Bin ich zum professionellen Pokerspieler geeignet?
Einleitung
In diesem Artikel
- Was für eine Profilaufbahn sprechen kann
- Was die Nachteile sind
- Welche Vorraussetzungen erfüllt sein sollten
Die übergroße Mehrheit unserer Mitglieder widmet sich dem Pokern ausschließlich in ihrer Freizeit und wird das auch in Zukunft so beibehalten. Wenn dem so ist, worin besteht dann die Berechtigung für diesen Artikel?
Nun, einerseits schließt die Abwesenheit einer existenziellen Relevanz ein akademisches Interesse nicht aus.
Andererseits gibt es eine kleine Gruppe von Mitgliedern, die durchaus von der Thematik betroffen ist. Die Entscheidung pro oder contra Profilaufbahn ist von einer derartigen Tragweite, dass mögliche Probleme unbedingt angesprochen werden sollten.
Zum einen sind das die Profis, die unsere Community tatsächlich schon hervorgebracht hat, zum anderen sind es die auf dem Sprung befindlichen. Sie pokern zwar nur nebenbei, verdienen aber jetzt schon ähnlich viel Geld wie in einem unterdurchschnittlich bezahlten Beruf, d.h. sie könnten theoretisch bereits davon leben, wenn sie zu Einschränkungen bereit wären.
Dann gibt es noch die Gruppe junger Spieler, die, obwohl gerade erst in die Materie eingestiegen, von einer glorreichen Zukunft als Poker-Millionär träumt. Häufig werden solche Träume genährt von den glamourösen Veranstaltungen im Fernsehen. Es kann nicht schaden, solche Vorstellungen bereits im Ansatz in vernünftige Bahnen zu lenken.
Die Vorteile der Profilaufbahn
Fast allen Mitgliedern ist eines gemein: der Spaß am Pokern. Dieser speist sich aus mehreren Quellen. Erfolgreiches Pokern schafft, na was wohl, Erfolgserlebnisse. Zudem ist Pokern aufregend. Viele Menschen brauchen ihr tägliches Quantum Adrenalin. Auf der wissenschaftlichen Ebene ist Pokern sehr ergiebig. Mittlerweile existiert sehr viel gute Literatur und damit reichlich Gelegenheit zum Erkenntnisgewinn. Für viele Menschen ist Erkenntnisgewinn gleich Lustgewinn. Nicht zu vergessen ist der Spieltrieb. Ein Pokerprofi darf auch noch als Erwachsener spielen. Wer nicht so recht erwachsen werden will (Peter Pan-Syndrom), für den ist Poker natürlich ein El Dorado.
Reichlich Talent und Hingabe vorausgesetzt, lässt sich mit Pokern viel Geld verdienen. Es ist aber fraglich, ob man dabei mehr verdient als in der freien Wirtschaft als Manager oder Unternehmer. Den meisten Top-Verdienern der Pokerwelt hätte ja, aufgrund ihrer Intelligenz, eine alternative Karriere in der Businesswelt offen gestanden.
Je nach Persönlichkeit ist man mehr oder weniger geneigt, sich unterzuordnen. Als Angestellter ist man zwangsweise in ein hierarchisches System eingebunden und muss sich daher anpassen. Dies impliziert fast immer Selbstverleugnung im weiteren Sinne, da man Kollegen, vor allem aber dem Chef, nicht immer seine Meinung sagen kann. Letztlich ist man in den meisten Systemen dazu gezwungen zu lügen (wenn es sich dabei auch um erforderliche Notlügen handelt). Als unabhängiger Pokerspieler kann man dagegen selbstbestimmt auftreten (was nicht heißt, dass jeder Gebrauch davon macht).
Natürlich ist man keinem Mobbing durch Kollegen oder Vorgesetzten ausgesetzt. Dieses Phänomen ist ja erst in letzter Zeit angemessen debattiert worden. Viele psychische oder psychosomatische Krankheiten wie Magengeschwüre o.a. können daraus hervor gehen.
Von zuhause aus zu arbeiten ist natürlich sehr bequem. Man spart die Fahrtzeit zum Büro und auch noch die Zeit, die es brauchen würde, sich jeden Morgen präsentabel zu machen. Eventuell kann man auch auf ein Auto verzichten und damit Geld einsparen.
Für viele ist diese Perspektive sehr verlockend. Natürlich ist es schön, nach einer nächtlichen Feier mal etwas länger liegen bleiben zu können. Es besteht allerdings die Gefahr, zu verlottern und sein Leben in die unproduktiveren Nachtstunden zu verlagern. Ein fester Rhythmus, verbunden mit frühem Aufstehen, hat viele Vorteile. Natürlich gibt es einige nachtaktive Profis, da sich Nachts die meisten Kunden im Netz aufhalten (Amerikaner). Ein solcher Rhytmus ist jedoch gesundheitlich nicht ganz unbedenklich. Die Abwesenheit der lieben Sonne wäre für mich persönlich schon ein Ausschlußkriterium. Übrigens lassen sich durch gute Table Selection (unter der Voraussetzung, dass man fleißig Data mining betreibt) auch tagsüber wunderbar weiche Tische aufspüren.
Den Beruf des Poker-Pros kann man von zuhause aus betreiben, aber auch von seinem Hausboot in der Karibik. Man ist damit ziemlich frei in der Lebensplanung.
