Aktualisiert am 12 März 26 von

(Reverse) Psychology in Texas Hold'em Poker

Einleitung

Diese Woche möchte ich euch die Bedeutung, gerade im Zusammenhang mit Poker, von reverse Psychology näherbringen.

Was ist das überhaupt? Wie wendet man es an? Was nützt es mir wenn ich einer Hand verwickelt bin? Die Begrifflichkeit, die Voraussetzungen, Notwendigkeit, Ver- und Anwendung werde ich examplarisch an Beispielhänden darstellen.

 

Bisher gibt es speziell dazu noch keinen Artikel, aber da ich das Thema mit Beispielhänden erläutere, ist es eine Mischung aus Kolumne und Beispielhänden. Ich bin sehr interessiert, was Psychologie im Allgemeinen angeht und hoffe hiermit viele Leute erreichen und begeistern zu können.

 

 

Was ist überhaupt reverse Psychology?

 

Der Begriff klingt für viele sicher nicht auf Anhieb verständlich. Wie auch? Wann verwendet man schon diesen Ausdruck. Auf Deutsch übersetzt heisst reverse Psychology: umgekehrte Psychologie

 

Psychologie fachgemäß ausgedrückt:

Psychologie (aus griech. ψυχολογία, psychología wörtlich „Seelenkunde“; engl. „study of the mind“) bezeichnet die empirische Wissenschaft zur Beschreibung, Erklärung und Vorhersage des Erlebens und Verhaltens des Menschen, deren Entwicklung in der Lebensspanne, sowie deren inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen (c) Wikipedia


Was Psychologie ist, sollte nun klar sein aber wie kann ich die Psychologie denn umdrehen?


Mit jedem Handeln und Tun senden wir Signale an unsere Umwelt aus. Speziell natürlich an andere Menschen (beim Online Poker an die Menschen, die hinter dem PC sitzen versteht sich).

Das Ziel des Umdrehens (beim Poker) ist es nun, dem Gegner durch bewusstes Verhalten ein Signal zu senden, was gezielt falsche Informationen aussendet. Durch falsche Informationen und Interpretationen, möchte man den Gegner zu Fehlern forcieren.

 

Anschauliches Beispiel

 

Angenommen wir sitzen jetzt im Casino und spielen Live-Poker. Hier hat Mimik und Gestik natürlich eine viel größere Bedeutung, aber dem Unterschied mal zum Trotz.

 

Wir haben angenommen eine Hand die den Flop sehr gut getroffen hat. Wir haben z.B. ein Set getroffen. Wenn wir nun reverse Psychology anwenden, dann schauen wir nur ganz kurz auf den Flop und schauen wieder weg. Dieses Verhalten soll dem Gegner die Information geben: "Der ist nicht interessiert an diesem Flop, der hat nichts getroffen". Gemeint ist aber natürlich genau das Gegenteil.


Unser Ziel ist ganz klar: Wir möchten dem Gegner etwas unwirkliches suggerieren, um ihn zu Fehlern zu zwingen. Seine Fehler sind nämlich unser Profit / Geld.


Der große Vorteil ist, dass wir beim Gegner durch unser Verhalten ein Image erzeugen können, was den Gegner in zukünftigen Händen zu schlechten Plays verleitet. Zum Beispiel suggerieren wir ihm, wenn wir ganz neu am Tisch sind, indem wir in einer Hand einen pure Bluff durchziehen, dass wir unreasonable und overaggressive sind. Nun spielen wir aber wieder tight, aber das Image des Gegners wird sich sehr zeitverzögert anpassen und wir werden durch eine Hand viel mehr Value aus Madehands extrahieren können, weil der Gegner denkt, er würde erneut gebluffed werden und called somit sehr light down.


Der große Nachteil ist allerdings, dass smarte Gegner die wissen, dass wir diese Methode anwenden, die falschen Signale genau richtig interpretieren können und uns dann wohlmöglich austricksen.

 

Wie können wir diese (umgekehrte) Psychologie beim Pokern klassifizieren?

 

Im Kapitel 8 into the minds of your opponents - levels of thinking aus dem Buch "The Poker Mindset" von Taylor/Hilger werden die verschiedenen Level unterschieden und sind folgendermaßen definiert:

 


  • Level 0:
    What hand do you have

  • Level 1: What hand might your opponent have

  • Level 2: What does your opponent think you have

  • Level 3: What does your opponent think that you think he has

 

Die Level und die Gegner



Level 0
können wir den schlechtesten Spielern zuordnen. Um diese beim Namen zu nennen:


Callingstations, Maniacs, diverse LAGs


Besonders die ersten beiden Gegnertypen spielen sehr ICH-bezogen und spielen oft stur ihre Hand runter und denken gar nicht über die Gegnerhand nach. Sie sehen nur Ihre Hand in Verbindung mit dem Flop. Gegen diese Gegnertypen ist der psychologische Aspekt beim Pokern wenig zu Beachten.


