Aktualisiert am 12 März 26 von

Callingstations - Die verschiedenen Charaktere

Einleitung

Diese Woche möchte ich auf die verschiedenen Typen des Spielertyps "Callingstation" eingehen. Grobe Eigenschaften, die das Spiel einer Callingstation auszeichenen sind bekannt, aber Callingstation ist nicht gleich Callingstation. Anhand eines Tablereads oder auch der Stats kann man deutliche Unterschiede in der Spielweise erkennen. Diese Unterschiede sind sehr wichtig und haben großen Einfluss auf unser Spiel.

1) Die "vermeintliche" Callingstation

Die vermeintliche Callingstation, die vom Wesen auch eher passiv gesinnt ist, aber auch zu Bluffs in der Lage, zeichnet sich in der Regel durch folgende Stats aus:

(50/6/0,9/47)

Wenn man nur vom AF ausgeht, kann man diesen Spielertyp als Passiv einstufen, aber in Relation zu seinem Vpip und seinem WTS, ist er ganz und gar nicht so passiv, wie es der AF isoliert betrachtet vorgeben mag. Er raised zwar nicht so oft wie andere mit mehr AF, aber bringt sehr viele schlechte Hände (siehe vpip) zum Showdown und ist in der Regel auch blufflastig am River. Der AF ist immer in Relation zu VPIP und WtS zu betrachten und in dieser Kombination ist er keine stilechte Callingstation. Der Gegner hat oft einen niedrigen AF an Flop und Turn, dafür aber häufig einen abweichend hohen River AF. Das liegt einfach daran, dass er mit sehr vielen schlechten Händen vergeblich hofft am River noch zu treffen, wenn er dann aber UI ist und wir zu ihm checken, sieht er dann oft eine Chance den Pot zu stealen. Man sollte hier explizit auf den River AF schauen, um in Erfahrung zu bringen, wir groß seine Bluffwahrscheinlichkeit ist. Tendenziell blufft so ein Gegner aber sehr häufig UI am River.

Auf psychologischer Ebene aus Sicht des Gegners, könnte man ihn mit folgenden Gedanken beschreiben:

  • Ich spiele meine Draws und Madehands auch lieber passiv und raise nur, wenn sich wirklich eine gute Gelegenheit ergibt (Semibluff bei Scarecard am Turn z.B.).
  • Ich habe bis zum River die Chance noch etwas zu treffen und nutze diese auch. Ich könnte mit Q High ja auch noch vorne sein, weil der Gegner garnichts hat (verkehrt zu den Eigenschaften in Beispiel 3) ).
  • Ein Check vom Gegner am River ist Schwäche und nun wird er seine Hand sicher aufgeben, wenn ich bette.

5.00/10.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)

Preflop: Hero is SB with K, Q
4 folds, Hero raises, BB calls.

Flop: (4.00 SB) 7, 6, 2 (2 players)
Hero bets, BB calls.

Turn: (3.00 BB) J (2 players)
Hero bets, BB calls.

River: (5.00 BB) 6 (2 players)
Hero checks, BB bets, Hero calls.

Final Pot: 7.00 BB

Hier ist ein sehr gutes Beispiel. Wir betten als default gegen einen passiven Gegner den Flop und den Turn. Am River kommt kein Draw an und in diesen Situationen sollten wir auch mit K High den River check/callen. Ein check/fold kommt gegen diesen Gegner normal nicht in Frage, da er oft seine gesamte Range UI betten wird (außer a High oder die 2 oder ähnliche weake Hände). Seine Callingrange am Turn ist oft einfach so riesig, dass wir am River häufig vorne liegen. Any Straightdraw, Flushdraw, K und Q High Hände, manchmal totalen nonsense wie 94 oder sowas. Es ist sowieso egal, ob wir K oder A High halten, da er entweder eine Madehand hat oder einen pure Bluff mit einer hopeless Highcard.

2) Die "wirkliche" Callingstation

Wirklich bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sie wirklich die Eigenschaften besitzt, die eine typische CAllingstation ausmachen. Absolut passives Spiel, starke Hände auch nur callen, zu oft zum Showdown gehen und nie bluffen. Von den Stats her könnte dieser Gegner so aussehen:

(40/5/0,5/40)

Hier muss man auch nochmal beim WTS unterscheiden. Es gibt Callingstations, die klar zuviel chasen, aber auch mal folden können, wenn die Situation einfach aussichtslos ist. Diese Eigenschaft kann man von Gegner 1) nicht behaupten. Die Eigenschaft des nie Bluffens ist aber beiden trotzdem gemein.

