Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Live Poker-Tells

Einleitung

In diesem Artikel

  • Was Tells sind
  • Welche Arten von Tells es gibt
  • Wie du sie am Tisch erkennst und für dein Spiel nutzt

Das Verständnis und Beherrschen der strategischen Grundlagen sind wesentliche Voraussetzungen, um im Poker langfristig Gewinn zu erzielen. Doch über diese Grundlagen hinaus wirst du als ein fortgeschrittener Spieler deinen Profit nicht mehr allein aus deren Anwendung und kontinuierlichen Verbesserung ziehen, sondern aus dem Erlangen der psychologischen Überlegenheit über deine Gegner. Du wirst deinen Gewinn dann maximieren können, wenn du in der Lage bist, dich in deine Gegner hineinzuversetzen und deine Spielweise an diese anzupassen.

Besonders wertvoll wird diese Fähigkeit beim Livepoker. Anders als beim Onlinepoker versteckt sich dein Gegner nicht hinter einer virtuellen Maske, sondern sitzt dir in Fleisch und Blut gegenüber. Ein guter Weg, um mehr über die Motivation und Gedankenwelt deines Gegners zu erfahren, sind Tells.

Definition und Arten von Tells

„To tell“ (sth. about somebody) bedeutet übersetzt „etwas erzählen, berichten“ (über jemanden).

Definition: Jedes Verhalten eines Spielers, welches Rückschlüsse über seine Hand zulässt, ist ein Tell.

Generell kannst du Tells in zwei Kategorien einordnen:

  • Unbewusste Tells
    von Spielern, die sich unbeobachtet fühlen
  • Bewusste Tells
    von Spielern, die schauspielern

Um sie zu entdecken und für dich nutzen zu können, solltest du vor allen anderen eine Regel verinnerlichen:

WICHTIG  
SCHAUE DEINEN GEGNER AN, NICHT DEINE KARTEN.

Besonders gilt das in den Momenten, wenn die Holecards verteilt sowie die Gemeinschaftskarten aufgedeckt werden. Deine Karten ändern sich nicht, die Emotionen deiner Gegner in Bezug auf ihre Hand schon.

Unbewusste Tells
DER ERSTE EINDRUCK

Der erste Eindruck von einem Mitspieler kann schon der erste Tell sein. Der Charakter eines Menschen spiegelt sich oft in seiner Spielweise wieder. So agieren Leute, die ihre Chips ordentlich stapeln, eher konservativ. Anders dagegen Spieler, die einen bunten, unordentlichen und unübersichtlichen Haufen Chips vor sich liegen haben. Sie spielen wahrscheinlich loose-aggressive.

DIE KÖRPERHALTUNG

Nicht wenige Spieler verraten durch ihre Körperhaltung ungewollt die Stärke ihres Blattes. So ist eine unbewusste Veränderung der Sitzposition, eine straffere und nach vorne gebeugte Haltung, ein Indiz für eine starke Hand. Bei einer schwachen Hand zeigen sie häufig weniger Körperspannung, z.B. erkennbar an hängenden Schultern.

NERVOSITÄT

Es wird häufig angenommen, dass nervöses Verhalten einen Bluff widerspiegelt. Immerhin steht meist viel auf dem Spiel. Doch in den meisten Fällen ist augenscheinliche innere Unruhe ein Zeichen von Stärke. Zum einen ist wirkliche Nervosität sehr schwer schauspielerisch darzustellen. Zum anderen soll der Kontrahent bei einem Bluff eher den Eindruck eines souveränen, ruhigen Gegners erhalten. Spieler, die eine schwere Entscheidung zu treffen haben, werden daher versuchen, ihre Nervosität zu kontrollieren, beispielsweise durch das Festhalten der einen mit der anderen Hand.

Erhält ein Spieler eine großartige Karte auf dem River und beginnt auf einmal zu zittern, dann ist das kein Anzeichen von Schwäche, sondern oft eine Art Ventil, die aufgebaute Spannung zu lösen. Gerade unerfahrene Spieler schieben erleichtert mit zittrigen, schwitzenden Händen alle Chips in die Mitte. Tu ihnen nicht den Gefallen zu callen.

