An den Tischen
Einleitung
In diesem Artikel
- Welche Faktoren die Entwicklung deines Pokerunternehmens beeinflussen
- Warum auch kleine Schwächen an den Tischen deine Karriere behindern
- Wie du deine Ressourcen am effizientesten nutzt
Es gibt eine Menge Pokerspieler, die talentierter sind als ich. Aber ich bemühe mich, wenn man so will, der “Pokerspieler der Zukunft“ zu werden. Jemand, der sich komplett auf etwas konzentriert und sich daran misst, wie gut er auf die Details achtet. Ein Spieler, der mir einen Pot stiehlt, könnte zum Beispiel sagen: “Ich habe leatherass ausgespielt. Wie kann er da $1 Million US-Dollar in einem Jahr gewinnen und ich nur $40.000?“ Meine Antwort: Achte auf die kleinen Schwachpunkte in deinem Spiel und die verpassten Chancen.
Die meisten Pokerkarrieren enden bereits, bevor sie überhaupt begonnen haben, weil unnötig Ressourcen verschwendet wurden. Als Teil meiner Serie “Was Pokerunternehmen falsch machen“ werde ich mich heute dem Spiel am Tisch widmen. Ich habe den Eindruck, dass Ineffizienz Pokerspieler vom rechten Weg abbringt und so lange und erfolgreiche Karrieren verhindert.
Hier sind die häufigsten Faktoren, die ich an den Tischen bei Spielern beobachtet habe, die ihre Möglichkeiten nicht genutzt und ihr Chancen damit vergeudet haben:
Die häufigsten Fehler
Unnötig in den Limits aufsteigen
Es war im November 2009, als Isildur1 damit begann, gegen Mitglieder des Team Full Tilt in gigantischen Heads-up-Sessions auf $500/$1.000 No-Limit zu spielen. Die Pötte waren zum Teil knapp $1 Million groß. Im Verlauf von drei Wochen schlug er Ikonen der Onlinewelt wie Tom “Durrrr“ Dwan und nahm ihnen nahezu $5 Millionen ab.
Was ich über Isildur1 dachte? Ich hielt ihn für ein Genie, ein Wunderkind – möglichweise sogar den Mozart des Pokerspiels. Außerdem hielt ich ihn für einen Dummkopf. Einige Tage nach seinem unglaublichen Run bewies Isildur1, dass auch er nur ein Mensch ist. Viel zu selbstsicher spielte er Phil Ivey und Patrik Antonius gleichzeitig an acht verschiedenen Tischen. Die Hände waren episch, über $5 Millionen lagen auf den Tischen verteilt. Am Ende der Session hatte Isildur1 mehr als die Hälfte seiner Winnings wieder abgegeben. Ende Januar war er auf ein Staking angewiesen.

Das Folgende ist nicht als Protzerei gemeint, sondern soll meine These unterstützen: Ich habe in meiner fünfjährigen Karriere bisher fast $4 Millionen gewonnen, ohne dabei jemals an einem Spiel auf den Nosebleed Stakes teilzunehmen. Es gibt wahrscheinlich nicht mehr als zehn Personen auf der Welt, die online mit No-Limit mehr verdient haben als ich, außer die Spieler die an einem Punkt $4-$5 Millionen up waren aber alles wieder verloren haben. Ich wage zu behaupten, dass die meisten von ihnen alles dafür geben würden, ihr Kapital zurück zu bekommen.
Mein persönlicher Ratschlag zum Limitaufsteig ist, dass man jederzeit eine Bankroll haben sollte, die mindestens 100 Buy-ins für das jeweilge Limit beträgt. Wenn man $100-Buy-ins spielt, sollte man mindestens $10.000 auf seinem Pokerkonto haben. Ist das die schlauste Art, sein Geld zu investieren? Nein, aber es gibt einem das ruhige Gewissen, welches man benötigt, um sein bestes Poker spielen zu können. Denn dafür muss man sich wohl fühlen.
