausgegangen. Wäre die Foldequity wesentlich höher, würde der Gewinn bei Push ansteigen.

Worum es in diesem Beispiel geht, ist das grundlegende Verständnis solcher Rechnungen. Oft kann der EV einer einzelnen Situation entscheidend von einem kleinen Parameter abhängen, in diesem Fall von der Foldequity (bei Call sind es die implied Odds).

Es ist wichtig, dass du mit der Zeit ein Gespür dafür bekommst, in welcher Situation welche Entscheidung besser ist, da du diese Rechnungen unmöglich während einer Hand durchführen kannst und dir dazu auch die nötigen Parameter fehlen.

Du bist in Position

Hier gibt es im Vergleich zu der OOP-Situation viele Vorteile:

  • Sehr gute Möglichkeit, den Pot direkt durch Semibluffs zu gewinnen.
  • Es gibt oft Freecards und dementsprechend ist es möglich, wenn gewünscht, sich billig die nächste Street anzugucken.
  • Aufgrund des Informationsvorteils ist es öfters möglich, mit busted Draws Pots zu stealen.
  • Es ist möglich, ein Maximum an Value aus seinen Gegnern rauszuholen, wenn der Draw getroffen wird.

In Position stehen dir alle Möglichkeiten offen. Es ist hier, im Gegensatz zu OOP, meistens nicht die beste Entscheidung direkt am Flop mit einer geeigneten Betsequenz All-In zu pushen, da du so oft nicht den maximalen Value rausholst. Denn bedenke, sobald du in einer All-In Situation bist, verlierst du deinen Positionsvorteil, da nun keine weiteren Entscheidungen mehr anstehen werden. Du bist daher nun allein auf deine Handstärke angewiesen und kannst deine Postflopedge nicht weiter ausspielen.

Du spielst IP in einem raised Pot
DU HAST DIE INITIATIVE

NL 1/2 Dollar

Button ($400)
Villain (SB) ($600)
BB ($160)
Hero ($300)
MP ($480)
CO ($120)

Preflop: (5 players) Hero is UTG with J, A
Hero raises to $7, 2 folds, SB calls, BB folds.

Flop: 4, 7, 2 ($16, 2 players)
Villain (SB) bets $16, Hero raises to $56, SB calls $40.

Turn: 9 ($128, 2 players)
Villain (SB) bets $56, Hero calls $56

River: J ($240, 2 players)
Villain (SB) bets $180, Hero folds

Hier befindest du dich in einer Situation, wie sie sehr oft vorkommt. Du bist in früher Position und raist mit zwei suited Broadwaycards. Nur der Small Blind callt. Am Flop hast du nun den Nutflushdraw und zwei Overcards. Der Small Blind donkt eine Potsizebet in dich hinein. Das kann nun mehrere Gründe haben:

  • Er hat ein Monster (Set) und will geraist werden.
  • Er hat nichts und will den Pot stealen.
  • Er hat ein mittleres Pocketpair und will wissen, wo er steht.
  • Er hat ein Overpair oder TP (vielleicht A7) und will gegen Draws protecten.
  • Er hat selber einen Draw und macht einen Semibluff.

Szenario 1:

keine Reads auf Villain.

In dieser Situation bietet sich nun recht eindeutig ein Semibluffraise an. Die Foldequity wird hier recht groß sein aus folgenden Gründen:

  • Du bist Preflopaggressor aus einer frühen Position, hast also schon vor dem Flop eine starke Hand demonstriert.
  • Villain hat dieses Board mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit verfehlt. Es sind keine Broadway-Karten vorhanden und viele Draws sind nicht möglich. Da du selbst ja schon zwei Flush-Karten besitzt, ist ein weiterer Flushdraw recht unwahrscheinlich.
  • Villain wird hier in der Regel alles folden bis auf ein Monster oder ein Overpair, und selbst bei dem Overpair (es sei denn, es ist QQ-AA) hast du eine entsprechende Foldequity.

Weitere Gründe für das Semibluffraise sind natürlich die eventuelle Freecard, die du am Turn bekommen kannst und das Builden des Pots. Denn wenn du triffst, willst du Villain ja, wenn möglich, gleich stacken.

