Aktualisiert am 12 März 26 von

Multitabling

Einleitung

In diesem Artikel

  • Welche Vorraussetzungen beim Multitabling erforderlich sind
  • Wie sich Multitabling auf deine Winrate auswirken kann
  • Was du beim multitablen beachten solltest

Dieser Artikel richtet sich an fortgeschrittene Low Limit Spieler, die überlegen, ob sie mit dem Multitabling beginnen sollen, also dem Spielen mehrerer Tische gleichzeitig, um a) schneller Geld zu verdienen oder b) kurzfristig eine erhöhte Anzahl an raked hands oder Partypoints zu produzieren, wie dies zum Clearen der meisten Boni und Promotionen erforderlich ist. Mehr als maximal (!) 3-4 Tische sind als Anfänger tabu.

Jeder wird sich früher oder später die Frage stellen, ob es Sinn macht, die Anzahl der Tische, die man gleichzeitig spielt, signifikant zu erhöhen, da ja raked hands und Partypoints damit proportional ansteigen. Pro und Kontra sollen in diesem Artikel Berücksichtigung finden.

Kriterien gegen das Multitabling

Vorneweg ein paar Einschränkungen: falls auf Dich mindestens einer der folgenden Aspekte voll zutrifft, investiere Deine Zeit besser ins Pokern und mit der Lektüre anderer Artikel hier im Forum...

  • Du bist ein Neuling auf Deinem aktuellen Limit (weniger als 5k Hände)
  • Du hast erst wenig Erfahrung mit mehr als 2 Tischen (weniger als insgesamt 5k Hände)
  • Du hast in der Vergangenheit bei Dir eine starke Zunahme offensichtlicher Fehler beim Hinzunehmen eines weiteren Tisches bemerkt. Dazu zähle ich Verklicker, Timeouts und „Chaossituationen", in denen Du nur noch intuitiv entscheidest.
  • Du möchtest Dich beim Pokern entspannen, nebenher mal einen Happen essen - vergiss Multitabling!
  • Du möchtest Dein Spiel verbessern, an deinen Leaks arbeiten - vergiss Multitabling!
  • Du befindest Dich gerade in einem Downswing und möchtest das Ruder möglichst schnell wieder rumreißen - vergiss Multitabling!!!
  • Du möchtest stark gegnerspezifisch spielen, Dein Hand Reading verbessern.
  • Deine größte Schwäche ist mangelnde Aggressivität - die Gefahr, statt eines Raises nur zu callen, nimmt meiner Erfahrung nach beim Multitabling eher zu.

Folgende Kriterien sollten außerhalb des Beginnerbereiches kein Problem mehr darstellen, wären aber ebenfalls Ko-Kriterien für das Multitabling:

  • Du musst noch sehr regelmäßig das SHC konsultieren.
  • Du denkst Post-Flop sehr situationsbezogen von Straße zu Straße und noch überhaupt nicht in so genannten Lines und Standardsituationen. Dir erscheint das Spiel „immer wieder neu und anders."
  • Du brauchst lange für die Berechnung von Outs und Odds, die Zeit läuft Dir da auch an 2-3 Tischen schon mal davon.
Gibt es Schwächen, die nicht gegen Multitabling sprechen?

Eine Schwäche kann durch Multitabling sogar verbessert werden: zu looses Spiel! Wenn Du erstmal genügend Tische gleichzeitig offen hast, bist Du dem Pokergott fast dankbar für jede Hand, die Du folden darfst. Von „marginalen" Händen wirst Du Dich leichter trennen und um den einzelnen Pot geht es eh längst nicht mehr - oft erkennst Du nur am Rande, ob Du überhaupt gewonnen hast. Die gegnerische Hand rückt in den meisten Fällen schon völlig in den Hintergrund. Aber dazu später mehr.

Welche Grundvoraussetzungen sollten fürs Multitabling gegeben sein?

In erster Linie natürlich die Abwesenheit der o.g. Ko-Kriterien. Hinzu kommen:

  • ein ruhiger, bequemer „Arbeits"-Platz (vernünftige Haltung ist bei so hochkonzentrierter Tätigkeit besonders wichtig!)
  • ein vernünftiger Bildschirm (6 Tische sind m.E. für 15'' das Maximum, mit 19+'' dürften 9 gut gehen; individuell sind auch deutliche Abweichungen möglich.)
  • ggfs ein schlichteres Table-Layout
  • 100% Aufmerksamkeit, 0% Ablenkung („nein, der Papa kann jetzt nicht den Drachen reparieren...")

Aber wie wirkt sich Multitabling auf meine Winrate aus?

