Der M-Faktor nach Dan Harrington
Einleitung
In diesem Artikel
- Der M-Faktor und effektives M
- Das Zonensystem
- Warum du niemals in der Todeszone landen solltest
Die Buchreihe Harrington on Hold’em ist vielen Spielern aus eigener Anschauung ein Begriff. Der Autor Dan Harrington stellt darin unter anderem ein einfaches System vor, mit dem du deine Position in einem MTT feststellen kannst. Das Ganze nennt sich M-Faktor oder Magriels M.
Definition
Der M-Faktor lässt sich nach folgender Formel berechnen:
M = Stack / (SB + BB + Antes)
Dieser Wert ist Maß dafür, für wie viele Orbits du noch Chips hast, also wie viele Orbits du im aktuellen Blindlevel überleben könntest, ohne eine einzige Hand zu spielen. Gerade für MTTs gibt das M dir einen besseren Überblick, wie sehr du unter Druck stehst, als es der BB-Wert leisten kann, wie du ihn in SNGs verwendest.
Den M-Faktor solltest du aber niemals isoliert betrachten, sondern im Verhältnis zum M deiner Gegner sehen. Falls in einem MTT der Durchschnitt bei nur 7 liegt, dann muss man selbst mit einem M von 8 deutlich weniger aggressiv spielen, als in einem MTT mit einem Durchschnitts-M von 30.
Eine Verfeinerung dieses Konzepts, insbesondere für Shorthanded-Turniere, stellt das effektive M dar.
Effektives M = M * (Spieler / 10)
Das spielt wie gesagt, bei Shorthanded-Tischen eine Rolle, weil die Runden viel kürzer sind und so die Spielerzahl mit einbezogen wird. Auch in Fullring-MTTs müsste man korrekterweise eigentlich das effektive M heranziehen, aber da 10 Spieler / 10 = 1 ergibt, ist diese Berechnung überflüssig.
Harrington hat fünf Zonen definiert, in denen du abhängig von deinem M unterschiedlich agierst.
- Grüne Zone: M > = 20
- Gelbe Zone: 10 < M < 20
- Orange Zone: 5 < M < = 10
- Rote Zone: 1 < = M < = 5
- Todeszone: M < 1
Die nächsten Abschnitte befassen sich nun mit dem Spiel in den einzelnen Zonen.
Wie spielst du in der grünen Zone?
Die meiste Zeit eines MTTs befindest du dich in dieser Phase. Harrington hält hier alle erdenklichen Varianten und Moves für spielbar, um die Chipanzahl zu vergrößern. Dabei kann man konservativ, aggressiv oder superaggressiv spielen. Er empfiehlt auch Risiken einzugehen, um möglichst lange in dieser Zone zu verweilen.
In dieser Phase orientierst du dich am besten am normalen Fullring No-Limit, allerdings etwas tighter. Dabei solltest du in marginaleren Situationen lieber folden, als zu versuchen, eine minimale Edge auszuspielen, da du im Gegensatz zum Cashgame keinen neuen vollen Stack kaufen kannst, sondern mit dem verbleibenden Chips weiterspielen musst.
Eine gute Möglichkeit, seinen Stack zu vergrößern, ist das Coldcallen mit spekulativen Händen gegen tighte Raiser aus frühen Postionen. Da sich deren Range meistens auf QQ+ und AK beschränkt, kann man seine eigene Hand am Flop sehr gut einschätzen. Auch sind die wenigsten Leute in der Lage, ihr Overpair QQ+ zu folden bzw. out of Position Potcontrol zu betreiben.
Gute Hände zum Coldcallen sind Pocketpairs und suited Connectors, z.B. 55 oder 67s. Dabei müssen auch die Pot Odds beachtet werden, wobei du hierbei die Faustregel vom Cashgame heranziehen kannst, dass du und der Gegner mindesten des 15-Fache (bzw. das 20-Fache) des zu callenden Betrags haben müssen. Natürlich solltest du auch darauf achten, deine eigenen Monster aus früher Position nicht zu overplayen.
