Aktualisiert am 12 März 26 von

Neuropsychologie des Pokerns (5) - Der fleißige Student

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Einleitung

In diesem Artikel

  • Der Erwartungswert des Lernens
  • Die Wichtigkeit eines guten Zeitmanagements
  • Warum du deinen Körper und Geist respektieren solltest

“Lerne eifrig, um das Essen zu vergessen, habe Spaß am Leben, um die Sorgen zu vergessen, und denke nicht ans Älterwerden.” Obwohl das vielleicht ein bisschen extrem klingen mag, trifft es doch den Kern: Sein Handwerk zu beherrschen, während man sich ein gesundes und erfreuliches Maß an Begeisterungsfähigkeit erhält, führt zu einem langen und glücklichen Leben.

Konfuzius schreibt weiter: “Ist es außerdem nicht auch sehr reizvoll, eine Sache zu studieren und wiederholt zu durchdenken?” Auch wenn du nicht dieser Meinung bist, wird dich dieser Artikel hoffentlich davon überzeugen, dass das Leben als Pokerspieler auch abseits der Tische genauso unterhaltsam, aufregend und zufriedenstellend sein kann wie das Pokerspiel selbst.

Bevor du jetzt loslegst, musst du eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung besteht darin, ob du dein Pokerstudium als wichtigen und wiederkehrenden Teil in deinen Tagesplan einbauen möchtest oder nicht. Wenn du noch keinen Tagesplan hast, dann wird dich dieser Artikel vielleicht dazu bringen, einen zu erstellen. Aber dazu kommen wir später. Zuerst werfen wir einen Blick auf den EV des Lernens, denn das Lernen hat definitiv einen Expected Value.

Der EV des Lernens

Wenn du dich zu einer Session an die Tische begibst, ist dein Gewinn der akkumulierte Expected Value jeder Hand. Dieser wiederum ist der addierte EV jeder einzelnen Street. Das ist wahrscheinlich nichts Neues für dich. Natürlich wirst du, während du spielst (und wahrscheinlich auch davor und danach), eher weniger an diesen Fakt denken. Wenn deine Hourly Rate bei einer Session $100/Stunde beträgt und du zwei Stunden spielst, dann hast du unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis $200 generiert – nicht mehr und nicht weniger.

Solltest du in dieser Session aber $2.000 verloren oder $2.000 gewonnen haben, wird es dir wahrscheinlich eher schwer fallen, dich nicht von diesem Ergebnis beeinflussen zu lassen. Als Resultat bist du dann entweder extrem glücklich oder schwer niedergeschlagen. In früheren Artikeln sind wir bereits auf die physiologischen Grundlagen dieser Gefühle eingegangen. Mit steigender Erfahrung und dem Wissen über das Auf und Ab beim Poker werden diese Empfindungen allmählich weniger intensiv.

Abseits der Tische

Es ist so: Man setzt sich an einen Tisch, spielt seine Hände und die Höhe des erspielten Gewinns ist im Grunde der langfristige Durchschnitt. Und auf genau dieselbe Art und Weise trägt auch das Lernen zu deinem Gewinn bei.

Nehmen wir an, du entscheidest dich dazu, einen Monat lang eine Stunde pro Tag zu lernen. Das macht 30 Stunden Lernzeit in Monat x. Deine EV Hourly Rate für diesen Monat betrug $100/Stunde. Im nächsten Monat beträgt diese EV Hourly Rate nun $150/Stunde. Die zusätzlichen $50 resultieren aus dem Lernen und dem Nachdenken abseits der Tische, was dir half, dein Spiel zu verfeinern.

Diese in Monat x genutzten 30 Stunden können nun mit einem monetären Wert versehen werden. Sie haben zu deinem EV an den Tischen und somit zu deinem Gesamtgewinn beigetragen. Zwar wäre es schwierig, den EV jeder einzelner dieser Stunden genau zu bestimmen, was aber nichts an der Faktenlage ändert.

