Exploit von weaken Gegnern
„
Einleitung
When you’re really on your game, you can look your opponent in the
eye, and you know if you got him - or you know if he’s got you.” (Doyle
Brunson)
Beim Online Poker haben wir leider nicht die Möglichkeit, unserem
Gegner in die Augen zu schauen, um die Stärke seiner Hand zu erkennen.
Trotzdem hängt die optimale Spielweise unserer Hand sehr stark davon
ab, wie genau wir die Spielweise des Gegners kennen und anhand dessen
die Handrange möglichst eng eingrenzen können. Neben den numerischen
Stats kann es ein großer Vorteil sein, zu wissen an welchen Stellen der
Gegner Schwachpunkte besitzt, damit wir diese maximal ausnutzen können.
Dies möchte ich diese Woche anhand eines Beispiels erläutern.
Hand 1
0.50/1.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is BB with K
3 folds, BU raises, SB folds, Hero calls.
Flop: (4.50 SB) 6


Hero checks, BU bets, Hero calls.
Turn: (3.25 BB) K
Hero checks, BU checks.
River: (3.25 BB) T
Hero bets, BU calls.
Final Pot: 5.25 BB
Hero shows [ K

BU shows [ A

In der ersten Hand verteidigt Hero seinen Big Blind gegen einen Stealraise vom Button. Da Hero sich gerade erst an den Tisch gesetzt hat, ist dies die erste Hand und Button ist ein bisher unbekannter Spieler. Wir gehen daher zunächst davon aus, dass Villain hier mit einer normalen Range openraist und entscheiden uns den BB passiv zu verteidigen.
Den Flop haben wir leider verfehlt und halten lediglich zwei gute Overcards zum Board und einen Backdoor Flushdraw. Dennoch liegen wir gegen die Range von Button noch häufig vorne und können die Hand am Flop nicht direkt aufgeben. Da das Board keine Scarecard bietet haben wir allerdings wenig Foldequity gegen stärkere Hände und sollten weiterhin passiv bleiben. Hero entscheidet sich also, die Continuation Bet nur zu callen.
Am Turn treffen wir den König und improven zu Top Pair. Wir liegen nun gegen Villains Stealrange weit vorne und müssen überlegen, wie wir den meisten Value mit dieser Hand gewinnen. Hero entscheidet sich hier für den Checkraise, weil der Pot noch sehr klein ist und Villain mit schwächeren Händen maximal 3 Outs halten kann. Weiterhin wird Villain die Scarecard oft nutzen, um eine letzte Barrel mit seinen hoffnungslosen Händen zu feuern oder Pockets sowie Ace high gegen viele mögliche 6-Outer zu protecten, denn mit diesen Händen muss er sich nach der passiven Spielweise von Hero noch sehr oft vorne sehen. Leider schlägt der Plan fehl, weil Villain den Turn überraschend behind checkt.
Am River improven wir zwar zu 2-Pair, hätten aber natürlich ohnehin eine klare Valuebet gehabt. Villain callt die Bet und verliert den Showdown mit AT für 2nd Pair.
Welche Rückschlüsse können wir nun aus der gespielten Hand gewinnen und wie sollte sich unser Read auf das eigene Spiel auswirken? Zunächst ist es wichtig festzuhalten, dass eine einzelne gespielte Hand noch keinen fertigen Read ausmacht, aber wir haben zumindest einen Anhaltspunkt, dass der Gegner die Stärke der eigenen Hand in Relation zum Board schlecht einschätzen kann und offensichtlich am Turn zu passiv spielt. Falls sich der Read aber festigt, sollten wir unser eigenes Spiel gegen diesen Gegner in zwei wesentlichen Punkten optimieren:
1.)Wir können am Flop auch mit schwächeren Händen weiterspielen. Sollten wir gegen diesen Gegner in Zukunft vor einer knappen Entscheidung am Flop stehen, so können wir auch mit weakeren Händen noch callen, weil wir für eine Small Bet häufiger zwei Karten zu sehen bekommen. Wir haben dadurch eine größere Chance, eines unserer Outs zu treffen und können daher auch bei ungünstigeren Odds in der Hand bleiben.
2.)Sollte sich bestätigen, dass Villain auch mit schwachen Händen die Scarecard nicht zum bluffen nutzt, so müssen wir ihm für seine Turnbets mehr Credit geben. Wenn wir uns also in einer knappen Entscheidung am Turn wiederfinden, sollten wir eher in Richtung Fold tendieren.
Hand 2
0.50/1.00 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is BB with 7
3 folds, BU raises, SB folds, Hero calls.
Flop: (4.50 SB) 9


