Mental Coaching (1) - Einführung
Einleitung
In diesem Artikel
- Was ist Mental Coaching
- Unterschied Psychologie und Mental Coaching
- Dein A-Game abrufen
Stell dir vor, du sitzt am Final Table der WSOP.
Unzählige Kameras sind auf dich gerichtet. Du hörst die Stimmen der Fernsehmoderatoren und ein Grummeln aus dem Publikum. Links neben dir hört Phil Hellmuth "Eye of the Tiger" auf seinem iPod. Mike Matusow sitzt dir gegenüber und beschimpft dich, weil du in der Hand vorher gegen seinen Bluff rausgegangen bist.
Rechts von dir beobachtet dich Phil Ivey mit seinem durchdringendem Blick, der dich nervös macht. Deine Hände bewegen sich zitternd zum Chipstapel. Du riechst den Schweiß, der von deiner Stirn tropft und vernimmst noch den inzwischen vertrockneten Geschmack deiner Cola im Mund.
Der Dealer, das Publikum, das Fernsehen, alles wartet auf deine Entscheidung. Ivey hat dein Raise gereraised. Du sitzt dort mit AKo und hast die Wahl All-In zu gehen oder wieder zu folden. Bei einem All-In könntest du den Final Table, auf den du dich knapp vier Monate vorbereitet hast, bereits nach fünf Minuten wieder verlassen müssen.
"Das Spiel wird im Kopf entschieden" - Unbekannt
In schwierigen Situationen, die eine wichtige Entscheidung verlangen, wie in der die oben beschrieben wurde, besteht die Möglichkeit, dass deine Emotionen den Zugang zum Verstand und somit ebenfalls zu deinen strategischen Fähigkeiten blockieren.
Es muss nicht unbedingt der Final Table der WSOP sein, sondern es kann dir in jeder Hand passieren. Dem Auftreten einer solchen Blockade kannst du durch die Arbeit an deiner mentalen Stärke vorbeugen. Das richtige Mindset verschafft dir die Souveränität und die Wahlmöglichkeiten, in schwierigen Situation angemessen und cool zu reagieren.
Was ist Mental Coaching
Mental bedeutet "den Geist oder das Denken" betreffend. Es handelt sich entsprechend um die Kontrolle über den Geist, anstatt sich vom Geist kontrollieren zu lassen. Beispielsweise ist es so möglich, bei einem Bad Beat die negativen Gedanken lediglich wahrzunehmen und zu beobachten, anstatt sich in sie hineinzusteigern und in negative Gefühle und Emotionen gipfeln zu lassen. Im Großen und Ganzen wird mit dem Mental Coaching eine innere Balance angestrebt, um sich nicht von äußeren Umständen negativ beeinflussen zu lassen.
Coaching auf der anderen Seite ist laut Wikipedia "die lösungs- und zielorientierte Begleitung von Menschen, vorwiegend im persönlichen Umfeld, zur Förderung der Selbstreflexion sowie der selbstgesteuerten Verbesserung der Wahrnehmung, des Erlebens und des Verhaltens."
Für mich persönlich ist ein Coach jemand, dem dein Erfolg und Wohlbefinden wichtig ist. Er ist bestrebt, dich zu unterstützen dein Potential und deine Ressourcen, welche bereits in dir schlummern, zur Entfaltung zu bringen. Er stellt dich vor Herausforderungen und spornt dich an. Ein Coach verfügt über Wissen und Erfahrung, einfach aus dem Grund weil er sich früher als du mit der Materie befasst hat. Er ist nicht besser oder talentierter als die Leute, die er betreut. Jedoch ist es ihm aufgrund seines Erfahrungsvorsprungs in bestimmten Bereichen und seiner didaktischen Fähigkeiten möglich, Wissen konzentriert zu vermitteln und somit für dich eine deutliche Leistungsverbesserung in kurzer Zeit zu erzielen.
