Aktualisiert am 12 März 26 von

Prinzipien der Tiltkontrolle

Einleitung

In diesem Artikel

  • Was Tilt überhaupt ist
  • Wie du die ersten Anzeichen von Tilt erkennst
  • Welche Möglichkeiten du hast, Tilt zu kontrollieren

Die einzige Möglichkeit dein Tiltproblem zu lösen besteht darin, am Pokertisch in den Momenten die Ruhe zu bewahren, in denen du normalerweise die Beherrschung verlieren würdest. So einfach ist das. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Das möchte ich gleich am Anfang klarstellen, weil die Strategie, die ich in diesem Artikel vorstellen werde, vollständig darauf ausgerichtet ist, dir zu helfen, in genau diesen Momenten nicht die Kontrolle zu verlieren.

Obwohl es so offensichtlich zu sein scheint, machen sich viele Spieler allzu oft genau darüber keine Gedanken. Manche denken, die einzige Lösung wäre es, einfach aufzuhören. Das ist aber keine Option für uns. Man würde sein Tiltproblem einfach dadurch lösen, die Situationen, die Tilt hervorrufen oder verschlimmern, zu umgehen. Man kann sein Tiltproblem aber nicht von den Rails aus lösen.

Das heißt nun aber keineswegs, dass du dich direkt ins Getümmel stürzen und auf eine Reihe von Bad Beats mitten in einem Downswing hoffen solltest, um mit diesen dann wie ein großer Zen-Meister umzugehen. Tiltkontrolle ist eine Fähigkeit, die genau wie alles andere beim Poker über einen längeren Zeitraum erlernt werden muss. Im Grunde gilt es, einen “mentalen Muskel” aufzubauen und dieser Prozess ist identisch mit dem Aufbauen richtiger Muskeln in einem Fitnessstudio.

Dieser Vorgang wiederum entspricht exakt dem Erlernen von Pokerskills. Man steigt nicht einfach in die $25/$50-Games ein, nur weil man $2/$4 gecrusht hat (obwohl manche das im Tilt schon versucht haben). Du würdest es nicht versuchen, weil du darauf noch nicht vorbereitet bist. Ohne die nötigen Fähigkeiten, um diese High Stakes Games zu schlagen, arbeitest du weiter hart an deinem Spiel und machst langsam aber sicher Fortschritte. In Bezug auf die Tiltkontrolle gelten die gleichen Prinzipien. Du arbeitest dich einfach die Limits hinauf und sammelst die nötigen Fähigkeiten, um Tilt vermeiden zu können.

Viel zu oft wird davon ausgegangen, dass die Fortschritte im Mental Game und besonders in Bezug auf Tilt viel schneller geschehen müssten. Wenn es ab und zu „Klick” macht, können Fortschritte auch schnell erfolgen – beispielsweise wenn man zu einer bedeutenden Erkenntnis kommt oder für sein Spiel etwas Entscheidendes lernt. Das ist aber selten. Viel öfter benötigt man zur Verbesserung seines Tilt über einen längeren Zeitraum Ausdauer und Konzentration.

Bevor ich jetzt zur Strategie komme, mit der du dein Mental Game verbessern kannst, ist es wichtig, zunächst einmal “Tilt” zu definieren.

Was ist Tilt und was ist es nicht?

Als Außenstehender beim Poker habe ich Einsichten gewonnen, die Pokerspielern selber oft verborgen bleiben. Durch die Untersuchungen der Psyche oder des Mental Games von Pokerspielern habe ich herausgefunden, dass sich die überwiegende Mehrheit von Tiltfällen auf Frustrationen, Ärger, Wut und Zorn beziehen. Beim Tilt geht es nicht einfach nur darum, schlecht zu spielen, sondern darum, aus welchem Grund man schlecht spielt. Man spielt schlecht, weil man wütend ist.

Tilt = Wut + Schlechtes Spiel

Autopilot, Langeweile, Fancy-Play-Syndrom und Winner's Tilt sind alles Beispiele dafür, dass die Definition von Tilt so weit geworden ist, dass es alles bedeuten kann, außer sein A-Game zu spielen. Wenn alles unter seinem A-Game nun Tilt bedeutet, dann wird jeder nur denkbare Grund, warum man schlecht spielen könnte, mit diesem einen Wort verbunden.

Das ist so, als würde man mit Fieber zum Arzt gehen und als Diagnose zu hören bekommen, dass man krank sei. Es gibt hunderte von Gründen, warum man Fieber haben könnte, und um das Fieber behandeln zu können, muss man diesen einen Grund herausfinden. “Krank sein” ist ein so weiter Begriff, dass er für einen Arzt im Grunde nutzlos ist.

