Wenn passive Spieler Action machen
Einleitung |
von tagwandler |
Passive Gegner sind im Allgemeinen sehr friedliche Zeitgenossen. Sie bluffen fast nie, spielen selbst ihre starken Draws selten aggressiv und holen zu wenig Value aus ihren starken Händen. Man findet sich gelegentlich in der Situation wieder, dass man selbst durchgehend mit der zweitbesten Hand für den Gegner Valuebets gemacht hat, aber auch das ist kein Grund sich zu ärgern, denn gegen aggressive Spieler hätten wir mit der gleichen Hand vielleicht deutlich mehr verloren. Entsprechend müssen wir passiven Spielern aber auch mehr Credit geben, wenn sie betten oder raisen. Um die Stärke der eigenen Hand angemessen beurteilen zu können, gibt es wichtige Punkte zu beachten, von denen ich einige diese Woche besprechen werde.
Hand 1
MP2 (38/3/0.3/40)
0.15/0.30 Fixed-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is MP3 with T
4 folds, MP2 calls, Hero raises, CO folds, BU calls, SB folds, BB calls, MP2 calls.
Flop: (8.47 SB) 9


BB checks, MP2 bets, Hero raises, 2 folds, MP2 calls.
Turn: (6.23 BB) A
MP2 checks, Hero bets, MP2 calls.
River: (8.23 BB) 8
MP2 checks, Hero bets, MP2 raises, Hero folds.
Final Pot: 11.23 BB
In der ersten Hand raist Hero seine Hand aus mittlerer Position nach einem Limper. Er bekommt einen Coldcall vom Button und auch der Big Blind sowie der Limper bleiben in der Hand. 4-handed ist ein mittleres Paar natürlich sehr angreifbar, daher wird Hero die Hand postflop mit Vorsicht spielen müssen.
Der Flop ist sehr gut für unsere Hand: Wir halten ein Overpair zum Board und es sind sind kaum Draws möglich. Die Donkbet von MP2 wird selbstverständlich direkt geraist, um den Rest des Feldes mit zwei Bets zu konfrontieren und viele mögliche 6-Outer zum folden zu bringen. Auch wenn MP2 recht passiv zu sein scheint, müssen wir uns hier noch gegen viele 1-Pair Hände vorne sehen.
Der Turn ist suboptimal und wir stehen zum ersten Mal in dieser Hand vor einer Entscheidung: Bet Turn oder Check behind? Hier ist die Entscheidung aber nicht besonders schwer. Unsere Hand ist stark genug für eine doppelte Valuebet auf Turn und River, wir müssen gegen zahlreiche Mögliche Outs protecten und wir haben keine schwere Entscheidung auf einen Checkraise des Gegners. Dieser Gegner ist sehr passiv und wird uns hier kaum mit einer schwächeren Hand bluffen, wir können also auf Checkraise einen guten Fold finden. Hero entscheidet sich daher für Value und Protection zu betten und der Gegner callt.
Der River bringt keine weitere Overcard zu unserer Hand und wir müssen uns hier oft genug noch vorne sehen. Es gibt zahlreiche schwächere Hände (9x, 7x, Pocketpaare), mit denen Villain uns noch ausbezahlen wird. Falls der Gegner am Flop einen OESD hatte, dann hält er nur ein Paar und wird uns ebenfalls noch häufig auszahlen. Lediglich ein möglicher Gutshot Straightdraw ist angekommen, aber insgesamt ist dieser River sicher genug, um eine weiter dünne Valuebet zu platzieren. Auf den Checkraise des Gegners sollten wir unsere marginale Hand dann aber auch aufgeben können, weil wir dann viel zu oft gegen 2-Pair oder die Straight unterwegs sind und ein crying Call trotz der Potgröße nicht profitabel ist.
Hand 2
UTG (15/4/0.3/32)
0.15/0.30 Fixed-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is BU with T
UTG raises, 5 folds, CO calls, Hero calls, SB folds, BB 3-bets, UTG caps, CO calls, Hero calls, BB calls.
Flop: (16.47 SB) A


