Aktualisiert am 12 März 26 von

Der psychische Aspekt bei Poker

Einleitung

In diesem Artikel

  • Welche psychologischen Leaks deiner Pokerkarriere im Wege stehen
  • Wie sehr dein Erfolg von einer angenehmen Arbeitsumgebung beeinflusst wird
  • Warum du jede Entscheidung ohne den Einfluss von Emotionen treffen solltest

“Wir machen den Laden dicht! Ihr könnte alle heimgehen, wir schließen!“

Als ich damals in unserem Familienbetrieb gearbeitet habe, war mein Vater dafür bekannt, schon aufgrund kleinster Rückschläge die Ruhe zu verlieren. Er rannte dann wild gestikulierend durch unser Lagerhaus und ließ verlauten, dass dies das Ende des Unternehmens sei. Die Produktion wurde abrupt gestoppt und die Folge waren große finanzielle Einbußen – und das alles wegen eines Wutausbruchs!

Nach dieser Erfahrung hatte ich mir zum Ziel gesetzt, im Poker, Golf und generell im Leben niemals aufgrund von Wut oder Frustration eine schlechte Entscheidung zu treffen.

Du wärst überrascht zu sehen, wie sehr dein Erfolg am Pokertisch damit zusammenhängt, dass du dir eine angenehme Umgebung schaffst, in der du deine Entscheidungen in Ruhe treffen kannst.

Im letzten Artikel meiner dreiteiligen Serie “Was Pokerunternehmen falsch machen” konzentriere ich mich auf die psychologischen Aspekte des Spiels. Ich glaube, dass Ineffizienz Pokerspieler vom rechten Weg abbringt und auf diese Weise lange und erfolgreiche Karrieren verhindert.

Hier sind die häufigsten psychologischen Leaks, die aufstrebende Pokerkarrieren zunichte machen: 

Die häufigsten Fehler

Anhäufung psychologischer Schwachstellen

Im Poker genauso wie im echten Leben gilt: steter Tropfen höhlt den Stein. Dieser Ratschlag ist nicht besonders sexy, aber bedenke von wem er stammt: Mein Spiel am Tisch ist ja auch nicht besonders sexy und – ich bin kein Pokergenie. My A-Game ist schwächer als das vieler meiner Gegner. Trotzdem gehe ich am Ende oft als Gewinner aus der Partie. Wie ist das zu erklären?

Wie gut dein A-Game ist, spielt im Poker so gut wie keine Rolle. Viele sind mit ihrem besten Spiel dazu in der Lage, auch wirklich großen Spielern einen Pot abzunehmen. Aber die wirklich relevante Frage lautet nicht: “Wie gut ist dein A-Game?” Vielmehr spielt es eine Rolle, wie oft du es tatsächlich einsetzt. Auch wenn du 90% der Zeit dein A-Game zeigst, nützt es dir wenig, wenn du während der anderen 10% grottig spielst.

Ich habe schon mit vielen Gegnern am Tisch gesessen, die ein brillantes Spiel abgeliefert haben. Auch wenn ich sie am Ende geschlagen habe, konnte ich ihre Gedankenprozesse nachvollziehen und wusste, was sie mit einer bestimmten Hand bezwecken wollten. Ich kann von Spielern, die bei weitem nicht so viel verdienen oder so häufig gewinnen wie ich, eine ganze Menge lernen. Manchmal ist es sogar so, dass mein A-Game nur so stark ist als ihr B-Game – mein bestes Spiel ist also schlechter als ihres!

Warum gewinne ich dann häufiger als sie? Die Antwort: Weil ich immer mein A-Game (bzw. ihr B-Game) abliefere. Viele andere spielen vielleicht 10% der Zeit ihr A-Game, 60% der Zeit ihr C-Game und die restlichen 30% ihr F-Game, wo sie nur noch wie verrückt tilten.