Auf psychologischer Ebene aus Sicht des Gegners, könnte man ihn mit folgenden Gedanken beschreiben:

  • Ich möchte so günstig wie möglich zum Showdown, um so wenig wie möglich zu verlieren (Die Ultracallingstations wollen immer nur den Verlust minimieren, aber keinesfalls +EV Situationen durch Bets und Raises ausnutzen).
  • Der Gegner hat sicher eine bessere Hand, drum sollte ich nicht raisen, aber den Showdown möchte ich schon gerne sehen mit meiner Madehand (Hier herrscht natürlich auch wieder die Angst schon hinten zu sein, aber hier ist das Syndrom nicht so schlimm wie beim Gegner in Beispiel 3) ).
  • Wieso sollte ich betten, wenn ich nichts getroffen habe? Ein Check vom Gegner ist sicher oft eine Falle und er möchte mich raisen.

    a)

    5.00/10.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)

    Preflop: Hero is BB with Q, 9
    2 folds, CO calls, 2 folds, Hero checks.

    Flop: (2.40 SB) A, K, 6 (1 players)
    Hero checks.

    Final Pot: 1.20 BB

    Hier spielen wir gegen den in 2) gezeigten Gegnertyp. Wir haben Q9 im BB gecheckt, nachdem der Gegner vom CO gelimpt hat und BU + SB gefoldet haben. Wie schon gesagt, kann der Gegner auch mal am Flop folden und called nicht mit any2 den Flop. Wir sollten uns gegen diesen Gegner die folgende Faustregel hinter die Ohren schreiben:

    Hände mit Showdownvalue runterchecken, da wir die UI "Nuts" haben (QT QJ sind die einzigen besseren UI Hände) sozusagen und der eh nicht bluffed, wenn wir checken und wir natürlich auch keine bessere Hand zum folden bringen durch eine Bet. Wir sollten hier wirklich nur hopeless Hands, wie 7 High, betten oder natürlich unsere Madehands for value/protection. Gegen eine chronisch passive Callingstation mit 45 WTS oder mehr, sollten wir gar nicht betten und UI die Hand runterchecken.

    b)

    Als default betten wir eigentlich immer Flop und Turn gegen so einen Gegner. Am River stehen wir dann manchmal da und wissen nicht, ob wir unser lowpair top Kicker nochmal valuebetten sollen oder doch lieber cc cf oder cb IP spielen sollten. Man kann die Range des Gegners einfach schwer einschätzen, da solche ultrapassiven ein Overpair auch oft passiv spielen. Wenn wir am Flop ein Midpair mit gutem Kicker haben und durch Overcards das Midpair zum lowpair wird, sollten wir fast immer nochmal betten, da seine Range am Flop öfter eine schlechtere Hand ist als eine bessere. Beispiel:

    5.00/10.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)

    Preflop: Hero is BU with K, 7
    2 folds, CO calls, Hero raises, 2 folds, CO calls.

    Flop: (5.40 SB) 7, 4, J (2 players)
    CO checks, Hero bets, CO calls.

    Turn: (3.70 BB) Q (2 players)
    CO checks, Hero bets, CO calls.

    River: (5.70 BB) 2 (2 players)
    CO checks, Hero bets.

    Final Pot: 6.70 BB

    Hier haben wir am River eine Valuebet mit midpair, was zum lowpair geworden ist. Wir müssen aber seine Floprange ins Auge fassen und sollten dann erkennen, dass er öfter eine schlechtere 7, eine 4, ein Pocketpair oder gar Ace High hält. Ich denke man kann bei lowpair mit medium Kicker die Grenze bei der Valuebet ziehen. Mit 67 sollten wir uns eher den Free SD genehmigen, als zu betten.

    WICHTIG:

    Aggression ist nicht nur am AF abzulesen und ein Gegner mit den obrigen Stats ist oft auch jener, den man nicht selten beim Tilten sieht und man denkt, man spiele gegen einen Maniac. Man muss den Gegner im gesamten sehen und Gegner mit 50 vpip und 47 WTS haben einfach null Spielverständnis und kommen viel eher mal auf den Gedanken, einen hopeless Bluff zu starten. Solche Gegner denken einfach oft nicht nach und denken sie könnten den Gegner doch mit einer weiteren Erhöhung von der Hand drängen, obgleich wir eine starke Hand anzeigen durch eine 3bet z.B. Man muss von solchen Spielern immer schnellstmöglich einen Tableread aufschnappen, da sich durch Varianz, Spieldynamik und einen unaussagekräftigen Read ein vermeintlich passiver aufeinmal zum Maniac avanciert.

    Die erste Frage in der Beurteilung der Aggression muss also oft folgende sein:

    Ist der Gegner vom gesamten Erscheinungsbild (Stats) reasonable oder unreasonable?

    Von dieser Antwort lässt sich nämlich viel besser ableiten, ob der Gegner zum Moven fähig ist oder nicht.

    Hoffe der kleine Ausflug in den Geist der Callingstation hat euch gefallen. Ich werde versuchen, so etwas auch noch für die anderen Gegnertypen zu erstellen. 🙂