BB checks, UTG bets, CO calls, Hero raises, BB folds, UTG calls, CO calls.
Turn: (11.23 BB) K
UTG bets, CO folds, Hero calls.
River: (13.23 BB) 7
UTG bets, Hero raises, UTG 3-bets, Hero caps, UTG calls.
Final Pot: 21.23 BB
In der zweiten Hand wird Hero auf dem Button mit einem Raise eines passiven Spielers aus früher Position und einem Coldcaller konfrontiert. Seine Hand liegt gegen die Range des UTG sicher deutlich hinten, lässt sich aber in einem multiway Pot sehr gut in Position spielen. Neben dem Coldcaller wird häufig noch mindestens einer der Blinds in die Hand einsteigen, und man kann um einen großen Pot spielen, wenn man einen guten Flop trifft. Die 3-Bet des BB zeigt bereits sehr viel Stärke und nach dem Cap von UTG können wir uns sicher sein, gegen Premiumhände zu spielen. Wegen der hohen implied Odds sollte man sich 4-handed dennoch den Flop anschauen.
Wie erhofft, treffen wir einen recht guten Flop und haben mit dem Flushdraw nun eine gute Chance, die Hand zu gewinnen, denn der Flushdraw wird mit einen Wahrscheinlichkeit von etwa 35% bis zum River ankommen. In Position kann man diesen Flop trotz der starken Preflop Action sehr gut raisen, weil der Raise für Value ist, wenn mindestens zwei Leute callen, und wir die Chance auf eine Freecard haben, falls UTG eine Hand wie KK oder QQ hält. Man kann hier auch callen, um den Big Blind in der Hand zu halten, aber wegen der möglichen Freecardoption am Turn ist ein Raise hier knapp besser, auch wenn wir nicht auf die Nuts drawen. Die erhoffte Freecard erhalten wir am Turn zwar nicht, aber wir haben natürlich dennoch einen leichten Call nach Odds und Outs.
Am River treffen wir unseren Flush und raisen für Value mit der wahrscheinlich stärksten Hand. Wie gehen wir nun mit der 3-Bet von Villain um? Einige Spieler würde hier nur callen, weil sie bei dem passiven Spieler den stärkeren Flush vermuten. Hier ist das allerdings ein Fehler, denn dieser Gegner hat keine Hände, die uns schlagen, in seiner Preflop Range. Selbst K

Hand 3
BU (28/4/0.9/35)
0.15/0.30 Fixed-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is UTG+1 with Q
UTG folds, Hero raises, 5 folds, BU calls, SB calls, BB calls.
Flop: (8.00 SB) T


SB checks, BB checks, Hero bets, BU raises, 2 folds, Hero 3-bets, BU calls.
Turn: (7.00 BB) 5
Hero bets, BU calls.
River: (9.00 BB) J
Hero bets, BU raises, Hero calls.
Final Pot: 13.00 BB
In der dritten Hand raist Hero ein Paar Damen aus früher Position und bekommt drei Caller. Er trifft wieder einen guten Flop und contibettet sein Overpair auf einem recht trockenen Board. Nach dem Raise des passiven Buttons entsteht eine Headsup Situation. Wir müssen uns mit dem Overpair auch gegen den passiven Spieler noch quasi immer vorne sehen und sollten überlegen, wie wir den größten Value mit unserer Hand gewinnen können. Eine Möglichkeit wäre es, den Flopraise nur zu callen und einen Checkraise am Turn zu versuchen. Ohne Position ist es jedoch ratsam direkt den Flop zu 3-betten und die Initiative zu erhalten, um keine Freecard am Turn zu riskieren.
Am River kommt nun der Flushdraw an und der Gegner raist erneut. Im Gegensatz zu Hand 1, können wir diese Hand allerdings nicht aufgeben. Zum einen ist die Hand in Relation zum Board selbstverständlich viel stärker, und selbst ein sehr passiver Spieler könnte hier noch einige schwächere Hände raisen. Es ist bei diesem Spielertyp seltener, dass er seinen Flushdraw am Flop aggressiv spielt, daher wird er am River auch nur selten den Flush halten. Da das Board paired ist, schlagen wir am River noch alle 2-Pair Hände (wie etwa JT) und haben daher noch einen leichten Call
Hand 4
MP1 (31/5/0.7/41)
0.15/0.30 Fixed-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is MP3 with A
2 folds, UTG+2 calls, MP1 calls, MP2 folds, Hero raises, 3 folds, BB calls, UTG+2 calls, MP1 calls.
Flop: (8.47 SB) A