Ich denke, der wesentliche Unterschied im Spiel gegen 50 oder mehr Gegner gleichzeitig ist der, dass man nahezu autistisch spielen muss. Ich mache meine Moves, egal wer mir da gegenüber sitzt. Wenn mal wirklich jemand krass auffällt, notiere ich mir das natürlich, aber den Rest meiner Gegner würde ich dem Limit entsprechend standardmäßig auf „thinking TAG" bis slightly loose passive setzen.

Gönne den Wenigen, die dadurch Dir gegenüber einen Vorteil haben, ihre paar BB mehr - dafür steigerst Du deine True Hourly Winrate (s.u.), oder ergatterst die nötigen raked hands für Deinen Bonus oder die aktuelle Promotion. Und falls ein Tisch zu krass von diesem Muster abweicht? Versuche entweder, Dein Spiel anzupassen (sicher erst ratsam, wenn Du Dich bereits an die vielen Tische gewöhnt hast) oder setze Dich einfach um - andere Tische haben auch schöne Fische.

Alles in allem denke ich, ist mit dieser Spielweise auf $0.10/$0.25 bis $0.25/$0.50 eine WR von 4-7 PTBB/100 denkbar (1 PTBB = 1 Pokertracker Big Bet = 2 Big Blinds). Wie stark Deine davon abweicht, liegt zum einen daran, wie gut Dein A-Game ist und zum anderen natürlich, wie viele Fehler Du an mehreren Tischen zusätzlich produzierst. Je statischer Dein bisheriges Spiel war, desto konstanter wird Deine Winrate bleiben.

Bist Du stolz, ein besonders tricky player zu sein und verfügst Du über ausgezeichnete hand reading skills? Dann rechne eher mit einer deutlichen Abnahme Deiner WR. Ich jedenfalls schaffe es auf gar keinen Fall, neben 6 Tischen auch noch Hand Histories zu studieren...

Falls Du es mit dem Bluffen eher übertreibst, bestehen sogar Chancen, dass sich Deine WR erhöht. Du wirst Dich beim Multitabling aufs Wesentliche konzentrieren (müssen).

Ein positiver Nebeneffekt ist mir aufgefallen bei meinen ersten 6-Tisch-Versuchen: mein Spiel bleibt weitestgehend unbeeinflusst vom Ausgang einzelner Hände. Alles erscheint wesentlich abstrakter, der böseste Bad Beat wird achselzuckend zur Kenntnis genommen, man hat eh keine Zeit, sich zu ärgern, es blinkt nämlich schon wieder überall... Kontostände werden zwar regelmäßig gecheckt, aber nur aus einem Grund: nämlich, dass man nirgends übersieht, dass man evtl. nachcashen muss.

Aber auch das ist kein Problem, schließlich ist man ja an einem anderen Tisch gerade satt im Plus. In der Summe besteht die Tendenz, dass mehrere Tische das Ergebnis nivellieren. Sollte dies nicht der Fall sein und die Stakes sinken auf breiter Front - dann nix wie Tische schließen. So diszipliniert muss jeder sein, der sich ins Getümmel an mehreren Tischen stürzt.

Das Prinzip der True Hourly Winrate

Generell gilt das Prinzip der Gewinnmaximierung, ausgedrückt in der True Hourly Winrate - im Folgenden mit THW abgekürzt, auch wenn kein Zusammenhang zu irgendeiner Hilfsorganisation besteht. Mittel- bis langfristig stehen andere Faktoren im Vordergrund, nämlich die Weiterentwicklung des Skills und der Aufstieg auf höhere Limits.

Der Einstieg ins Multitabling sollte daher nicht als Standardlösung angesehen werden, da er vor allem kurzfristige Vorteile bietet. Das Steigern der Tischanzahl mag eine sinnvolle Maßnahme darstellen, wenn die derzeitige Situation es gerade erfordert. Es ist eine weitere Disziplin, in der es vieles zu lernen - und am Anfang einiges falsch zu machen - gibt. Nur Übung macht auch hier den Meister.

Die True Hourly Winrate (THW), ausgedrückt in Pokertracker Big Bets (PTBB) pro Stunde, ist das Produkt aus der Winrate in PTBB/100, und der Anzahl „n" der gespielten Hände pro Stunde.

Als Formel geschrieben:

THW [PTBB/h] = WR [PTBB/100] * n/100 [Hands/h]

Multipliziert mit der Höhe einer BB in $, erhält man seinen durchschnittlichen „Stundenlohn". n steigt annähernd proportional mit der Anzahl der Tische, in FR-Spielen sind 65 Hände pro Tisch und Stunde realistisch (oder ca. 200 Hände/h an 3 Tischen).