In der Beispielhand callt Villain dein Raise. Es kommt eine Blank am Turn und Villain donkt erneut, allerdings nur mit einer recht kleinen Bet (unter halber Potsize). Das kann folgende Gründe haben:

  • Villain hat ein Monster und möchte noch einmal geraist werden, ohne dabei auf Protection zu achten.
  • Er hat ebenfalls einen Draw und versucht, sich eine Freecard zu erkaufen.
  • Er hat ein Overpair oder TP und versucht, den Pot mit einer kleinen Bet klein zu halten, ohne dabei auf Protection zu achten.

Folgendes spricht dieses mal ganz klar gegen einen erneuten Semibluff:

  • Du müsstest in der Regel mindestens auf 200 Dollar raisen. Somit wärst du praktisch All-In.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Villain eine starke Hand wie ein Monster oder Overpair hat, ist natürlich nach seinem Flopcall gestiegen. Somit sinkt deine Foldequity drastisch.
  • Du bekommst sehr gute Odds auf einen Call, nämlich 1:3,3. Du kannst hier durchaus noch von implied Odds ausgehen, da, wie ja schon beschrieben, die Wahrscheinlichkeit, dass Villain eine ganz gute Hand hat, recht groß ist.

In der Beispielhand callst du dann schließlich auch. Nun kommt eine interessante Karte am River. Du triffst Toppair und Villain bettet 2/3-Potsize in dich hinein. Nach dem gesamten Verlauf der Hand (Villain callt das Preflopraise, donkt am Flop, callt das Flopraise, donkt den Turn, bettet stark den River) kannst du dir allerdings recht sicher sein, dass Villain bereits am Flop eine recht starke Hand hatte, womöglich ein Set. Also foldest du.

Szenario 2:

Villain ist ein sehr passiver Gegner.

Hier ist ein Semibluffraise natürlich, genau im Gegensatz zu dem ersten Szenario, falsch. Du signalisierst preflop Stärke und trotzdem bettet ein passiver Gegner in dich hinein. Das deutet eindeutig auf eine starke Hand seinerseits hin.

Du bekommst auf den Call am Flop 1:2. Aber wieder hast du sehr gute implied Odds, da dir dein Gegner signalisiert, dass er eine starke Hand hat. Die geringe Foldequity und die hohen implied Odds sprechen also eindeutig für einen Call am Flop.

DU HAST NICHT DIE INITIATIVE

NL 1/2 Dollar

Button ($150)
Villain (SB) ($350)
BB ($420)
UTG ($200)
MP ($500)
Hero (CO) ($200)

Preflop: Hero is CO with J, T . SB posts a blind of $1.
2 folds, Hero raises to $8, Button calls $8, Villain (SB) raises to $20, 1 fold, Hero calls $12, Button calls $12.

Flop: ($62) 9, 4, Q (3 players)
Villain (SB) bets $25, Hero ...?

Du raist first in vom CO mit JTs, bekommst einen Coldcaller und ein Reraise von Villain. Du callst. Am Flop hast du einen OESD und Villain bettet weniger als halbe Potsize. Das kann folgende Gründe haben:

  • Er hat den Flop verfehlt und versucht, sich den Pot billig zu kaufen.
  • Er hat ein Monster getroffen (vielleicht Topset), will geraist werden und vergisst dabei, auf Protection zu achten.
  • Er hat ein Overpair und versucht, Value von dir zu bekommen, wieder ohne auf ausreichende Protection zu achten.

Aufgrund der Preflopaction sind hier die letzten beiden Fälle wahrscheinlicher, sofern du keinen besonderen Read auf den Gegner hast, dass dieser preflop sehr gerne squeezt.

Villain reraist nach einem Preflopraiser (Hero) und einem Coldcaller (Button). Dieses Spiel deutet meistens auf eine starke Hand hin. Hier bietet sich in der Regel (ohne Reads) kein Semibluffraise an und zwar aus folgenden Gründen:

  • Du hast eine geringe Foldequity aufgrund einer wahrscheinlich stärkeren Hand von Villain.
  • Du bekommst sehr gute Odds auf den Call, und zwar 1:3,48. Dazu noch recht gute implied Odds, da Villain recht wahrscheinlich eine stärkere Hand hat.
  • Bei einem Raise läufst du bei so einem drawheavy Board Gefahr, gereraist zu werden.

Szenario 1:

Villain (SB) bets $25, Hero raises to $80

Mit diesem Beispiel soll gezeigt werden, wieso ein Raise nicht gut ist, wenn die Gefahr eines Reraises besteht, die Wahrscheinlichkeit also sehr hoch ist, dass Villain eine starke Hand hat, von der er sich wohl nicht trennen wird.