BB checks, UTG+2 checks, MP1 checks, Hero bets, BB calls, UTG+2 calls, MP1 calls.
Turn: (6.23 BB) 8
BB checks, UTG+2 checks, MP1 checks, Hero bets, BB calls, UTG+2 calls, MP1 raises, Hero folds, BB calls, UTG+2 calls.
River: (13.23 BB) A
BB checks, UTG+2 checks, MP1 bets, 2 folds.
Final Pot: 14.23 BB
In der vierten Hand raist Hero AK aus mittlerer Position nach zwei Limpern und bekommt Calls von Big Blind und den beiden anderen Spielern. Er trifft Top Pair auf einem sehr drawlastigen Board und macht seine Contibet. Sollten wir auf diesem Board einen Checkraise bekommen, so können wir in aller Regel weiter erhöhen, um maximalen Value von den zahlreichen Draws und schwächeren Made Hands zu bekommen.
Die Turnkarte ist nicht besonders gut für unsere Hand. Ein möglicher Straightdraw kommt an, außerdem ist das Board nun stark connected, was auch 2-Pair Hände sehr wahrscheinlich macht. Nachdem alle Spieler zu uns checken, müssen wir uns dennoch vorne sehen und den Turn erneut für Value und Protection zu betten. Wir bekommen hier noch Calls von jedem A, jedem Flushdraw, jedem J und oft genug von noch schwächeren Händen.
Nachdem der passive MP1 allerdings das ganze Feld am Turn checkraist, müssen wir uns klar hinten sehen und können unsere Hand direkt aufgeben. Im besten Fall haben wir hier noch ein paar Outs gegen mögliche 2-Pair Hände, die wir aufgrund des Flushdraws allerdings stark discounten müssen. Viel zu oft haben wir aber gar keine Outs mehr und sind drawing dead gegen die Straight oder ein Set. Da MP1 ohnehin sehr passiv ist und 4-handed auch überhaupt keine Foldequity hat, können wir einen Bluff oder Semibluff sicher genug ausschließen, um selbst den großen Pot aufzugeben.
Fazit
Das Spiel gegen passive Spieler ist grundsätzlich sehr angenehm. Wir bekommen vernünftigen Value mit unseren starken Händen, weil die Gegner viel callen, wir kommen mit unseren marginalen Händen günstig zum Showdown, weil die Gegner wenig Action machen, und wir können meist billig drawen, weil wir reichlich Freecards geschenkt bekommen. Wenn wir dennoch Action bekommen, dann müssen wir die relative Stärke unserer Hand kritisch beurteilen. Um realistisch einschätzen zu können, ob wir noch vorne liegen oder nicht, sollte man aber grundsätzlich den gesamten Verlauf der Hand berücksichtigen. Wenn es der Verlauf der Hand hergibt, dann braucht man nicht zwingen die Nuts, um gegen passive Spieler für Value cappen zu können. Hingegen sollte man auch starke Hände aufgeben können, wenn man sicher geschlagen ist.
Viel Spaß mit den Händen. =)