Wenn du auf deinem aktuellen Limit gute Gewinne machst, solltest du auf jeden Fall in Betracht ziehen, in den Stakes aufzusteigen. Aber nicht, bevor du genügend Geld für 100 Buy-ins erspielt hast. Das ist wahrscheinlich der konservativste Ratschlag, den du je gehört hast. Aber ich sage dies als Spieler, der nie sein gesamtes Geld verspielt hat oder auch nur einen Monat hatte, in dem er Verlust machte: Ich habe niemals einen Shot auf ein Limit gewagt, für das ich nicht mindestens 100 Buy-ins hatte.
Manche Spieler wollen so viel Geld gewinnen, dass sie sich ein Haus davon kaufen können. Ich dagegen möchte einfach das Geld, das ich bereits habe, nicht mehr verlieren. Ich verzichte darauf, ein Held in der Pokerwelt zu sein, wenn es bedeutet, dafür niemals ein Dummkopf in der echten Welt zu sein.
Zu hohes Spielvolumen
Wenn du online spielst, gleicht die Entscheidung, an mehreren Tischen zu spielen, der Abwägung von Vor- und Nachteilen einer Unternehmensexpansion. Bedeuten mehr Standorte auch einen größeren Erlös? Oder ist weniger mehr und mehr wird weniger sein? Woher weiß man, wann mehr Tische auch ein Wachstum der Gewinne bedeuten? Ich ermutige ständig Leute, bis an ihre Grenze zu gehen. Wenn man in der Lage ist, fünf Tische genauso profitabel zu spielen wie vier, dann sollte man dies tun. Ist man es nicht, gibt man 20 Prozent seiner möglichen Gewinne auf.
Die Anzahl der Tische zu erhöhen kann jedoch eine Gratwanderung sein: Wenn man ohne auf die Auswirkungen zu achten immer weiter neue Tische zu den aktuell gespielten hinzufügt, wird man irgendwann an den Punkt kommen, an dem jeglicher Profit ausbleibt.
Aus der Sicht eines Pokerspielers gibt es verschiedene Betrachtungsweisen für eine Expansion. Man kann mehr Tische auf niedrigeren Stakes spielen, von denen man weiß, dass man sie beherrscht. Auf diese Weise kommt man schneller in den Bereich großer Samplesizes und dies ist ein wichtiger Punkt. Wenn deine Resultate beständig sind und es dein Ziel ist, 100.000 bis 150.000 Hände pro Monat zu spielen, wird dieses Ziel schneller erreicht, wenn man mehr Hände spielt. Je weniger Hände du hingegen spielst, desto mehr wirst du die Varianz spüren. Indem du mehr Hände spielst, minimierst du den Einfluss der Varianz auf dein Spiel und dein Können wird umso wichtiger. Der Profit, den du durch dein Können erwarten kannst, vergrößert sich, je mehr Hände du spielst.
Der Nachteil ist hier jedoch, dass du niedrigere Stakes spielst, als du eigentlich spielen könntest. Du verbesserst dein Spiel wahrscheinlich nicht und denkst über die einzelnen Situationen nicht in dem Maße nach wie jemand, der weniger Tische spielt. Du verbesserst dein Spiel zum Großteil dadurch, das du weniger Tische spielst und dich auf die einzelnen Entscheidungen konzentrierst. Wenn du 12-16 Tisches offen hast, wird das Leben natürlich schwieriger.
Mit ziemlicher Sicherheit wird die Winrate darunter leiden, wenn man mehr Hände pro Stunde spielt. Aber wenn der Gewinn pro Stunde gleich bleibt oder sogar steigt, dann weiß man, dass die Entscheidung, mehr Hände gleichzeitig zu spielen, eine kluge war.
Vergiss Multitabling mal für einen Moment. Diese Frage solltest du im Kopf behalten: Wenn ich nur einen Tisch spielen würde, wie würde ich dann spielen? Loose und aggressiv oder tight und konservativ?
Hier ist meine Antwort: Wenn ich nur einen Tisch spielen könnte, würde ich wahrscheinlich um die 30 Prozent meiner Hände an einem 6-max-Tisch spielen.