Die Arbeitsstunden lassen sich frei gestalten. Man kann sich dadurch gut auf den Lebenspartner und soziale Kontakte einstellen.
Ich weiß nicht, wie viele Akademiker mit über 50 Jahren Taxe fahren müssen. Aber die Anzahl dürfte ziemlich groß sein. Aufgrund der Dynamik im Arbeitsmarkt gibt es heutzutage keine Sicherheiten mehr. Beim Pokern ist das anders. Ist man erst einmal etabliert, wird man so schnell nicht arbeitslos werden können. Man muss allerdings bereit sein, aufgrund juristischer Veränderungen gegebenenfalls das Land zu wechseln.
Im Geschäftsleben ist man nicht nur vom Vorgesetzten abhängig, sondern auch von Kunden, Lieferanten und der Konjunktur. Beim Pokern ist das nicht der Fall.
Die Nachteile der Profilaufbahn
Wer das Spiel nicht als solches schätzt oder gar liebt und es nur als Mittel zum Zweck betrachtet (Geld verdienen), der läuft Gefahr, sich irgendwann genauso zu langweilen wie bei einem monotonen Bürojob (das heißt nicht, das Büroarbeit per se langweilig ist).
Zum Pokern braucht man Kapital. Ferner wird das Kapital einem gewissen Risiko ausgesetzt.
Die finanzielle Entwicklung eines profitabel spielenden Profis verläuft ungefähr so wie der Börsenkurs einer gesunden Aktie: von links unten nach rechts oben, aber eben im Zick-Zack. Die Einkünfte können nicht nur einbrechen, sondern auch ein negatives Vorzeichen bekommen. Natürlich sind die großen Börsencrashes langfristig gesehen nur kleine Einkerbungen im Chart, kurzfristig ist ihre Wirkung jedoch gewaltig. Jeder angehende Profi muss sich über die Gefahr eines großen Downswings bewusst sein.
Ein Angestellter erhält vom Staat und vom Arbeitgeber Zuschüsse für seine Altersversorgung. Der Pokerspieler muss für sich selbst sorgen.
Wenn der Pokerprofi in den Urlaub fährt, läuft sein "Gehalt" nicht weiter.
Wer auf soziales Ansehen achtet, der sollte damit rechnen, schief angesehen zu werden, wenn er sich als Gambler outet. Aber wer ein richtiger Gambler ist, dem ist das hoffentlich egal.
Viele Menschen brauchen Führung und feste Strukturen. Strukturlosigkeit ist für sie Orientierungslosigkeit. Der Pokerspieler muss in der Lage sein, sich selbst zu motivieren, und seinem Leben eine Struktur zu geben. Andernfalls droht die Gefahr der Antriebslosigkeit und Verlotterung.
Die Gefahr besteht wohl in fast jedem Beruf, den man intensiv ausübt: zum Fachidioten zu werden. Poker hat aber das Problem, daß es nicht über sich selbst hinaus geht. Man lernt zwar viele nützliche Dinge wie Selbstbeherrschung, Selbsterkenntnis und Finanzmanagement und einiges mehr. Im Vergleich mit anderen Berufen bleibt die Tätigkeit jedoch sehr introvertiert; man lernt wenig, was einen als Mensch existentiell bedeutend voran bringen würde.
Fast jeder ist geneigt, seine Stimmung an den kurzfristigen Erfolgen und Mißerfolgen auszurichten. Dieses Verhalten sollte man beim Pokern unterdrücken, da man sonst großen Gefühlsschwankungen unterworfen ist.
Pokern kostet viel emotionale Energie. Man benötigt Kraft, Mut und ein starkes Ego. Diese Kraft muss man sich immer wieder aufs neue suggerieren, was dazu führen kann, daß man im Falle des Erfolges anfängt, die Bodenhaftung zu verlieren. Eine Selbstbeobachtung ist daher absolut unerläßlich, um nötigenfalls gegenzusteuern.
Welche Bedingungen sind erforderlich?
Um Profispieler zu werden, sind natürlich die gleichen Tugenden vonnöten, wie man sie auch als erfolgreicher Freizeitspieler haben sollte.
Darüber hinaus benötigt man Eigenschaften, die mit dem Lebensstil und den finanziellen Besonderheiten des Berufs harmonieren. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Freiheitsliebe groß und das Sicherheitsbedürfnis eher klein sein sollte. Wichtig sind auch die Liebe zum Spiel, Ehrgeiz und Motivation.
Je höher die Intelligenz, desto leichter durchschaut man die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Spiels. Auf hohen Limits hat man es zum Teil mit ausgeschlafenen Typen zu tun. Besser, man ist es auch (um Small Limit-Profi zu sein, muss man jedoch nicht Hawking heißen). Intelligenz allein kann unter Umständen zu wenig sein, um das Spiel zu meistern. Bei vielen Menschen klafft eine Lücke zwischen theoretischer Erkenntnis und deren Umsetzungsfähigkeit in der Praxis. Das ist wohl das, was man als Talent bezeichnet.
Talent schlägt sich in Ergebnissen nieder. Nur wer über einen großen Zeitraum (6-12 Monate) bewiesen hat, daß er mindestens im Small Limit-Bereich (FL 2/4 oder FL 3/6) das Spiel nachhaltig schlagen kann, und damit so viel verdient, wie er zum Leben braucht, sollte sich ernsthaft Gedanken über eine Professionalisierung seines Spiels machen.