Viele Spieler realisieren nicht, wie wichtig es ist, sich zu einem Sklaven der Disziplin zu machen, damit ihr Spiel Tag für Tag und in jeder einzelnen Hand auf höchstem Niveau bleibt. Wenn du bei deiner Vorbereitung, deinem Spiel am Tisch und deinen Übungen immer höchstdiszipliniert arbeitest, dann hast du eine viel größere Edge als ein Spieler, dessen A-Game kommt und geht, wie es will. Bist du diszipliniert und dein Gegner ist es nicht, dann müsstest du schon viel, viel schwächer spielen als er, um am Ende zu verlieren. Lieferst du ein konstant solides Spiel und lässt deine Spielweise nicht von Varianz beeinflussen, dann spielst du zu jeder Zeit mit maximaler Effizienz. Sehen wir uns ein Beispiel an:

Wenn der brillant spielende Hase sein A-Game abliefert, verdient er $500 pro Stunde. Wenn die immer disziplinierte Schildkröte ihr A-Game abliefert, verdient sie $200 pro Stunde. Welcher von beiden wird also über 100 Stunden hinweg mehr verdienen? Höchstwahrscheinlich die Schildkröte! Warum ist das so? Spielen beide 100 Stunden lang ihr A-Game, würde die Schildkröte theoretisch rund $20.000 verdienen, während der Hase theoretisch $50.000 macht, richtig?

Sagen wir nun, der Hase liefert in 20% der Fälle sein A-Game, in denen er insgesamt $10.000 verdient (20 Stunden x $500). Weitere 30% zeigt er sein B- oder C-Game, womit er in der Stunde ca. $200 verdient. Insgesamt bekommt er während dieser 30% also $6.000 (30 Stunden x $200). Damit hat er insgesamt $16.000 und 50 Stunden zum Spielen übrig.

Weitere 30% ist er angetrunken, auf Tilt oder allgemein unkonzentriert, und während dieser Phasen spielt er breakeven. In diesen 30 Stunden verdient er also $0 und er hat immer noch $16.000. In den restlichen 20 Stunden spielt er wie ein Trottel, der um jeden einzelnen Pot kämpft und in den ungeeignetsten Situationen hemmungslos durch die Gegend blufft. Während dieser 20 Stunden verliert er $500 pro Stunde und macht insgesamt $10.000 Minus.

Insgesamt hat der Hase also $6.000 gewonnen, während die beständige Schildkröte $20.000 Gewinn verzeichnet hat. Steter Tropfen höhlt den Stein. Heißt das also, dass das A-Game der Schildkröte besser ist als das des Hasen? Auf keinen Fall. Aber wie du siehst, spielt das eigentlich keine Rolle. Was hier deutlich wird, ist allerdings die Bedeutung der Disziplin.

Die falsche Interpretation eines Bad Runs

Hast du gerade einen Bad Run, dann hast du in mehr Bereichen Pech als es zunächst scheint. Hier die Erklärung: Setzt du in einem riskanten Spot dein ganzes Geld aufs Spiel und läufst jedes Mal in die Nuts, dann lernst du nichts über das gegnerische Spiel – dein Gegner hingegen lernt eine Menge über deines. Während du nur seine Top-Sets siehst, sieht er deine gesamte Range. Dies ist für dich ein gewaltiger Nachteil.

Außerdem bist du kein Roboter. Du bist ein Mensch und wenn du das Gefühl hast, dass du in jeder verdammten Hand schnurstracks in die Nuts läufst, besteht die Gefahr, in Passivität zu verfallen. Wenn dich jemand am Flop raist, sagt dir dein Instinkt nach einem Bad Run erst einmal, dass du lieber nicht zurückspielen solltest, auch wenn dies eine Hand ist, die du sonst eigentlich spielen würdest. Ich meine, wer will schon gegen jemanden weiterspielen, der in jeder Hand die Nuts hält? Unser Gehirn befindet sich jetzt im Angstzustand und wir fangen an, viele Fehler zu machen. Wie sollst du rationale Entscheidungen treffen und die gesamte Range berücksichtigen, die der Gegner halten könnte, wenn du nur noch an das Schlimmste denkst? Es ist, als ob du Poker spielst, während vor deiner Tür ein hungriger Grizzlybär auf Einlass drängt.

Man könnte leicht dem Glauben verfallen, dass für Doyle Brunson, Phil Ivey und Wunderkind Nanonoko jedes Mal die Gelddruckmaschine läuft, wenn sie an einem Tisch sitzen. Dies ist bei weitem nicht der Fall. Auch sie haben massive Auf und Abs, und obwohl sie dies nicht zugeben wollen, bin ich mir sicher, dass sie alle schon mal an einem Punkt waren, an dem sie sich dachten, dass sie niemals wieder gewinnen würden.