Bei Level 1 fängt das Denken so langsam an, aber alleine über die Gegnerhand nachzudenken, macht einen natürlich noch nicht zum guten Handreader.


Ab Level 2 wird es interessant und wer sich anhand aller Variablen und besonders seinem Verhalten schonmal ein Bild über die Gegnerhand machen kann, der ist in der Regel ein Spieler, der Handreading betreibt. Wie gut ist natürlich eine andere Frage.


Sehr interessant ist jedoch Level 3, da der Gegner nun hier in der Lage ist, seine eigene Handstärke am Verhalten des Gegners festzumachen, da er zu wissen scheint, was ich über seine Hand denke und darauf angemessen reagieren wird.


Man kann dieses: "ich weiss was du denkst was ich denke was du denkst etc" natürlich unbegrenzt fortsetzen. Man kann ganz pauschal sagen: Wer im Denken einen Schritt voraus ist, der hat einen klaren Vorteil, jedoch geht das Levelthinking in der Regel nicht über Level 3 hinaus.


WICHTIG:


Das Levelthinking auf höheren Ebenen ist nur möglich, wenn beide Gegner übereinander wissen, dass sie thinking Player sind. Dies zu wissen, ist nicht einfach und wenn die Fluktuation auf dem Limit groß ist, dann weiss man natürlich nicht, ob dieses Kriterium erfüllt ist. Man sollte aber dennoch davon ausgehen, dass Gegner, die sich als TAGs auszeichnen, auch statistische Aufzeichnung via Pokertracker über uns führen und demnach wissen, dass wir auch ein TAG sind und tendenziell (je nach Limit natürlich) eher nachdenken als gedankenlos zu spielen.

 

Wie erkenne ich, auf welcher Ebene der Gegner denkt?

 


Zu Level 0 muss ich wohl nicht wirklich viel sagen. Wir kennen das ja alle. Wir betten z.B. auf einem A22 rainbow Board 3x und eine Callingstation zeigt uns am River K High. Sie wird über unsere Hand wohl gar nicht nachgedacht haben und hat deswegen 3 Bets gecalled, obwohl es offensichtlich ist, dass wir nach 3 Bets eine Madehand haben müssen. Zu den anderen Ebenen werde ich bei den Beispielhänden eingehen.

 

 

Vorab

 


GANZ WICHTIG ist die History. Wenn der Gegner uns in Hand 2 die letzten Hände oft beim Bluffen erwischt hat, dann sollten wir natürlich weniger bluffen, aber selbst dies hängt wieder davon ab, wie smart der Gegner ist und was er über uns denkt.

Es ist schwer herauszufinden, ob ein wirklich aufmerksamer Gegner der schnell adapten kann, erneut loose downcalled oder denkt: "Der kann doch nicht schon wieder bluffen in so einem aussichtslosen Spot, er hat dieses Mal wohl doch eine Madehand". Es kann also durchaus von Vorteil sein, das 3. Mal seinen Bluff doch durchziehen.

Genau weil diese Unsicherheit besteht, sollte man in solchen Spots keinen Fold finden, außer die Tabledynamik (besonders im HU) diktiert es. Poker ist natürlich streng mathemathisch aufgebaut, aber durch die psychologische Komponente des Spiels besteht auch ein sehr schmaler Grat zwischen Sein und Schein. Sind es nicht unter anderem die Analogien zum wahren Leben, die das Spiel so spannend machen? (Jetzt reichts aber mit dem Philosophieren)

Hand 1

Wir spielen gegen einen thinking ps.de TAG und er weiss auch wer wir sind.

 

5.00/10.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)


Preflop: Hero is BB with A, 5

3 folds, BU raises, SB folds, Hero calls.


Flop: (4.40 SB) T, T, 3 (2 players)

Hero checks, BU bets, Hero calls.


Turn: (3.20 BB) 7 (2 players)

Hero checks, BU bets, Hero calls.


River: (5.20 BB) 7 (2 players)

Hero checks, BU bets.


Final Pot: 6.20 BB

 

Wir sind nun im BB und defenden mit A5. Wir treffen einen verhältnismäßig guten Flop und check/callen natürlich nur, weil wir wa/wb sind mit unserem baby Ace mit showdown Value. Nun können wir selber noch keine genaue Aussagen über seine Range treffen, weil er ja nur contibettet. Der Gegner allerdings wird uns nach unserem check/call oft auf K oder A high readen. Mit jeder Madehand hätten wir eigentlich for value gecheck/raised.

 

Nun ist das Board am River double paired. Der Gegner wird auch hier oft seine gesamte Range erneut betten, in der Hoffnung, dass zumindestens nun K High einen Fold finden kann.