Auf meinen derzeitigen Stakes spiele ich ungefähr 22 - 24 Prozent meiner Hände an 9 - 15 Tischen, manchmal sogar an 20 Tischen. Meine Erklärung dafür, dass ich 7-10 Prozent weniger Hände spiele: Ich fahre damit besser, wenn ich das untere Drittel meiner Hände, die ich sonst spielen würde, wegschmeiße und stattdessen profitablere Situationen an einer größeren Anzahl an Tischen suche, die ich gleichzeitig spiele.
Das ultimative Ziel eines jeden Spielers ist die perfekte Balance zwischen zu vielen und zu wenigen Händen zu finden.
Unzureichende Berücksichtigung der Winrate
Viele Menschen haben mich dafür kritisiert, dass ich dazu neige, mich auf Dinge zu konzentrieren, die einst als nebensächlich betrachtet wurden. Meine Winrate hier um 1 Prozent und dort um 2 Prozent zu steigern ist ein riesiger Unterschied zu einem Pokerspiel damals im Wilden Westen. Solche schrittweisen Verbesserungen, nach denen ich auch heute noch strebe, haben mein Pokerunternehmen zu dem gemacht, was es heute ist.

Poker ist ein Spiel, in dem wir viel betten, um wenig zu gewinnen. So wird es zu einem Business, in dem es nur kleine Gewinnspannen gibt. Berücksichtige dabei die folgenden Gedanken:
An einem normalen Tag spiele ich an 20 Tischen gleichzeitig. Ich spiele 20 Prozent meiner Hände und im Durchschnitt dauert eine Hand an einem Tisch eine Minute. Ich spiele also vier Hände pro Minute.
Der durchschnittliche Pot in diesen Händen hat eine Größe von rund $300, ich spiele also Pötte im Wert von $1.200 pro Minute. Das sind Pötte im Wert von $70.000 in einer Stunde. Wenn ich 10 Stunden spiele, bedeutet dies, dass ich an einem Tag insgesamt um $700.000 gespielt habe. Dabei habe ich aber nur $10.000 wirklich riskiert, auch wenn es technisch gesehen $700.000 waren.
Winrates sind eine Frage des Mindsets. Meine Ratschläge mögen hier ein Prozent bringen, dort zwei. Wenn man diese Dinge aber addiert, reichen sie aus, um aus dir einen sehr profitablen Pokerspieler zu machen. Meine Ratschläge sind dabei nicht wirklich sexy . Ich verspreche dir nicht, dass ich fünf Wege kenne, wie man Phil Ivey einen Pot stiehlt. Aber indem du auf die kleinen Dinge achtest, lernst du vielleicht einen ganz neuen Spielzug, der dir zuvor in deinem Repertoire gefehlt hat und der vielleicht nur einmal pro Stunde zum Einsatz kommt.
Wenn du so aber eine Hand in der Stunde gewinnt, bedeutet dies neuen Profit, der zu deinem tatsächlichen Gewinn hinzukommt. Ein weiterer Aspekt ist, dass du ein weiteres Play beherrschst, was es deinem Gegner erschwert, Entscheidungen gegen dich zu treffen. Dies bedeutet eine weitere Möglichkeit, zusätzlichen Profit zu machen. Spiele einen weiteren Tisch und befolge meinen Rat – du wirst einen ersten Eindruck vom Konzept bekommen. Du gewinnst Geld in Spots, in denen du es zuvor nicht getan hättest.
Wenn du immer weiter an dir arbeitest und dabei stets über mögliche profitable Spots nachdenkst, wird dir dies unter dem Strich in signifikantem Maße neuen Profit bescheren. Noch einmal: Dieser Ratschlag ist nicht sexy. Aber ich sage es noch einmal: Wir sind hier, um Geld zu machen. Dies ist ein Unternehmen. Überprüfe also dein Ego, wenn du mit der Arbeit beginnst.
Sich zu sehr einem Spielstil verschreiben
Manche Spieler sagen, sie spielen lieber loose, während andere einen tighten Stil bevorzugen. Sie nennen sich gegenseitig Donkey-Nits, Clown-Fish und viele weitere aus dem Tierreich inspirierte Namen. Sie mögen vielleicht nicht nach einem Starting Hand Chart spielen, aber sie haben sich entschieden, ob sie sich lieber auf die aggressive oder konservative Seite schlagen. Sie wählen einen Spielstil und bleiben dann dabei.