Die erhöhten Gewinne, die du aus der abseits der Tische verbrachten Zeit beziehst, können dir nicht mehr genommen werden. Die theoretische Hourly Rate deiner Lernzeit steigt rückwirkend umso mehr, je mehr du die gelernten Strategien in dein Spiel integrierst. Dieses Beispiel ist stark vereinfacht, aber die Aussage sollte dennoch einleuchten.

Jede abseits der Tische mit Lernen verbrachte Minute erhöht den EV deines Spiels an den Tischen, womit die Lernzeit einen EV bekommt, der vergleichbar und theoretisch womöglich sogar höher ist als das Spiel selbst (wenn man die Lernzeit rückwirkend und in einem angemessenen Rahmen betrachtet).

Im vorherigen Artikel hast du gelernt, dass das Lernen abseits der Tische speziell für Anfänger wichtiger ist, als das Spielen an sich. Das hippocampale Lernen wird aktiviert, wenn du dich abseits der Tische mit Poker beschäftigst und weiterbildest. Dies ermöglicht es dir wiederum, Gedanken abzuspeichern, die auf hoffentlich genauen Abstraktionen korrekter Entscheidungen beruhen.

Der Gegensatz dazu war das Lernen von Spielzügen anhand von Ergebnissen, die einen natürlich in die falsche Richtung leiten können. Wiederholungen sind entscheidend dafür, dass das hippocampale Lernen eine positive Auswirkung auf deine Gewinne hat.

Je mehr du dich mit einer Information auseinandersetzt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, diese in Erinnerung zu behalten. Triffst du beispielsweise eine Person genau ein Mal und triffst sie dann zwei Wochen später erneut, so ist der Name dieser Person wahrscheinlich aus deinem Gedächtnis verschwunden. Solltest du diese Person aber eine Woche lang jeden Tag treffen, so wirst du dir den Namen vermutlich eine lange Zeit merken können. Das gleiche gilt für Pokerstrategien, die du fernab der Tische lernst. Mehr über dieses Thema erfährst du in den praktischen Beispielen im Video.

Während der Session

Du kannst aber auch während des Spielens lernen. Dabei könnte es nützlich sein, dir für deine Sessions primäre und sekundäre Ziele zu setzen. Dein primäres Ziel an den Tischen ist es, deine Fähigkeiten zu testen. Immerhin hast du viele Stunden mit Lernen und der Vorbereitung verbracht und hast jetzt die Chance, dein überarbeitetes und verbessertes Können zu beweisen.

Das sekundäre Ziel ist es, zu lernen und andere Spieler zu beobachten. Durch eine Begrenzung auf vier Tische solltest du genug Zeit haben zu beobachten, wie andere Spieler spielen. Dadurch kannst du nicht nur Reads auf deine Gegner gewinnen, sondern auch neue Anregungen erhalten, die du dann während deiner Lernzeit abseits der Tische analysieren kannst. Die Notwendigkeit zu lernen endet nie und so wirst du gewissermaßen dafür bezahlt, das Spiel besser zu verstehen.

Alle diese Vorschläge sind leichter gesagt als getan, besonders wenn du noch nie daran gewöhnt warst, auch fernab der Tische Zeit in dein Spiel zu investieren. Hier kommt nun ein gutes Zeitmanagement ins Spiel, das ein bedeutender Faktor deines Fortschritts und Erfolgs beim Poker sein wird. Im Grunde ist es sogar entscheidend für deine fortschreitende Entwicklung als menschliches Wesen.

Zeitmanagement

Warum solltest du deine Zeit planen? Ganz einfach. Dein Gehirn arbeitet gerne effizient und versucht daher, das Neue zurückzudrängen (besonders im Hinblick auf Arbeit) und auf Altbewährtes zurückzugreifen. Wie bei den meisten Bemühungen fühlt sich der Besuch eines Fitness-Studios zu Beginn wie eine unliebsame Aufgabe an. Mit der Zeit aber freut man sich auf das Training. Das gleiche passiert auch bei mentalem Training. Wenn deine Pokerkarriere bisher meist aus dem Spielen bestand, fällt es dir unter Umständen schwer, mehrere Stunden pro Woche nur mit Lernen zu verbringen.