Des Weiteren legen eine Menge Spieler nervöse Angewohnheiten an den Tag. Sie trommeln beispielsweise mit den Fingern, wackeln mit einem Bein unterm Tisch oder klappern mit ihren Chips. Wenn also jemand etwas setzt und die ganze Zeit mit seinen Chips klappert, aber damit plötzlich aufhört, wenn ein Gegenüber zu seinen Chips greift, dann deutet diese unbewusste Geste auf einen Bluff hin. Der Spieler fühlt sich offensichtlich unwohl. Bei einer starken Hand schenken Spieler ihren Gegner generell weniger Aufmerksamkeit, sie gehen ihren Angewohnheiten weiter nach.

INNERE ANSPANNUNG

Spieler, die eine Hand von für sie großer Wichtigkeit spielen, sind innerlich angespannt. Automatisch erhöht sich der Adrenalinausstoß, spannen sich die Muskeln, erweitern sich die Pupillen, erhöht sich die Herzschlagrate, die Kehle scheint auszutrocknen und die Stimmlage verändert sich.

Nicht umsonst tragen viele Spieler Kapuzenpullover, um ihre Halsschlagader zu verdecken. Ob diese Reaktionen nun Hinweise auf ein gutes oder schlechtes Blatt sind, lässt sich nur schwer entscheiden. In der Regel versucht jemand mit einer schlechten Hand seine Anspannung zu unterdrücken, bewirkt dadurch aber oft genau das Gegenteil.

DIE ATMUNG

Ein sehr aussagekräftiger Tell ist die Atmung eines Spielers. Eine Veränderung der Atmung ist keine Schauspielerei. Je näher du deinem Gegner bist, desto besser wirst du diesen Tell für dich nutzen können. Eine flache Atmung oder der Versuch lautes Atmen zu vermeiden, kann auf eine schwache Hand deuten.

DER CALLING-REFLEX

Bluffer werden alles versuchen, um so normal wie möglich zu wirken. Der Grund für dieses Verhalten ist der Calling Reflex. Vor allem unerfahrene Spieler zeigen dieses Verhaltensmuster. Sie lieben den Showdown und suchen bei ihrem Kontrahenten nach Signalen, die ihnen hinterher als Entschuldigung dienen können. Sie werden ihre Entscheidung oft weniger von der Stärke ihrer Hand als von ihrem Ego abhängig machen. Fast alle Bluffer verhalten sich deswegen instinktiv ruhig und möglichst unauffällig.

MIMIK

Falls jemand seinen Mund mit seiner Hand verdeckt, so hält er häufig eine schwache Hand. Er möchte seine Emotionen verdecken. Im übertragenen Sinn möchte er eine Lüge nicht preisgeben, die man in seinem Gesicht lesen könnte. Ähnlich verhält es sich mit einem Spieler, der einem Blick nicht standhalten kann. Er hat Angst, dass seine Augen ihn verraten könnten.

BLICK AUF DIE CHIPS

Das ist wahrscheinlich der wertvollste unbewusste Tell. Wirft ein Spieler einen kurzen Blick auf seine Chips und schaut sofort wieder weg, dann möchte er betten. Eine Abwandlung ist der schnelle Blick auf die Chips seines Gegners, was jedoch dasselbe bedeutet. Wichtig ist, dass er sich dabei unbeobachtet fühlt.

NOCHMALIGES ANSCHAUEN DER HAND

Gerade bei Anfängern ein zuverlässiger Tell. Die Rede ist hier von einem unbewussten, kurzen Blick in die eigenen Holecards. Wenn beispielsweise der Flop drei Karten in Herz offenbart und sich dein unerfahrener Gegner seine Hand nochmals anschaut, dann hat er mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Flush.

Gerade Anfänger merken sich bei ihrer Starthand (offsuit) nicht die Farben. Nur bei einer gleichfarbigen Starthand (suited) merken sie sich die exakten Karten. Von daher kannst du davon ausgehen, dass dein Gegner in dem Beispiel höchstens ein Herz hält.

AUSTAUSCH VON NETTIGKEITEN

Ist ein Gegner nach einer Bet freundlich zu dir, dann spielt er wahrscheinlich einen Bluff. Er möchte dich nicht in eine persönliche Konfrontation verwickeln und du sollst dich auf deine Hand konzentrieren. Anders ein freundlicher Spieler, der plötzlich unfreundlich wird. Hier gilt genau das Gegenteil, er möchte wahrscheinlich gecallt werden.

