Aktualisiert am 12 März 26 von

Das Gigabet-Dilemma

Einleitung

In diesem Artikel

  • Warum das ICM manchmal an Grenzen stößt
  • Wie du dieses Konzept erweitern kannst
  • Was die 35%-Regel bedeutet

Wie im Artikel „ICM“ bereits beschrieben, gibt es Situationen, in denen das Independent Chip Model an seine Grenzen stößt. So macht es zum Beispiel manchmal Sinn, einen -$EV-Push aus UTG zu machen, da man sonst in der nächsten Runde den Big Blind zahlen müsste und damit die Fold Equity sänke.

Ein anderes Konzept ordnet den einzelnen Chips im Stack verschiedene Werte zu und verlangt deshalb manchmal einen -$EV-Zug, da die Chips, die man setzen muss, weniger wert sind als die Chips, die man gewinnen kann. Das mag abstrakt klingen, aber ich werde versuchen das Konzept in diesem Artikel ausführlich und möglichst plausibel zu beschreiben.

Beispiel 1

Partypoker Step 5 SnG
Blinds t50/t100
8 Players left

Stacks&Stats:
Seat 1: MP2 ( t1005 )
Seat 3: MP3 ( t840 )
Seat 4: Cutoff ( t1490 )
Seat 5: Button ( t410 )
Seat 6: SB ( t1495 )
Seat 7: BB ( t2135 )
Seat 9: UTG+2 ( t2080 )
Seat 10: MP1 ( t545 )

Preflop: Hero is BB with Q , 3
2 folds, MP2 calls t100, 1 fold, Cutoff calls t100, Button raises to t410 and is all-in, 1 fold, Hero ?

Was würdet ihr machen?

„Easy fold” werden sicher die meisten Leute sagen. Natürlich hat der Button hier eine größere Push-Range, da er nur noch einen Stack von 4BB’s hat. Aber warum sollte man mit weiteren Leuten hinter einem und einer Hand, mit der man bestenfalls 2 Livecards hat, ein Fünftel seines Stacks investieren? Wenn man annimmt, dass der Button hier mit any Pair, any 2 Broadway und A7s+ pusht, dann hat Hero eine Equity von knapp 31%. Daher sollte er wohl folden.

Der Hero in dieser Hand sah das anders: Hero reraises to t2035 and is all-in.

Und dieser ist nicht irgendein Regular oder Fisch, sondern "Gigabet“, ein sehr starker SNG Spieler. Warum Gigabet diesen Push gemacht hat soll im Folgenden erklärt werden.

Gruppierung der Chips

Betrachten wir zunächst die Stackgrößen der Spieler vor der Hand:

Erfahrungen haben gezeigt, dass es für zwei Spieler, die einen ähnlich großen Chipstack haben, praktisch keinen Unterschied macht, wer ein paar Chips mehr und wer ein paar weniger hat.

So müsste MP1, wenn er einen Push vom Button bekommt (alle anderen Spieler außen vor gelassen) dies theoretisch als eine All-In-Situation betrachten, denn wenn er verliert, hat er gerade mal 135 Chips übrig, was noch etwas mehr als ein Big Blind ist und ihm kaum noch helfen wird.

Auch der BB hat mit den 55 Chips, die er mehr als UTG+1 hat, keinerlei Vorteil. Er ist für UTG+1 mit 2135 Chips genauso eine Bedrohung, wie er es auch mit nur 1800 Chips wäre: In beiden Fällen bedeutet eine verlorene Konfrontation für UTG+1 praktisch das Aus, da er mit 280 Chips fast genauso schlecht dastehen würde wie mit 0 Chips.

Zwei (oder mehr) Spieler sind in einer Gruppe, solange der größere Stack nicht mehr als 35% mehr Chips hat als der kleinere.

Warum das so ist wird später noch erklärt. Dabei ist es wie schon erwähnt praktisch egal, wer von beiden den größeren und wer den kleineren Stack hat.

Gruppierung der Chipstände anhand der Chip-Wertigkeit

Anhand des zuvor Gesagten, dass Spieler, deren Chipsstände sich um maximal 35% voneinander unterscheiden zu einer Gruppe gezählt werden, kann man die 8 Spieler in dem eingangs genannten Beispiel in 4 Gruppen unterteilen. Das folgende Diagramm zeigt zum einen die tatsächlichen Chipstände und die Untergrenzen an, ab denen ein Spieler aus der Gruppe fallen würde.

Erklärung:

MP2 hat mit 1005 Chips ca 26% mehr an Chips als MP3, der 840 Chips hält. Somit fallen beide Spieler in eine Gruppe. Bei 623 liegt die Untergrenze, die MP2 nicht unterschreiten darf, um aus der Gruppe herauszufallen, denn mit 623 Chips hätte er ca. 35% weniger an Chips zur Verfügung als MP3 mit 840 Chips.