Bonus Whoring oder Skill Improvement?

Bevor ich weitere Betrachtungen zum Thema Gewinnmaximierung anstelle, zunächst die große Gewissensfrage: ist es nicht besser, seine Bankroll strikt mit Gewinnen aus dem Pokern heraus aufzubauen und nicht über Boni und Promotionen?

Gegen die Einstellung, sich in den Limits möglichst schnell aber „ehrlich" hoch zu spielen und so intensiv wie möglich an seinem Skill zu arbeiten, ist nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Wer diese Strategie verfolgt, sollte nicht ständig Boni nachjagen, die er nicht ohnehin durch fleißiges Spielen erreicht. Doch gelegentlich lockt eine interessante Promotion, oder man möchte sich trotz begrenzter Zeit einen Bonus sichern. Hier ist temporäres Multitabling ein nützliches Werkzeug.

Gewinnmaximierung

Es gibt zwei typische Szenarien, in denen ich an einer kurz- bis mittelfristigen Gewinnmaximierung interessiert sein könnte im Gegensatz zur langfristigen Entwicklung:

  • Ich bin auf meinem „Wohlfühllimit" angekommen und kann für meine Bedürfnisse ausreichende Beträge auscashen. Wichtiger als der Limitaufstieg und die Verbesserung meines Skills ist mir da möglicherweise die Maximierung meiner THW. Jedoch unterstelle ich einmal, dass sich in dieser Situation nur Spieler befinden, die das Fortgeschrittenen-Stadium bereits deutlich hinter sich gelassen haben, also nicht zur Zielgruppe dieses Artikels zählen.
  • Ich habe nach einem Downswing mit Limitabstieg wieder eine stabile und deutlich positive WR und bin mir sicher, mein derzeitiges Limit nachhaltig schlagen zu können. Ich möchte so schnell wie möglich wieder in mein altes Limit aufsteigen.

In diesem Fall stellt sich die Frage, wie ich möglichst effektiv meine Bankroll wieder aufbauen kann. Meine gewohnten 3 Tische bringen mir beispielsweise eine WR von 5 PTBB/100 und somit eine THW von 5 * 200 / 100 = 10,0 PTBB/h. Habe ich täglich 4 h Zeit zum pokern, kann ich so meine Bankroll innerhalb von 5 Spieltagen um ca. 200 PTBB erhöhen.

Doch mit nur 2 h Zeit am Tag benötige ich auf diese Weise unter Umständen recht lange, bis ich den Aufstieg schaffe. 2 h könnte ich allerdings auch hochkonzentriert an 6 Tischen gleichzeitig spielen. Mit etwas Übung sollte ich es schaffen, auf eine WR von mindestens 3,0 PTBB/100 zu kommen, was mir eine THW von 3,0 * 400 / 100 = 12,0 PTBB/h in Aussicht stellt.

Die wenige Zeit, die ich zur Verfügung habe, kann ich somit effektiver nutzen. Der Preis hierfür ist, wie bereits erwähnt, dass ich mich voll auf meine Handlungen konzentrieren muss und der Lernerfolg somit minimal ist - bis auf den, dass ich meine Fehlerrate beim Multitabling mit der Zeit immer mehr reduzieren werde.

Zu beachten ist der hohe Multiplikator der Winrate bei vielen Tischen. Dieser ist eine dominante Größe, weshalb es schnell ersichtlich wird, dass ein Übertreiben des Multitabling bis hin zu einer negativen Winrate kontraproduktiv ist, selbst wenn ich mir dadurch den ein oder anderen Bonus erschleiche.

Solange ich aber +EV spiele, können Promotionen durchaus so lukrativ sein, dass es sich lohnt, selbst eine deutliche Reduzierung der Winrate kurzfristig in Kauf zu nehmen. Demzufolge kann meiner Erfahrung nach jeder, der sein aktuelles Limit nachhaltig schlägt und eine WR von mindestens 3,0 PTBB/100 besitzt, das Abenteuer Multitabling wagen.

Es geht los: Table Selection

Table Selection ist beim Multitabling auf den Low-Limits nicht ganz so wichtig. Aber: wenn Du feststellst, dass an einem Tisch ständig unangenehme Situationen auftauchen und wenig Standardszenarien, dann wechsle lieber; Du hast einfach nicht die Muße, um über den Killermove Deines Lieblingsmaniacs nachzudenken oder in jeder 2. Hand nachzurechnen, ob die Pot Odds von 28,5:1 nicht doch für Deinen kümmerlichen Draw ausreichen, weil sich jedes Mal 5+x Fische um den Pot prügeln. Außerdem sollte man sich von SH - Konstellationen trennen, da sie zu noch mehr action führen und außerdem eine etwas andere - vor allem gegnerspezifischere - Spielweise erfordern. Außerdem wird jeder Partypoint „teurer", je weniger Gegner am Tisch sitzen, da die Points weitestgehend unabhängig von der Tischgröße vergeben werden.