Ein weiterer Tell ist das Grinsen. Jemand der versucht ernst zu bleiben und dann unfreiwillig ein Lächeln entblößt, hält mit einiger Sicherheit eine Monsterhand. Ein Spieler mit einem natürlichen Lächeln hat eher eine gute Hand, im Gegensatz zu jemandem, der ein aufgesetztes Lächeln erzwingt.

BESCHÜTZEN DER HAND

So wie man einen Goldschatz bewachen würde, tun dies viele Spieler unbewusst mit einer guten Starthand. Sie schauen kurz, verdecken ihre Karten schnell und halten ihre Hände schützend darüber.

HÄNDE AUSSENSTEHENDEN ZEIGEN

Unerfahrene Spieler werden häufig Freunden oder Partnern während einer Hand ihre Holecards zeigen. In diesen Fällen halten sie mit großer Zuverlässigkeit eine starke Hand. Dafür sprechen vor allem zwei Gründe. Erstens möchte der Betreffende zeigen, dass er ein guter Spieler ist. Das kann er nur mit einer legitimen Hand, wahrscheinlich einer made Hand, die auch der vermeintliche Laie als solche erkennen könnte. Zweitens könnte derjenige, der sich die Karten anschaut, einen Bluff verraten.

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Wenn jemand seine Hand anschaut und direkt setzt, dann ist dies besonders bei unerfahrenen Spielern ein Hinweis für ehrliches Spiel. Die meisten Menschen werden sich vor einem Bluff etwas Zeit nehmen, schließlich soll die Aktion überlegt wirken. Außerdem vermeiden sie jede auffällige Handlung, um kein Misstrauen zu erwecken.

DER GRIFF ZUM GLAS

Oft werden Gegner, die einen Bluff spielen, danach zum (Bier-)Glas greifen. Es soll normal wirken, doch gerade das sollte dir auffallen.

ZIGARETTE

Auch an der Art und Weise, wie manche Leute ihre Zigarette rauchen, kannst du Rückschlüsse auf die Stärke einer Hand ziehen. So deutet das unbewusste Ausstoßen einer großen Rauchwolke eher auf eine starke Hand hin und dein Call ist dem Gegner ziemlich egal. Wenn er jedoch möglichst unauffällig ausatmet, so spielt er häufiger einen Bluff. Dieser Tell ist sehr vage und sollte nach Möglichkeit nur in Kombination mit anderen verwendet werden.

WIE JEMAND SETZT

Wie jemand seine Chips in die Mitte bewegt, kann ebenfalls einiges über seine Hand verraten. Hält er ein starkes Blatt und will seinen Gegner zum Callen ermutigen, so wird er kein großes Spektakel machen. Er möchte niemanden verschrecken und wird entweder gar nichts sagen oder den Wert seiner Chips beiläufig verkünden.

Anders verhält sich ein Spieler mit einer schwachen Hand. Er wird seine Bet meist optimistisch oder autoritär laut verkünden. Ist dieses Verhalten nicht unlogisch? Denn eigentlich versuchen Bluffer doch, um keinen Preis aufzufallen. Trotzdem ist das Verhalten verständlich, denn solange er die vorübergehende Kontrolle innehat, versucht er seinen Gegner aus der Hand zu verjagen, indem er ihn einschüchtert. Erst danach wird er versuchen unauffällig zu erscheinen.

Ein weiteres Signal ist das übertriebene Setzen der Chips. Jemand der seine Chips mit Betonung in Richtung seines Gegners bewegt, vielleicht wirft, möchte ihn wahrscheinlich einschüchtern. Gute Indizien sind ein ausgestreckter Unterarm sowie ein übertriebenes Strecken der Fingerspitzen.

Bewusste Tells

Doyle Brunsons legendäres Buch „Super System” enthält eine sehr aufschlussreiche, von Mike Caro verfasste Passage, die frei übersetzt wie folgt lautet:

„ Die meisten Menschen können nicht leben, wie sie möchten. Als Kinder mussten sie Hausarbeiten machen, die sie hassten, [...] .

