Aktualisiert am 12 März 26 von

Metagame - Was man darunter versteht und warum es so wichtig ist

Einleitung

In diesem Artikel

  • Was man unter Metagame versteht
  • Warum es für dein Spiel wichtig ist
  • Wie du es für dein Spiel nutzt

Metagame ist weder der Name einer neuen Gameshow, noch die Bezeichnung einer neuen Ballsportart. In der Pokerwelt beschreibt der Begriff Metagame jegliche Informationen über deinen Gegner, die für das Spielen einer Hand eine Rolle spielen. Darüber hinaus musst du dir darüber im Klaren sein, dass dein Spiel in einer bestimmten Hand weitreichende Konsequenzen für all deine zukünftigen Hände hat.

Beispiel: Gus Hansen wird mit den Nuts ausbezahlt, da er ein solch looses Image aufgebaut hat, dass die Gegner quasi schon erwarten, dass er selbst mit 72 spielen wird. Es ist essentiell, dass du verstehst, wie deine Entscheidungen in einer einzelnen Hand bzw. einem einzelnen Spiel alle zukünftigen Entscheidungen beeinflussen.

Andere Spieler bezeichnen mich als "Thinking Player", "non-standard" und "tricky". Das ist so, weil ich mich ständig frage, was im Kopf meiner Gegner vorgeht und welche Annahmen sie selbst über meine Gedanken treffen. Ich versuche dabei einzuschätzen, wie meine vergangenen Aktionen ihre gegenwärtigen Spielentscheidungen beeinflussen. Ein geschickt angewandtes Metagame hat meinem Spiel eine Menge zusätzlichen Expected Value verschafft.

Zum ersten Mal wurde ich auf das Konzept des Metagames aufmerksam, als ich mir das Main Event der WSOP 2004 ansah. Dan Harrington saß am Final Table und hielt 62, womit er zwei Pros, die bereits im Pot waren, zum Folden gebracht hat.

Er wusste, dass Josh Arieh und Greg Raymer aggressive, kluge Spieler sind und dass sie ihn als tighten, smarten Spieler ansahen. Als Arieh preflop auf $250k raiste und Raymer callte, ergriff Harrington seine Chance und nutzte das Metagame zu seinem Vorteil.

BEISPIEL 1:

WSOP 2004 Final Table Hand #57

Blinds $40.000/$80.000, $10.000 Ante

Stacks
UTG - Josh Arieh (3.890.000) Kh9s
UTG+1 - Al Krux (2.175.000)
MP - Greg Raymer (7.920.00) Ac2c
CO - Matt Dean (3.435.00)
BU - Dan Harrington (2.320.000) 6h2d
SB - Glenn Hughes (2.375.000)
BB - David Williams (3.250.00) AsQc

Preflop: Dan Harrington is BU with 6h2d
UTG bets 225.000, UTG+1 folds, MP calls, CO folds, BU raises 1.200.000, 4 folds

Er reraiste vom BU auf 1.200.000 Chips, ein extrem aggressiver Move. Beide Gegner foldeten und er konnte seinen Chipstack um 25% vergrößern. Harrington war fest davon überzeugt, dass ihn die anderen beiden Spieler als tight und smart einstuften. Er selbst stufte sie als aggressive Spieler ein, die mit einer weiten Range von Händen raisen können. Am allerwichtigsten war jedoch, dass er Aireh und Raymer für smarte, mitdenkende Spieler hielt.

Harrington wusste, dass die beiden zu dem Schluss kommen würden, er könne diesen Move nur mit den besten Händen machen. Er kombinierte diese Erkenntnis mit dem Wissen um den Read der aggressiven Vorgehensweise der beiden Spieler und seiner Einschätzung, dass sie klug waren und mitdachten. Dadurch schlussfolgerte Harrington, dass beide ihre Hände in einem hohen Prozentsatz der Fälle folden würden.

Du musst nicht bei der WSOP spielen, um deine Gegner durch dein Metagame effektiv zu manipulieren. Die Fähigkeit, das Metagame zu kontrollieren, wird dir immer dann helfen, wenn du gegen denselben Spieler mehr als eine Hand spielst. Dein Table Image, das Image deines Gegners und die Frage, ob er sich Gedanken darüber macht, was du gerade denkst, sind alles Facetten des Spiels, die du nutzen kannst, um dir zukünftige Erfolge zu sichern.