Auf der anderen Seite fiele MP3 auch noch mit 745 Chips in diese Gruppe, da in diesem Falle MP2 35% mehr Chips als er hätte. Das klingt jetzt vielleicht etwas verwirrend, aber wenn man es sich ein paar mal durchliest sollte man es verstehen.

Und so verhält es sich mit allen 4 Gruppen. Bei den beiden Shortstacks ist es etwas grenzwertig, da sie nur noch 4 bzw. 5 Big Blinds haben und das Push-or-Fold-Konzept über dem der verschiedenen Chipwerte steht. Sie sind aber der Vollständigkeit halber trotzdem mit einberechnet.

Denken wir nun zurück an die Hand:

Der BB (Gigabet) ist sich also bewusst, dass die 410 Chips, mit denen der Button All-In pusht, ihm in keiner Weise schaden, da er, sollte er diese 410 Chips verlieren, mit 1725 Chips immer noch in der blauen Gruppe läge. Die Untergrenze liegt hier nämlich für ihn bei 1540 Chips. Erst bei einem kleineren Stack wäre er um mehr als 35% von UTG+1 entfernt und würde aus der blauen Gruppe herausfallen.

Der Push ist somit relativ einfach zu erklären: Er will die beiden Limper aus der Hand drängen. Würde er nur callen, bestünde die Gefahr, dass mindestens einer der beiden auch callt oder sogar selber pusht, was die Hand für Gigabet teuer machen könnte. Aus diesem Grund pusht er gleich selbst. Inwiefern dies ein guter oder schlechter Zug ist, vor allem in Anbetracht des Openlimps von MP2, steht in diesem Artikel nicht zur Debatte.

Fakt ist, dass Gigabet davon ausging, dass er es schafft, seine Hand Heads-up gegen den Button zu spielen, trotz des Risikos, dass weitere Spieler seinen Push callen.

Was aber bringen ihm die Extra-Chips? Wenn tatsächlich die Limper folden und er die Hand gegen den Shortstack gewinnt, hat er einen Stack von 2795 Chips. Damit hat er etwa 34% mehr Chips als sein Gruppenmitglied, UTG+1, und er ist immer noch, wenn auch knapp, in dieser Gruppe. Haben wir nicht eben gerade erst gelernt, dass es kaum einen Unterschied macht, wie viele Chips man hat, solange man in der gleichen Gruppe bleibt?

Die Antwort darauf lautet wie folgt:

Ob der Durchschnittsspieler es nun weiß oder nicht - bisher hat es praktisch keinen Unterschied gemacht, ob er ein paar Chips mehr oder weniger als ein anderer Spieler mit ähnlich großem Stack hatte. Gigabet hingegen hat einen Nutzen für diese weniger wertvollen Chips gefunden, welcher im folgenden Abschnitt dieses Artikels erläutert werden soll.

Die 35%-Regel

Wenn ich, um ein Raise zu callen, 35% meines Chipstacks investieren müsste, dann entscheide ich mich nicht, ob ich calle oder folde, sondern ob ich pushe oder folde, denn am Flop erhalte ich auf ein All-In mindestens 2:1 Pot-Odds, ist Dead Money im Pot sogar noch bessere. Jede Hand, die stark genug für einen Call war, ist auch bei jedem Flop pot-committed. Pushe ich gleich preflop, habe ich evtl. sogar noch Fold-Equity.

Gigabet geht davon aus, das ein Großteil der High-Limit-Spieler, mit denen er am Tisch ist, sich dieser Regel bewusst ist. Auch wenn Ihr sie so formuliert noch nie gehört habt, so ist doch auch den meisten SnG-Regulars von unserer Seite intuitiv klar, dass sie eine 350-Chips-Bet von einem größeren Stack, wenn sie selber nur noch 1000 Chips haben kaum callen können, um dann am Flop zu folden. Da man sich mit einem Call sowieso committen würde, kann man stattdessen auch gleich pushen, um die Entscheidung an den Raiser zurückzugeben. Führt man diesen Gedanken weiter, erkennt man, dass einem 350 Chips reichen, um einen Spieler mit 1000 Chips vor eine "All-In or fold" – Situation zu stellen.

Oder allgemein:

Man muss nur 35% des gegnerischen Chipstacks investieren, um ihn All-In zu setzen.

Das ist auch der Grund dafür, dass man mit einem Chipunterschied von bis zu 35% noch in einer Gruppe ist. Danach hat der Größere der beiden Stacks genügend Chips, um den anderen All-In zu setzen, ohne selbst All-In gehen zu müssen (wovon allerdings wenige Gebrauch machen).

