Aktualisiert am 12 März 26 von

Userwettberwerb Onlinetells - Beitrag 6

1. Einleitung

Dieser Artikel war ein Beitrag unseres Users Rolo23 zum Wettbewerb "Onlinetells"

Wer schon einmal Livepoker im Casino oder mit Freunden privat gespielt hat, wird die Bedeutung vom Lesen der Gegner kennen. Man beachtet bei seinen Entscheidungen nicht nur die Betsequenzen, sondern schaut sich genau das Verhalten seiner Mitspieler an. Ein verräterisches Grinsen oder ein nervöses Zucken kann die gegnerische Hand unter Umständen in der Art preisgeben, dass man sie in eine der Kategorien "stark", "mittel", "schwach" einordnen kann.

Man schaut sich seine Gegner an: Verändert sich die Stimmlage? Sucht er Augenkontakt oder vermeidet er ihn? Redet er viel oder sagt er auf einmal kein Wort mehr? Was hat er für einen Gesichtsausdruck? Das Studieren der Eigenheiten seiner Mitspieler kann durchaus hilfreich und lukrativ sein. Man muss sich dabei auf jeden Spieler einzeln einstellen, denn bei 2 verschiedenen Spielertypen kann ein bestimmter Tell eine ganz andere Hand zur Folge haben, so kann beispielsweise ein Grinsen bei Person A „Monster“ heißen und bei Person B „Bluff“.

So spielen dann auch live einige Profis im klassischen Pokerlook, mit Sonnenbrille und Mütze, um möglichst schwer zu beobachten zu sein.

Was hilft einem das Ganze nun im Onlinepoker? Die Antwort lautet: Gar Nichts! Da man die Gegner nicht sehen kann, kann man außer der Betsequenz im Normalfall nur eine andere Komponente bewerten: Die Geschwindigkeit, mit der die Aktionen der Gegner ausgeführt werden. Aus ihr kann man allerdings Vermutungen über die Hände der Gegner anstellen. Dies ist besonders wichtig, wenn man selbst Karten hält, die man als mittelgut einschätzt, denn deren Wert hängt natürlich viel stärker von den Händen der Gegner ab, als wenn man die Nuts hält oder völligen Müll.

Der größte Unterschied in der Geschwindigkeit ist sicherlich sichtbar, wenn ein Spieler seinen Move schon festlegt, bevor er dran ist, indem er das entsprechende Kästchen anklickt (zum Beispiel: „raise any“, „check/call any“, „call 0,50“...). Dann wird die entsprechende Aktion sofort ausgeführt, sofern sie möglich ist. Dies bezeichnet man als Instantcall, Instantcheck usw. Das Intervall von der sofortigen Antwort bis zum langen Nachdenken und kompletten Ausnutzen der Zeit ist daher recht groß und Unterschiede sind sehr gut beobachtbar.

2. Welche Schlüsse kann ich ziehen?

Bevor ich zu den Tells komme, die sich aus der Geschwindigkeit der Aktionen der Gegner ablesen lassen, ein paar Worte zu ein paar anderen Beobachtungen. Ignoriere die Nicknames der Mitspieler! „Bluffer05“ ist nicht unbedingt ein Bluffer, „Sharky“ ist vielleicht ein schlechter Spieler, „Imafish“ dagegen möglicherweise ein starker Spieler und für „Callingstation99“ gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht Nomen est Omen.

Die Wahl des Namens kann viele Gründe haben, viele Spieler werden tatsächlich versuchen, dadurch ein falsches Signal über ihre vermeintliche Spielweise zu senden. Hier gilt: Nicht davon beeindrucken lassen, den Spieler beobachten und Daten sammeln(z.B. mit Pokertracker, Playernotes editieren), wenn man ihn irgendwie einstufen will!

Wenn du den Chat eingeschaltet hast, so beobachte ihn! Hier kann man eine Analogie zum Livepoker ziehen: Ein Spieler, der die ganze Zeit ruhig war, bettet in einer Hand agressiv und fängt auf einmal an zu labern. Das bedeutet normalerweise ein sehr gutes Blatt. Spieler mit schwachen Händen versuchen normalerweise sich nicht zu verraten. Wenn ein Gegner all in geht und plötzlich im Chat ein „come on, I am bluffing“ erscheint, während vorher von ihm nichts zu hören war, so sitzt man wahrscheinlich einer starken Hand gegenüber. Ähnlich ist es auch im umgekehrten Fall bei einem Spieler der plötzlich ganz still wird, sowohl im Livepoker als auch im Internet; wobei man hierbei sehr vorsichtig sein muss, da es auch andere Gründe im Internetpoker für die plötzliche Funkstille geben kann.

Nun zu den Tells, die man aus der Geschwindigkeit der Aktionen der Mitspieler ablesen kann, und wie man darauf reagiert:

  • a) Man bettet und wird sofort gecallt:

    Die meisten Spieler, die einen Instantcall machen, haben eine schwache Hand zum Runtercallen.

    Warum callen sie sofort? Was wollen sie damit erreichen?

    Nun, durch den Instantcall versuchen sie Stärke zu repräsentieren und wollen damit verhindern, dass man in einer der späteren Wettrunden noch einmal eine Bet macht, damit sie möglichst billig davon kommen.

    >die nächste Handlung sollte also wieder eine Bet sein, um den Absichten des Instantcallers nicht entgegenzukommen!

  • b) Der Gegner zögert lange und checkt dann:

    Im Normalfall sind die Absichten dieses Gegners die gleichen wie bei a). Er möchte einen dazu zu verleiten, nicht zu betten. Dadurch, dass er lange überlegt, bevor er checked, signalisiert er, dass er sich überlegt hat selbst zu betten, also eine Hand zu haben, die eine Bet Wert ist. Dadurch zeigt er Stärke und möchte dies ausnutzen, um die nächste Karte umsonst zu sehen.