Dein Image

Die Gegner machen sich ab der ersten Hand, die ihr zusammen spielt, ein Bild von dir. Manche achten dabei nur wenig auf deine Aktionen, während andere jede einzelne Entscheidung, die du triffst, analysieren. Jeder Call, Raise und Fold beeinflusst dabei, wie du am Pokertisch wahrgenommen wirst.

Mit der Zeit festigt sich dein Image und mitdenkende Spieler werden dies in ihre Entscheidungen mit einfließen lassen. Wenn du bisher loose warst, werden sie anfangen, zurückzuspielen. Du musst ihre Reaktion dann kontern. Hast du viel geblufft, schalte einen Gang zurück und fange an, for Value zu betten. Du kannst ihre Anpassung zu deinem Vorteil nutzen!

Veränderst du deinen Spielstil mid-game, erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, von einem schlechten gegnerischen Bluff oder Call ausbezahlt zu werden. Zumindest verringerst du schon einmal die Möglichkeit, dass sie dich korrekt lesen. Dein Table Image kannst du auch durch Desinformation manipulieren. Bereits das Spielen einer oder zwei Hände kann bei den Gegnern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Manchmal ist es gut, eine Aktion durchzuführen, die dir in der jeweiligen Hand minimalen Expected Value bringt, dir aber im Bezug auf das Metagame einen Vorteil verschafft.

Ich spielte mal ein 6-Spieler Single-Table-Turnier mit einem der besseren Regulars auf dem $100-Level. An der Bubble war er Chipleader mit 25BB. Ein anderer Spieler und ich hatten beide 10BB und kämpften darum, es ins Geld zu schaffen. Der Regular setzte seinen Stack geschickt ein, indem er jede Hand pushte oder raiste. Wie erwartet openpushte er aus dem Small Blind und ich war mit K-10 im Big Blind. Wenn das die erste Hand gewesen wäre, die wir zusammen spielten, hätte ich wohl gefoldet – aber im Poker hängen alle Hände zusammen.

BEISPIEL 2:

$100 6-max SnG

Stacks
BU 10BB
SB 25BB 9h2c
BB 10BB (Hero)

Preflop: Hero is BB with KsTd
1 folds, SB raises 25BB All-In, BB calls

Wir saßen bereits hunderte Male gemeinsam am Tisch und werden auch in Zukunft noch hunderte Male aufeinandertreffen. Ich habe hier also gecallt, damit er mich in zukünftigen Bubbles auf eine weite Callingrange setzen würde. Er drehte 92 um und verlor die Hand. Als die Karten kamen, schrieb er “nice call“ in die Chatbox, merklich erstaunt über meinen Call. In den Spielen seither stelle ich fest, dass er nicht mehr so weit pusht. Mission accomplished!

Das Image des Gegners

Die verschiedenen Spielstile deiner Gegner zu verstehen wird dir dabei helfen, in kommenden Spielen Entscheidungen gegen sie zu treffen. Die meisten Spieler spielen nach einem bestimmten Muster, das sie als fischigen, loose-aggressive (LAG) oder tight-aggressive (TAG) Spieler qualifiziert. Um ihren Spielstil kategorisieren zu können, musst du verschiedene Faktoren berücksichtigen, z.B. wieviele Hände sie spielen, wie sie ihre Position nutzen, und ob sie raisen oder limpen, um ins Spiel einzusteigen.

Allgemein gesagt: Das Spielen vieler Hände, die Nichtbeachtung der Position und das Limpen in den Pot sind alles Anzeichen eines Fisches. Fische spielen gerne mit einer weiten Range und zwar sehr passiv. Wenn sie erst einmal am Flop sind, folden sie ihre schlechten Hände gewöhnlich auf eine Bet, callen mit einer mittelmäßigen Hand oder einem Draw und betten oder raisen mit einer guten Hand. Solche Spieler haben keinerlei Verständnis für das Konzept des Metagame und realisieren nicht, dass ihre vergangenen Spielentscheidungen den anderen Spielern quasi bereits anzeigen, welche Karten sie halten.