Ich habe mir früher immer meine drei Tische nach und nach geöffnet, einen neuen also erst dann hinzu­genommen, wenn ich an den alten schon ein paar Reads über meine Gegner hatte. Beim richtigen Multitabling geht das nicht. Ohne PT/PA hat man eh kaum Anhaltspunkte für die Tischwahl. Ich öffne einfach jeden Tisch mit vernünftigem Durchschnitts-Pot.

Dann schaue ich noch schnell, welche Nationalitäten vertreten sind und falls ein Sitz bereits frei ist, ob mir die Position einigermaßen gefällt. Ein Tisch mit leicht überdurchschnittlichen Kriterien reicht mir aus, um mich niederzulassen, die Masse soll es ja schließlich machen. Lieber wechsle ich später nochmal, wenn sich an einem bestimmten Tisch ein ungutes Gefühl einschleicht.

Allerdings ist es durchaus möglich, dass auch beim Multitabling an bestimmten Tischen Situationen so häufig wiederkehren, dass man sein Spiel daran anpassen kann, zB. eine zu geringe Blind-Defense oder ein übergroßer Respekt vor Raises aus early position.

Noch ein paar Tipps zum Einstieg

Nimm Dir ein wenig Zeit, die für Dich beste Anordnung der Tische herauszufinden. Mir persönlich bringt es einen Vorteil, wenn ich alle Tische so anordne, dass ich jeweils nahe der Bildschirmmitte sitze. Einen Tisch, an dem ich rechts unten einen Platz ergattert habe, platziere ich also am liebsten links oben auf meinem Screen. Sonst suche ich oft, wo ich denn eigentlich sitze - klar, die aufgedeckten Karten zeigen das natürlich auch, aber die o.g. Anordnung reduziert den Weg, den meine Augen auf dem Bildschirm zurücklegen müssen - und da kommt einiges zusammen.

Außerdem geben die braunen Buttons einen prima Hinweis, wo gerade was abgeht. Oft sieht man ja nur einen Teil des Tisches. Ich bevorzuge beim Multitabling in jedem Fall die Rasterstruktur, da ich so zumindest immer 3 Fälle pro Tisch unterscheiden kann:

  • keine Buttons sichtbar: derzeit kann ich an diesem Tisch keine Option wählen - Tisch momentan uninteressant
  • kleine Buttons (6 Stück) deuten auf die Möglichkeit hin, eine Voreinstellung zu treffen - hier schaue ich vorbei, wenn ich grad Zeit hab. Ich verwende prinzipiell nur die Fold oder Check- Option als Voreinstellung, aber damit lässt sich im Vorfeld schon einmal viel Aufräumarbeit erledigen.
  • große Buttons (3 Stück) bedeuten, dass an diesem Tisch jetzt eine Entscheidung fällig ist. Diese Tische sind in der Priorität ganz oben anzusiedeln.
  • Natürlich ist Euch allen das Prinzip mit den Buttons klar, mein Tip ist einfach der, seinen Fokus auf diese Buttons zu richten, weil sie die idealen Indikatoren für die Dringlichkeit Eurer Handlungen an den verschiedenen Tischen sind.

Zusammenfassung

Multitabling ist keine Wunderwaffe, mit der astronomische Gewinne erzielt werden können, zum effektiven Erreichen kurzfristiger Ziele stellt es jedoch ein geeignetes Werkzeug dar. Der komplette Pokerspieler wird sich in vielen Disziplinen verbessern wollen, von denen Multitabling nur eine ist. Nach dem Erreichen eines Zieles mit Hilfe der hier vorgestellten Hinweise ist es sinnvoll, sich wieder mehr auf die Qualität seines Spiels zu konzentrieren und die Tischzahl auf 1-3 einzuschränken.

Wen die oben erwähnte autistische Spielweise auch an mehreren Tischen noch unterfordert, der kann sich nach einer Session natürlich in Ruhe den Hand Histories widmen. So bestehen auch beim Multitabling noch weitreichende Möglichkeiten zur Verfeinerung des eigenen Spieles. Erste Maßnahmen hierzu sind Verbesserungen in der Berücksichtigung der Position, der Anzahl der Gegner, der Pre-Flop-Action und Einbeziehung der gegnerischen Stats.

Allen, die sich der Herausforderung Multitabling stellen wollen, wünsche ich gute Konzentration, gute Karten und viel Erfolg!