Wenn du dein Tiltproblem lösen möchtest, dann muss erst eine genauere Definition von Tilt gefunden werden. Aus meiner Sicht wird Tilt ausschließlich von Wut ausgelöst. Jeder andere Grund, warum man schlechter spielt, als man könnte, wird von etwas anderem hervorgerufen wie etwa mangelnder Konzentration, Müdigkeit, fehlender Motivation, Angst, Überheblichkeit, zu vielen Tischen auf einmal oder vielem mehr.

Denken = Kontrolle

Denken ist wie Sport für das Gehirn. Du kannst Wut und Ärger mit den komplexeren Teilen deines Gehirns kontrollieren. Je gründlicher du einen Bad Beat, einen Suckout von einem Fisch, dauernde Aggression von deinem Gegenspieler oder einen dummer Fehler von dir selber durchdenken kannst, desto besser kannst du deinen Ärger kontrollieren. Hört sich einfach an, aber in der Realität macht es einem die Funktionsweise unseres Gehirns etwas schwerer.

Hier eine einfache Regel:

Wenn dein Ärger oder deine Emotionen ein bestimmtes Maß übersteigen, verliert dein Gehirn die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen.

Wenn du also vor lauter Wut nicht mehr richtig denken kannst, dann ist das so, weil dein Gehirn diese Funktion ausgeschaltet hat. Diese Erkenntnis ist für die Tiltkontrolle elementar, weil man seinen Tilt frühzeitig stoppen muss, wenn man seinen Ärger kontrollieren möchte und vermeiden will, am Pokertisch falsche Entscheidungen zu treffen.

Man muss die ersten Signale erkennen und seine Wut kontrollieren, während man noch rational denken kann. Wenn du wartest, bis der Ärger bereits deine Gedanken beherrscht, wird es ungemein schwerer, wieder die Kontrolle zu übernehmen und ohne eine Pause zum Herunterkommen wieder vernünftig spielen zu können.

Stattdessen gilt es, entschieden dafür zu sorgen, seinen Ärger unter Kontrolle zu behalten, sobald es die ersten Anzeichen dafür gibt. Warum? Weil man eben ab einem bestimmten emotionalen Level keinen klaren Gedanken mehr fassen kann und man nur durch Denken seine Wut kontrollieren kann.

Erkennen von Tilt

Die Frühzeichen von Tilt zu erkennen, kann für viele ziemlich einfach sein, für andere ist es aber nicht ganz so trivial. Darum habe ich in meinem letzten Artikel auch erwähnt, wie wichtig es ist, ein Tiltprofil von sich zu erstellen. Dadurch, dass man sein Tiltmuster analysiert, kann man die flüchtigen Hinweise auf steigende Wut besser erkennen.

Das gute an Tilt ist, dass er bei jedem Menschen in vorhersehbaren Mustern auftaucht. Je mehr man auf diese Muster achtet, desto besser kann man darauf reagieren. Du solltest also deinen Tilt tatsächlich genau beobachten und dir Notizen dazu machen. Das ist der einzige Weg, Tilt zu kontrollieren und auf lange Sicht gut genug zu verstehen, um die Gründe für deine Wut aus dem Weg zu räumen.

Hier ein paar Beispiele für Anzeichen, auf die du achten solltest:

  • Du spielst mehr Hände als gewöhnlich und diese auch aggressiver.
  • Du triffst deine Entscheidungen schneller.
  • Dein Kopf wird heiß, du ballst die Faust und/oder hältst öfter den Atem an.
  • Du beschimpfst Gegner oder dich selber.
  • Dir geht es nicht schnell genug und du machst Anfängerfehler.

Das sind nur ein paar allgemeine Beispiele für Anzeichen von Tilt. Du solltest in deinem Tiltprofil auf jeden Fall auch festhalten, was deinen Ärger ausgelöst hat, wie zum Beispiel ein Bad Beat, allgemeine Verluste, Fehler, aggressive Spieler usw. Im Endeffekt ist dieses Wissen eine weitere Möglichkeit zu erkennen, dass du Tilten könntest. Wenn du wegen Bad Beats tiltest und du einen Bad Beat erlebst, kannst du davon ausgehen, dass du etwas unternehmen musst, um deine Wut zu kontrollieren.

Tief einatmen

Nachdem du die flüchtigen Anzeichen für einen bevorstehenden Tilt erkannt hast, ist eine einfache aber dennoch effektive Möglichkeit, am Tisch die Kontrolle zu behalten, ein paar mal tief einzuatmen.

Der Sinn darin besteht nicht einfach nur darin, dich zu entspannen. Dadurch soll ein gedanklicher Abstand von deiner emotionalen Reaktion erzeugt werden, sodass du dich weiterhin deiner Logik bedienen kannst. Das ist ähnlich, wie wenn du in einer hitzigen Diskussion mit einem Freund den Raum verlässt, um einen freien Kopf zu bekommen und wieder klar denken zu können.

Einen Abstand herzustellen ist sehr wichtig, denn allzu oft lässt man sich in diesen Situationen von Tilt wegtragen. Du musst daher eine Möglichkeit entwickeln, gedanklich einen Schritt Abstand zu nehmen. Ein paar tiefe Atemzüge helfen auch dabei Tilt zu kontrollieren, wenn du bei Live Games realisierst, dass du tilten könntest.