Wenn alle Gegner Fische wären, dann wäre jeder Spieler ein Gewinner. Leider gibt es aber auch aggressivere Spieler. Diese eröffnen viele Pots mit einem Raise aus später Position und haben Continuationbets, Double Barrels und Floats in ihrem Arsenal. Es handelt sich hier um loose-aggressive (LAG) Gegner, gegen die das Spielen generell schwierig ist.

Wie wird es dir nun in zukünftigen Händen helfen, einen bestimmten Spieler als LAG zu kategorisieren? LAGs nutzen ihre Position aus und bedienen sich des Boardreadings sowie des Playerreadings. Sie spielen viele Pots, daher wird ihre durchschnittliche Handstärke geringer ausfallen. Sie bauen darauf, Pötte ohne Showdown zu gewinnen, indem sie Druck auf ihre Gegner ausüben. Dieser Spielertyp spielt meistens auch Hände stark weiter, die nicht getroffen haben, was bedeutet, dass der Wert deiner mittelmäßigen Hände gegen sie ansteigt. Daher ist es profitabel, gegen LAGs mit Middlepair herunterzucallen, gute Hände zu checkraisen und Monster zu slowplayen. Durch ein gutes Verständnis des Metagames kannst du sein Spiel leichter durchschauen und folglich bessere Gegenmaßnahmen einleiten.

Zu guter Letzt haben wir die tight-aggressiven Gegner (TAG). Diese spielen weniger Hände als die LAGs, aber eröffnen trotzdem mit einem Raise und spielen die Hand stark. Ihre Starthandauswahl wird viel selektiver ausfallen als die eines LAGs; am Flop verringert sich der Wert ihrer Hand meist signifikant. Wenn sie nichts treffen, geben sie auf einem drawlastigen Board meist auf, oder machen auf einem trockenen Flop eine Continuationbet (C-Bet). In Position ist es eine optimale Strategie, sie auf einem trockenen Flop zu floaten bzw. auf einem wetten Flop zu betten. Ein TAG wird zwar versuchen, den Pot zu gewinnen, die Hand aber aufgeben, wenn er denkt, dass er geschlagen ist.

Die Analyse des gegnerischen Images hat offensichtliche Vorteile. Wenn du verstehst, wie sein Spielansatz aussieht, erhältst du wertvolle Informationen, die du im Metagame verwerten kannst. Ich sage nicht, dass du dein Spiel alleine auf seinem Image aufbauen solltest. Du solltest auf keinen Fall bluffen, nur weil du denkst, dass dein Gegenüber tight ist. Vielmehr solltest du das Image des Gegners als bestätigenden Zusatzfaktor ansehen. Wenn du zum Beispiel zwischen einem Push oder Fold entscheiden musst, dann wird das tighte Image des Gegners bestätigen, dass ein Push hier die richtige Entscheidung sein wird.

Wie sehr denkt dein Gegner mit?

Es ist zwar wichtig, dass du den Stil des Gegners durchschaust, aber noch wichtiger ist es, zu erkennen, wie sehr er während des Spiels mitdenkt. Als ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Metagame beschäftigte, war es, als ob ich mich in eine völlig neue Welt an Informationen begab. Ich begann, mich zu fragen, wie gut ich andere zu bestimmten Spielzügen nötigen kann, indem ich ihr Bild von mir ausnutze.

Der Erfolg des Metagames hängt direkt mit der Konzentration deiner Gegner zusammen. Aufmerksame Gegner achten auf die Action am Tisch. Sie verfolgen jede Hand, auch wenn sie schon gefoldet haben, und behalten den Überblick über vergangene Hände. Solche Spieler sind gute Kandidaten für die Manipulation anderer durch den geschickten Einsatz des Metagames, da sie bereits gespielte Hände in ihre Entscheidungen mit einbeziehen.

Einmal spielte ich in einem $2.500 No-Limit Event bei der World Series und saß an einem Tisch mit Brandon Cantu, einem hervorragenden Turnierspieler. Er war gerade dabei, sich einen schönen Stack aufzubauen, indem er viele Hände ohne Showdown gewann. Er bemühte sich dabei sehr, den Chips des passiven älteren Herren zwei Sitze zu seiner Linken ein neues Zuhause zu bieten.