Hat Villain eine entsprechend starke Hand, wird er in der Regel auf so einem Board kein Slowplay machen und direkt 3-betten (sehr drawlastiges Board). Betrachtet man die Stacks, läuft diese 3-Bet also auf ein All-In hinaus.

Pusht Villain nun All-In, bekommst du 1:3,22 auf den Call. Aufgrund deiner Equity (ca. 30%, wenn du zwei weitere Karten definitiv siehst) brauchst du allerdings nur 1:2,33. Du musst also callen. Der Call ist jetzt natürlich EV-technisch korrekt, allerdings nur, weil du dich mit dem Raise selbst potcommitted hast.

Besser und unwahrscheinlicher auf so einem drawgefährlichen Board ist natürlich der Fall, wenn Villain dein Raise nur callt. So kannst du, je nachdem ob du triffst oder nicht, am Turn die richtige Entscheidung treffen.

Szenario 2:

Villain (SB) bets $25, Hero calls $25, Button folds.

Turn: 2 ($112, 2 players)
Villain (SB) bets $80, Hero folds.

In diesem Szenario hast du dich aufgrund der guten Odds am Flop für den Call entschieden und wartest den Turn ab. Hier kommt eine Blank und Villain bettet ca. 2/3 Pot. In diesem Fall musst du ganz klar folden und zwar aus folgenden Gründen:

  • Dein Draw ist nicht eingetroffen, Villain demonstriert hier eine starke Hand, dementsprechend ist deine Foldequity für einen Semibluff sehr niedrig. Ein Overpair oder besser wird Villain nicht folden, vor allem, da du ihm bei einem All-In Odds von 1:4,6 geben würdest.
  • Du bekommst nur Odds von 1:2,4 auf den Call. Würdest du callen, hättest du noch einen Stack von 76 Dollar übrig. Würdest du deine Hand am River treffen, könntest du also maximal noch 76 Dollar zusätzlich von Villain gewinnen. Wird dieser Gewinn bei den Odds am Turn einberechnet (analog zur Beispielrechnung am Anfang des Artikels), bekommst du implied Odds von 1:3,35, bräuchtest allerdings 1:4,875. Ein Call wäre also ein schwerwiegender Fehler.

Bei dieser Analyse wurde außerdem an keiner Stelle bedacht, dass du einen OESD auf einem 2-suited Board hältst. Du hast im Grunde also nur 6 Outs auf die absoluten Nuts. Triffst du die 8 oder den K , so kannst du trotz des Eintreffens deines Draws geschlagen werden, wodurch deine implied Odds natürlich sehr stark betroffen sind.

Du spielst IP in einem unraised Pot

NL 1/2 Dollar

Button ($150)
SB ($350)
Villain2 (BB) ($420)
Villain1 (UTG) ($150)
MP ($500)
Hero (CO) ($200)

Preflop: Hero is CO with 5, 6 . SB posts a blind of $1.
Villain1 (UTG) calls $2, 1 fold, Hero calls $2, 2 folds, Villain2 (BB) checks.

Flop: ($7) J, 4, 7 (3 players)

In dieser Hand limpst du vom CO. Am Flop triffst du gegen zwei weitere Gegner einen Straightflushdraw. Wahrscheinlich hast du in dieser Situation klare 15 Outs auf die beste Hand, denn es ist zwar nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich, dass jemand einen höheren Flushdraw hat.

Du hast hier also gegen die folgenden möglichen Hände eines Gegners eine Equity von:

  • Set: 42%
  • Twopair: 50%
  • Pair: 55%
  • Random Hand: 66%

Da du im Mittel über 50% Equity hast, kann diese Hand in der Regel am Flop natürlich nicht gefoldet werden.

Szenario 1:

Villain2 (BB) bets $5, Villain1 (UTG) raises to $15, Hero calls $15

In dieser Situation wirst du mit einer Bet und einem Raise konfrontiert. Aus folgenden Gründen entscheidest du dich für den Call und nicht für ein Raise:

  • Zwei Gegner zeigen in einem unraised Pot Stärke. Kaum ein Gegner riskiert seinen ganzen Stack in einem kleinen Pot, ohne eine gute Hand zu halten.
  • Direkt zu pushen hat den Nachteil, dass dich nur bessere Hände callen (Twopair oder Set in diesem Beispiel). Meistens gewinnst du also einen kleinen Pot oder bist Underdog in einem großen.
  • Ein Raise hat den Nachteil, dass du so einem der Gegner die Gelegenheit gibst, den letzendlichen All-In-Push zu machen, den du natürlich aufgrund deiner ganzen Outs callen müsstest.
  • Bei einem Call und dem möglichen Reraise eines Gegners könntest du den letztendlichen Push selbst machen. Ein Fold des Gegners ist natürlich besser als ein Call, da dir so der ganze Pot gehört, der bis dato entstanden ist. Bei einem Call gehören dir "nur" ca. 50% des gesamten Pots.
  • Aufgrund deiner Position kannst du, sollte dein Draw ankommen, maximalen Value aus deinen Gegnern rausholen. Solltest du nicht treffen, kannst du dafür sorgen, möglichst billig die nächste Karte zu sehen, womöglich sogar eine Freecard am Turn zu bekommen.

Szenario 2:

Villain2 (BB) checks, Villain1 (UTG) checks, Hero bets $6

In diesem Szenario checken beide Gegner. In diesem Fall bietet sich auf jeden Fall eine Semibluffbet an und zwar aus folgenden Gründen:

  • In einem unraised Pot hat meistens keiner etwas getroffen. Sollte das der Fall sein, bekommst du den Pot sofort.
  • Du hast wahrscheinlich über 50% Equity, deswegen willst du natürlich den Pot builden.
  • Je größer der Pot ist, wenn du am Turn triffst, desto größere Valuebets kannst du machen, ohne deinem Gegner schlechte Odds für einen Call zu geben.

In diesem Szenario callt Villain1 und Villain2 foldet:

Villain2 (BB) checks, Villain1 (UTG) checks, Hero bets $6, Villain2 (BB) folds, Villain1 (UTG) calls $6.

Turn: 2 ($19, 2 players)
Villain1 (BB) checks, Hero bets $15

Villain2 checkt erneut am Turn. Hier entscheidest du dich für eine weitere Semibluffbet. Zunächst wieder einige Überlegungen zur Equity. Du hast am Turn gegen die folgenden Hände von Villain eine Equity von:

  • Set: 30%
  • Twopair: 32%
  • Pair: zwischen 32% und 55%

Deine Equity ist also auf ca. 37% gefallen, wenn Villain etwas getroffen hat. Die Foldequity ist hier in der Regel allerdings recht hoch, da Villain1 so spielt, als ob er eine schwache Hand oder eine drawing Hand hat. Er checkt zweimal zu dir, am Flop und am Turn. Ein weiterer Grund für die Bet ist natürlich auch wieder die Vergrößerung des Pots (für größere Valuebets am River, wenn du triffst).

Weiterer möglicher Verlauf der Hand:

Turn: 2 ($19, 2 players)
Villain1 (BB) checks, Hero bets $15, Villain1 (BB) calls $15.

River: 8 ($49, 2 players)
Villain1 (BB) checks, Hero bets $30

Hier wirst du nun am Turn gecallt und triffst am River den Straightflush. Aufgrund des recht großen Pottes kannst du jetzt eine recht große Valuebet von 30 Dollar machen.

Zusammenfassung

Die dargestellten Hände und Szenarios stellen natürlich nur eine kleine Auswahl der möglichen Spielsituationen dar. Als Goldmember muss man dir sicherlich auch nicht mehr erzählen, dass No-Limit Hold'em ein sehr situations- und gegnerabhängiges Spiel ist. Foldequity und implied Odds, zwei sehr stark auf deine Spielweise ausstrahlende Faktoren, sind einfach nicht in simple Tabellen zu pressen.

Was du allerdings aus diesem Artikel mitnehmen kannst, sind die grundlegenden Denk- und Herangehensweisen zum Spiel mit starken Draws. Die Beispielrechnungen haben gezeigt, wie es geht, jetzt wird es Zeit, dass du selbst zum Taschenrechner greifst und einmal verschiedene Spielsituationen, z.B. aus deiner Elephant-Datenbank, unter die Lupe nimmst.

Die deine Entscheidung bestimmenden Parameter kennst du jetzt. Bist du dir nicht sicher über die korrekte analytische Herangehensweise, so stehen dir die Beispielhandforen und die Strategiediskussionsforen zur Verfügung, um dir Klarheit zu verschaffen.

 

Video: Wie spielst du Draws
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Du solltest dennoch auch den Artikel durchlesen, um die Strategie auch wirklich zu verstehen. Dein Pokerkonto wird es dir danken.