Wir können also immer noch keine genaue Aussage über seine Hand treffen und das sollte der Gegner auch wissen. Nach unserem erneuten Call am Turn sollte der Gegner aber wissen, dass wir fast immer Ace High halten und einen guten River erneut callen werden. Dieser River ist sehr gut. Das Board ist double paired und normalerweise check/callen wir in diesem Spot.

Wir wir jetzt erstaunlicherweise sehen, durchlaufen wir die verschiedenen Level in der Hand. Die bestimmen sich durch vorhandene Informationen und Notwendigkeit. Wenn er diesen Turn contibettet, kann man nicht von 3rd level thinking reden, da ich seine Range schlecht reduzieren kann, wenn man als Grundlage die BU Stealingrange festlegt.

 

Interessant ist hier der River. Wir checken natürlich erneut und der Gegner bettet. Nach seiner Bet ist es am River sehr hilfreich, den Gegner in eine Kategorie einordnen zu können.

Sprich: Wie klug ist der Gegner. Warum ist diese Frage so wichtig? Wenn der Gegner jetzt auf Level 2 denken würde und eigentlich weiß, dass ich Ace high bei dem River nicht folde, dann checkt er mit Trash behind und valuebettet seine guten Hände. Weiss er jedoch was ich über seine Hand denke, die sich durch mein passives Verhalten definiert (sehr oft A High), dann ergibt es für ihn durchaus Sinn, ein drittes mal zu bluffen.


Kurz gesagt: Wenn er weiss, dass ich hier fast immer A high check/calle, wieso sollte er dann mit einer schlechteren Hand den River betten? Demgemäß ist sein Bluff oft erfolgreich und wir folden die bessere Hand.

Er suggeriert uns, dass er eine Hand hat, die Ace high schlägt, in Wirklichkeit hat er aber auch oft genug eine Hand, gegen die wir noch vorne sind. Weil der Gegner versucht durch reverse Psychology den Pot zu kaufen, können wir in diesem Spot nicht folden und müssen oft callen, da wir häufig genug einen Bluff catchen werden oder splitten, da der Gegner denkt, wir callen gelegentlich noch Q-K High.


Angenommen wir callen jetzt den River und er zeigt uns Q High, dann wissen wir, dass er in der Lage ist, 3rd level thinking zu betreiben.

 

 

Hand 2

10.00/20.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)


Preflop: Hero is BU with T, 9

3 folds, Hero raises, SB 3-bets, BB folds, Hero calls.


Flop: (7.00 SB) A, 7, 8 (2 players)

SB bets, Hero calls.


Turn: (4.50 BB) K (2 players)

SB checks, Hero bets, SB calls.


River: (6.50 BB) 2 (2 players)

SB checks, Hero bets.


Final Pot: 7.50 BB


Hier sind wir am Button und spielen gegen den gleichen Gegner wie in Hand 1. Wir bekommen eine 3-Bet vom SB und sind nun Headsup. Wir treffen auf einem rainbow Flop einen OESD. Wir könnten sofort den Flop raisen, aber protecten können wir nicht, da er mit vielen Händen wie QJ KJ KQ erneut callen wird und Pocketpairs evtl sogar downcalled, weil wir das A oft wa/wb spielen oder erst am Turn raisen.

Dies ist natürlich auch sehr history bedingt. Wenn wir unsere Aces oft am Flop geraised haben gegen diesen Gegner, können wir auch Draws am Flop raisen. Jedenfalls callen wir den Flop nur und auf eine potentielle Scarecard am Turn checkt der Gegner aufeinmal.



Was glauben wir, was der Gegner hält?

In dieser Situation hält er wohl oft ein Pocketpair ala 33-66 99-QQ. Alternativ auch KQ KJ und möchte wa/wb weiterspielen. Zuletzt könnte er noch JTs QJs halten und möchte einfach nicht geraised werden, da er glaubt noch oft genug 10 Outs zu haben.



Was denkt der Gegner wohl über unsere Hand?

Wir an der Stelle des Gegners würden den Call wohl selten als Float, sondern am häufigsten als Madehand oder Draw interpretieren ala 97s+ 98s+ A2+ JT T9.


Der Gegner wird hier meistens check/callen oder check/folden. Uns ist relativ klar, dass wir den Gegner nicht für 1BB zum folden bringen werden und darum ist der Plan, jeden River erneut zu betten.


Die Frage ist nun, wie der Gegner unsere Bettingrange einschätzt am River. Ein lowpair würden wir behind checken. Die Range ist also häufig ein A und seltener ein missed Draw. Da der Gegner wissen sollte, dass wir ihn nach seinem cc auf ein schwaches Pair readen, suggerieren wir ihm mit der erneuten Riverbet, dass wir eine Hand haben, die besser ist als low oder midpair, was aber natürlich nur eine Täuschung ist.

 

Ich wünsche viel Spaß mit diesem Thema und hoffe ich konnte euch wieder etwas beibringen!