Dabei solltest du dir bewusst sein, dass du eigenverantwortlich für die Resultate aus dem Coaching bist. Je mehr du dich selbst einbringst und je mehr du investierst, umso mehr kannst du auch für dich persönlich aus dem Coaching ziehen. Manchmal habe ich erlebt, dass Coachees mit der Einstellung zu mir kamen, ich würde jetzt alle ihre Probleme und Blockaden lösen und sie leistungsstärker machen. Dass sie dies nur selbst mit ihrem Kopf lösen können, war ihnen nicht bewusst. Du kannst den Coach dabei als Kompass begreifen, der dir zeigt, welche Möglichkeiten es gibt. Den Weg musst du dann schon selbst gehen, wenn du wirklich besser werden willst.
Der Begriff Coaching kommt ursprünglich aus dem Leistungssport und umfasst über das Training der sportlichen Fertigkeiten (=Trainer) hinaus die zielorientierte Begleitung und Motivation des Sportlers. Du kannst dir als Beispiel einen Olympia-Athleten vorstellen. Dieser konzentriert sich nicht nur auf sein körperliches Training. Er arbeitet weiterhin stets an seiner Gesundheit, an seinem Geist und an seiner inneren Balance. Erst wenn er alle Bereiche seines Lebens im Griff hat, kann er auch seine körperlichen Fähigkeiten zu Höchstleistungen ausbauen. Boris Becker war einer der Pioniere im Leistungssport und hat als einer der ersten mit einem Mental Coach zusammen gearbeitet. Von ihm stammt auch das berühmte Zitat nach einem entscheidenden Sieg:
„Ich war mental gut drauf" Boris Becker
Ob ihm das auch bei seinem Besenkammer-Abenteuer mit dem russischen Model geholfen hat? Auf jeden Fall sieht ihm das Kind erschreckend ähnlich.
Aktuelle Beispiele der Professionalisierung des Leistungssports durch Mental Coaching sind Tiger Woods, Lance Armstrong oder Michael Schumacher. Auch im Topmanagement unter den Führungskräften ist Mental Coaching inzwischen weit verbreitet. Apple CEO Steve Jobs oder der Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann sind hier prominente Beispiele. Selbst in der Politik ist man sich inzwischen der Wirkungen bewusst und Barack Obama holt sich hier den Feinschliff für sein charismatisches Auftreten.
Nachdem im Poker die Edge anfangs 
“I had lost my hunger to win. I had no drive to win. I wanted to win, but I really didn’t care. I was in a comfortable place in my life and was used to living that way. After working with Sam (Name seines Mental Coaches, Anm. d. R), I implemented the things he taught me. Now I want to win so bad that I can’t wait until the next tournament.”
"Many underestimate the value of being able to free your mind up to make the best decisions possible. Trust me, it’s huge." Dusty “Leatherass” Schmidt
Mental Coaching beinhaltet auch die Arbeit am gesamten Charakter und an den Denkprozessen des Coachees. Die Verhaltensweisen und Denkmuster im Gehirn sind nicht vom Rest getrennt. Somit sind die Ergebnisse des Coachings unter anderem auch außerhalb im privaten Leben oder im Berufsleben zu spüren. Beispielsweise lässt sich das Verhalten, am Pokertisch immer ruhig und gelassen zu reagieren, auch auf die Beziehung mit dem Partner übertragen. Es entsteht somit als Folge mehr Lebensqualität beim Coachee.
"Whether he likes it or not, a man’s character is stripped at the poker table; if the other players read him better than he does, he has only himself to blame. Unless he is both able and prepared to see himself as others do, flaws and all, he will be a loser in cards, as in life." Anthony Holden
Zusammenfassend definiere ich Poker Mental Coaching wie folgt:
"Ein Poker Mental Coach ist ein erfahrener Begleiter auf dem Weg zur Entwicklung und Beherrschung deines Mindsets, um am Pokertisch möglichst häufig das A-Game abrufen zu können."