Dann folgte eine Hand, in der Cantu aus dem Button openraiste, der Small Blind foldete und der passive ältere Herr aus dem Big Blind smoothcallte. Der Flop kam A-K-8 rainbow. Der ältere Mann checkte und callte dann eine Bet von Cantu. Am Turn kam eine Blank, der Big Blind checkte erneut und Cantu feuerte eine Potsizebet ab, wodurch der Pot immens wuchs.

BEISPIEL 3:

WSOP $2.500 No-Limt

Stacks
UTG
UTG+1
MP1
MP2
CO
BU - Brandon Cantu
SB
BB 9cTd

Preflop: Brandon Cantu is BU with AsKh
5 folds, BU raises, SB folds, BB calls

Flop: AhKd8c (2 Players)
BB checks, BU bets, BB calls

Turn: 3s (2 Players)
BB checks, BU bets Potsize, BB raises All-In, BU folds

Ich dachte, dass der andere Mann wieder folden würde, aber siehe da, er pusht All-In. Ich war völlig überrascht und Cantu war sprachlos. Cantu dachte einen kurzen Moment lang nach, foldete und drehte dann AK um, mit der Bemerkung: "Du kannst uns dein Set aus Achten jetzt zeigen". Der ältere Spieler lächelte und drehte seine Karten um: 9-10. Während die nächste Hand ausgeteilt wurde, sagte der ältere Herr: “Nimm es als Kompliment, gegen einen dummen Mitspieler hätte ich diesen Move sicher nicht spielen können.” Das war nur ein geringer Trost für Brandon, aber er verstand, was ihm der Mann damit sagen wollte.

Viele Spieler konzentrieren sich aber lediglich auf die aktuelle Hand. Sie haben keine Ahnung, welches Image sie aufgebaut haben und interessieren sich auch nicht dafür, wie ihre Gegner in vergangenen Händen gespielt haben. Gegen solche Spielertypen hat es keinen Sinn, deinen Spielstil zu variieren oder Minus-EV-Plays für zukünftige Resultate zu machen. Es wäre genauso, als würdest du in einem brennenden Haus noch schnell dein Bett neu beziehen.

Wenn ein Spieler nicht berücksichtigt, wie weit sein Gegner mitdenkt, hörst (bzw. siehst) du ihn in der Chatbox vielleicht sagen: “Wie kannst du hier denn callen, ich habe in der letzten Stunde keine einzige Hand gespielt!” Solch eine Aussage zeigt dir, dass es einfach ein paar Spieler gibt, die sich um nichts anderes Gedanken machen als ihre eigene Hand. Wenn ein Spieler schon seinen eigenen Spielstil kommentiert, dann achtet er nicht gut auf sein Metagame. Es ist seine eigene Aufgabe, herauszufinden, ob das Gegenüber seine Intentionen verstehst, bevor er eine bestimmte Entscheidung fällt. Du kannst dir sicher sein, dass Dan Harrington wusste, dass sich Raymer und Arieh über sein Image im Klaren waren.

Zusammenfassung

Im aktuellen Zeitalter des Poker, in dem Strategiematerial leicht verfügbar ist und jeder, der Poker wirklich ernsthaft spielt, Trackingsoftware benutzt, kommt es darauf an, dass du dir eine Edge aufbaust, wo immer du kannst – dies macht den Unterschied zwischen einem Winning und einem Losing Player.

Alle objektiven Facetten des Spiels, z.B. die Mathematik und die Logik, können mithilfe von Büchern und Videos erlernt werden. Die subjektive Komponente des Spiels allerdings, die Psychologie, muss durch viel Übung im Trial-and-Error-Verfahren verfeinert werden.

Hast du in deine Herangehensweise an Poker ein gutes Metaspiel integriert, werden deine Gegner im Dunkeln tappen. Die fehlende Sicherheit bei ihren Entscheidungen führt wiederum zu Fehlern. David Sklanskys Pokertheorien basieren darauf, dass deine Gegner Fehler machen. Er ist der Ansicht, dass du gewinnst, wenn dein Gegner sich irrt, egal ob du die Hand am Ende gewinnst oder nicht. Wenn du deine Gegner dazu bringen kannst, so zu denken, wie du es willst, werden sie Fehler machen und du wirst am Ende als Gewinner dastehen, so viel ist sicher.