Was sie von anderen unterscheidet ist ihr Selbstbewusstsein. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Spieler und dem Spieler, der Zehntausende von Händen überstanden hat (im Falle eines Onlinepros sicherlich sogar Millionen von Händen), liegt in der Selbstsicherheit. So denkt sich letzterer: “Ich bin der Beste. Ich werde weiter gewinnen.” Es sind nicht die guten Runs, die aus Knaben Männer machen; es sind die Bad Runs. Diese Bad Runs können sich über 50.000-100.000 Hände erstrecken, vielleicht sogar mehr. Sie können Pokerspieler samt ihrer Träume zerstören und aus ihnen innerhalb kürzester Zeit Supermarktkassierer machen, aber nur, wenn sie es zulassen.

Ich möchte dir einige Tipps geben, die für mich immer funktioniert haben, um mein Spiel wieder in die richtigen Bahnen zu lenken:

  • Wenn überhaupt, solltest du aggressiver spielen, wenn du einen Bad Run hast. Denk daran: Die Person, gegen die du gerade spielst, weiß nicht, dass du momentan keine Hände gewinnst. Du musst weiter aggressiv sein und gegen eine realistische Range spielen, die dein Gegner tatsächlich halten könnte. Hör auf, automatisch anzunehmen, dass er jedes Mal die Nuts hält. Er basiert sein Spiel auf deinen möglichen Händen und genau das solltest du auch tun. Vergiss die Vergangenheit und konzentriere dich auf das bestmögliche Spiel in der Gegenwart.
  • Egal, ob ich gewinne oder verliere, mein Blick schweift selten auf die Kasse. Zu sehen, wie viel du gerade verloren hast, führt lediglich zu Verzweiflung. Auf einmal löst sich deine Edge in Nichts auf und du bist wieder ein gewöhnlicher Gambler, der krampfhaft versucht, seine Verluste zurückzugewinnen und sich aus seinem Loch zu befreien.
  • Schreibe dir auf, wenn du gut runnst. Meistens nehmen wir einen schlechten Lauf viel stärker wahr als einen guten (den wir dann durch unser Können erklären). Um eine Analogie aus dem Fußball zu verwenden: Du kannst nicht ein Glückstor schießen und dann wütend das Handtuch werfen, wenn dein Gegner ebenfalls trifft. Wo es Glück gibt, kann es auch Pech geben. Positive Varianz anzuerkennen hilft dir dabei, auch die schlechten Zeiten zu akzeptieren und dich vom Tilt zu lösen.
  • Du musst dich an den Tisch begeben und spielen. Wenn die Dinge schlecht laufen, neigen die meisten Leute dazu, nicht mehr spielen zu wollen. Verstehe mich nicht falsch: Manchmal braucht jeder von uns eine Pause, auch ich. Aber wenn du dich zwei Wochen nicht an den Pokertisch setzt, multiplizierst du deinen Verlust sozusagen. Du hattest einen schlechten Lauf – okay. Aber jetzt hast du auch noch seit zwei Wochen überhaupt kein Geld verdient (und gleichzeitig wahrscheinlich mehr in andere Freizeitaktivitäten investiert). Jetzt bist du wirklich down. Dieser Monat hat noch sieben Tage und in diesen sieben Tagen werde ich wahrscheinlich 50.000 Hände spielen. Vielleicht habe ich einen guten Run und mache $1 pro Hand, wie es manchmal der Fall ist, dann bin ich wieder im Geschäft. Dazu hätte ich die Chance nicht, wenn ich in den Urlaub gefahren wäre und nicht spielen würde.

Fehlendes Verständnis für Varianz

Sagen wir, dass du über 1 Million Hände hinweg 20 Cents pro Hand gewonnen hast. Solange sich weder dein Spiel noch die Pokerlandschaft merklich ändert, können wir davon ausgehen, dass du auch in der nächsten Million Hände 20 Cents pro Hand gewinnen wirst.

Spielst du demnach 3.000 Hände am Tag und gewinnst durchschnittlich 20 Cent pro Hand, machst du am Tag $600. Schaffst du es irgendwie, $1.200 zu gewinnen, war die Varianz auf deiner Seite. Spielst du breakeven oder verlierst gar $600, hat es die Varianz nicht so gut mit dir gemeint.

Aus irgendeinem Grund scheinen wir in der Pokercommunity den Begriff der Varianz immer mit einem Bad Run in Verbindung zu bringen. In Wirklichkeit kann Varianz aber gut und schlecht sein. Über 100 Hände hinweg können zwei davon zum Beispiel überdurchschnittlich gut laufen und zwei schlechter als sonst, während der Rest deinem Skill-Level entspricht. Du musst lernen, wie du mit den beiden schlechten Händen richtig umgehst. Dies ist maßgeblich für langfristigen Erfolg.