Als Erwachsene müssen sie mit Leuten auskommen, die sie nicht mögen, vortäuschen, sich gut zu fühlen, wenn sie sich miserabel fühlen, handeln, als hätten sie alles unter Kontrolle, obwohl sie verunsichert und ängstlich sind.“ 1

Diese Leute sind Schauspieler. Sie geben vor eine Person zu sein, die sie gar nicht sind. Am Pokertisch handeln sie unbewusst nach dem Motto: „Wenn ich mich hier nicht verstelle, können die anderen mein wahres Ich erkennen.“

Deshalb werden diese Leute mit einer starken Hand Schwäche vortäuschen und miteiner schwachen Hand Stärke. Das Prinzip von „strong means weak and weak means strong“ wird auf die große Mehrheit deiner Mitspieler zutreffen.

Dein Ziel muss es immer sein, herauszufinden, ob ein Gegner schauspielert oder nicht. Schauspielert er, dann entscheide, was er bezwecken möchte und mache genau das Gegenteil.

Das festzustellen ist nicht einfach, doch es gibt zwei zuverlässige Indikatoren:

  • Dein Gegner muss sich von dir beobachtet fühlen.
  • Deine Entscheidung muss für ihn von Bedeutung sein.

Beide Indikatoren müssen in der Regel zutreffen.

GESPIELTE SCHWÄCHE

Vorgetäuschte Schwäche kann sich z.B. als Seufzen darstellen, als Schulterzucken, langes Grübeln, als alle möglichen Anzeichen von gespieltem Desinteresse. Spieler die Schwäche vorgeben, haben eine starke Hand. Sie möchten ihre Gegner durch ihr Täuschungsmanöver zu einem Call oder sogar zu einem Raise ermutigen.

Jemand der während einer Hand bewusst wegschaut, ist in der Regel gefährlich. Er handelt so, als sei ihm die Hand egal, um eine gegnerische Aktion zu provozieren. Besonders häufig passiert das, wenn der Flop gedealt wird. Ein kurzer Blick auf den Flop und der folgende Blick zur Seite sind das Indiz für Stärke.

Dieser Tell wird dir in verschiedenen Formen begegnen, wobei unerfahrene Spieler eher zur Übertreibung neigen. Ähnlich verhält es sich mit Leuten, die nicht am Zug sind und so tun, als ob sie die Hand wegwerfen möchten.

Die meisten Spieler treffen ihre Entscheidung innerhalb von wenigen Sekunden. Grübelt hingegen jemand sehr lange, um schließlich kräftig zu erhöhen, so will er eher vortäuschen, dass ihm die Entscheidung unglaublich schwer gefallen sei. Normalerweise könnt ihr von einer sehr starken Hand oder gar einer Monsterhand ausgehen.

GESPIELTE STÄRKE

Wenn du die Tells der gespielten Schwäche richtig nutzt, kannst du es vermeiden, eine Menge Geld zu verlieren. Wesentlich profitabler, jedoch auch riskanter, ist das Entlarven von gespielter Stärke. Durch einen richtigen Tell und einen mutigen Call kannst du manchmal Hände für dich entscheiden, deren Gewinn du sonst gar nicht in Betracht gezogen hättest.

 

Anders als Spieler mit starken Händen, die dich ermutigen Chips in die Mitte zu schieben, versuchen Spieler mit schwachen Händen genau das zu vermeiden. Hier die besten Anzeichen:

MIT DEN CHIPS DROHEN

Greift jemand in seine Chips, während sein Gegner am Zug ist, dann ist das meist ein Einschüchterungsversuch. Wenn jedoch ein Spieler ständig mit seinen Chips spielt und plötzlich die Hände von den Chips lässt, während du am Zug bist, dann ist das ein Zeichen wahrer Stärke.

ANSTARREN

Spieler die mit durchbohrenden Blicken ihre Gegner regelrecht niederstarren, sind meist nicht sehr gefährlich. Das Signal „ Ich beobachte dich genau, also überleg Dir was Du tust“ ist oft als Schwäche zu werten.

KARTEN ANSCHAUEN

Sieht ein Gegner besonders lange in seine Startkarten oder auf das Board, hält er in der Mehrzahl der Fälle eine schwache Hand. Schaut er lange und setzt, so spielt er wahrscheinlich einen Bluff.

Ein starker Tell ist das nochmalige Ansehen der Starthand, nachdem dein Gegner gesetzt hat und du in deinen Chipstapel greifst. Du kannst hier von einem Bluff ausgehen.