Unterschied Psychologie und Mental Coaching
Die Psychologie ist eine Wissenschaft, die das Verhalten des Menschen beschreibt und erklärt (Vgl. Wikipedia). Es geht in erster Linie darum, zu erklären, warum Menschen etwas tun und wie sie es tun, um es nachvollziehen zu können. Im Grunde genommen geht es um das Warum.
Das Mentale Coaching auf der anderen Seite ist eine Sammlung von Übungen, Methoden und Techniken um fokussierter, motivierter, disziplinierter etc. agieren zu können. Hier geht es in erster Linie darum, schnelle Lösungen zu erarbeiten und Ergebnisse zu erzielen.
| Psychologie | Mental Coaching |
| Problem verstehen | Problem lösen |
| Warum | Wie |
| Analyse | Anwendung |
| Verständnis | Ergebnisse |
Dein A-Game abrufen
Der Mental Coach kümmert sich laut Definition um das A-Game. Doch was genau ist das A-Game? Dazu zunächst eine Definition des Begriffs:
- "A-Game ist die Ausschöpfung und vollständige Nutzung aller im Moment vorhandenen strategischen und mentalen Ressourcen."
Vollständig bedeutet 100% und entsprechend beginnt bereits mit der kleinsten Abweichung von diesem optimalen Zustand der nächste Zustand, das B-Game. Zum Zweck der Veranschaulichung und besseren Differenzierbarkeit wird in diesem Artikel zwischen A-, B-, C-, D- und E-Game unterschieden. Diese Unterscheidung ist nicht ganz trennscharf, da jeder Spieler ganz individuell über sein Spiel empfindet und soll nur als grober Anhaltspunkt herhalten. Du kannst beliebig deine eigene Abstufung vornehmen.
- B-Game: Sehr leichte Abweichung vom optimalen Spiel, 95-99% des A-Games werden erreicht.
Der Unterschied zum A-Game ist kaum spürbar, aber der eine oder andere Spot wird übersehen, wie beispielsweise der tighte Shortstacker im Big Blind. Kleine Flüchtigkeitsfehler und Unkonzentriertheiten machen sich bemerkbar. Die Winrate ist von dieser mentalen Verfassung kaum betroffen.
- C-Game: Leichte Abweichung vom optimalen Spiel, 85-94% des A-Games werden erreicht.
Hier beginnen die ersten spürbaren Anzeichen von Unaufmerksamkeit. Einige Situationen werden nicht optimal gespielt und immer häufiger kommt der Gedanke "Was hast du da eigentlich gemacht". Hier ist es abhängig von der Winrate, ob du überhaupt noch profitabel spielst oder schon eine leicht negative Winrate erzielst.
- D-Game: Mittlere Abweichung vom optimalen Spiel, 70-84% des A-Games werden erreicht.
Die Verunsicherung oder Nervosität ist für viele schon spürbar. Spätestens an dieser Stelle sollte das Grinden eingestellt und eine Pause eingelegt werden.
- E-Game: Starke Abweichung vom optimalen Spiel, 0-69% des A-Games werden erreicht.
Die schlimmste Stufe. Selten wird mehr als 50% vom A-Game abgewichen. Je nach Ausmaß und Neigung werden hier die Hände außer Kontrolle des Verstandes gespielt. Für viele Gegner am Tisch ist dieser Zustand deutlich spürbar. Auch Preflopshoves am laufenden Band und übertriebene Bluffs fallen in diese Kategorie. Dein Spiel ist eindeutig unprofitabel und du verbrennst regelrecht deine Bankroll.