Natürlich sollte es dir nach der Lektüre dieses Artikels leichter fallen, wenn du weißt, dass deine Lernzeit einen langfristig realisierbaren EV hat. Zu Beginn wird es dir schwer fallen, deine Gewohnheiten zu ändern, aber sobald du den Ball ins Rollen gebracht hast, wirst du am Lernen Gefallen finden und dich auch darauf freuen. Nicht nur auf den Akt des Lernens selber, sondern weil du realisierst, wie die Konzepte, die du lernst, in jeder Minute an den Tischen deine Entscheidungsfindungen verbessern.

Ziele setzen

Bevor du jetzt deinen Plan erstellst, musst du dir einige Ziele setzen. Mehr darüber erfährst du im Video und es reicht hier auszusagen, dass sowohl kurz- als auch langfristige Ziele entscheidend für deinen Erfolg sind.

Vielleicht erinnerst du dich, dass es sich positiv auf das Erreichen deiner Ziele auswirkt, wenn du dir unter Nutzung deiner Frontallappen die Resultate deiner harten Arbeit vor Augen führst. Sobald du deine Ziele klar ausgemalt hast, kannst du dir passende Einheiten einteilen, mit denen du planen kannst. Ist es beispielsweise dein Ziel, 20 Stunden pro Monat zu lernen, so kannst du von Montag bis Freitag je eine Stunde fern von den Tischen einplanen. 20 Stunden könnte aber etwas wenig sein, besonders wenn du noch Anfänger bist. Ein guter Beginn ist es aber allemal.

Das Planen deiner Zeit hilft dir, deine Ziele in messbare Aktivitätseinheiten herunterzubrechen, aber das Zeitmanagement ist auch für ein organisiertes Wiederholen von entscheidender Bedeutung. Je öfter du eine Übung wiederholst, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass dein Gehirn diese Aktivität als notwendige Arbeit akzeptiert und sich selber für die erfolgreiche Absolvierung dieser Aufgabe belohnt. Außerdem arbeitet dein Gehirn konzentrierter und fokussierter an einer Aufgabe, wenn du diese Tätigkeit immer zur gleichen Zeit und am selben Ort ausführst. Wie du siehst, ist Wiederholung ein notwendiger Faktor zum Erreichen deiner Ziele.

Freizeit planen

Nach all diesen Hinweisen auf die Notwendigkeit harter Arbeit und eines guten Zeitmanagements zum Erreichen deiner Ziele sollte nicht vergessen werden, dass man auch Zeit zum Spielen und vollkommen freie Zeit einplanen sollte. Je effizienter du bist, desto leichter wird es dir fallen, Zeit für Aktivitäten zu sparen, die dir wirklich Spaß machen. Schon Aristoteles sagte, dass wir “arbeiten, um Freizeit zu haben.”

Um eine Arbeit gut zu verrichten ist es nicht nur wichtig, dafür geeignet zu sein und Spaß daran zu haben, sondern auch sicherzustellen, dass man es damit nicht übertreibt und am Ende gar nicht mehr weiß, wofür man das eigentlich alles macht. Poker als Beruf kann sehr stressig sein. Die Gründe dafür wurden von mir und anderen schon oft genannt. Wenn dein Pokerleben nicht ausreichend ausbalanciert ist, wird deine Arbeit sehr wahrscheinlich darunter leiden.

Als Pokerspieler hast du die Freiheit und den leitenden Überblick über deine Zeit und deine Aktivitäten. Das sollte natürlich nicht in Faulheit resultieren und erfordert tatsächlich ein größeres Maß an Disziplin, um diese Freiheiten auch nutzen zu können und produktiv zu sein. Durch das Planen deiner Zeit und einen gesunden Lebensstil wird man nicht nur finanzielle Belohnung erfahren, sondern auch ein gesundes, glückliches und unabhängiges Leben führen. Eigentlich keine schlechte Aussicht. Aber du bist immer noch nicht überzeugt? Dann lies weiter und finde heraus, warum Freizeit so wichtig ist.