Nutzen der Logik

Zwar ist Denken die Basis mentaler Kontrolle, aber das, worüber du nachdenkst, ist für ein optimales Ergebnis entscheidend. Ich bin kein großer Freund von positiver Selbstbestätigung, sondern eher von dem, was die meisten Menschen ganz natürlich machen und will dies nur verstärken.

Im Allgemeinen versuchen die meisten Spieler bei aufkommendem Ärger sich selber einzureden, ruhig zu bleiben. Das Problem dabei ist, dass das manchmal so wirkt, wie Benzin in ein Lagerfeuer zu gießen: “Wie kann ich nur so einen Sch**** machen?” Und manchmal ist es auch nicht ausreichend effektiv, um einen wieder zu beruhigen und dem Tilt langfristig entgegenzuwirken.

Die Idee hinter der Anwendung von Logik ist, dass das, was du sagst, dich nicht nur beruhigt, sondern dir außerdem dabei hilft, den Fehler in deiner Herangehensweise an Poker zu korrigieren, der dich überhaupt zum Tilt bringt.

Nehmen wir beispielsweise einmal an, dass du tiltest, wenn du von einem Fisch ausgesuckt wirst. Das kann dich in dem Moment so sehr nerven, dass du tiltest, aber wenn du im Nachhinein logisch an die Sache herangehst, wirst du erkennen, dass die immer mal wieder vorkommenden Suckouts von Fischen genau das sind, was Poker so profitabel machen.

Es ist ja nicht so, dass du nicht weißt, was richtig ist, sondern dass du es einfach nicht richtig durchdacht hast, um dich so vom Tilten abzuhalten. Daher könnte deine logische Schlussfolgerung lauten: “Fische müssen ab und zu Glück haben, damit ich langfristig Geld gewinnen kann. Bleib einfach konzentriert und spiele gut, das ist alles was du im Moment kontrollieren kannst.”

Der Fehler in deiner Logik ist, dass du tief in dir drin willst, dass Poker keiner Varianz unterliegt. Logischerweise willst du es aber doch und wenn du diese Sichtweise akzeptierst, wirst du nicht länger tilten, wenn ein Fisch dich aussuckt.

Es gibt beim Pokern noch viele andere Gründe, warum du tiltest. Hier sind noch einige andere Beispiele logischer Statements, die gegen eine ganze Reihe von Gründen für Tilt helfen können:

  • Lass dich von der Varianz nicht zu schlechtem Spiel verleiten.
  • Beim Poker kommt es aufs Können an; du wirst im Moment dafür einfach nicht belohnt.
  • Du bist ein fürchterlicher Vorhersager und kannst nicht ahnen, wann ein Downswing aufhören wird.
  • Du kannst nur kontrollieren, was du mit deinen Karten machst – nicht welche Karten du bekommst.
  • Fehler passieren immer wieder. Schlimm wäre nur, aus einem Fehler ganz viele werden zu lassen.

Da du bei beginnendem Tilt nicht mehr komplett auf der Höhe bist, solltest du deine logischen Statements auf einem Notizzettel, in deinem Handy oder einem Word-Dokument aufgeschrieben haben. Auf diese Weise musst du dich nicht vollständig auf deine Erinnerung verlassen. Es liegt direkt vor dir und du kannst schnell darauf zugreifen.

Bereite dich außerdem darauf vor, dass du deine logischen Statements in einer Session oder während eines Turniers sehr sehr oft wiederholen musst, wenn du Anzeichen von Tilt wahrnimmst. Was du beherrscht hast, ist die alte Logik, die du auf diese Weise korrigieren kannst.

Strategische Erinnerung

Der Hauptgrund dafür, dass Tilt zu einem Problem wird, ist, dass er deine Fähigkeit zu denken ausschaltet und dich zu Fehlern verleitet. Wenn du vor Wut völlig außer dir sein und trotzdem noch hochklassiges Poker spielen könntest, würde es Tilt nicht geben. Es wäre einfach nur Ärger oder Wut. Der Verlust dieser Fähigkeit ist es aber, was Tilt zu einem Problem macht. Um sicherzustellen, dass du so gut wie möglich spielst, solltest du Folgendes versuchen:

Nimm dir Zeit und denke darüber nach, woran es in deinem Spiel mangelt, wenn du auf Tilt bist. Welche sind die Pokerskills, an die du dich erinnern musst, die du aber üblicherweise in diesen Momenten vergisst? Schreibe dir dann mit diesen Dingen eine Checkliste, die bei mir “Strategische Erinnerung” heißt. Auf diese Art und Weise kannst du, wie mit den logischen Statements, dein Spiel analysieren und auch dann noch gut spielen, wenn du es normal nicht mehr gekonnt hättest.