Beispiel 2

Blinds t50/t100

Stacks&Stats:
Seat 1: MP1 ( t1005 )
Seat 2: MP2 ( t1100)
Seat 3: MP3 ( t1040 )
Seat 4: Cutoff ( t490 )
Seat 5: Button ( t410 )
Seat 6: SB (Hero) ( t2015 )
Seat 7: BB (Villain) ( t1495 )
Seat 8: UTG ( t1050)
Seat 9: UTG+1 ( t850 )
Seat 10: UTG+2 ( t545 )

Preflop: Hero is SB

8 folds, Hero raises to t525

Szenario a:

Hero raises to t525, Villain folds
-> Hero wins t100

Szenario b:

Hero raises to t525, Villain reraises to t1495 and is all-in, Hero folds.
-> Hero loses t525

Hero gewinnt bei einem Fold von Villain einen Big Blind und kann somit seine Führung Stück für Stück weiter ausbauen (nicht anders als im Push-or-Fold-Modus Heads-up). Wenn Villain allerdings eine Hand hat, die er für stark genug hält, um nach der 35%-Regel All-In zu gehen, kann Hero sich getrost von seiner Hand verabschieden. Nun hat Villain den größeren Chipstack in der Gruppe. Aber da er ein normaler Regular ist, kennt er das hier beschriebene Konzept noch nicht und zieht daher auch keinen Vorteil aus den Extra-Chips.

Hinzu kommt, dass Hero Chipleader ist und Villain mit den zweitmeisten Chips am Tisch sitzt. Um sich mit dem Chipleader anzulegen bei so vielen kleineren Stacks am Tisch, bedarf es für Villain schon einer sehr starken Hand. Daher wird Hero in den allermeisten Fällen den Pot preflop für sich entscheiden können.

Wenn Gigabet es also schafft, gegen den Shortstack zu gewinnen, hat er 34% mehr Chips als UTG+2, und mit diesen kann er ihn besonders unter Druck setzen. Er kann ihn vor eine All-In-Entscheidung stellen, ohne sich selbst zu committen. Er sagt, dass dieser Vorteil fast so stark zu bewerten ist wie ein Double-up. Dass er direkt neben seinem Widersacher sitzt, ist ein weiterer Pluspunkt, obwohl es noch besser wäre, wenn er Position auf ihn hätte.

Ein wichtiger Kritikpunkt an diesem Konzept, den ich nicht verschweigen möchte:

Bei einem Reraise von Villain bekommt Hero Pot Odds von ~2:1, welche vielleicht für einen Call sprechen würden. Da Hero dann aber weitaus mehr Chips investieren müsste und diese weiteren Chips erwiesenermaßen mehr wert sind als die, die er schon gesetzt hat, wird das Konzept der Pot Odds in diesem Falle vernachlässigt und Hero foldet trotz der guten Odds.

Zusammenfassung

Wie zu Beginn des Artikels bereits erwähnt, trifft das ICM manchmal auf seine Grenzen. Dennoch wird man allein nach ICM-Spiel, wenn man es richtig beherrscht und anwenden kann, selbst bei den SnG’s und MTT’s mit höherem Buy-In noch einen guten ROI erzielen können. Das hier beschriebene Konzept soll Spielern weiterhelfen, die bereits auf höheren Buy-Ins angelangt sind (55$+) und ihr Spiel weiter perfektionieren wollen. Es stellt eine Ergänzung zu den alten Konzepten dar, ist aber bei weitem nicht so wichtig wie zum Beispiel das Verständnis vom Push-or-Fold-Mode oder von Odds&Outs.

Das Konzept wurde auf eine möglichst einfache Weise beschrieben, es soll nur eine Art Grundstein sein. Wer noch mehr darüber nachdenkt, wird feststellen, dass Spieler auch in mehreren Gruppen sein können, dass auch mehr als zwei Spieler in einer Gruppe sein können, dass es für Bigstacks wichtiger ist als für Shortstacks, etc. Außerdem lässt sich der Wert der Chips nicht so stark „abgehackt“ darstellen, wie ich es in der zweiten Grafik getan habe. Vielmehr müsste es einen Farbübergang von hell nach dunkel geben. Ihr seht, das ganze Konzept lässt sich noch sehr weit ausbauen.

Macht euch selber Gedanken und versucht, das System für euch zu perfektionieren. Postet Beispielhände im Feedback-Thread, bei denen Ihr euch fragt, ob das Konzept sich hier sinnvoll anwenden lässt (ich habe mit Absicht keine weiteren Beispielhände in diesem Artikel behandelt, da die meisten real gespielten Hände über den „Grundstein“ dieses Artikels hinausgehen). Gerne kann in diesem Feedback-Thread auch weiter über die Anwendung dieses Konzepts diskutiert werden.