Respektiere dein Gehirn

Erschöpfung und Reizüberflutung können die Objektivität, die Perspektive und die Fähigkeit, vernünftige und logische Entscheidungen zu treffen, negativ beeinflussen. Alle diese Eigenschaften spielen eine wichtige Rolle für deinen Erfolg und deine Zufriedenheit in jedem Bereich des Lebens, aber ganz besonders für deinen Erfolg beim Pokern.

Vielleicht gab es auch bei dir schon Monate, in denen du dich aufgrund einer extrem hohen Handanzahl oder eines Rake Races ausgebrannt gefühlt hast. Um optimal arbeiten zu können, benötigt dein Gehirn eine bestimmte Balance. Nicht nur im Hinblick auf eine gewisse Abwechslung bei deinen Aktivitäten, sondern auch was deine Stresslevel betrifft. Es kann ganz einfach nur mit einer begrenzten Menge auf einmal umgehen, und das auch nur für begrenzte Zeiträume.

Überarbeitung kann dein Gehirn auf mehr als nur eine Art und Weise beeinträchtigen. So werden nicht nur deine Pokergewinne und deine Gefühlslage darunter leiden, sondern unter Umständen auch deine fluide Intelligenz. Die wirkt sich auf dein Kurzzeitgedächtnis, dein abstraktes Denkvermögen, deine Kreativität und Problemlösungskompetenz aus.

Dies sind relativ wichtige Faktoren für ein glückliches und erfolgreiches Leben. Der Grund dafür ist, dass Überarbeitung eine ausgeglichene, aktive und gesunde Lebensführung erschweren, die nötig ist, um deinen körperlichen und geistigen Zustand zu verbessern. Als Resultat erlebst du eine Abwärtsspirale, aus der du nur schwer wieder ausbrechen kannst.

Etwas Nützliches und Gesundes zu beginnen ist weitaus schwieriger, als es aufgrund von Stress oder Faulheit einfach im Sande verlaufen zu lassen. Dein A-Game ist nicht nur an den Tischen wichtig, sondern auch wenn du nicht beim Pokern bist. Respektiere dein Gehirn, behandele es mit Reife, Respekt, Sorgfalt und Disziplin und es wird es dir in gleicher Münze zurückzahlen.

Al Gini sagt dazu:

“Wir haben aus der Arbeit einen Fetisch gemacht. Sie ist zu einem Teil unseres Charakters und unserer Kultur geworden. Wir sind vom Versprechen der Arbeit abhängig geworden. Arbeit verspricht, dass wir vorankommen. Arbeit verspricht Macht, Geld und Einfluss. Arbeit verspricht, dass wir akzeptiert und respektiert werden und erfolgreich sind. Und deshalb arbeiten wir. Wir arbeiten, weil wir es wollen und weil wir es müssen. Wir arbeiten aus Gewohnheit und Verlangen. Wir arbeiten, um uns zu beschäftigen. Wir arbeiten, um unseren Platz in der Hackordnung zu sichern, um unseren Status und unser Ansehen zu erhalten. Und viel zu oft arbeiten wir, weil wir nichts anderes mit uns anzufangen wissen, weil wir denken wir müssen und wir sollten.” (Gini)

Besonders der letzte Satz ist interessant und relevant für die Pokerwelt. Für Pokerspieler ist es viel zu einfach, Tage zu Wochen verschwimmen zu sehen und Zeit im Grunde bedeutungslos werden zu lassen. Ohne ein Barometer für deine Aufgaben ist es schwer, einen produktiven und gesunden Lebensstil beizubehalten und Ergebnisse zu erzielen. Durch die Entscheidung, aus deinem Pokerspiel und deinem Leben allgemein das Beste zu machen, bist du auf dem besten Weg, dein Potenzial voll auszuschöpfen.

Zusammenfassung

Wenn du dir Ziele setzt und dir ihre zukünftige Realisierung vorstellst, bist du bereits einen Schritt näher an ihrer Erfüllung. Durch das Erstellen eines Plans ist die Realisierung des Erreichbaren nur noch eine Frage der Zeit, da dein Erfolg stetig und kontinuierlich wachsen wird. Vergiss dabei aber nicht, dir auch Zeit zum Spielen einzuplanen.