No Tilt Teil 2
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| » KOLUMNE |
No Tilt Teil 2
von MiiWiin
In der vergangenen Woche (zum ersten Teil der Artikelserie) haben wir uns dem Thema „Tilt“ gewidmet und vorbeugende Maßnahmen aufgezeigt, wie wir diesen verhindern können. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Vorbereitung und Einstellung sowie der Tableselection.
Heute werden wir uns der „Down-Regel“ zuwenden, sowie die Problematik des Bankroll-Managements und deren Auswirkungen auf unser Tilt-Verhalten ansprechen. Auch einigen weiteren Faktoren werden wir Beachtung schenken.
Noch eimal der Hinweis: In der Psychologiesektion findet ihr eine
fünfteilige Artikelserie zum Thema Tilt vom psychologischen Berater und
Dozenten Robert Langer: zur Psychologiesektion
| FESTE DOWN-REGEL |
Sollte man sich bewusst sein, dass man durchaus einem Tilt verfallen kann, so hilft es häufig, sich einen Minus-Wert zu setzen, bei dem man die Tische verlässt.
Dies hat nicht mit irgendwelchen Swings zu tun: „Heute ist nicht mein Tag, ich habe nur Pech…“ zählt da natürlich nicht.
Wenn man in der Lage ist, den Tilt zu beherrschen, kann man natürlich auf diese Regel verzichten. Aber wer will sich von dieser Problematik grundsätzlich freisprechen?
Anwendbar finde ich eine „3-Stacks-Down-Regel“. Auch wenn dies sehr konservativ klingt und mich selber nicht als großen Tilter ansehe, beherzige ich diese Regel. Sollte ich in einer Session mehr als 3 Stacks down sein, beende ich die Session!
Die Frage ist dabei auch nicht, ob ich heute einfach schlecht spiele oder Pech habe. Natürlich kann ich gleich zu Beginn meiner Session mit Kings in Aces laufen, Set over Set verlieren und im reraised Pot mit TopTwo gegen eine Straight broke gehen. Durchaus kann ich der Meinung sein, alle Hände optimal gespielt zu haben. Ich weiß, dass es böse Set-ups oder Bad Beats waren. Dagegen bin ich natürlich machtlos, ich weiß es auch einzuschätzen und mir ist bewusst, dass dies zum Pokern dazugehört.
Was ich mich aber frage: Wie verliere ich meinen 4. oder 5.Stack? Auch wenn ich dreimal trotz optimalem Spiel nur Pech hatte, spiele ich bei der 4.Entscheidung noch mein A-Game? Lasse ich mich dadurch beeinflussen, dass ich 3 Stacks down bin? Fange ich an, marginale Situationen zu overplayen? Will ich mein Glück erzwingen? Was spricht dagegen, die Session abzubrechen, die Hände noch einmal zu analysieren und zu späterer Stunde mit frischem Elan wieder von vorne zu beginnen?
Es ist schwer, nach drei solch harten Stack-Verlusten noch sein absolutes A-Game zu bringen. Vielleicht ist es auch kein offensichtlicher Tilt, es können marginale Preflop-Entscheidungen sein, die ich komplett tiltfrei anders getroffen hätte. Und schon befindet man sich in unnötig schweren Situationen und der Stack ist abermals dezimiert.
Wie häufig hört man, dass man in einer Session so viel Pech hatte, fügt seine Hände dazu und bemerkt am Ende selber, dass der letzte vielleicht durch Tilt drauf gegangen ist. Spätestens bei dieser Selbsterkenntnis sollten die Alarmglocken klingen. Wenn ich nur einen Stack pro Woche durch Tilt verlieren, wie arg wirkt sich dass auf meine Winrate aus? Mathematische Beispiele wollen wir uns ersparen, es kann ja jeder mal für sich selber ausrechnen. Sollten wir nicht alles tun, solche Situationen zu vermeiden!?
Sollte man in seinem eigenen Spiel Parallelen erkennen und sei es nur, dass eine Session, die man mit 3 Stacks down begonnen hat, am Ende einen bis zwei weitere Stacks kosteten, man sich aber selten wieder hochgekämpft hat, so ist die Einhaltung einer solchen Regel vielleicht Gold wert.