Hero checks, BU bets, Hero calls.
Turn: (3.25 BB) 6
Hero bets, BU raises, Hero 3-bets, BU calls.
River: (9.25 BB) A
Hero bets, BU calls.
Final Pot: 11.25 BB
In der zweiten Beispielhand spielt Hero wieder gegen einen Stealraise des gleichen Spielers. Unsere Hand ist zwar aufgrund fehlender Highcards nicht sonderlich stark, wir können aber gute Flops treffen und haben selten schwere Entscheidungen nach dem Flop. Da wir den Gegner als eher passiv einstufen, haben wir natürlich geringere implied Odds, dafür erhöht sich die Playability unserer Hand. Insgesamt reicht die Hand hier für einen knappen Defend.
Am Flop treffen wir auf zwei Overcards zu unserer Hand und bis auf einen Gutshot sowie einen Backdoor Flushdraw können wir dem Flop nicht viel Gutes abgewinnen. Ein Semibluff kommt auf diesem Flop nicht in Frage, weil massig Draws möglich sind und Villain seine Hand selten direkt aufgeben wird. Gegen aggressivere Gegner sollten wir die Hand daher am Flop aufgeben, weil wir kaum saubere Outs haben und nur wenige Turnkarten überhaupt weiterspielen können. Obwohl wir gegen die Stealrange des Gegners ausreichend Equity hätten, werden wir diese nur selten zum Showdown bringen können.
Gegen diesen Gegner sieht die Situation nun anders aus, denn wir wissen, dass er dazu neigt, den Turn zu weak zu spielen. Wir bekommen daher für den Preis einer Small Bet manchmal zwei Karten zu sehen. Falls sich der Gegner unseren missglückten Checkraise aus der vorhergehenden Hand gemerkt hat, wird ihn das natürlich nur noch stärker motivieren, den Turn behind zu checken. Insgesamt können wir gegen diesen Gegner den mäßigen Flop nochmal loose callen.
Der Turn bringt Hero die Traumkarte, er trifft die Straight. Da wir bereits den Read haben, dass unser Gegner den Turn nicht so häufig betten wird, müssen wir hier direkt selbst betten. Es sind viele Redraws gegen unsere Hand möglich und wir wollen keine Freecard verteilen. Außerdem halten wir mit den 2nd Nuts eine Hand, die locker stark genug für eine 3-Bet ist, daher steht die optimale Linie für Hero außer Frage: Bet/3-Bet Turn, Valuebet River.
Fazit
Die Kenntnis der Spielweise unserer Gegner kann die Wahl der eigenen Linie stark beeinflussen. Table Reads können und sollten daher besonders in marginalen Situationen für die Entscheidung genutzt werden. Interessant kann es also sein, in welchen Spots der Gegner weak spielt, wann er aggressiv ist und wann er anfällig für Bluffs ist – nicht zuletzt auch welchen Read der Gegner auf uns hat. Um diese Informationen zu sammeln, müssen wir natürlich nicht selbst in der Hand sein, sondern sollten die Action auch dann im Auge behalten, wenn wir selbst nicht involviert sind.
Ich wünsche euch viel Spaß mit den Händen und freue mich über konstruktive Diskussionen. Welche Reads sind euch besonders wichtig und wie nutzt ihr die zum exploiten der Gegner?