DEN POT VORSCHNELL ABGREIFEN

Spieler mit einer sehr starken Hand hoffen und warten bis zum letzten Moment, dass ihr Gegner mitgeht. Möchte er die Action vorschnell beenden z.B. durch Aussagen wie: „Ich zeig auch“ oder indem er den Pot in der Mitte beansprucht, so ist das deutlich als Schwäche zu interpretieren.

Kombination von Tells

Tells sind leider nicht immer so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So wirst du oft nicht nur einen, sondern gleich mehrere bei deinemGegner beobachten. Stimmen sie überein, so sollten dir deine Entscheidungen leichter fallen.

Falls jemand z.B. seine Starthand nur kurz anschaut, diese dann schnell verdeckt und mit seinen Händen beschützt, einen kurzen Blick auf seine Chips wirft und dann scheinbar gelangweilt sein Glas betrachtet, so kannst du von einer starken bis sehr starken Hand ausgehen.

Kompliziert wird es, wenn Tells sich widersprechen. Doch auch für dieses Problem gibt es eine Lösung. Oft sind sich Spieler nur einem Teil ihrer Aktionen bewusst. Findet heraus, welcher Tell gespielt wird und macht genau das Gegenteil von dem, was der Spieler mit ihm bezwecken möchte.

BEISPIEL 1

Ein Mann nimmt seine Karten in die rechte Hand und ist im Begriff sie wegzuwerfen. Die linke Hand wandert unmerklich zu seinen Chips. Welcher Tell ist bewusst, welcher unbewusst? Gibt er vor, eine starke oder eine schwache Hand zu halten?

Der Mann versucht durch das Wegwerfen der Karten Schwäche vorzutäuschen. Das ist der bewusste Tell. Du sollst seine Schwäche wahrnehmen. Der Griff in die Chips hingegen ist eine unbewusste Handlung, die seine wahre Motivation verrät.

BEISPIEL 2

Du beobachtest einen Spieler, der nicht am Zug ist. Er wendet sich merklich von seinem Gegner ab, doch seine Augen wandern zwischen dem Gegner und dessen Chipstapel.

Letzterer soll diese Körpersprache als Schwäche interpretieren. Die Augen, welche Kontrahenten wahrscheinlich nicht auffallen, verraten jedoch die wahre Motivation des Spielers.

Tells als Täuschung

In den obigen Beispielen wird davon ausgegangen, dass deine Gegner zu der Mehrheit gehören, die bei Stärke Schwäche vortäuscht und umgekehrt. Kompliziert wird es jedoch bei erfahrenen Spielern, die genau wissen, was welcher Tell bedeutet. Sie werden versuchen diese gegen dich zu benutzen. Ein gutes Beispiel dafür ist Eli Elezra, der bei einem gleichfarbigen Flop seine Hand nochmals anschaute, obwohl er genau wusste, dass er seinen Flush bereits getroffen hatte.

Reverse

Wenn jemand bei einer schwachen Hand bewusst Schwäche zeigt, um dich zu irritieren, handelt er genau umgekehrt, sprich „reverse“. Erfahrene Spieler denken sogar „reverse reverse“ und „reverse reverse reverse“. Hierbei dreht sich alles um die Frage „Was denkt er, was ich denke (was er denkt, was ich denke etc.)?“

Beispielhände

Im Folgenden sind drei populäre Hände, in denen Tells eine wichtige Rolle gespielt haben, dokumentiert. In der ersten Hand wird gespielte Schwäche enttarnt. Die zweite Hand zeigt nicht nur den Unterschied zwischen Live- und Onlinepoker, sondern auch wie profitabel es sein kann, gespielte Stärke zu entlarven. Die dritte Hand zeigt, dass ein richtiger Tell auch zu einer falschen Entscheidung führen kann.

BEISPIEL 1

Bei einem NL-Turnier der WSOP 2004 bekam Anni Duke TT und erhöhte kräftig. Greg Raymer setzte sie All-in. Sie beobachtete Greg Raymer sehr lange und entdeckte einen starken Tell, der ihr verriet, dass er ein starkes Blatt hielt und sie zu einem Call verleiten wollte.