Doch nicht nur während einer Session kann diese Regel einem vor bösen Downs bewahren. Sie gibt auch im Vorfeld schon einiges an Sicherheit. Wie häufig hat man schon gelesen, dass Leute eine 10-Stacks-Down-Session hatten und nun völlig paralysiert sind? Wer das noch nie gelesen hat, sollte einfach mal einen Blick in die Sorgenhotline riskieren.
Abgesehen davon, dass ich meistens nicht glaube, dass ein 10-Stacks down einzig und allein auf Pech zurückzuführen ist, da einfach zu häufig Abweichungen vom A-Game sowie nicht mehr konzentriert gefällte Entscheidungen dieses Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit negativ beeinträchtigt haben, so habe ich für mich persönlich die Sicherheit, dass mir so was nie passieren kann.
Nicht, weil ich mich als guten Spieler ansehe. Auch nicht, weil ich der Meinung bin, tiltresistent zu sein. Ich höre nach 3 Stacks einfach auf!
Ich weiß im Vorfeld: Das schlimmste, was mir passieren kann, ist ein Verlust von etwas über drei Stacks (wenn wir es nun mal mathematisch betrachten, sind natürlich auch vier Stacks möglich, da ich ja erst bei mehr als drei Stacks Verlust den Tische verlasse).
Theoretische Gedanken, ich könnte an einem schlimmen Tag einen Großteil meiner BR verspielen, existieren nicht. Es ist eine Art Selbstschutz, die mir persönlich aber gut tut.
Ebenso verfällt man nicht in Versuchung, schon bei einem einzigen Stackverlust einen Tiltcall zu machen. Nehmen wir einfach mal an, ich habe nur zwei Hände verloren und merke schon, wie es in mir anfängt zu brodeln. Ich weiß, wenn ich jetzt noch mal einen Stack verliere, muss ich die Session beenden. Natürlich sehe ich es für mich als eine Art der Bestrafung an. Eine Session nach nur ein paar Händen beenden zu müssen, ist für mich keine feine Sache (nur eine notwendige). Ich werde also auch meinen dritten Stack nie und nimmer leichtsinnig aufs Spiel setzen. Diese Regel hat mich gelehrt, nie einen Stack leichtsinning und unnötig aufs Spiel zu setzen. Ich werde zu meinem A-Game gezwungen! Und bin ich dennoch nicht in der Lage dazu, konzentriert weiter zu spielen, greift die Regel und ich gehe mit drei Stacks aus der Session raus.
Sollte Spieler diese Problematik in ihrem eigenen Spiel wieder erkennen, kann ich nur empfehlen, es einmal auszutesten. Müsst ihr durch einen kleinen Tilt die Session früh abbrechen, wollt ihr das unter keinen Umständen durch eigene Schuld noch einmal herbeiführen.
| DAS BANKROLLMANAGEMENT |
Das Bankrollmanagement (BRM) ist einer der grundlegenden Vorraussetzungen, um ein erfolgreicher Pokerspieler zu werden. Die größten Pokerfähigkeiten nützen nichts, wenn man broke geht, da man sein ganzes Geld in einen einzigen Coinflip investiert hat. So krass ist das natürlich nahezu nie, aber in abgestuften Formen kommt dies leider ziemlich häufig vor.
Auch hier wollen wir natürlich nicht auf Mathematik oder ähnliches eingehen, sondern uns anschauen, was das BRM mit unserem Tilt zu tun hat. Ein alltäglicher Rat lautet: Wer tiltanfällig ist, sollte ein sehr konservatives BRM betreiben. Diese Aussage ist mit Sicherheit nicht falsch, aber auch nicht so allgemeingültig wie man vermuten könnte.
Wir gehen bei diesem Thema von einem „Normal-Tilt“ aus, der nun jedem mal passieren kann. Hier schützend vorzubeugen, sollte unser Ziel sein. Ich kann hier jetzt nicht jedem raten, ein 50-Stacks-BRM zu verfolgen, in der Hoffnung, alle wären nun tiltfrei.
Grundsätzlich leuchtet es einem natürlich ein, dass bei einem sehr konservativen BRM der Verlust eines Stacks nicht so schmerzt wie bei einem sehr aggressiven BRM. Die Frage die ich mir stellen muss: Beeinflusst mein BRM meine Entscheidungen an den Tischen?