Das ist nicht sehr sinnvoll. Jede Entscheidung, die du am Pokertisch triffst, sollte auf der Frage basieren, wie man das meiste Geld macht.
Vielleicht hast du den ganzen Tag über tight gespielt und ein paar loose Spieler raisen und coldcallen sich die ganze Zeit über. Dann ist es an der Zeit zu reraisen und ihr gesamtes Geld einzusammeln, das sie so bereitwillig auf den Tisch gelegt haben. Deine Karten spielen dabei keine Rolle, du solltest squeezen. Du weißt bereits, dass deine Gegenspieler schwache und weite Ranges haben. Der erste von ihnen wird es schwer haben, dein Raise mit einer spekulativen Hand zu callen, weil er weiß, dass er sich in einer unangenehmen Situation mit dir und dem Coldcaller befindet. Der Coldcaller selbst wird noch seltener callen, weil er selbst schon gereraist hätte, wenn er eine Hand halten würde, die eine 3-Bet wert ist.
Vielleicht hast du aber auch den ganzen Tag loose gespielt und ein super tighter, unaufmerksamer Spieler shoved über deine 3-Bet. Du schätzt seine Range auf nichts anderes als Asse oder Könige und foldest entsprechend deine Damen. Queens sind normalerweise ein Monster, wenn du ein looses Image hast. Aber dieser Gegner achtet auf so etwas nicht und ist obendrein noch super tight. Deine grandiose Hand hat sich in ein wertloses Blatt verwandelt und sollte entsprechend in den Muck wandern.
Es ist in Ordnung, von seinem Standardspiel abzuweichen, wenn die Situation es erfordert. Tatsächlich ist es sogar der beste Weg zu spielen.
Am systematischen Denken scheitern
Wenn du einmal vor einer wichtigen Entscheidung stehst, darfst du diese nicht überstürzen. Du hast in der Regel deutlich mehr Zeit als du denkst, außerdem kannst du bei Bedarf jederzeit die Time Bank aktivieren (oder ein Skript installieren, welches dies für dich automatisch macht - ich empfehle dies). Ich nutze eine einfache mentale Checklist, die auf meinem Bildschirm erscheint, bevor ich eine wichtige Entscheidung treffe:
- Was bedeuten die Aktionen meiner Gegner?
- Was ist die beste Aktion, die ich gegen ihre Handranges durchführen kann?
- Denke gut über alle möglichen Optionen nach und atme einige Male tief durch, bevor du die Entscheidung triffst.
Während dir diese Tipps weiterhelfen, ist der beste Weg, die Anzahl der Tische zu erhöhen, die gesammelte Erfahrung. Wenn du Full-Time für zwei bis drei Jahre spielst, wirst du die allermeisten Situationen automatisch durchführen. Wenn Entscheidungen erst einmal automatisiert ablaufen, wirst du weniger Zeit für sie benötigen. Dies bedeutet, dass du die freie Zeit in neue Tische investieren kannst.
Wenn du Poker als ein Unternehmen betrachtest, dann gibt es für dich keine bessere Möglichkeit als diese Zeit an zusätzlichen Tischen einzusetzen.
Über den Autor
Dusty Schmidt ist Coach bei PokerStrategy.com und Autor von “Treat Your Poker Like A Business” sowie “Don't Listen To Phil Hellmuth: Correcting The 50 Worst Pieces of Poker Advice You've Ever Heard”. In seiner fünfjährigen Onlinepokerkarriere hat Schmidt rund 9 Millionen Hände gespielt und knapp $4 Millionen gewonnen. Er schloss dabei keinem einzigen Monat mit Verlusten ab. Weiterhin schreibt er Kolumnen für das Card Player Magazine. Schmidts Bücher könnt ihr auf www.DustySchmidt.net erwerben.
| LINKS | |||||||
|
|||||||