Hero (t2850)
UTG (t3100)
Big Blind is 50
Preflop: Hero is BU with 7

UTG raises to 150 , 6 folds, Hero calls [150] , 2 fold
Flop: (375) 9


UTG bets t200, Hero raises to t550, UTG calls t350.
Turn: (1475) 3
UTG checks, Hero bets 800 , UTG calls
River: (3075) 8
UTG checks, Hero is allin , UTG calls
Final Pot: 5950
Preflop callst du in Position mit einer spekulativen Hand. Wenn du am Flop nichts triffst, kannst du auf die Contibet einfach folden. Triffst du aber eine gute Hand, hast du gute Chancen, UTG zu stacken, da du ihm hier eine Range von QQ+, AQ+ geben kannst.
Am Flop hast du 12 Outs, die alle sauber sind, da mittlere Karten nicht in der gegnerischen Range liegen. Du spielst deinen starken Draw aggressiv, da UTG ein Overpair nicht folden wird und du um seinen ganzen Stack spielen willst. Mit dem angekommenen Flush hast du dann zwei einfache Valuebets.
Wie spielst du in der gelben Zone?
Für die gelbe Zone, wenn dein M zwischen 10 und 20 liegt, hält Harrington den konservativen Stil für nicht mehr spielbar. Stattdessen empfiehlt er aggressives oder sogar superaggressives Spiel. Dabei musst du deine Ranges aufloosen und mit schwächeren Händen raisen und callen. Kleine Paare und kleine suited Connectors solltest du hier nicht mehr spielen. Er empfiehlt hier Smallballmoves, d.h. sich beim ersten Widerstand entscheiden, ob man mit dieser Hand All-In will oder sie lieber foldet.
Häufig kann man in dieser Phase gut 3-Bet-Pushs spielen, Stealreraises, d.h. nach einem Raise All-in zu gehen, um den ursprünglichen Aggressor zum Folden zu bringen. Da die meisten Gegner diesen push nur sehr tight callen werden, empfehlen sich für diesen Move vor allem Pocketpairs und suited Connectors, da du mit diesen gegen eine tighte Range die beste Equity besitzt.
Die richtige Situation für einen 3-Bet-Push zu finden, ist sicher eine der schwersten Anforderungen in einem MTT und man sollte ihn deshalb anfangs nur spielen, wenn die Voraussetzungen sehr gut sind. Zunächst solltest du die Raisingrange des Gegners betrachten. Je looser diese ist, umso besser. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass loose Raiser auch looser callen, womit deine Foldequity nicht steigt. Aber gegen einen loosen Raiser hast du meist bei einem Call die bessere Equity.
Als Nächstes solltest du den Stack des Gegners und seine Odds auf einen Call betrachten. Falls der Gegner selbst nur noch ein M von 7 hat, ist es ihm nach dem Raise nicht mehr möglich, zu folden, egal welche Hand er hält. Mit einem sehr großen Stack neigen viele Gegner wiederum eher zu einem Call, da sie noch einen soliden Reststack behalten. Insgesamt eignet sich ein Gegner mit einem gleich großen Stack am besten für einen 3-Bet-Push.
Mit einem M von 10 bis 20 sollte man vor allem aus später Position und in den Blinds versuchen, Chips zu sammeln.
Aus den späten Postionen kann man gut stealen und viele Hände noch gut in Position spielen. Bei kleineren und mittleren MTTs spielen die Gegner selten 3-Bets, womit gerade Steals eine gute Möglichkeit sind, seinen Stack zu erhalten. Aus den Blinds wiederum hast du die Möglichkeit, selbst gegen Steals 3-Bet-All-In zu spielen und so deinen Stack zu vermehren.