Die Unterschiede zwischen einem konservativen und einem aggressiven BRM sind klar: Bei einem aggressiven gehe ich schnell die Limits hoch, wenn es gut läuft, muss dafür aber auch schnell wieder runter, sollte ich einige Stacks verlieren. Viele Spieler werden damit gedanklich nicht fertig, da sie es als eine persönliche Niederlage ansehen, wieder ein Limit absteigen zu müssen. Bei einem konservativen BRM hingegen braucht man sehr lange, um in einem Limit aufzusteigen, kann es dafür dann auch länger spielen und den ein oder anderen Down dort überleben.
Was ist nun besser? Beide BRM haben Vor- und Nachteile. Habe ich bei einem aggressiven BRM einen schweren Down, so muss ich recht früh ein Limit runter. Habe ich jedoch bei einem konservativen BRM auf dem höheren Limit ein Down, kostet mich das natürlich eine Menge mehr. Macht mich das tiltresistenter, wenn ich auf einem höheren Limit ein 10-Stacks-Down erwische?
Zudem läuft man Gefahr, die Stacks nicht mehr als wertvoll anzusehen. Hat man bspw. ein 50-Stacks-BRM, kann man ja auch innerhalb kürzester Zeit ein paar raushauen. Man hat ja genug. Man redet sich ein, selbst wenn ich tilte, kostet es mich ja nicht viel. Man legitimiert sich selber dazu, den ein oder anderen Stack einfach mal zu verblasen. Dafür hat man ja schließlich das konservative BRM. Doch ist das der richtige Weg?
Der richtige Weg ist, ein BRM zu verfolgen, wo man nahezu sicher ist, nicht broke zu gehen, in angemessenen Zeiträumen die Limits hoch zu klettern und bei Zeiten auf wieder eins abzusteigen. Man sollte sich nicht unnötig lange overrolled spielen und möglichst gar nicht underrolled. Wenn man der Meinung ist, das BRM beeinflusst das eigene Spiel, muss man sich fragen, auf welche Art und Weise. Wo ist eventuell meine Tilt-Gefahr größer? Wenn ich weiß, dass jeder Stack sehr wertvoll ist, oder wenn ich der Meinung bin eh genug davon zu haben? Ist es nicht vielleicht so, dass ich weniger tilte, wenn ich weiß, dass jeder Stack-Verlust doppelt schmerzhaft ist? Oder brauche ich wirklich die Sicherheit, massig Stacks hinter mir zu wissen?
Eine generelle Antwort darauf gibt es natürlich nicht, da muss sich jeder unter den angesprochenen Gesichtspunkten selber hinterfragen.
Nur noch ein letzter Ansatz: Verknüpfen wir ein relativ aggressives BRM mit unserer „Down-Regel“, wissen also, dass wir nicht mehr als drei Stacks verlieren können, aber ebenso, dass jeder Stack sehr wertvoll ist und keiner in deutlich unprofitablen Situationen auf Spiel gesetzt werden darf: Macht uns das nicht tiltresistenter als ein konservatives 50-Stacks-BRM?
| KEINE PROVOKATIONEN |
Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, doch leider lassen sich viele Spieler viel zu häufig zu Flames in den Chats hinreißen. Nach einigen Bad Beats und vielleicht ein paar dummen Kommentaren ihrer Kontrahenten läuft das Fass über. Dann wird scharf zurückgeschossen.
Es wird beleidigt, es wird versucht den Gegner lächerlich zu machen und versucht sich zu profilieren. Wie häufig habe ich schon gesehen, dass es soweit ging, dass Spieler ihre Winrates auf den verschiedenen Limits austauschten, nur um zu zeigen, dass sie ach so tolle Spieler sind.
Ist es denn gut, wenn alle Gegner wissen, dass ich eigentlich ein Winning Player bin? Warum kann man den Fisch nicht Fisch sein lassen? Muss man ihn beleidigen und quasi dazu auffordern, den Tisch zu verlassen und einem TAG Platz zu machen?
Muss ich ihn auf seine Fehler hinweisen und so womöglich zu einem nachdenklicherem Spieler machen?
Muss ich einen TAG beschimpfen, weil er eine Hand lucky gehittet hat, die ich unter Umständen ähnlich gespielt hätte? Die Frage, die uns beim Pokern doch nahezu immer interessiert: Was ist +EV für uns? Ist es +EV, im Chat zu tilten? Erschaffe ich mir dadurch einen Vorteil?
Und wenn er nun tatsächlich loslegt, da er sich nicht mehr halten kann: wie soll er sich an diesem sowie an allen anderen Tischen auf sein A-Game konzentrieren? Gar nicht! Mir kann keiner erzählen, dass er im Chat komplett rumflamet aber weiterhin sein A-Game spielt. Wer beleidigt und tiltet ist nicht mehr in der Lage konzentrierte und gute Entscheidungen zu treffen.