Wenn wir uns dann wieder beruhigt haben, sagt uns unser Instinkt, dass etwas faul ist: “Ich habe drei Tage in Folge verloren. Es liegt an mir. Ich bin nicht mehr gut.” Dies ist absolut falsch. Gute Pokerspieler können durchaus über 100.000 Hände spielen und dabei absolut nichts gewinnen.

Spielst du erst seit kurzem Poker, dann ist es für dich umso schwieriger, mit Varianz umzugehen, weil deine Samplesize noch sehr klein ist. Es gibt viele Spieler, die nach ein paar erfolgreichen Monaten am Pokertisch ihren Job kündigen und später feststellen müssen, dass sie einfach nur von positiver Varianz profitiert haben. Genauso kommen vielversprechende Pokerkarrieren zu einem vorzeitigen Ende, weil sie gleich am Anfang von schlechter Varianz heimgesucht wurden.

Wie merke ich also, ob ich gut oder schlecht runne? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es gibt allerdings Tools, die dir hier Aufschluss geben sollen. Im Holdem Manager gibt es eine Statistik namens “$ (EV Adjusted)”. Diese Statistik berechnet deine Equity, die du prozentual am gesamten Pot hast, wenn du All-In gehst, und vergleicht diesen Wert mit deinem tatsächlichen Gewinn.

So berechnet sich der $ (EV Adjusted)-Wert:

Sagen wir, du gehst preflop mit AA All-In und dein Gegner hält TT. Die Wahrscheinlichkeit, einen $400-Pot zu gewinnen, beträgt 80.5%.

80,5% x $400 = $322 – das bedeutet, dass ich im Durchschnitt $322 von den $400 bekomme, wenn ich mit AA gegen sein TT All-In gehe.

  • Wenn ich gewinne, bekomme ich die gesamten $400 im Pot. Damit hätte ich $78 mehr gewonnen als im Durchschnitt, was bedeutet, dass ich hier ziemlich viel Glück hatte. Ich habe $78 mehr gewonnen als ich in diesem Spot normalerweise gewinnen würde. (Auch wenn ich vielleicht das Gefühl habe, dass es einfach verdient passiert ist, weil meine Hand gehalten hat. Am Beginn meiner Karriere hatte ich immer den Eindruck, dass ich schlecht runne, weil ich nie wahrgenommen habe, wenn ich gut gerannt bin).
  • Verliere ich, dann kriege ich $0, also $322 weniger als ich im Durchschnitt gewonnen hätte, was bedeutet, dass ich hier ziemlich viel Pech hatte. Vielleicht war das Pech aber auch gar nicht so groß wie ich denke. Ich habe keinen Anspruch auf die $400, sondern lediglich auf $322. Ich bin wie ein Fahrer, der mit 65 zum ersten Mal einen kleinen Unfall hat und denkt “Was für ein Pech!”. In Wahrheit aber hat er Glück, denn statistisch gesehen hätte er schon vor vielen Jahren in einen Unfall verwickelt worden sein müssen. Er fährt seit 50 Jahren Auto und dieser kleine Unfall ohne Verletzte ist der schwerste Unfall, der ihm je passiert ist.

Der $ (EV Adjusted) zeigt dir, wie diese Situationen hätten ausgehen sollen. Er wird rechts von der “Money won“-Spalte in deinem Holdem Manager angezeigt.

Dieser Wert ist weder makellos noch der einzige Indikator dafür, ob du Glück oder Pech hattest bzw. keins von beiden. Trotzdem ist er ein nützliches Tool, um herauszufinden, ob du nun einen guten oder einen schlechten Run hattest.

Über den Autor

Dusty Schmidt ist Coach bei PokerStrategy.com und Autor von “Treat Your Poker Like A Business” sowie “Don't Listen To Phil Hellmuth: Correcting The 50 Worst Pieces of Poker Advice You've Ever Heard”. In seiner fünfjährigen Onlinepokerkarriere hat Schmidt rund 9 Millionen Hände gespielt und knapp $4 Millionen gewonnen. Er schloss dabei keinem einzigen Monat mit Verlusten ab. Weiterhin schreibt er Kolumnen für das Card Player Magazine.