    >bet, damit er eben keine Freecard bekommt!

  • c) Der Gegner zögert lange und bettet dann:

    Dieser Gegner hat meistens eine starke Hand. Durch sein langes Überlegen signalisiert er, dass er es sich ernsthaft überlegt, zu betten. Wenn er es sich ernsthaft überlegen müsste, hätte er eine Hand, die nicht allzu stark ist, da bei einer starken Hand eine Bet normalerweise auf der Hand liegt, wenn man nicht gerade ein Slowplay startet. Er möchte also, dass man seine Hand für schwach hält und entweder callt oder sogar raised.

    >folden! Es sei denn natürlich, man hält selbst gerade eine starke Hand.

  • d) Du bettest und dein Gegner raist dich sofort:

    Dieser Spieler hat sehr wahrscheinlich eine ganz starke Hand. Er ist so in Ekstase über seine Monsterhand, dass er gleich einmal den bet/raise-Button angeklickt hat. Gegen diese Hand muss man natürlich sehr vorsichtig sein. Hier ist es natürlich auch wichtig zu wissen, welcher Spielertyp der Gegner ist. Bei einem Maniac/Bluffer ist dieser Move nicht so stark zu bewerten wie bei einem Rock. Aber bei dem Durchschnittsspieler ist es ein Signal für eine sehr starke Hand.

    >Wenn man nicht gerade ebenso eine starke Hand hat, ist Folden angebracht, bzw check/call bei einigermaßen guten Händen!

  • e) Der Gegner checkt sofort:

    Ein solcher Gegner ist vor allem in late Position meistens nicht zu fürchten. Er wird höchstwahrscheinlich den check/fold-Button angeklickt haben um sich damit Zeit zu sparen, womöglich fürs Multitabling, um sich auf die anderen Tische zu konzentrieren. Manchmal ist allerdings Vorsicht vor Slowplay geboten, denn wenn die Anderen einen für einen solchen Checkfolder halten, kann man dies eventuell später zu seinem Vorteil ausnutzen. In den allermeisten Fällen kann der Instantcheck allerdings als schwache Hand interpretiert werden.

    Betten, um sich den Pot zu holen!

Ganz wichtig:

Es kommt nicht nur darauf an, die Gegner zu beobachten und daraus seine Schlüsse zu ziehen. Man selber möchte von sich und seinen Karten ja auch möglichst wenig preisgeben.

Im Optimalfall habe ich ein sehr gutes Gefühl für die Karten meiner Gegner und sie kein gutes für meine Karten. Worauf muss ich also achten?

Ich möchte nicht zu viel verraten und da die Gegner sich auch an der Geschwindigkeit meiner Handlungen orientieren, versuche ich immer etwa die gleiche Zeit verstreichen zu lassen, bis ich meine Aktion mache. Dadurch gebe ich eben keine Tells, denn wie gut meine Karten auch sein mögen, das Zeitintervall das vergeht bis ich bette/checke... ist immer gleich.

 

Beispiel:

Ich versuche einen Bluff und werde zu meinem Pech gereraised. Wenn ich jetzt augenblicklich folde, wissen alle am Tisch, dass ich soeben geblufft habe. Warum sollte ich das preisgeben? Normalerweise möchte ich möglichst wenig preisgeben, es sei denn ich möchte mir in dem Falle z.B. ein Tableimage als Bluffer aufbauen. Also lasse ich das übliche Intervall (vielleicht in dem Falle sogar etwas länger) verstreichen und folde erst dann.

Weniger wichtig ist dieser Aspekt, wenn man preflop foldet, denn dann weiß sowieso eigentlich jeder, dass man eine Trashhand hat, die nicht spielbar ist. Wenn man allerdings in den Blinds sitzt und auf eine Raise zu folden beabsichtigt, sollte man nicht sofort folden, denn dies könnte spätere Versuche zum Blindstealing nach sich ziehen. Da sollte man das übliche Intervall verstreichen lassen und hat damit signalisiert, dass man die Blinds das nächste Mal womöglich nicht einfach so hergibt.

3. Fazit

Es wurden jetzt einige Hilfestellungen anhand der beschriebenen Situationen gegeben. Der Leser kann vielleicht einmal anhand seiner eigenen Erfahrung überprüfen, inwieweit und wie häufig die angestellten Vermutungen korrekt oder hilfreich waren.

Eins sollte man allerdings nie vergessen: Die Betsequenz ist ein viel wichtigerer Faktor als mögliche, beobachtete Tells. Denn man darf nie vergessen: Der Gegner könnte genau in der Geschwindigkeit gehandelt haben, um einen zu der provozierten Aktion zu verleiten.

Außerdem darf man daran erinnern, dass die Geschwindigkeit der Aktionen der Mitspieler auch davon abhängen kann, wie konzentriert er gerade auf den Tisch ist. Wenn er Multitabling betreibt, hängt die Geschwindigkeit seiner Aktionen im Normalfall einfach davon ab, wie beschäftigt er gerade an den anderen Tischen ist. Möglicherweise chattet er auch gerade nebenbei oder schreibt eine E-Mail und spielt deshalb gerade etwas langsamer. Umgekehrt spielt er vielleicht gerade besonders schnell, weil er an den anderen Tischen überall schon gefoldet hat und er daher mitten im Geschehen ist.

Ansonsten kann man noch empfehlen, ein bisschen Heads up zu spielen, wo die Bedeutung des Handreading ja eine große Rolle einnimmt, um aus den gewonnenen Erfahrungen seine Schlüsse zu ziehen.