Ihre Pot Odds waren 3:1, nur gegen ein höheres Paar lag sie mit 1:4 hinten. Nach langer Denkpause warf sie die Hand weg. Als Raymer kurze Zeit später ausschied, verriet er ihr, dass er KK gehalten und sie eine großartige Entscheidung getroffen hatte. Anni Duke sollte später das Turnier sowie ein stolzes Preisgeld in Höhe von 2,4 Millionen $ gewinnen.

BEISPIEL 2

Während der WSOP 2005 hatte Mike „The Mouth“ Matusow einen sehr starken Tell von Dustin Woolf . Obwohl dieser wenig Erfahrung im Livepoker besitzt, ist Letzterer eine Legende des Onlinepokers mit Gewinnen im sechstelligen Bereich.

Anders als beim Livepoker wird man beim Onlinepoker von niemandem beobachtet. Genau dies sollte Woolf zum Verhängnis werden.

So konnte Matusow beobachten, dass Woolf bei einer starken Hand die Chips schwungvoll in die Tischmitte warf, bei einer schwachen Hand platzierte er die Chips vorsichtig in die Mitte und sagte: „Ich raise“.

Diesen Tell konnte Matusow in folgender Hand ausnutzen:

Nachdem ein Spieler sowie Matusow mit Q, J 10,000$ gecallt haben, erhöht Woolf auf 80,000$. Er schiebt seine Chips behutsam in die Mitte und sagt: „Ich erhöhe“.

Anstatt mit einem Reraise die 100.000$ direkt zu gewinnen, beschloss Matusow seinem Gegner die Möglichkeit zu geben, ein weiteres Mal zu bluffen. Der Flop K, 10, 4 gab Matusow einen OESD (Openended Straightdraw). Woolf setze vorsichtig 250.000$ und sagte: „Ich bette“. Matusow wollte Woolf erneut einen Bluff ermöglichen und callte. Der Turn war eine 6, Woolf checkte und Matusow ging All-in.

Blitzartig trennte sich Woolf von seiner Hand und Matusow konnte seinen Stack erheblich vergrößern, weil er den optimalen Nutzen aus dem Tell seines Gegners gezogen hatte.

BEISPIEL 3

Eine Hand die du vielleicht kennen wirst, hat sich bei den Party Poker German Open im Heads-up zwischen unserem geschätzten PokerStrategy-Member Morgoth und Soraya Homam ergeben:

Soraya Homam erhöhte mit AQ fast All-in. Morgoth hielt QQ und äußerte, dass er bei einem Call All-in wäre. Sie verstand jedoch nur All-in und callte sehr schnell die vermeintliche Erhöhung. Der Irrtum klärte sich auf, doch Morgoth war verunsichert. Er überlegt sehr lange und foldete schließlich seine Queens.

Da Homam ein All-in von Morgoth ohne zu zögern gecallt hätte, musste sie überzeugt gewesen sein, eine sehr starke Hand zu halten. Die Frage, die sich Morgoth gestellt hatte, war folgende: Von welchen Händen glaubt Homam, dass sie in dieser Situation stark seien?

Für den Zuschauer mag Morgoths Entscheidung unverständlich erscheinen, doch setzte er Homam wahrscheinlich auf AA, KK oder AK. Gegen diese Range wäre seine Hand bestenfalls ein Coinflip gewesen. Daher foldete er und versuchte, sie mit seinen restlichen Chips zu besiegen, was ihm schließlich auch gelang. MaDu siehst jedoch, dass ein Tell auch zu einer objektiv falschen Entscheidung führen kann.

Zusammenfassung

Vor allem im ersten und im letzten Beispiel ist nicht der Tell der entscheidende Faktor, sondern die Frage:

  • „Von welchen Händen denkt mein Gegner, dass sie gut seien?"

Die Gegenfrage dazu lautet:

  • „Von welchen Händen denkt mein Gegner, dass sie schwach seien?"

Obwohl Tells ein probates Mittel sind, um Informationen zu sammeln, solltest du dein Spiel nie allein mit ihnen begründen. Sie können eine große Hilfe sein, dich in deine Gegner hineinzuversetzen, doch sind sie nur ein Teil des Puzzles, das ein guter Pokerspieler bei jeder Entscheidung gedanklich zusammensetzt.

Daher liegt der Schlüssel zu gutem, erfolgreichem Livepoker im Beherrschen der strategischen Grundlagen, dem richtigen Deuten von Tells und der Fähigkeit, dich in deine Gegner hineinzuversetzen.