Seat MP2: Mike ($19,004 in chips)
Seat BU: Hero ($14,584 in chips)
Big Blind is 1000
Preflop: Hero is BU with 7

4 folds Mike raises to 2500 , 2 folds, Hero is allin, 2 fold, Mike folds.
Ein Raise aus später Position ist oft recht loose und damit hast du mit deinem Push hohe Foldequity. Falls der Gegner dich doch callt, hast du mit 77 oft noch gut Equity. Dabei sollte das Verhältnis zwischen Geld im Pot zu eigenem Stack ca. 1:3 bis 1:5 sein, damit du ein gutes Risiko/Gewinn-Verhältnis hast.
Wie spielst du in der orangen Zone?
Mit einem M von 5 bis 10 wird es entscheidend, vor dem Flop first in zu kommen. Je später du am Tisch sitzt, desto schwächere Hände kannst du nutzen, um den Pot zu eröffnen. Du solltest in dieser Phase niemals callen, sondern nur raisen oder All-In gehen, letztlich klassisches Push or Fold spielen.
Dabei sind auch suited Connectors und kleine Paare spielbar. Es empfiehlt sich, sich darum zu bemühen, seine Chips zu erhalten, damit man möglichst viele Chips hat, falls man mit einem Monster verdoppeln kann.
Aufgrund der fehlenden Foldequity durch deinen geringen Chipcount ist die Push-or-Fold-Spielweise oft das einzige Mittel. Dabei solltest du immer darauf achten, dass du als Erster Chips in den Pot legst. Außerdem musst du deine Handrange vergrößern, je weiter hinten du am Tisch sitzt.
Welche Hände du selbst pushst, sollte immer davon abhängen, wie tight der Gegner callt. Falls du deinem Gegner hinter dir eine enge Callingrange gibst, dann empfehlen sich Pocketpairs und suited Connectors für einen Push, da du damit meist die beste Equity hast. Gibst du deinem Gegner eine eher loose Callingrange, dann sind Pocketpairs immer noch das richtige Mittel, aber suited Aces deutlich besser als suited Connectors. Auch andere starke Broadways sind dann ein guter Push.
Bei MTTs mit kleinem Buy-in kommt es oft vor, dass die Gegner sehr tight callen. Das gibt dir die Möglichkeit, aus später Position mit hoher Foldequity zu pushen. Der Vorteil liegt darin, dass der Pot oft schon 1/3 deines Stacks beträgt, aber jeder einzelne Gegner trotzdem keine besonders guten Odds bekommt. Da diese Pushs am liebsten mit Pocketpairs oder Broadways gecallt werden, empfiehlt es sich, diesen Move mit Pocketpairs oder suited Connectors zu machen.
Blinds 750/1500, keine Ante (8 handed)
Stacks & Stats
UTG 3370
MP1 13140
MP2 4870
MP3 13910
CO 4240
Hero 15367
SB 6000
BB 7015
Preflop: Hero is BU with Q
5 folds, Hero raises ALL-IN to 15367 , 2 fold.
Du pushst mit einem M von ca. 6,5. Dadurch bist du gut unter Druck und kannst keine 3-Bet-Pushes mehr spielen, da du keine Foldequity mehr hast. Dabei solltest du darauf achten, dass die Blinds einen möglichst kleinen Stack haben und nicht besonders loose callen.
Wie spielst du in der roten Zone?
Laut Harrington gibt es in dieser Phase nur noch den First-In-Push. Dabei empfiehlt er alle Paare, suited Connectors und alle Facecards für den Push, also schlichtweg alle Karten mit halbwegs vorhandener Equity.
Er betrachtet es auch als Fehler, hier mit AA nicht direkt All-In zu gehen, da es einfach zu auffällig ist, wenn du die ganze Zeit Push or Fold spielst und auf einmal von dieser Strategie abweichst. Du solltest einfach hoffen, dass die Gegner gegen deine schwächeren Hände folden und gegen die stärkeren callen.