Wie könnt ihr dem vorbeugen? Entweder ihr schaltet den Chat komplett aus, oder aber ihr verpflichtet euch dazu, nichts hineinzuschreiben, außer hier und da mal ein „nh“ oder vielleicht ein freundliches „Hallo“. Wer aber bemerkt, dass er trotz diesem, sich selbst auferlegten, „Maulkorbes“ wieder ausfällig wird, sollte zu konsequenteren Entscheidungen greifen. Unser Ziel ist es hier, dem Tilt vorzubeugen, also schaltet den Chat aus und spielt Poker.
| SELBSTKONTROLLE NACH DEM SPIEL |
Solange man die Sicherheit hat, gut zu spielen, kann man mit Swings besser umgehen und dem Tilt vorbeugen. Was ist aber, wenn man sich nicht sicher ist? Jeder kennt die Punkte, ich kann sie euch nicht ersparen:
- 1. Hände bewerten lassen
Lasst eure Hände bewerten, gerade wenn ihr euch in Phasen befindet, in denen ihr euch unsicher seid. Und geht noch einen Schritt weiter: Bestraft euch selber für eure eventuellen Tilt-Anfälle. Speichert alle Hände und stellt sie ins Forum, wenn ihr dort viel verloren habt. Lasst euch an den Kopf schmeißen, was ihr doch für Tilt-Calls vollzogen habt. Dann könnt ihr euch überlegen: Entweder nicht mehr posten und weitertilten. Oder aber: Den Tilt abstellen, da man sich ansonsten einen Rüffel nach dem anderen abholt.
Ist es nachteilig für euch, wenn andere User eure schlecht gespielten Hände sehen? Nein! Ihr werdet lernen, sie werden lernen. Ihr braucht keinem etwas zu beweisen. Ihr wollt erfolgreich pokern. Und das kostet nicht nur Zeit und Aufwand, sondern auch ab und zu etwas Überwindung.
- 2.Videos aufzeichnen
Macht ein Video, stellt es in das dazugehörige Unterforum und nehmt die Kritik ernst. Wenn ihr in dem Video absolut grottenschlecht gespielt habt, stellt es erst recht rein!
- 3.Über die Schulter schauen lassen
Sich von anderen Spielern „obsen“ zu lassen ist eine sehr gute Möglichkeit. Egal wer euch über die Schulter schaut, alleine dadurch dass ihr eure Spielzüge erklären musst bleiben die versteckten Tilt-Moves vor der Tür. Vielleicht legt ihr auf einmal eine andere Spielweise an den Tag, mit der ihr euch sogar besser identifizieren könnt. Das sollte natürlich in den kommenden Sessions, wo ihr wieder alleine spielt, umgesetzt werden!
| CASHOUTS |
Auch Cashouts können dem Tilt vorbeugen. Man bekommt schnell ein negatives Gefühl, wenn man der Meinung ist, alles was man sich erarbeitet hat steht auf dem Spiel, da ihr euch schon broke gehen seht. Dass ihr in der Zeit auch sehr viel gelernt habt, will man nicht wahrhaben. Es zählt nur die Bankroll und wenn die schrumpft, schrumpft auch das Selbstbewusstsein.
Casht euch mal was aus, kauft euch etwas Schönes, am besten etwas, das ihr beim Pokern jederzeit im Blickfeld habt. Vielleicht einen neuen Bildschirm, eine neue Tastatur (hält auch davon ab, dauernd drauf zu prügeln). Schon wisst ihr, dass ihr ein Winning Player seid, denn diese Artikel habt ihr euch nur aufgrund der Pokerns verdient – so schlimm kann also alles nicht sein.
| » ZUSAMMENFASSUNG |
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Jeder sollte versuchen, sich zu fragen, ob der ein oder andere Punkt nicht auf ihn zutrifft. In Wirklichkeit haben die meisten Spieler solche Erfahrungen hinter sich – sie gehören zum Poker-Alltag einfach dazu. Vielleicht gibt es den ein oder anderen Ansatz, mit dem man in Zukunft befreiter aufspielen kann und sich somit mehr seinem A-Game widmet. Ist dies der Fall, steht eurer Poker-Karriere nicht mehr viel im Weg. |