Diese Abweichungen vom A-Game sind auf den ersten Blick ein Ärgernis. Auf der anderen Seite kannst du sie auch als Gelegenheit sehen und sie dir zu Nutzen machen, indem du sie nicht als Versagen, sondern als Feedback begreifst. Deine mentalen und strategischen Pokerfähigkeiten werden knallhart einer Prüfung unterzogen und zeigen dir die Schwächen in deinem Spiel. Gerade die unangenehmen Gefühle, welche du intuitiv verdrängst, können deiner mentalen Entwicklung am besten weiterhelfen. Hinter diesen Gefühlen versteckt sich nämlich ein unpassendes Verhalten, auf das dich dein Körper aufmerksam machen will. Mehr dazu erfährst du im Artikel über "Glaubenssätze und die Anwendung von Affirmationen".
An dieser Stelle liegt es an dir, ob du diese Schwäche in deinem Spiel erkennst und bekämpfen möchtest, um dich weiter zu verbessern. Du hast hier eine mögliche Edge gegenüber vielen anderen Pokerspielern oder verlierst bereits Geld gegenüber Gegnern, die diese Schwäche nicht besitzen.
Das Mental Coaching bietet dir hier Lösungen. Genauso wie du bereits deine strategischen Fähigkeiten ausgebaut hast und dich ständig weiterentwickelst, kannst du das gleiche für deine mentalen Fähigkeiten tun. Ebenso wie mit der Verbesserung der strategischen Fähigkeiten werden sich auch hier Erfolge einstellen und deine mentale Stärke wird wachsen. Dazu gehört zunächst, sich überhaupt der Schwächen bewusst zu werden, die derzeit noch potentiell in den eigenen mentalen Fähigkeiten liegen.
Hierzu habe ich ein praktisches Tool entwickelt, welches dir helfen wird wahrzunehmen, wenn du von deinem A-Game abweichst und inwiefern du dein optimales Spiel aus den Augen verlierst. Dieses reflektieren hilft dir dabei, die Wahrnehmung zu entwickeln und zu beobachten, wie sich das Verhältnis von A- bis E-Game verändert. Ziel ist es, nach jedem Tag zu schauen, welches Game du gespielt hast, dieses zu begründen und anschließend in die Tabelle einzutragen. So kommst du deinen mentalen Schwächen schnell auf den Grund. Weiterhin wirst du dir auch mit der Zeit schneller bewusst, wann du dich in einem suboptimalem Zustand befindest und in welchem. Der erste Schritt ist getan. In den nächsten Artikeln werden noch weitere praktische Übungen folgen, mit denen du deine mentalen Fähigkeiten einschätzen und verbessern kannst.
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Quelle: http://jaredtendlerpoker.com/forum/mental-game-discussion/mentaltracker-v1-0
Zusammenfassung
Dieser Artikel hat dir die historische Entwicklung des mentalen Coachings aus dem Spitzensport in das Topmanagement und die Politik veranschaulicht und einen Ausblick in seine zukünftige Rolle im Poker gegeben. Das Ziel des Poker Mental Coaches ist es, dir die nötigen Ressourcen zu vermitteln, damit du am Pokertisch möglichst häufig dein A-Game abrufen kannst.
Es ist dir vielleicht aufgefallen das der Begriff "Tilt" in diesem Artikel nicht einmal auftaucht. Meiner Meinung nach wird der Begriff heute teilweise inflationär benutzt und sehr stark ins Negative gerückt, weswegen auf seine Erwähnung verzichtet wurde. Jedoch folgt ein weiterer spannender Artikel, in dem auf Tilt explizit aus einer anderen Perspektive eingegangen wird. Zusätzlich werden in den nächsten Wochen noch weitere Artikel zu den Themen „Glaubenssätze und Affirmationen“, „Pokergewohnheiten“ und „Motivation“ erscheinen. Gerne kannst du auch Themen aus dem Mentalbereich vorschlagen, über die du gerne mehr erfahren möchtest.
Zum Autor: Carsten Bruns ist erfolgreicher Mental Coach. Er coacht und veranstaltet Seminare für Amateure und professionelle Pokerspieler. Er spielt selbst seit Jahren erfolgreich auf den Mid- und Highstakes Poker.