Harrington weist auch darauf hin, dass es der größte Fehler wäre, sich von den Blinds auffressen zu lassen. Ein Push, der nicht gecallt wird, vergrößert deinen Stack teilweise um mehr als 25%. Genauso viel würdest du verlieren, wenn du eine komplette Runde nicht pushst.
Häufig kann man Spieler beobachten, die in der roten Zone einfach nichts mehr spielen und so lange folden, bis sie sogar nicht einmal mehr folden können. Diese Spielweise ist kurz vor ITM oder kurz vor dem Final Table eine durchaus sinnvolle Spielweise, da man so durch folden seinen Gewinn oft noch stark erhöhen kann. Aber in jeder anderen Phase ist es komplett falsch.
Wenn du dich in der roten Zone befindest, hast du einfach nichts mehr zu verlieren. Du bist in diese Lage gekommen, weil du eine Hand verloren oder keine Hände bekommen hast. Jetzt ist es wichtig, aggressiv zu spielen und entweder seinen Stack zu verdoppeln, um wieder in die orange Zone zu rutschen, oder halt das All-In zu verlieren und das MTT zu beenden.
Wie spielst du in der Todeszone?
Wie schon zuvor erwähnt, solltest du niemals in die Todeszone mit einem M kleiner als 1 gelangen, indem dein Stack von den Blinds aufgefressen wurde. Der einzig „legitime“ Weg, in dieser Zone landen, ist der, wenn du ein All-In gegen einen etwas kleineren Stack verlierst. Ist dies nicht der Fall, hast du definitiv mindestens einen Spot zum Pushen ausgelassen. Die Chance, jetzt nochmal einen Stack aufzubauen, ist sehr gering. Der einzige Weg heraus, ist das Pushen first in.
Falls du in diese Phase gerutscht bist, kannst du nur noch gamblen und brauchst definitiv Glück, um dir nochmal einen Stack aufzubauen. Bei einem sehr kleinen Stack ist es oft sinnvoll, sich in ein Raise eines Spielers vor sich „reinzuwerfen“. Dabei hast du den Vorteil, dass du die Blinds meistens als dead Money ansehen kannst und so viel bessere Pot Odds bekommst, als wenn du selbst pushen und vom Big Blind gecallt würdest.
Für diesen Call sollte der Raiser vor dir aber eine etwas loosere Range haben, damit du nicht zu wenig Equity hast. Eine sinnvolle Handrange wären dafür suited Kings, Paare oder auch suited Connectors.
Blinds 750/1500, keine Ante (8 handed)
Stacks & Stats
UTG 3370
MP1 13140
MP2 4870
MP3 13910
CO 40240
Hero 2000
SB 6000
BB 7015
Preflop: Hero is BU with Q
4 folds, CO raises to 3800 , Hero is ALL-IN , 2 fold.
Hier callst du, da du gegen die Raisingrange eine akzeptable Equity hast und viel dead Money im Pot ist.
Zusammenfassung
Der M-Faktor ist ein sehr einfaches Hilfsmittel, um deine Stellung in einem MTT und deine daraus resultierende Strategie zu bestimmen. Es gibt an, wie viele Runden du im aktuellen Blindlevel noch überleben könntest, würdest du keine einzige Hand spielen.
Während du bei einem hohen M ab 20, in der so genannten grünen Phase, noch alle Möglichkeiten offen hast und verschiedene Spielstile anwenden kannst, verringern sich deine Handlungsoptionen je mehr dein M sinkt und du in den Zonen nach unten rutschst.
Je weiter dein Stack im Verhältnis zu den Blinds schrumpft, desto eher musst du eine Entscheidung suchen. Der größte Fehler, den du begehen kannst, den man aber immer wieder sieht, ist der, deinen Stack von den Blinds auffressen zu lassen. Ab der roten Zone und einem M von 5 und weniger kommst du mehr und mehr in die Situation, dass du so gut wie nichts mehr zu verlieren hast und jeder Push besser ist als ein weiterer Fold.
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